ABSENT IN BODY: Plague God

Unter dem Namen ABSENT IN BODY treffen die Welten von NEUROSIS, AMENRA und SEPULTURA aufeinander. Doch „Plague God“ schöpft nur stellenweise das Potenzial aus, das dahinter steckt.

Es ist ein Album für Freudianer. Wie „Plague God“ schon beginnt: Ein finsterer, feuchter Kerker, die Erhebung aus der Tiefe, aus dem schwarzen Loch, da wird einiges hochgeholt. Über solche Steilvorlagen freut sich das Unterbewusste sehr. ABSENT IN BODY bleiben auf ihrem Debüt entsprechend schwer greifbar. Es ist nicht so ganz klar, ob „Plague God“ ebenjene Plagen bringt, oder uns davon befreit. Ein Album wie ein Prozess und daher logischerweise schwer zu konsumieren. Aber, mal ehrlich: Durften wir etwas Anderes erwarten beim Blick darauf, wer sich hinter dem Projekt verbirgt?

ABSENT IN BODY startete bereits 2017 als Projekt von NEUROSIS-Gründer Scott Kelly und AMENRA-Gitarrist Mathieu Vanderkerkhove und wurde durch Igor Cavalera Colin H. Van Eeckhove komplettiert. Das musste intensiv werden, keine Frage. Und das, obwohl „Plague God“ erstmal nichts so richtig Originelles bietet: Post Metal, Sludge und Industrial sind die Eckpfeiler der Musik und das wurde doch schon tausende Male mehr oder weniger mitreißend verbunden, richtig? Besonders wird es dieses Projekt durch die Protagonisten, deren Handschrift stets erkennbar ist. Zwar ist ABSENT IN BODY nicht mehr als die Summe seiner Teile, und fühlt sich dennoch an, als wäre diese Kollaboration schon lange nötig gewesen.

ABSENT IN BODY ist ein Wiederhören mit Scott Kelly, um den es in den letzten Jahren recht ruhig wurde – seine Riffs haben auch auf „Plague God“ noch genügend Durchschlagskraft.

Gerade Scott Kellys Rückkehr ist erfreulich, zu still war es in den letzten Jahren um ihn. Vor allem auch, weil sein Songwriting sofort zu erkennen ist, die Riffs sind monolithisch und doch prägnant – verlernt hat er nichts. Seine Stimme klingt hingegen häufig verzerrt und fremdartig, ist dadurch sehr brutal, aber die persönliche Note fehlt. Auch Mathieu Vanderkerkhoves Handschrift ist schnell zu erkennen und erweitert das stilistische Gesamtbild sehr schön. Die entstandenen Songs basieren auf tonnenschweren Riffs, so karg und trocken wie die große Ebene auf Arrakis. Das Album ist daher nicht sonderlich einladend, aber von den Stücken geht definitiv eine Faszination aus.

„Plague God“ lebt vom Tanz der Extreme: Die Dunkelheit regiert, aber in dieser lassen sich immer wieder Lichtpunkte finden: Genau dann, wenn es leise wird, wenn alle Beteiligten ihren Furor sein lassen („In Spirit in Spite“ und „The Acres / The Ache“), sind ABSENT IN BODY sogar tröstlich. Ein wenig nur, aber immerhin. Hier durchdringen sie die Wand aus Schmerz, die das 35-minütige Album sonst darstellt. Und an dieser Stelle glänzt einer: Colin H. Van Eeckhove, dessen Stimme eine wunderschöne Verletzlichkeit in die kalte Musik bringt. Davon abgesehen fehlt diesem Album aber das, was es zwingend werden lässt. Also, an was liegt es, dass ABSENT IN BODY, die in der Theorie einfach funktionieren müssten, nicht so eine Wirkung entfaltet, wie es sein könnte?

Auch wenn ABSENT IN BODY nicht alle ihrer Möglichkeiten nutzen, triggert „Plague God“ Prozesse im Unterbewusstsein an.

Es ist der Projektcharakter, der hier allgegenwärtig ist. Menschen, die erst ihren gemeinsamen Weg finden müssen, obwohl sie doch eigentlich verwandte Seelen sind. Zu zögerlich, ist das Debüt von ABSENT IN BODY an dieser Stelle und jedes Mal, wenn ich das Album höre, hoffe ich, dass doch mehr Details oder mutige Elemente zu finden sind. In den spannendsten Momenten sind da die blitzsauberen Rhythmen von Igor Cavalera, in denen sich „Plague God“ wie eine Industrial-Version von AMENRA oder NEUROSIS anfühlen und so ein Gefühl der Beklemmung auslösen. Hiervon hätte es mehr gebraucht.

Etwas ratlos lassen ABSENT IN BODY ihr Publikum zurück, es bleibt das Gefühl, dass mehr möglich gewesen wäre, auch wenn eine Liebe zur Komposition deutlich ist. Während sich die Ratio nicht so recht entscheiden kann, was sie mit diesem Album machen soll, funktioniert etwas Anderes ganz prächtig: Das Unterbewusste arbeitet an dieser Stelle schon fleißig, denn gerade hier konfrontiert „Plague God“ sein Publikum mit dem, was sorgsam im Keller weggeschlossen wurde. Wer dafür bereit ist, sollte sich nach dem Konsum des Albums seine Träume notieren.

Wertung: 3 von 5 Traumanalysen

VÖ: 25. März 2022

Spielzeit: 36:29

Line-Up:
Scott Kelly
Mathieu Vanderkerkhove
Igor Cavalera
Colin H. Van Eeckhove

Label: Relapse Records

ABSENT IN BODY „Plague God“ Tracklist:

1. Rise From Ruins
2. In Spirit in Spite
3. Sarin (Official Audio bei Youtube)
4. The Acres / The Ache (Official Video bei Youtube)
5. The Half Rising Man (Official Video bei Youtube)

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