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KURSCHATTEN: Träume in Pastell

Spaß gibt’s woanders: „Träume in Pastell“ hätte KURSCHATTEN als augenzwinkernde Band zwischen Post Punk und Punk zeigen können. Hätte…

Wer noch nicht begriffen hat, dass der SCHATTEN im KURSCHATTEN steckt, dem hilft diese Dortmunder Band mit ihrer Web-Adresse weiter. Der Schatten hat es ihnen angetan, wie der Schatten hinter dem biederen Familienleben lauert. Man kennt sie ja, die Geschichten von Onkel Soundso, der die Zeit auf Kur gerne mit Frau Dingsbums verbracht hat. Und die gesamte Familie, selbst Tante Soundso, lächeln milde und sagen: „Naja, so ist er halt, der alte Depp.“ Das Hengstigsein hat er sowieso verlernt, im Eigenheim, im Büro, beim Scheckheftpflegen des SUVs. Der kurze Spaß im Alter sei gegönnt, weil sexuell sowieso nicht mehr viel passiert.

KURSCHATTEN heben den Zeigefinger: „Träume in Pastell“ leidet unter seinen Längen.

Apropos Spaß und Erotik: „Träume in Pastell“ ist nicht spaßig und nicht sexy, im Gegenteil. Es zieht runter, wie eine S-Bahn-Fahrt im November durch den Ruhrpott. Typisch deutsches Elend eben. Instrumental spielen KURSCHATTEN Post Punk, dazu kommt punkiges Geschrei, das den Drive der Songs antriggern soll, aber eher wie ein erhobener Zeigefinger wirkt. Das Ganze geht dann gut, wenn die Band im Uptempo unterwegs ist, wenn die Reverb-Gitarren, die unspektakulären Synthesizer und die aus den achtziger Jahren ausgegrabenen Goth-Drums eine gewisse Power mitbringen, auch trotz des luftigen LoFi-Sounds, dem es an Achtziger-Authentizität mangelt und der es auch nicht schafft, neue Impulse zu setzen, wie KAELAN MIKLA es tun.

Immer wieder zeigt „Träume in Pastell“ gute Ansätze, vor allem in den kurzen Songs, doch gute Komponisten sind KURSCHATTEN deshalb leider nicht, viel mehr wippt bei klassischen Goth-Momenten das eher unterbewusst der Fuß mit, einfach der Gewöhnung wegen. „Tagelohn“, „Gemüse“, „Expeditionen“ und „Froster“ sind zu kurz, um schnell auf die Nerven zu gehen, doch wenn sich „Urmund“, „Grausedruden“ und das träge „Matt“ endlos wiederholen, lässt sich das Skippen kaum vermeiden. Somit ist dieses gut halbstündige Album nicht kompakt, sondern mitunter sehr langatmig. Klar, KURSCHATTEN sind keine Spaßband, aber dass sie selbst nicht wissen, ob sie nun einen Riot anzetteln wollen oder doch lieber traurig sind, ist kein Abbild einer widersprüchlichen Gesellschaft, sondern eines unausgereiften Konzepts.

KURSCHATTEN als Abbild einer verkrampften und selbstmitleidigen Generation: „Träume in Pastell“ fehlt der Spaß und Witz.

Dass Post Punk im Punk verdammt gut funktionieren kann, haben PRESS CLUB mit „Endless Motion“ gezeigt, einfach weil sie eine Lockerheit besitzen, die KURSCHATTEN komplett fehlt. Wer hofft, die Dortmunder würden ihren Post Punk mit Augenzwinkern und Verve spielen, hat nicht einkalkuliert, dass sie zu sehr die typisch besorgten Deutschen sind, nicht im Sinne der alten Generation, sondern im Sinne von: „Machen wir alles richtig, indem wir alles um 180 Grad anders als die Alten tun?“ Statt sich dem Schatten voller Neugier und Interesse zu nähern, sind sie eben diejenigen, die sich verkrampft vom spießigen Onkel Soundso abgrenzen, der in Bad Oeynhausen überraschende Erektionen bekommt. Man möge doch bitte nicht dieselben Fehler machen wie dieser Boomer – und erzeugen dadurch dieselbe Spießigkeit wie er selbst. Damit halten KURSCHATTEN ihrer Generation (derer sich der Autor explizit nicht entzieht) unfreiwillig den Spiegel vor, der Schatten lastet vielleicht mehr auf uns als auf den Boomern. Statt „Macht kaputt, was euch kaputt macht“, versinkt die Generation Y im Selbstmitleid, während die Sechzigjährigen im Kurhotel Orgien feiern.

Wertung: 4 von 10 Potenzmittel

VÖ: 17. März 2023

Spielzeit: 32:21

Label: Bakraufarfita Records

KURSCHATTEN „Träume in Pastell“ Tracklist:

1. Tagelohn
2. Gemüse
3. Stalagmit (Official Video bei Youtube)
4. Okkultes
5. Urmund
6. Expeditionen
7. Moräne
8. Grausedrusen
9. Froster
10. Matt

Mehr im Netz:

http://www.kur-schatten.de/
https://kurschatten.bandcamp.com/
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https://www.facebook.com/kurschattenpunx

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