HAZEEN: Sovereign Murders

Da hab ich doch Angst gekriegt, als mir ein Muslim Black Metal-Act angekündigt wurde. Aber nein, HAZEEN sind gar nicht so furchterregend und garstig wie auf dem Promobild. Ihr neues Album „Sovereign Murders“ veröffentlicht das Duo Safdar Ahmed und Can Yalcinkaya, welches die Band 2018 in Sydney lebend gründeten, und seine Mitstreiter über das Berliner Piranha-Label. Wo man zudem dafür sorgte, dass HAZEEN und da vor allem Safdar Ahmed als Künstler auf der DOCUMENTA FIFTEEN (18. Juni bis 25. September 2022 in Kassel) eine audiovisuelle Dokumentation über den iranisch-kurdischen Flüchtling und Thrash-Metal Gitarristen Kazem Kazemi ausstellen und dort auch zur Eröffnung mit HAZEEN als Musiker gemeinsam mit Can Yalcinkaya live auftreten wird. Außerdem wird die Band beim WACKEN OPEN AIR im Rahmen des United Metal Nations Programm auftreten. Viel Drumherum, durchaus interessant, aber schafft die Band es, das mit ihrem Album „Sovereign Murders“ zu untermauern?

HAZEEN zeigen sich auf „Sovereign Murders“ als Muslim Black Metal-Act

Vorweg gesagt, wirklich Angst haben muss man als Nicht-Blackie nicht. „The Cult Is Real“ kommt rumpelig, es klingt nach Homestudio, das Album durchzieht klanglich ein echter Underground-Charme. Garstige Vocals, melodische Gitarren, man lehnt sich zurück und hört zu statt das Weihwasser zu zücken. Dank des Openers und 1-2 weiteren Songs haben es HAZEEN geschafft, dass ich seit Jahren mal wieder ein OPTHALAMIA-Album rausgezogen hab. Folkige orientalische (?) Gesänge begleiten das doomig bis psychedelisch dahinwabbernde „ Dearthcrust Zikr“. „Manus Hell“ rumpelt herrlich bis teuflisch oldschoolig daher, Zeit mal wieder eine der ersten VEMON-Scheiben rauszuziehen.

„Dead Heart“ kommt gar mit einem richtig schönen Flow, der natürlich von bösen Sprachfetzen unterlegt wird. Hier wird auch die Gitarrenarbeit mal spannend, Leads gibt es mehrfach, aber hier wirken sie stimmig. Dann fällt der Song in CATHEDRAL-Spinnereien zusammen, um dann wieder blumigen Melodien Platz zu machen. Der Song macht deutlich, was immer wieder passiert. Ungeachtet der nicht gerade fröhlichen Texte rutscht einem immer mal wieder ein Schmunzeln raus. Wer bei HAZEEN Angst hat, der hält auch Pittiplatsch für einen finsteren Dämon. Auch der Titelsong kommt wieder mit leicht doomigem Flow, der wieder an OPTHALAMIA erinnert. Unterlegt wird er mit reichlich Sprachsamples.

HAZEEN liefern garstige Klänge und blumige Melodien

Wo war noch die Rede von Black Metal? Gibt es schwarze Sonnenblumen? „Lysistrata“ hat wunderschöne Hippie-Vibes, die Dornenkrone weicht hier einem Kranz aus Gänseblümchen. Wer die bezaubernd singende Dame ist, das gibt das Promomaterial leider nicht her. Schluss mit Blümchenpflücken im Sonnenschein, „Only The Dead“ kommt wieder herrlich garstig. Hier zickt auch die vorher so zart aufsingende Frauenstimme im Hintergrund rum. „Armidas Song“ fasst die Elemente der vorherigen Songs nochmal zusammen, klingt dann, als wäre das Aufnahmegerät kaputt. Zumindest konnte es noch das auch wieder fast schöne „The Fox“ aufnehmen.

„Sovereign Murders“ bietet eine sonderbare Mischung, die durch ihren rumpeligen Charme, der fast lustigen Garstigkeit und den schönen Momenten absolut Spaß macht. Wer auf echten Black Metal steht, der fühlt sich hier sicher teuflisch reingelegt. Die Boshaftigkeit, die manche Songs durchaus mitbringen, wird immer wieder erhellt von schönen, teils hippiesken Klängen. Der Underground-Selfmade-Sound ist nicht so primitiv wie echter Trve-Black Metal aus dem hohen Norden. Schiefe Töne bei den Leads werden gern mal so stehen gelassen, weil es genau so zum Flow des Songs passt oder man es nicht anders kann. Was HAZEEN jedoch können, ist mich mit „Sovereign Murders“ tatsächlich zu unterhalten. Und was immer sie da machen, man hört, mit wie viel Leidenschaft sie das ausleben.

Echte Trve-Black Metaller haben zu viel Spaß mit „Sovereign Murders“

Dass das Album passend nur auf Vinyl erscheint, dürfte man als logisch ansehen. Die Vinyl-LP mit full-color-Ausführung erscheint als aufklappbares Gatefold-Album in limitierter Auflage von 1000 Stück mit einem 20-seitigen Comic-Zine in Kollaboration mit dem gemeinnützigen Refugee Art Projekt von Safdar Ahmed, welches in Sydney Flüchtlinge muslimischer Herkunft unterstützt. Ok, das Album gibt es auch digital, HAZEEN möchten natürlich viele Menschen erreichen. Denn das bleibt, neben der Musik haben sie auch was zu sagen.

Neben der Musik haben HAZEEN auch was zu sagen

Ahmed ist Gründungsmitglied des Refugee Art Projekt, einer Non-Profit-Organisation, für die er seit 2011 Kunst-Workshops für Geflüchtete und Asylsuchende im Villawood Immigration Detention Centre und West-Sydney anbietet. Er gehört außerdem eleven an, einem Kollektiv muslimisch-australischer KünstlerInnen und AutorInnen. Can Yalcinkaya ist ein türkisch-australischer Akademiker für Medienwissenschaften und Karikaturist. Er ist ein aktiver Teilnehmer an der Zine-, alternativen Comic- und Underground-Musikszene in der Türkei und Australien. Er ist Gründer und Herausgeber des politischen Comic-Kollektivs Dirençizgiroman (ResistComics), einer von der Occupy-Gezi-Park-Bewegung in der Türkei inspirierten Gemeinschaft. Kian Dayani ist Student der Neurowissenschaften in Sydney und Kazem Kazemi ist ein iranisch-kurdischer Gitarrist, der als junger Mann in der iranischen Underground-Musikszene Heavy Metal spielte. Er kam 2013 auf der Suche nach Asyl nach Australien und war sechs Jahre lang im australischen Offshore-Gefangenenlager auf Manus Island inhaftiert, bevor er für zwei Jahre in das Onshore-Gefangenenlager in Brisbane verlegt wurde. Zu erzählen haben die Jungs also einiges.

Vielleicht gibt es ja irgendwann eine Aufzeichnung der audiovisuellen Dokumentation von der DOCUMENTA FIFTEEN. Solange vergnügen wir uns mit dem Album und schmunzeln über das gar böse Bandfoto.

Veröffentlicht am 17.06.2022

Spielzeit: 39:37 Min.

Lineup:
Safdar Ahmed – Gesang, Gitarre
Kazem Kazemi – Gitarre
Can Yalcinkaya – Schlagzeug, Darbouka (eine arabische Bechertrommel)
Kian Dayani – Bass, Daf-Drum (eine iranische Rahmentrommel)

Label: Piranha Records

Mehr im Web: https://www.facebook.com/hazeenmetal

Die Tracklist von “Sovereign Murders”:

1. The Cult Is Real
2. Dearthcrust Zikr
3. Manus Hell
4. Dead Heart
5. Sovereign Murders
6. Lysistrata
7. Only The Dead
8. Armidas Song
9. The Fox