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QUEENSRYCHE: Operation: Mindcrime

queensryche operation mindcrime cd cover

Wir schreiben das Jahr 1988. Eine relativ unbekannte, fünfköpfige Band aus Seattle namens QUEENSRYCHE hatte bis dato zwar bereits eine EP und zwei Alben, “The Warning“ und “Rage For Order“, veröffentlicht, die mehr als bemerkenswert waren, doch waren sie vor allem durch die damals zeitgemäßen Leder- und Fellbekleidung und Pudelfrisuren in Videos (z. B. “Queen of the Ryche“) aufgefallen, wofür sie sich in späteren Interviews auch permanent entschuldigen würden.

Was dann passierte, kann ich nicht beurteilen. Vielleicht waren es Lebenskrisen der Musiker oder Hochphasen, vielleicht war es einfach eine günstige Sternenkonstellation, keine Ahnung, aber es war etwas Einzigartiges, das QUEENSRYCHE zustande brachten, für mich persönlich das beste Konzeptalbum aller Zeiten…

“Operation: Mindcrime” enthält alles, was ein Geniestreich braucht

Das Album enthält ALLES, wirklich ALLES, was ein Geniestreich braucht: von der ersten bis zu letzten Note Kompositionen, deren Klasse und Einzigartigkeit kaum eine andere Band je erreichte, Ausnahmegitarristen wie Chris DeGarmo und Michael Wilton, eine hervorragenden Basser wie Eddie Jackson, und zu Drummer Scott Rockenfield müssen auch kaum Worte verloren werden – wer ihn je live hinter seinem kettenverhangenen Schlagzeug sah weiß, was ich meine – Tates unverwechselbare Stimme, herausragende Texte, die Politik, Religion, Psychologie, Gesellschaftskritik umfassen – es stimmt ALLES. QUEENSRYCHE gelang es, Songs zu schaffen, die den Zuhörer vollkommen vereinnahmen und in die Welt des Protagonisten entführen, mit all seinen Gefühlen, Ängsten, seiner Verzweiflung, die musikalisch perfekt umgesetzt wurden. Jeder MUSS dieses Album kennen – und falls es jemand noch nicht kennt, weil er die Meilensteine des Metal einfach regelmäßig verpennt oder durch eine späte Geburt verpasst hat, der sollte dieses Album sofort käuflich erwerben. Von schnelleren Stücken (“Spreading The Disease“, “The Needle Lies“) über Midtempo-Meisterwerken und All-Time Classics wie “Eyes Of A Stranger“, “Breaking The Silence“, „I Don’t Believe In Love“ bis hin zu düsteren, einfach nur ergreifenden Gänsehautsongs wie “The Mission” und “Suite Sister Mary“ – alles ist präsent auf diesem Album und man hat eigentlich stets das Gefühl, dieser Platte nicht würdig zu sein. Die Musik lässt sich wegen ihrer Perfektion nicht in Worte fassen, aber vielleicht ist dies hier der Platz, um die Geschichte von Nikki noch einmal zu erzählen…

Das Konzeptalbum ist in den Kontext der amerikanischen Gesellschaft der 80er Jahre eingebunden

Es ist die Zeit der scheinheiligen TV-Prediger, die das Geld von leichtgläubigen Zuschauern kassieren und ihnen die Rettung ihrer Seele versprechen. Viele von diesen wurden jedoch entlarvt, indem ihr Privatleben – Sexskandale, Hinterziehung, etc. – von Medien ans Tageslicht gefördert wurde. Es ist die Zeit, in der die Reichen immer mehr die Macht übernehmen, die soziale Kluft zwischen Arm und Reich größer und größer wird. Es ist die Zeit, in der die Medien alles kontrollieren, und diese wiederum halten einige Wenige – „the one percent that rules America“ – in ihrer Hand. Es ist die Zeit, in der eine Revolution, die das System völlig überwirft, als einziger Ausweg erscheint für jemanden, der nichts mehr zu verlieren hat, wie Nikki…

Die Story von “Operation: Mindcrime“

“Operation: Mindcrime“ beginnt mit der legenderen Krankenhausszene, in der Nikki, der Protagonist des Albums, sich an das Geschehene zurückerinnert, während im Hintergrund in den Nachrichten das Ende der ’mysteriösen politischen und religiösen Morde der letzten Zeit’ verkündet wird: ‘I remember now… I remember how it started. I can’t remember yesterday, I just remember doing what they told me… told me… told me…’

Nikki ist desillusioniert. Er ist bereit, für eine angemessene Bezahlung alles zu tun, nur braucht er einen wirklichen Grund, jemanden zu erschießen. Er macht die Bekanntschaft von Dr. X, der seiner Meinung nach ’Heilung verspricht’, dessen Ziele, ebenso wie die Nikkis, gegen die Scheinheiligkeit und den Wahnsinn der Medien und der Regierung in D.C. gerichtet sind. Er will gegen die Prediger ankämpfen, die im Fernsehen um Geld bitten, während sie ihre Reichtümer auf Schweizer Bankkonten horten und Affären mit ihren Sekretärinnen haben. Nikki dachte, dass der amerikanische Weg der richtige gewesen sei, aber nur der Dollar regiert das Leben eines jeden einzelnen, jeder will reich werden, egal, wie viele dafür sterben müssen. Nikki will, er muss die Welt verändern, eine Revolution gegen das etablierte, hypokritische System initiieren, und Dr. X scheint die ’Vision’ zu bieten.

Nikki erhält seine Instruktionen. Er hat nichts mehr zu verlieren, er ist Teil der Maschinerie des Dr. X…

Operation : Mindcrime
We´re an underground revolution
Working overtime
Operation : Mindcrime
There´s a job for you in
The system boy, with nothing to sign
Hey Nikky you know everything
That there is to do
Here´s a gun take it home
Wait by the phone
We´ll send someone over
To bring you what you need
You´re a one-man death machine
Make this city bleed

Er weiß, dass er eine “Mission” zu erfüllen hat, kennt aber keine Details. Die Religion ist für alles verantwortlich, und er selbst ist zu einem Messias geworden, zu einem Todesengel. Seine Stille ist gefährlich. Aber die Vision ist das Ziel, und sie alle müssen lernen, Opfer zu bringen, alles Vergangene hinter sich zu lassen. Immer und immer wieder rufen sie das Wort, dass alles ist, sie alle umfasst: “Revolution!“. Die Zeit des Wandels ist da. Die Reichen kontrollieren die Regierung, die Medien, das Gesetz. Gleichheit aller Menschen ist nichts als eine Utopie, die Realität ist auf der Straße zu finden, auf denen die Armen und Schwachen untergehen. Sie wollen den Machthabenden die Krone entreißen, die Massen unterrichten in dem, was geschieht. Revolution!

‘Religion, sex are power plays,
Manipulate the people for the money they pay
Selling skin, selling God
The numbers look the same on their credit cards
Politicians say ‘No’ to drugs, while we pay for wars in South America
Fighting fire with empty words
While the banks get fat
And the poor stay poor
And the rich get rich
And the cops get paid
To look away as the one percent rules America *

Mit 16 arbeitete Mary in einer S&M-Show am Times Square. Für 25 Dollar machte sie jeden zu einem glücklichen Mann, indem sie mit Peitschenschlägen den Schmutz aus ihnen prügelte. Pater William rettete sie, holte sie von der Strasse. Sie ist jetzt Schwester Mary. Einmal pro Woche nimmt Pater William sie wie ein Opfer auf dem Altar.

Nikki sitzt am Fenster und spricht mit den Schatten, die von einer Kerze auf die Wand gemalt werden. Er kann seinen Schmerz nicht in Worte fassen. Vor sechs Tagen hat er die Anweisungen bekommen, ’von hoher Stelle’, wie man ihm sagte. Er muss das Spiel weiterspielen. Er wird noch einige Tage warten, bis Mary kommt, um seine Sünden wegzuwischen. Sie ist die einzige, die seinen Schmerz lindern kann. Sie bringt ihm den einzigen Freund, der ihm hilft, seinen Weg zu finden – die Drogen, die er täglich braucht. Seine Mission hat die Welt tatsächlich verändert, sie veränderte sein Leben. Er versteckt sich dort, damit die Polizei ihn nicht findet, in dem Raum, dessen Wände die Geschichte seines Schmerzes erzählen werden.

Dr. X: ‚Kill her, that’s all you have to do…’
Nikki: ‘Kill Mary…?’
Dr. X: She’s a risk… and get the priest as well…’

Es ist 10 Uhr abends, eine regnerische Nacht. Mary hat auf Nikki gewartet. Sie bittet ihn herein… Er hört den Gesang, die Choräle. Mary, eine Hure, die für ihre Sünden bezahlen musste. Sie dachte, sie hätte sie durchschaut, aber nun haben sie Nikki auf sie angesetzt, denn Mary weiß zuviel.

Mary: I feel the flow, the blessed stain
Sweating hands like fire, and flames
Burn my thighs, spread in sacrificial rite
The hallowed altar burns my flesh once more tonight

Zu spät wird beiden bewusst, dass sie von Mr X missbraucht wurden. Beiden wird klar, dass Furcht und Schmerz ihr ganzes Leben bestimmt hatte und sie durch Dr. X diesen Weg weitergingen. Doch sie wollen ausbrechen. Aber wie? Vater William ist bereits tot. Mary begreift, dass Jesus Christus ihre Wunden nicht heilen kann, sie sind zu tief. Sie fühlt nur noch die Sünden der Menschen, aber sie hat keine Träne mehr für sich. Mary hat blind nach der Wahrheit gesucht, genau wie Nikki.

Nikki: ‘I’ve had enough and I want out!’
Dr. X: ‘You can’t walk away like that…’

Nikki versucht auszubrechen, doch es ist zu spät. Dr. X lässt Nikki nicht entkommen. Er flieht aus dem Zimmer, in dem er Dr. X traf, er rennt weg. Er schlägt mit dem Kopf gegen eine Betonwand, und ist überrascht, die darauf geschriebenen Worte zu lesen: “Don´t ever trust the needle. Don´t every trust the needle when it cries, cries your name.”

Mary ist tot. Nikki trauert um sie, sein Lebenswille ist vergangen: ‘Even in death you still look sad… don’t leave me, don’t leave me here… I want what you feel’.

In der kalten, regnerischen Nacht der Großstadt wandert er einsam und verzweifelt im Neonlicht umher, ohne Mary macht sein Leben keinen Sinn mehr. Er weiß, dass der Hass in seinen Augen ihn verrät. Alles, was er hatte, verlor er mit dem Tod Marys. Er sucht ihr Gesicht in den Lichtern der Nacht, ruft ihren Namen, doch sie antwortet nicht…

Er wacht in einem Raum auf, er hört das Summen der Kamera, die ihn beobachtet. Man hat ihn am Tatort verhaftet, an dem Mary gefunden wurde, doch Nikki beteuert seine Unschuld.

Mary sagte, dass sie ihn liebte, aber er war sich nicht sicher und zweifelt, ob man sich einer Liebe je sicher sein kann. Sie versprach ihm, ihn auf der anderen Seite zu treffen, doch er fand sie nicht. Mary muss ihn belogen haben, denn sie sagte nie ’Lebwohl’. Nikki hat nie an Liebe geglaubt, und wird es auch nicht. Liebe ist niemals die Schmerzen wert, die sie verursacht. Er versucht sich vorzumachen, dass Mary nie existiert hat.

Erst jetzt wird er sich der Alpträume bewusst, die ihn sein Leben lang verfolgten, ein Leben, das eigentlich keines war. Er wandert in Schatten umher, ohne das Licht je gesehen zu haben. Erst durch Mary lernte er den Unterschied kennen, denn sie vermochte es, jede Nacht wie den hellen Tag erscheinen zu lassen.

Nikki starrt an die Kreidelinien auf der Wand. Warum musste Mary sterben? Er findet keine Ruhe, keinen Schlaf. Er ist allein und weiß, dass er niemanden mehr hat. Er kann sich selbst nichts mehr vormachen, wenn all seine Träume Verbrechen waren, er erträgt es nicht, sich ihnen zu stellen. Sie verfolgen ihn in seinen Alpträumen.

Immer wieder sieht er Mary vor seinen Augen, den Rosenkranz um ihre Kehle geschlungen.

Und wenn er in den Spiegel sieht, dann sieht er in die Augen eines Fremden…

And I raise my head and stare
Into the eyes of a stranger
I’ve always known that the mirror never lies
People always turn away
From the eyes of a stranger
Afraid to know what lies behind my stare

Er fragt sich, ob dies alles für ihn war, wie oft er diese Tragödie nochmals durchleben muss. Alles, was er wollte, was das gleiche wie jeder andere auch. Und Nikki erinnert sich wieder…

“I remember now“…

 

* Die Passage hier enthält eine nette kleinen Anspielung auf die Anti-Drogen-Kampagne, die unter Ex-US-Präsident Ronald Reagan in den USA stattfand und die vor allem von seiner Frau, Nancy Reagan, forciert wurde, während ihr Gatte und in Hinerzimmern Geschäfte macht, in die kolumbianische Drogenbosse involviert waren. Inwieweit die USA immer wieder in Revolutionen und Kriegen beteiligt war, dürfte hinlänglich bekannt sein. Neben Kolumbien sei nur Chile als Beispiel zu nennen, wo die CIA das Militär unterstütze – vorher auch die Mitte-Rechts-Opposition, die aber später nichts mehr zu sagen hatte – um den sozialistischen Präsidenten Allende und seine ‚Unidad Popular’ zu stürzen, so dass Pinochet ein Regime errichten konnte. Noch Jahre später wurden in Washington D.C., USA, chilenische Oppositionelle, die der Regierung Allende angehört hatten, ermordet.

Tracklist:

1. I Remember Now

2. Anarchy-X

3. Revolution Calling

4. Operation: Mindcrime

5. Speak

6. Spreading The Disease

7. The Mission

8. Suite Sister Mary

9. The Needle Lies

10. Electric Requiem

11. Breaking The Silence

12. I Don’t Believe In Love

13. Waiting For 22

14. My Empty Room

15. Eyes Of A Stranger

VÖ: 26. Mai 1988

Label: EMI

Vocals: Geoff Tate

Guitars: Chris DeGarmo, Michael Wilton

Bass: Eddie Jackson

Drums: Scott Rockenfield