DARK FORTRESS: Spectres From The Old World

Manche Erfahrungen hinterlassen tiefe Spuren, deren Bilder uns Jahre später noch verfolgen. So auch geschehen während der Südamerika-Reise des DARK FORTRESS-Frontmanns Morean, der dem trostlosen und unheimlichen Vulkanfeld Pali Aike im gleichnamigen Track Tribut zollt. „Home of the devils!“, heißt es darin – der Spitzname der Einheimischen Chilenen für diesen einsamen Ort -, während ein beunruhigendes Keyboard sich im Schatten des malmenden Hauptriffs ausbreitet.

Strukturell ist „Pali Aike“ vielleicht der schlichteste Song auf „Spectres From The Old World“, hüllt sich dank der variablen Vocals, die zwischen frostigen Screams und bedrohlichem Knurren auch spontan Kehlkopfgesang einstreuen, aber in eine unheilvolle Aura. Dem sich unermüdlich wiederholenden Riff ist es zu verdanken, dass der Song geradezu hypnotisch wirkt und das bestätigt, was wir ohnehin erwartet hatten: DARK FORTRESS sind atmosphärisch weiterhin Spitzenklasse.

Das Songwriting auf “Spectres From The Old World” bleibt gewohnt vielschichtig und aufgeschlossen

An das zuletzt ausgesprochen progressive „Venereal Dawn“ (2014) knüpft „Spectres From The Old World“ trotzdem nicht unmittelbar an. Das Songwriting bleibt gewohnt vielschichtig, komplex und aufgeschlossen. Phasenweise besinnen sich DARK FORTRESS dennoch auf die Rohheit von „Stab Wounds“ und die okkulte Boshaftigkeit von „Ylem“ (2010) zurück. Frostig und unnahbar packt uns das Intro „Nascence“ an der Schulter, bevor uns „Coalescence“ die Klinge durch das Mark stößt. So kalt und frostbitten haben die Black Metal-Veteranen schon lange nicht mehr die Gitarren klirren lassen, während uns Drummer Seraph mit extensiven Blasts die Synapsen massiert.

Diesen konsequenten, bisweilen kompromisslosen Kurs fahren DARK FORTRESS nicht nur im Titeltrack eine Weile weiter. Auch wenn die Band das Tempo etwas reduziert, bleibt in „The Spider In The Web“ ein Gefühl des Unbehagens zurück, das der ruhige Zwischenpart auf geradezu sadistische Weise auszukosten vermag.

Experimentelle Ausflüge verkommen bei DARK FORTRESS nie zum Selbstzweck

Erst als „Isa“ die zweite Albumhälfte einläutet, öffnet sich „Spectres From The Old World“ der progressiven Ader der letzten Veröffentlichungen. Plötzlich ist dieses andersweltliche Gefühl wieder da, das seinerzeit „Ylem“ auszeichnete. Die cleanen Gitarren graben sich unter die Haut, während sich Sänger Morean gesanglich deutlich mehr Freiheiten erlaubt. Den Kehlkopfgesang durften wir bereits in „Pazuzu“ kurzzeitig erleben; hinzu kommen einige klar gesungene Passagen, die dem Song einen feierlich-rituellen Charakter verleihen.

Diese experimentellen Ausflüge verkommen bei DARK FORTRESS nie zum Selbstzweck, sondern bilden Herz und Rückgrat der Kompositionen. Lediglich in „Swan Song“ werden die euphorischen Choralgesänge kurzzeitig zur Gratwanderung. Letzten Endes halten die Musiker aber die Balance, was wir in Teilen auch der tollen Produktion zuschreiben dürfen. „Spectres From The Old World“ ist eine atmosphärisch und klanglich dichte Erfahrung, deren geerdetes Schlagzeug aber genug Raum lässt, um auch die dezenten, aber ungemein effektiven Ambient-Teppiche von Keyboarder Phenex atmen zu lassen.

DARK FORTRESS glänzen immer dann, wenn sie alle Fäden ineinanderlaufen lassen

Den Sound der Platte im Einzelnen zu sezieren würde jedoch letztlich ins Leere laufen. Natürlich könnten wir auch über die donnernden Percussions von „In Deepest Time“ sprechen, aber eigentlich glänzt das Album immer dann, wenn beispielsweise in „Pulling At Threads“ alle Facetten wie von Geisterhand zueinanderfinden.

Dann zeichnet „Spectres From The Old Worlds“ vor unserem geistigen Auge Bilder, die uns nicht mehr loslassen wollen. Es sind diese Momente, in denen wir erahnen, was Morean inmitten des chilenischen Vulkanfelds gefühlt haben muss. Dass wir hingegen zu Hause unter der dumpfen Wohnzimmerlampe überhaupt ein Gespür für die unbehagliche „Heimat der Dämonen“ bekommen, spricht für die ganze Klasse von DARK FORTRESS – und ist eigentlich seinen eigenen Tributsong wert.

Veröffentlichungstermin: 28.02.2020

Spielzeit: 58:12

Line-Up:

Morean – Vocals
V. Santura – Guitars
Asvargr – Guitars
Seraph – Drums
Phenex – Keyboards

Produziert von V. Santura

Label: Century Media

Homepage: http://www.darkfortress.org
Facebook: https://www.facebook.com/officialdarkfortress

DARK FORTRESS “Spectres From The Old World” Tracklist

1. Nascence (Intro)
2. Coalescence
3. The Spider in the Web (Audio bei YouTube)
4. Spectres from the Old World
5. Pali Aike (Video bei YouTube)
6. Pazuzu
7. Isa (Audio bei YouTube)
8. Pulling at Threads (Audio bei YouTube)
9. In Deepest Time
10. Penrose Procession (Interlude)
11. Swan Song
12. Nox Irae