B.S.T.: Herbst

Verlust, Verzweiflung, innerer Schmerz, Wut – B.S.T. liefern mit „Herbst“ den Soundtrack für dunkle Zeiten

Das war schon eine tragische Geschichte, mit ihrem Debüt „Die Illusion“ hatten mich B.S.T. damals schlichtweg nicht angesprochen, auch bald 10 Jahre her. Mit „Unter Deck“ haben die sympathischen Jungs mich vor auch schon fünf Jahren dann voll erwischt! Ihr Hamburg City Doom nimmt heute einen Platz ganz weit vorn ein im heimischen Doom-Tempel. Und das auch immer wieder gerne live. Egal ob 2018 beim DOOM IN BLOOM oder zuhause im Bambi Galore oder wie zuletzt gemeinsam mit THRONEHAMMER im Hamburger Fundbuero. Zu schön zu sehen, dass es nach mehreren Anläufen endlich geklappt hat, das DOOM OVER VIENNA platt zu machen und mehr als verdient auch auf dem HAMMER OF DOOM spielen zu können.

B.S.T. liefern mit „Herbst“ den Soundtrack für dunkle Zeiten

Dass B.S.T. sich selbst treu bleiben und ihren eigenen Weg gehen, das belegen sie nun wieder auf den dritten Album „Herbst“. Passt, Schmuddelwetter draußen, kalt, was geht da besser als fetter, zäher Doom. Ein passenderes Cover hätte das schön aufgemachte Booklet kaum schmücken können, so stimmungsvoll, wieder vom wunderschönen Ohldorfer Friedhof, hier das Mausoleum. Unweit davon die Statue “Das Schicksal” von Hugo Lederer, sie zierte ja das Cover von „Die Illusion“. Ja klar, auch den Oldie hab ich später doch verstanden und liebgewonnen. Aber der Tee ist fertig, jetzt ist erst mal „Herbst“ angesagt.

„Herbst“ ist typisch B.S.T. und vertont Dunkelheit und Kälte

Wenn sich der erste Song erhebt fällt als erstes auf: man hört sofort, dass B.S.T. im Player liegen! Der Bandtypische Sound, die sich sofort ausbreitende Dunkelheit und Kälte, die Tiefe der Worte, eben weil man sie versteht, ohne den Schalter für englische Texte umzulegen. Eine klagende Gitarrenmelodie, dann baut sich eine fette Soundwand auf. Nur wenige Momente, und ich bin wieder verliebt in Jan´s Drumming. Und das aus dem Mund eines Gitarristen. Ja ja, auch die Herren an den Saiten machen alles richtig. Schöner „Gesang“ geht natürlich anders, aber nur so reichen wenige Worte, um dem Zuhörer ins Innere zu greifen und seine versteckten Emotionen freizulassen. Wenn der Song dann in tieftraurige Melodien zusammenfällt, hat man schon aufgegeben. Gedanken fließen, wenn man selbst bereits dem Tod gegenüber stand oder die Hand eines geliebten Menschen gehalten hat, als dieses besondere Licht erlosch. Ein harscher Groove reißt einen zurück, Wut macht sich kurz breit, wir verpassen so viel, alles ist wichtiger als …

Verlust, Verzweiflung, innerer Schmerz, Wut – eine Hitsingle darf man nicht erwarten

Aber B.S.T. können auch richtig wütend, „Kaltstart“, live ein Killer! Verlust, Verzweiflung, innerer Schmerz, eingepackt in einen derben Kracher, für die Hamburger fast hektisch, für nicht-Doomer eine unerträgliche Walze wie sie die zermürbenden Lyrics brauchen. Es klingen auch Momente des Doomcore durch, womit BLUT SCHWEIß TRÄNEN 1994 angefangen hatten. Immer mal ein anderer Moment, eine verbitterte Bridge, ja ja, neu ist das nicht. Hört man B.S.T. öfters, dann weiß man im Voraus, wann welcher Part kommen wird. Nein nein, nicht weil ihnen nichts einfällt, sie haben einfach ihren Stil gefunden und zelebrieren diesen ausgiebig. Und widerlegen dies mit „Der Tod kommt näher“. Hier passiert nichts, außer dass man diesem endgültigen Moment ins schwarze Auge sieht. Ein ultra zähes Riff, das sich schmerzvoll aus den Boxen schiebt. Das Textblatt braucht man nicht, ein Satz reicht. Erinnerungen, die hier nicht hergehören. Der Song sagt alles, viereinhalb Minuten sterben. Das mit der Hitsingle wird hier wohl nichts, auch wenn es der kürzeste Song ist auf „Herbst“.

Unvorstellbar, dass B.S.T. irgendwen nicht traurig machen können

Dann zieht einen „Was jetzt noch bleibt“ wieder ins innere Selbst. Trotz des zermürbenden Sound macht sich immer mal eine fast wohlige Wärme breit, nur um dann mit deinen Emotionen zu spielen. Traurige Musik kann so schön sein! Die Melodieführung nimmt einen bei der Hand, Heiko singt zerbrechlich, muss sich nicht durch super fette Riffs drücken. Lässt aber natürlich auch hier der Verzweiflung lautstark freien Lauf. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Song irgendwen nicht traurig machen kann. Wieder eigene Gedanken, weg damit! Auch „Der Mut“ ist wohl nur ein Wunschdenken, loszulassen und weiter zu machen. Heiko schraubt seine Stimme höher als gewohnt. Nicht immer schön, aber es geht hier auch nicht ums Blümchen pflücken. Der Song, den ich mir meist am intensivsten anhöre, weil die Jungs hier trotz des schleppenden Gesamtbild sehr verspielt unterwegs sind.

BLUT SCHWEIß TRÄNEN – B.S.T. zeigen sich als gewachsene Familie

Durchgehend zu spüren, wie stimmig B.S.T. als Band agieren, da ist langjährige Freundschaft auch hörbar zur musikalischen Familie zusammen gewachsen. In der es auch mal kracht, ja ja. Musikalisch ist hier eine Einheit am Werk, keiner drückt sich nach vorn, es steht immer der Song als ganzes und lässt einzig den Vocals den nötigen Raum. Hier mal ein schöner Basslauf, dort eine feine Gitarrenmelodie und kurz durchdrückende Leads, welche der Schwere des Gesamtsounds trotzen, das zurückgezogene, erzählerische Drumming, Zuhören macht einfach Spaß. Halt nicht im Partymodus, die Atmosphäre, die B.S.T. aufbauen, ist immer tief traurig, depressiv, zermürbend und im Fall aufkeimender Energie dann wütend. Wer „Herbst“ hört kann kaum glauben, was für liebenswerte Gesellen die Jungs sind. Wie sagte meine Tochter so schön, deren erstes Metalkonzert vor kurzem passend aus THRONEHAMMER und B.S.T. bestand, über die Hamburger: „Die Musik mag ich nicht! Aber ich verstehe, dass sie etwas rüber bringen, das ich selbst noch nicht verstehe. Und die sind echt nett“!

B.S.T. machen ihre Musik nicht für den Gelegenheits-Doomer, sondern für Menschen, die sich auf ihre Songs einlassen

Unschwer zu erkennen, ich bin Fanboy und liebe die Jungs, nix mit objektiver Bewertung! Das liegt nicht an mir, das machen B.S.T. mit ihrem Hamburg City Doom. Ihre Form vom zähen, derben, quälenden Doom spricht mich direkt an. Stillsitzen geht nicht, der alles zermalmende Sound kommt immer mit einem greifbaren Groove, die ruhigen Momente mit einer morbiden Schönheit. Schlimm, dass sie mit den Lyrics und wie Heiko sie rüber bringt und ihrer Musik in eigene, sonst gut versteckte oder verdrängte Ecken vordringen. Einzelschicksal in Doom, das schafft sonst keiner, ist sicher nicht für jeden nachvollziehbar. Aber ich bin sicher, B.S.T. machen ihre Musik auch nicht für den Gelegenheits-Doomer, sondern für Menschen, die sich auf ihre Songs einlassen.

Für Doomer und Freunde trauriger Klänge ist „Herbst“ Pflichtprogramm

Aber die singen Deutsch! Ja eben, B.S.T. machen ihr Ding! Und reichlich internationale Doom-Freunde finden gerade das spannend. Das ist zu trübsinnig! Ha, dann gerne mal vor der Bühne stehen und die Wucht des Hamburg City Doom spüren und was sie mit den Leuten um dich rum macht. Oder eben erfahren, was sie mit einem selbst macht mit der CD. Ich selbst höre „Herbst“ am liebsten allein, da kann ich sie hinlassen, wo sie anscheinend hin will. Wer fröhliche Musik will, der findet ja gerade im Radio „Laaast Christmas“ und „All I Want For Christmas“…
Für Doomer und Freunde trauriger Klänge ist „Herbst“ Pflichtprogramm. Vinyl soll irgendwann folgen, aber keiner kann sagen, wann das möglich ist.

Veröffentlicht am 23.09.2022

Spielzeit: 46:45 Min.

Lineup:
Heiko Wenck – Gitarre, Gesang
Jan Rudßuck – Gitarre
Lutz Reimer – Bass
Jan Galinski – Schlagzeug

Label: Rafchild Records

Homepage: http://b-s-t.net

Mehr im Web: https://www.facebook.com/HamburgCityDoom

Die Tracklist von “Herbst”:

1. Nur ein Tag im Leben
2. Kaltstart
3. Der Tod kommt näher
4. Was jetzt noch bleibt
5. Der Mut