CONNY OCHS: Wahn und Sinn

CONNY OCHS abseits vom Singer-Songwriter-Folk der vergangenen vier Alben: „Wahn und Sinn“ überrascht mit deutschen Texten und üppig instrumentierter und arrangierter Musik.

In unseren vier Wänden haben wir CONNY OCHS vermisst. Das im Winter 2019 erschienene „Doom Folk“ war sein bisher letztes Soloalbum und auch das vor zwei Jahren erschienene Album „Stroh zu Gold“ seiner Psychedelic Rock-Band TRIALOGOS war kein wirklicher Ersatz für die schönen Folk (Rock-)Songs, die er auf seinen ersten vier Alben geschrieben hat. Und nun der Schock: Kein Selbstportrait auf dem Cover? Ein Album mit deutschen Texten? Und experimenteller soll es auch sein? Und der Titel, ein tausendfach genutztes Wortspiel, das auch nicht unbedingt die Erwartungen schürt?

Doch Sorgen sind unbegründet. Weder hat CONNY OCHS verlernt, Songs zu schreiben, noch ist „Wahn und Sinn“ zu experimentell geraten. Eigentlich ist es eine verdammt gute, erwachsene und anspruchsvolle Liedermacherplatte geworden – eine äußerst abwechslungsreiche noch dazu. Die Wiederentdeckung der deutschen Sprache und die Beschäftigung mit Gedichten, die parallel als Buch veröffentlicht werden, bilden die Basis zu diesem Album. Kein Wunder, dass so viele verschiedene Stimmungen und Stilmittel dieses Album auszeichnen.

Facettenreich und stringent: CONNY OCHS balanciert auf „Wahn und Sinn“ zwischen Blues und Chamber Pop

Treibende, gitarrenbasierte Stücke wie „Risse“ und „Grimassen“ fühlen sich noch am ehesten vertraut an, mit den Singer-Songwriter-Stücken von „Black Happy“ oder „Future Fables“ haben sich allerdings nur wenig gemein. Doch gerade da, wo CONNY OCHS wirklich aus seiner Komfortzone ausbricht, wird es richtig gut: Das leicht jazzig angehauchte „Ding“ verströmt eine wohlige Kleinkunstbühnenatmosphäre und „Hickhack“ ist ein bluesig-düsterer, fast wütender Song mit einem üppig instrumentierten Refrain. Allein in diesen beiden Stücken passiert eine Menge, doch es wirkt nicht so, als wolle CONNY OCHS zu viel, geschweige denn, als würden die Elemente nicht zusammenpassen.

Und dann gibt es in der zweiten Hälfte des Albums ein paar richtig große Stücke: „Taub und Laut“ fällt in die (zweifelhafte) Kategorie Chamber Pop und kommt fast gänzlich ohne Gitarren aus. Dafür sind da ein akzentuiertes Klavier, subtile Beats, ein herrliches Streicherarrangement und die beste Gesangsleistung des Musikers überhaupt. „Melancholia“ ist eine orchestrale Ballade, die gekonnt eine dramatische Klimax erreicht und einem schlicht das Herz zerreißt. Auch das abschließende „Lumos“ hat sehr berührende Momente, gerade da, wo es leise ist – wenn sich das Stück steigert, wirkt es leider etwas unfokussiert und verliert Tiefgang.

„Wahn und Sinn“ verbindet Elemente, die ansonsten nur schwer zusammenpassen: CONNY OCHS ist als Songwriter mutiger denn je

Ja, es dauert, bis sich „Wahn und Sinn“ erschließt, aber es geschieht auf recht natürliche Art und Weise. So fremd das Album zunächst klingen mag, ein vertrautes Gefühl stellt sich schnell ein und hat die Hörenden schnell am Haken. Von da aus entfalten sich die neuen Lieder langsam, aber umso nachhaltiger. Zwar ist nicht jedes Stück ein Volltreffer, doch es gibt genügend Songs, die gleichermaßen subtil und doch groß sind. In diesem Spannungsfeld wäre es ein Leichtes gewesen, sich zu verlieren; ein Thema, das CONNY OCHS umtreibt. Vielleicht, weil er seinen Weg schon oft verlassen hat und sich doch immer wieder selbst gefunden hat. Da darf es seinem Publikum auch zugemutet werden, den unbequemen Weg mitzugehen – vor allem, wenn ein so intensives und reifes Album wie „Wahn und Sinn“ dabei herauskommt.

Wertung: 7,5 von 9 Spurensuchen

VÖ: 20. Oktober 2023

Spielzeit: 38:03

Line-Up:
Conny Ochs – Vocals, Guitars, Bass, Drums, Piano
Sicker man – Celli, Melotron, Moog, Synthezizer
Hannes Scheffler – Guitar, Bass
Anna Ochs – Vocals on „Lumos“

Label: Exile On Mainstream Records

CONNY OCHS „Wahn und Sinn“ Tracklist

1. Turin
2. Risse
3. Ding
4. Hickhack (Official Video bei Youtube)
5. Taub und Laut
6. Welle
7. Grimassen
8. Melancholia
9. Lumos

Mehr im Netz:

https://www.connyochs.com/
https://connyochs.bandcamp.com/
https://www.facebook.com/conny.ochs/
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