HUMAN ABYSS: Anatomy Of Anxiety [Eigenproduktion]

HUMAN ABYSS verbinden unterhaltsamen klassischen Death Metal, Melodic Death und Blackmetallische Ausbrüche mit einem schwierigen Thema

Death Metal läuft hier nicht oft, und wenn dann eher alte Schinken von POSSESSED, ENTOMBED, BOLT THROWER oder OBITUARY als neue Bands. Aber die Geschichte hinter den Berlinern HUMAN ABYSS sorgte dann doch für Interesse. Gegründet im Herbst 2018 will die Band den tiefen Schmerz der menschlichen Natur einfangen, zwischenmenschliche Abgründe aufzeigen. Sänger Lynn wurde bei Geburt als intergeschlechtlich identifiziert, vereinte Merkmale beider Geschlechter in sich und wurde gequält mit den Konsequenzen schwerer medizinisch ungerechtfertigter Operationen und langjährigen Fehlbehandlungen. Die Verletzung der Persönlichkeitsrechte als auch der körperlichen Integrität eines gesunden Menschen aufgrund ignorierter physischer Realitäten ist auch noch heute trauriger Alltag in Deutschland und offenbart einen, nicht nur für die Betroffenen, grausamen blinden Fleck unserer Gesellschaft. Jeder Mensch hat das Recht auf körperliche Unversehrtheit und Identität. Eben dies möchte Lynn zum Ausdruck bringen, und das geht halt nicht mit Musik zum Blümchen pflücken.

HUMAN ABYSS zeigen auf „Anatomy Of Anxiety“ den tiefen Schmerz der menschlichen Natur

Die Blümchen verwelken auch gleich beim Einstieg, ein Hauch schwedischer Melodic Death wechselt zum derben Geballere, ein böser innerer Dämon keift sich und uns die Seele aus dem Leib. Bei aller Raserei vergessen die Jungs nicht, Melodien oder einen stampfenden Groove einzubauen. Die Gitarrenarbeit lädt wie auf dem ganzen Album zum Hinhören ein. So zieht der Opener „The Abyss“ gleich abwechslungsreich in die eigenen Tiefen. Flirrende Gitarren, wieder ein cooler Groove, Gehacke, auch „Locked Gates“ lässt keinen Raum für Fröhlichkeit. Mal wird man platt gerollt wie bei der ersten Auskopplung „Shallow Water“ mit passendem Video, die auch mal kurz zusammen fällt, um das wieder zum Teufelstanz wird. Sind diese inneren Dämonen die „Fachleute“, die entschieden haben, wie oder wer dieser Mensch sein soll, oder stecken sie in ihm selber, weil er keine Chance hat, sich selbst zu finden oder sich selbst zu orientieren, wohin seine Reise gehen sollte?

„Anatomy Of Anxiety“ eignet sich nicht zum entspannten Blümchenpflücken

Musikalisch schaffen es HUMAN ABYSS, genau meinen Nerv zu treffen, wenn es um Death Metal geht. Die Black-Metallischen Ausflüge tragen dazu bei, die innere Zerrissenheit zu transportieren. Würden sie über Tod und Teufel, verrottende Körper oder walzende Kampfpanzer growlen, dann würde ich die Texte ausblenden und die Vocals als Teil des Gesamtbild mitnehmen. Hier auf „Anatomy Of Anxiety“ höre ich genauer hin, oder schau mir die Texte im geschmackvollem Booklet an. Die Herren Musiker legen den passenden unbequemen Grundstein dafür, jeder macht einen super Job, auch wenn letztendlich nur Standardthemen abgearbeitet werden. Die machen Spaß, wenn man das im Rahmen der Thematik haben kann.

Man beschäftigt sich mit der Thematik von “Anatomy Of Anxiety”

Natürlich meldet sich immer wieder auch mal der keifende Dämon, es gibt immer mal griffige Momente, oder man walzt sich schön zäh aus den Boxen. Zum Ende hin nehmen die Rasereien wieder mehr Fahrt auf, immer mal aufgemischt von einem klassischen Metal-Riff oder melodischen Leads. Das Album anzuhören macht Spaß, die Mischung aus klassischem End-80er/früh-90er Death Metal und Melodic Death mit den schwarzen Ausflügen läuft gut rein. Und schafft es durch die besondere Thematik, dass man die Lyrics nicht nur als garstiges Beiwerk betrachtet. Man denkt nach, beschäftigt sich mit der Thematik.

HUMAN ABYSS verbinden unterhaltsamen klassischen Death Metal, Melodic Death und Blackmetallische Ausbrüche mit einem schwierigen Thema

Sicher genau das, was Lynn erreichen möchte, eben dieses schwierige Thema öffentlicher machen. Das ist mutig, er ist allgemein unterwegs als Aktivist u.a. im Fernsehen. Ja ja, oh je, man kann das dann alles nachvollziehen. Nein, kann man sicher nicht! Das können nur Betroffene. Aber es ist wichtig, dieses Thema im Bewusstsein der Menschen aufzuzeigen. Es gibt mehr auf der Welt als das Leid, seinen fetten SUV volltanken zu müssen oder bald im Winter einen Pulli tragen zu müssen statt dem sexy Kleidchen. Respekt für die Offenheit von Sänger Lynn und seine Kollegen von HUMAN ABYSS, die ihn unterstützen! Und wenn dazu auch noch unterhaltsamer Death Metal geliefert wird, dann sollte man diese Band unterstützen.

Veröffentlicht am 29.07.2022

Spielzeit: 37:46 Min.

Lineup:
Lynn – Vocals
Paul – Gitarre, Vocals
Christopher – Gitarre
Steffen – Gitarre
Pascal – Drums

Label: Eigenproduktion

Homepage: https://humanabyss.de

Mehr im Web: https://www.facebook.com/HumanAbyssOfficial

Die Tracklist von “Anatomy Of Anxiety”:

1. The Abyss
2. Locked Gates
3. Shallow Water (Video bei YouTube)
4. Disillusion
5. Disappear
6. Mors Cado
7. Icy Mirror
8. Endurance