AMORPHIS: Far From The Sun

AMORPHIS: Far From The Sun

AMORPHIS ist eine der wenigen Bands, der ich abnehme, dass sie sich wirklich unabhängig von jedweder Art von Kalkül entwickelt hat. Der Weg vom Death Metal der Anfangstage über den Meilenstein „Tales From The Thousand Lakes“ bis zu einem hervorragenden, reinen und puren Rockalbum wie Am Universum mag nicht für jedermann nachvollziehbar sein. Doch aus allen Veröffentlichungen der Finnen sprach immer Offenheit und Ehrlichkeit. Es scheint, als ob AMORPHIS jetzt, mit ihrem sechsten Studioalbum, am Ende dieses Weges angekommen sind – große Überraschungen bleiben aus. „Far From The Sun“ ist AMORPHIS pur – wer der Band bis hierher gefolgt ist oder ihren Pfad erst später gekreuzt hat, der wird sich auch an einem Plätzchen weit von der Sonne entfernt wohlfühlen.

„Far From The Sun“ lässt die Assoziation eines kalten, sterilen und toten Raums zu – keine Vorstellung könnte weiter von der musikalischen Welt AMORPHIS entfernt sein. Ihre Welt ist warm, erdig, organisch, sie atmet und hat eine Seele – sie lebt. Und obwohl es sich nicht mehr um einen metallischen Planteten handelt, haben AMORPHIS ihre Umlaufbahn, auf der sie sich seit etlichen Jahren bewegen, nie verlassen. „Far From The Sun“ trägt unverkennbar die Handschrift dieser Band: Die Melodien, die zwischen finnischer und orientalischer – von Hauptsongwriter Esa Holopainen gerne auch als „Kebap-Einflüsse“ bezeichnet – Folkore oszillieren, sind allgegenwärtig in den Rocksongs. Was mit Tuonela begann, ist hier zu Ende geführt: AMORPHIS erschaffen eine Welt, die auf den ersten Blick wunderschön erscheint, die bei näherem Hinsehen jedoch erste Anzeichen des Verfalls in sich birgt. „Far from The Sun“ ist genauso wenig ein heiles, hochglanz-reiseprospektverdächtiges Arrangement wie ein künstlich verdrecktes und mal eben abgewracktes Rock n´ Roll Ghetto – „Far From The Sun“ ist eine Szenerie, in der die Sonne tief am Firmament steht, wo die Schatten lang und die Abende empfindlich kalt werden. Dort, wo das Lichtspiel zwischen Strahlen und Dämmerung neue, faszinierende Ansichten ermöglicht, siedeln AMORPHIS. Und sie scheinen zufrieden mit dieser Umgebung – und mit der Gewissheit, dass es nicht so bleiben wird. Ein melancholischer Schimmer überzieht die Höhen und Tiefen der Songs, in einem Moment entspannt grooven, im nächsten erdig rocken und alles im allem mit ungeheurer Detailliebe und Dynamik verzaubern.

„Far From The Sun“ ist keine Entdeckungsreise zu bislang unbekannten Gefilden. Eigentlich ist alles vertraut – und dennoch sind diese altmodischen, warmen Klänge heutzutage wieder etwas neues. AMORPHIS versuchen weder, Innovation zu erzwingen, noch ruht sich die Band auf bereits festgetrampelten Pfaden aus. Beseelt von der Überzeugung, das Richtige zu tun, hauchen die Musiker ihren Songs Leben ein. Auch wenn das Album zunächst trotz aller melancholischer Untertöne zunächst wie eine Jam-Session einer eingespielten Band klingt, entdeckt man beim genauen Hinhören einen Sternenhimmel voll funkelnder, wunderbarer Ideen, die silberhelle Löcher in die Dämmerung brennen.

„Far From The Sun“ ist Musik, in die man sich fallen lassen kann – ein Teppich aus wabernden Hammondorgeln bremst den Aufprall, wunderschöne, Gitarrenleads streben wiederum gen den unendlichen Himmel und nehmen den Hörer mit, Sänger Pasi gibt mit seinem ausdrucksstarken Gesang und den ebenso ausdrucksstarken Texten der Flucht aus dem alltäglichen Trott die richtige Richtung vor, während Schlagzeuger Jan mit perfektem Druming den Songs die nötige Struktur gibt. Einzelne Songs zu analysieren oder gar Reminiszenzen an Bands wie DEEP PURPLE zu erwähnen, ist in dieser Welt von AMORPHIS vollkommen fehl am Platze – was zählt, ist die Gewissheit, dass „Far From The Sun“ ein wundervolles Album ist, dessen Zauber man selbst erkennen muss. In perfektem, differenziertem Sound beweisen AMORPHIS, dass gute, ehrliche Rockmusik zeitlose Schönheit und Faszination haben kann.

Spielzeit: 43:51

Besetzung:

Pasi Koskinen – vocals

Esa Holopainen – guitar

Tomi Koivusaari – guitar

Niclas Etelävuori – bass

Santeri Kallio – keyboards

Jan Rechberger – drums

Label: Virgin/EMI

Tracklist:

Day Of Your beliefs

Planetary Misfortune

Evil Inside

Mourning Soil

Far From The Sun

Etheral Solitude

Killing Goodness

God Of Deception

Higher Ground

Smithereens

Veröffentlichungstermin: 26.05.2003

Hompage: http://www.amorphis.net

andrea
Kümmere mich seit 1999 um Reviews, Interviews und den größten Teil der *Verwaltung*, Telefon-Dienst, Beschwerdestelle, Versandabteilung, Ansprechpartner für alles, Redaktionskonferenz-Köchin...