DEFEATER: Empty Days & Sleepless Nights

DEFEATER: Empty Days & Sleepless Nights

Den Status den DEFEATER, eine Band mit ihrem erst zweiten Album, momentan innehaben ist nahezu unheimlich, aber durchaus verständlich. Ein sagenhaftes Debütalbum namens Travels, eine starke EP namens Lost Ground, ein Textkonzept, das seinesgleichen sucht und Songwriting, das keine Wünsche bei denjenigen offenlässt, die melodischen und intelligenten Hardcore lieben. Ein schwerer Stand für Empty Days & Sleepless Nights, der DEFEATER scheinbar völlig kalt lässt, denn dieses Album wirkt wie locker aus dem Handgelenk heraus geschossen und ist dabei so liebevoll mit Details ausgestattet und wird durch eine tragische Geschichte untermalt, was eine Intensität ergibt, die tief unter die Haut gehtt.

Die Ereignisse passieren parallel zu Travels. Nachdem der jüngere Bruder nach dem Totschlag an seinem Vater ausgerissen ist, muss sich nun sein großer Bruder um seine Heroin abhängige Mutter kämpfen, lernt seine große Liebe kennen, die ihm genommen wird, er begibt sich in eine Abhängigkeit und zerbricht an ihr, bis es zum tragischen Finale kommt. Nein, die Geschichte, die in Empty Days & Sleepless Nights erzählt wird, nimmt kein positives Ende, sie ist gezeichnet von den bitteren Kämpfen, die in ihren Protagonisten stattfinden. Daher gibt es verglichen mit Travels keine flotten, punkigen Nummern, die ein wegrennen vor der Schuld symbolisieren, sondern viele melancholische Momente, die unter massiven Riffs, bitteren Melodien, vertracktem Drumming und verzweifeltem, heiserem Geschrei versteckt versteckt sind.

Klar, das geht nicht sofort ins Ohr, aber es nimmt sofort gefangen. Schon Dear Father, das zweite Stück des Albums, zieht die Intensitätsschraube an und geht mit seiner geschickt eingesetzten Dynamik und dem explodierendem Refrain tief unter die Haut. Ähnliches erleben wir mit Empty Glass, No Kind Of Home, Cemetery Walls und dem verstörenden Abschluss White Oak Doors. Dem gegenüber stehen direkte, aggressive und flottere Songs wie Warm Blood Rush, Waves Crash, Clouds Roll und White Knuckles, die die richtige Portion Aggression in dieses Album bringen und somit in einen Strudel aus Gewalt, Verlust und Schuld reißen. Doch so finster die Geschichte zu Empty Days & Sleepless Nights auch sein mag, so viel Hoffnung strahlt die Musik auch zwischendurch immer wieder aus, die melodiöse Herangehensweise der Band begünstigt es, dass hier nichts nach purer Dunkelheit klingt.

Trotzdem, wer den Texten zusammen mit der Musik aufmerksam folgt, der ist am Ende des Albums bedient. Begünstigt wird dies zusätzlich durch den zweiten Teil des Albums, in dem DEFEATER beweisen, was außerdem in ihnen steckt. Zusätzlich zur Story bieten die fünf Musiker aus Boston noch ein Prequel in der Form von vier folkigen Singer/Songwriter-Songs zur Geschichte, die nicht so gehetzt wirken wie Prophets In Plain Clothes auf Travels, stattdessen aber auch trotz ihrer Reduktion den kompletten emotionalen Dampfhammer auspacken. Hauptsächlich aus einer Westerngitarre und Derek Archambaults wirklich gutem klarem Gesang bestehend, stellen But Breathing, I Don´t Mind und Headstone pure, simple, aber wunderschöne Stücke dar, die den Kopf nicht mehr verlassen wollen und die Kindheit der Brüder repräsentiert, die am Ende der Story an den Bahngleisen aber um Leben und Tod kämpfen. Kein Wunder, dass wenn hier alles zusammenspielt fast zu Tränen rührt. Dramatisch wird es außerdem bei Brothers, das mit Pianoeinlagen, Streichern und großzügig eingesetzter Dynamik hart an der Grenze zum Kitsch ist, aber dennoch jeden begeistert, der auf großartiges Songwriting steht.

Um Empty Days & Sleepless Nights in seiner Gänze zu erfassen, muss man es hören, muss man die Geschichte verinnerlichen, muss man eintauchen in diese Welt, die uns DEFEATER hier präsentieren. Das hat nichts mit üblichen Hardcore-Standards zu tun, weder musikalisch noch konzeptionell. Obwohl dies ihr erst zweites Album ist, wirkt diese Band unwahrscheinlich gereift, sei es in songschreiberischer oder in technischer Hinsicht. In jeder Note ist Herzblut zu hören, jede Sekunde des Albums beweist eine Relevanz, die weit weg ist von plakativen Botschaften, die dieses Genre sonst oft beherbergt. DEFEATER toppen mit Leichtigkeit alles was ihre Genrekollegen, die in den letzten Jahren für Aufruhr sorgten, verbrochen haben: Mit einem musikalischen wie textlichen Konzept, das auch höchsten Ansprüchen genügt. HAVE HEART und RUINER werden in zehn Jahren vielleicht vergessen sein, DEFEATER wird man dann noch immer voller Begeisterung hören.

Veröffentlichungstermin: 11. März 2011

Spielzeit: 49:28 Min.

Line-Up:
Derek Archambault – Vocals
Jay Maas – Guitar, Vocals
Jake Woodruff – Guitar
Mike Poulin – Bass
Andy Reitz – Drums

Produziert von Jay Maas
Label: Bridge Nine Records
MySpace: http://www.myspace.com/defeater

Tracklist:

1. Warm Blood Rush
2. Dear Father
3. Waves Crash, Clouds Roll
4. Empty Glass
5. No Kind Of Home
6. White Knuckles
7. Cemetery Walls
8. Quiet The Longing
9. At Peace
10. White Oak Doors
11. But Breathing
12. Brothers
13. I Don´t Mind
14. Headstone