EITRIN: Eitrin

Mehr als nur eine Auftragsarbeit: Das aus BLUT AUS NORD, THROANE und MÜTTERLEIN bestehende Kollektiv EITRIN erforscht den Raum zwischen hochenergetischem Black Metal und Dark Ambient auf unkonventionelle Art und Weise. „Eitrin“ ist der erwartete Höllenschlund von einem Album.

Am 9. Dezember 2003 veröffentlichte ein junger Mann aus Frankreich auf seinem frisch gegründeten Label seine erste LP: „Satanik Terrorism“ von HAEMOTH. Mehr als 200 Veröffentlichungen später, hat sich das Labelprogramm von DEBEMUR MORTI durchaus gewandelt. Noch immer ist Black Metal der Kern des Labels, aber reifer und weniger plakativ ist der Großteil des Programms mittlerweile doch. Das spiegelt auch das Projekt EITRIN wieder. Das Quartett bestehend aus Vindsval und W.d.F. (BLUT AUS NORD), Marion (MÜTTERLEIN) und Dehn Sora (THROANE, TREHA SEKTORI) macht etwas Größeres aus der Summe seiner Teile.

EITRIN sind größer als die Summe ihrer Teile: Die Musiker:innen von MÜTTERLEIN, BLUT AUS NORD und THROANE debütieren mit dem giftigen Album „Eitrin“.

Konsequent haben sich die Musiker EITRIN benannt, was auch ein Alias für DEBEMUR MORTI ist, und sie machen aus ihren teils unterschiedlichen Backgrounds ein vollständiges Ganzes, gerade weil „Eitrin“ eine gewisse Spontaneität transportiert. Prinzipiell sind die Eckpunkte der Musik klar definiert: Vindsvals Riffs und Disharmonien, die nicht erst seit der Beschäftigung mit Lovecrafts Werken absolut aufs Angenehmste zu verstören wissen und sein immer versierter werdendes Spiel mit dem Fretless-Bass treffen auf die Dark Ambient-Soundscapes von Dehn Sora, die auch die letzten Ritzen der Soundwand mit einer beunruhigenden Atmosphäre füllen.

Und doch wohnt „Eitrin“ eine völlig eigene Energie inne, die spürbar abseits von BLUT AUS NORDs abstraktem Black Metal liegt: Angeschwärzter Hardcore, wie von HEXIS, OATHBREAKER oder auch PLEBEIAN GRANDSTAND erweitert das Gesamtbild. Der Black Metal-Dark Ambient-Mix erhält so eine gewisse Erdung, die der Musik aber exzellent steht. Dazu passt die Performance des heimlichen Stars auf EITRINs Debütalbum ganz hervorragend: Es ist MÜTTERLEIN, deren brutale, intensive Vocals und die teils wütenden, teils verzweifelten, stets persönlichen Lyrics die Musik noch eine Spur mitreißender werden lässt. Sie hat genug Kraft in der Stimme, um sich gegen die Soundwand durchzusetzen, und platziert das teils abstrakte Songmaterial mit ihrer Wut und Direktheit auf dem harten Boden der Tatsachen.

Sängerin MÜTTERLEIN erdet „Eitrin“ mit Wut und Direktheit – EITRIN ankern an der Oberfläche und graben sich ins Innere.

Bereits das explosive „RICIN – The Bloody King Of All Poison“ lässt erschaudern, Dissonanzen explodieren förmlich, das Stück erfährt dann aber ein episches Finale mit betörenden Harmonien und Chören. Vindsvals Riffs sind auf den Punkt komponiert, was „SARIN – Consigned To Oblivion“ mit seiner herzerreißenden Lyrik und Marions verzweifelten Vocals zeigt. Die Tiefe der Texte spiegelt sich in der Musik, die dank Synthesizer, treibender Double Bass-Rhythmen und Fretless Bass wie aus dem Bauch der Hölle zu kommen scheint. Kürzer und kompakter sind „CYANIDE – A Cracked Dam“ und „PHENOL – Sinister“, die trotz ihrer Simplizität nicht fragmentiert wirken, sondern einfach genau auf den Punkt komponiert sind.

Und stets ist da diese cineastische-abstrakte Atmosphäre, dabei verstehen EITRIN es, den realistischen Zivilisationshorror der Texte, in Musik zu gießen. Das grenzt nicht selten ans Manische, was „ARSENIC – The Eye Of The Whale“ mit seinem überbordenden Chaos zeigt. Doch EITRIN können auch anders: „MUSCARINE – What Is Sacred“ ist vergleichsweise langsam, setzt Chöre und Melancholie nebst Horror ins Zentrum und ist ein leichtes Luftholen vor „CURARE – The Silence Of The Innocent“, ein weiterer chaotischer Mahlstrom als anschließendes Finale Furioso.

Wenn nur alle prominenten Projekte so viel Substanz wie EITRIN besäßen: Das Debütalbum „Eitrin“ gehört zum Besten, was 2023 im extremen Bereich veröffentlicht wurde.

EITRIN liefern auf ihrem Debüt sieben oft kompakte Tracks, stets benannt nach einem anderen Gift. Toxisch ist „Eitrin“ vielleicht nicht, aber dennoch beinahe ein Fall fürs Betäubungsmittelgesetz: Das Album macht sofort süchtig mit seinem Furor, seiner Atmosphäre und seiner Variabilität, es ankert an der Oberfläche und gräbt sich mit jedem Mal mehr ins Innere. Verstörende Musik war selten so verführerisch und zugänglich, auch aller Dissonanzen und pechschwarzer Ambient-Momente zum Trotz. Für ein Debütalbum ist das alles absolut erstaunlich und beweist, wie sehr die Protagonisten eine zueinander passende künstlerische Sprache sprechen.

Was bleibt nun noch anderes, als zu rufen: Happy Birthday, DEBEMUR MORTI! Dieses Label weiß, wie man eine gute Feier schmeißt: Einige der spannendsten und prominentesten Musiker:innen, die ihre Musik über dieses Label veröffentlichen, schmeißen ihre Talente und Trademarks zusammen und erzeugen so ein geschlossenes, großes Ganzes, das beängstigend gut gelungen ist. Da wäre es wirklich schade, wenn „Eitrin“ das einzige Lebenszeichen dieses Projektes bliebe, zumal die Übergänge zwischen Dark Ambient und Black Metal noch etwas weniger abrupt sein könnten – was aber Geschmackssache ist – und vor allem, weil noch nicht alle unbekannten Territorien erkundet sind. Dieses Projekt hat eine Menge Potenzial, vor allem wenn man bedenkt, dass der erste Wurf gleich zum Besten gehört, das 2023 im extremen Bereich veröffentlicht wurde. In diesem Sinne: Auf die nächsten 20 Jahre voller total fucking darkness!

Wertung: 18 von 20 Geburtstagskerzen

VÖ: 1. Dezember 2023

Spielzeit: 37:13

Line-Up:
Vindsval – Guitars & Fretless Bass
Dehn Sora – Vocals & Atmospheres
Mütterlein – Vocals & Lyrics
W.d.F. – Drums

Label: Debemur Morti Productions

EITRIN „Eitrin“ Tracklist:

1. RICIN – The Bloody King Of All Poison
2. SARIN – Consigned To Oblivion
3. CYANIDE – A Cracked Dam
4. PHENOL – Sinister
5. ARSENIC – The Eye Of The Whale
6. MUSCARINE – What Is Sacred
7. CURARE – The Silence Of The Innocent

Official Full Album Stream bei Youtube

Mehr im Netz:

https://eitrin.bandcamp.com/

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