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Jahresrückblick 2025 von Mirko Wenig

Ich gebe es ja zu: Ich kann mich schlecht von Dingen trennen. Meine Wohnung hat inzwischen durchaus etwas Messi-haftes, viel Ramsch hat sich angesammelt: Platten und Bücher, Bandshirts, alte Rechner, auf denen noch Windows 97 läuft – und Dinge, von denen ich gar nicht weiß, wozu sie gut sind. Da steht ein Küchengerät, das ein bisschen aussieht wie ein Trichter auf Füßen. Habe ich es jemals benutzt? Es könnte ein Geschenk gewesen sein. Aber es hat eine schöne Farbe, und da ist es doch absolut okay, wenn es viel Raum auf meinem Schrank beansprucht.

Genauso geht es mir mit Texten. Ich bin ein Schlendrian, ich kann schlecht kürzen. Der ganze Ballast muss mit. Und so stelle ich auch dieses Jahr wieder eine Auswahl an Platten in aller überbordenden Ausführlichkeit vor, die mich erreicht und bewegt haben. Ich wurde ja auf dieser Seite schon als der Marathonläufer unter den Rezensenten bezeichnet – aber das ist eine arge Verkürzung. Ich laufe um die ganze Welt, in weniger als 80 Tagen, mit einer großen Bibliothek im Rucksack. Und mit einem Küchengerät, von dem ich nicht weiß, für was es gut ist.

Wie immer habe ich versucht, verschiedene Genres abzudecken: Heavy Metal, 70s-Rock, Prog-Thrash, aber auch Hip Hop, Cyberpop – und obskures Zeug, von dem ich selbst nicht weiß, wo ich es einsortieren soll. Ob es die besten Platten des Jahres sind? Keine Ahnung. Ich mag Perfektion nicht unbedingt – zuerst interessieren mich Alben, die etwas in mir auslösen. Die dürfen gern mal einen „Mängelexemplar“-Stempel tragen. Aber es sind großartige Platten, jede auf ihre ganz eigene Art. Anschnallen, Zeit nehmen – Ist diese Einleitung schon zu lang? Legen wir legen los!

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TOWER: Let There Be Dark

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Bevor ich wieder alle mit meinem verqueren Musikgeschmack verschrecke, fange ich einfach mit dem besten Kuttenträger-Album des Jahres an. Auf dieses Album, natürlich auf Vinyl beim Label CRUZ DEL SUR bestellt, musste ich sechs Wochen nach Bestellung warten. Denn die gülden glänzende Schönheit legte eine lange Reise zurück. Von Rom aus Mitte März gestartet, ging es erst nach Hückelhoven, dann nach Borna, schließlich nach Leipzig. Und dann hat sich die Platte offenbar entschieden: „Mann, bin ich doof, was will ich denn hier, wenn ich in Italien sein kann?“, und hat den Weg zurück nach Rom angetreten. Vollstes Verständnis dafür. Denn es war die falsche Adresse auf dem Paket angegeben. Doch als das Label fragte, ob es mir das Geld erstatten solle (sie waren wirklich sehr freundlich), antwortete ich sinngemäß: „Nichts da, Ihr spinnt wohl! Ich muss diese Platte unbedingt haben – ein Ehrenplatz im Regal ist ihr schon freigeräumt! Schickt sie mir so schnell wie möglich noch einmal zu!“

TOWER sind für meine Ohren schlicht eine der besten und originellsten aktiven Metalbands. Ohne Wenn und Aber: TOWER spielen wirklich Heavy Metal, in seiner reinsten und ursprünglichsten Form. Ich muss das wohl begründen, denn seien wir ehrlich: noch immer haben sie nicht das WACKEN geheadlined. Offenbar gibt es noch viele Metal-Fans, die man von ihren Qualitäten überzeugen muss.

Was also macht diese Band – und dieses Album – so besonders? Ist es die vergleichsweise tiefe und volle Stimme von Frontfrau Sarabeth Linden, durchaus mit Sexappeal und tonnenweise Charisma? Sind es die Kompositionen – diese hymnischen, zugleich elegant fließenden und epischen Melodien, die den Songs etwas Sakrales und Mystisches verleihen? Stichwort Originalität: TOWER nutzen modale Skalen und Harmoniefolgen, wie man sie aus der spanischen und orientalischen Tradition kennt, das verleiht den Songs einen Hauch jüdische Mystik. Sind es die doppelläufigen Gitarren, die immer wieder eigene melodische Akzente setzen, die brillanten Soli, die präzise gesetzten akustischen Zwischenspiele? Oder ist es diese unbändige Energie, verstärkt durch eine transparente, aber rohe Produktion, die der Platte ein Live-Feeling verleiht? Ihr ahnt es: all das – ALL DAS!

Dieses Album klingt komplett entfesselt, es ist kitschfrei, es ist atmosphärisch. Hit reiht sich an Hit. Die Texte entführen uns auf unpeinliche Weise in Epochen menschlicher Kämpfe, Schicksale und Spiritualität. Ein verhext gutes, lebendiges und bis ins Mark durchrüttelndes Stück Edelstahl: Alles hier brennt lichterloh und leidenschaftlich. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen.

Heiliges Wasser auf meinem Gesicht,
wäscht mich von der Schande.
Gewöhnliche Menschen hätten Angst,
denn hier gibt es keine Engel.

Schau dich um, hörst du das Geräusch?
Donner kracht, spaltet den Boden.
Der Himmel zerreißt in vergifteter Luft,
glüht mit grausamem Schein.

Heiliges Wasser, bitte rette mich,
ich flehe auf meinen Knien, verlass mich nicht.
Sieh, wie sich die Seiten wenden,
das Wasser lässt sie brennen.

Vorbeifahrende Schiffe segeln
in Richtung Horizont ohne Wiederkehr.

TORTURETWINN: Blood Love

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Andrew Devin Georgieff wirkt wie eine Mischung aus 60s-Mod, Emo-Rocker und THE RAMONES: große Kotteletten, die Andeutung eines Ponys, Lederjacke, zerrissene Jeans. Oft sieht man ihn rauchend auf Fotos oder in Videos – er strahlt die Coolness des jungen James Dean aus, oder auch die eines Schweinerockers schwedischer Prägung. Doch dieser erste Eindruck täuscht: Unter seinem Moniker TORTURETWINN präsentiert der Musiker aus Richmond, Virginia hochmelodischen Goth-/Waverock der übertrieben romantischen Sorte.

Er besitzt eine angenehm warme und hohe Stimme, streift dabei das Falsett, er kann schmachten und flehen – mit diesen kleinen Seufzern und sanftem Schmelz. Es ist Musik für dunkle und blutende Herzen. Diese Art von Musik, die wir unglücklich verliebten Spinner früher auf Mixtapes packten, um ein Girl (oder einen Boy, oder alles dazwischen) zu beeindrucken – versehen mit einem Glitzersticker, den wir aus Omas Gossipheften wie „Frau mit Herz“ gestohlen haben. Hach!

Wir bewegen uns also in Sphären, für die Musiker wie CHRIS ISAAK, HIM oder PLACEBO stehen – wenn das stilistisch auch nicht ganz zutrifft. Denn es ist schon auch ein Album für 80s-Nostalgiker. Arpeggierte Cure-Gitarren! Quirlig verspielte Basslines! Tanzbare Rhythmen! Wenn diese Songs nicht jeden Goth- und Indie-Club in eine Dampfsauna aus euphorisch zuckenden Leibern verwandeln, dann weiß ich auch nicht. Gelegentlich werden auch TEARS FOR FEARS als Einfluss genannt, es gibt eine gewisse Indiepop-Sensibilität.

Lassen wir Georgieff selbst zu Wort kommen, um zu beschreiben, in welcher Stimmung diese Songs entstehen: „Vor sechs Jahren fragte mich mein Therapeut: ‚Is this the hill you want to die on?‘ Ich höre Worte, und mein Gehirn verwandelt sie in Bilder … also stellte ich mir vor, wie ich blutig und ausgestreckt auf einem sonnigen Hügel liege, übersät mit Blütenblättern und Grabsteinen. Mutter Natur spielte bei der Entstehung dieses Songs mit: Die Bäume auf dem Hollywood Cemetery begannen gerade zu blühen, und ein oder zwei Stürme hatten den Rasen mit Blütenblättern übersät (…).“ Yesses! Ist das nicht kitschig? Ist das nicht schön?

Als Kontrast zu dieser überbordenden Gefühlsschmachtigkeit steht eine gewisse Do-it-yourself-Ästhetik: Georgieff spielt fast alle Instrumente selbst ein. Das verleiht den Songs etwas Kantiges, Unpoliertes – eine Reibung, die diese Musik vielleicht braucht. Die Lyrics schlagen in eine ähnliche Richtung: Sehnsucht und Verlangen sind hier nie ohne Schmerz, Sucht und körperliche Verletzungen zu haben. „Du hast die Haut an der Innenseite meiner Schenkel gekniffen/ Hast mir geradewegs in die Augen gesehen/ Und gesagt: Weine nicht!/ Verschwende nicht meine Zeit,/ Ich habe sie dir geschenkt/ Und sie gehört ganz mir!“, heißt es gleich im Opener „Red Light“, der eine bevorstehende Trennung thematisiert. Die Perspektive wechselt von der Frau zum Ich des Textes:

Ich würde deine Hand halten
und dich an jeder roten Ampel küssen,
ein paar falsche Abzweigungen nehmen,
bis es sich richtig anfühlt.
Warum sagen wir eigentlich Lebewohl?
An Abschieden ist nichts gut.
Ein Finger auf deinen Lippen, meine Zunge –
ich beiße zu.

So bietet uns dieses Album 25 Minuten Melodram in sieben Songs: Es lässt uns leiden, innerlich zerfließen, streichelt sanft und ritzt gleichzeitig leicht mit dem Messer. Bleeding-Heart-Rock für Liebende, Enttäuschte, Schmachtende – und für alle Außenseiter. Sollte ich Euch irgendwann ein Tape mit diesen Songs schenken, dann lauft so schnell ihr könnt!

AMEOKAMA: I Will Be Clouds In The Morning And Rain In The Evening

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Sind die Möglichkeiten des Industrial-Rock und -Metal bereits auserzählt? Die US-amerikanische Multiinstrumentalistin Aki McCullough alias AMEOKAMA hat etwas dagegen. Auf dem Cover von „I Will Be Clouds…“ posiert sie im Kimono, umgeben von Kirschblüten – ein deutlicher Bruch mit den typischen Selbstinszenierungen des Genres. Doch das Idyll könnte trügen. Das Gesicht ist auffällig geschminkt, sie starrt seltsam ausdrucklos in die Kamera – eine geisterhafte Porzellanpuppe, es liegt etwas Unheilvolles in der Luft.

Diese Doppelbödigkeit durchzieht das ganze Album. „My Fears Have Become Fetishes“ beginnt als schräge Varieté-Nummer mit Indiepop-Appeal, dissonant knurrt, spricht und singt sie über sich schräg windenden Gitarren, der Rhythmus bewegt sich wie ein kaputtes Kettenkarussell. Durchaus geisterhaft, was hier passiert. Gott wird angesprochen – sie ist eine Frau. Blasphemische Gedanken mischen sich mit Sadomaso-Phantasien:

Ich spucke Gott ins Gesicht, und sie flehte mich an, mehr zu tun./ Sie piss­te auf mein Grab mit donnerndem Regen, machte meinen Tod klein./ Wisch die Tropfen von meinen Lippen und öffne meinen Mund.

Gegen Ende steigert sich der Song in eine Lärmorgie, mit schwer groovenden Gitarren und dissonantem Fieben. Die Sprecherin schlüpft in eine Identität zwischen Mensch und Wassergeist: „Ich wurde im Wasser geboren – du kannst mir den Kopf nicht untertauchen./ Und wenn du es versuchst, könntest du etwas wecken, das du niemals töten kannst.

Das folgende „Phantom Cock“, wieder sehr explizit, ist eine groovende Clubnummer, die in jedem Kellerclub mit fleckig abgewetzten Sofas wunderbar funktionieren würde. Die Gitarren treten in den Hintergrund, dafür schrauben synthetische Bässe zwischen KMFDM und THE PRODIGY. Weibliche Selbstbehauptung spiegelt sich in einem imaginierten Penis; Motive von Bessessenheit: „Mein Phantom-Penis ist viel größer als deiner./ Sie lebt noch, und ich bin es, der der Geist ist./ Ich häute mich jeden Tag, um deine Haut tragen zu können./ Sie passt auf meine Leere wie ein Handschuh – und jetzt werde ich sie niemals loslassen.

Schon der nächste Song wechselt wieder den Sound: „I Am Driving a Car with a Cute Girl and Pretending That the World Isn’t Ending“ überblendet hochmelodischen Post-Punk mit geschrienen Passagen und schroffen KORN‑Gitarren. Auch dies ein potenzieller Hit – McCullough zeigt ihren schrägen, sarkastischen Humor: „Mal sehen, wer zuerst stirbt – dieser Planet oder ich?“, fragt sie. „Küsse mich, als wäre dies der letzte Tag auf dieser Erde.“ Mit Ravensong folgt eine schmerzhaft schöne Folkballade mit leicht verstimmter Akustikgitarre, leicht müde und erschöpft klingt ihre Stimme.

Dann wieder Aberwitz: Das zehnminütige „Izanami“ überblendet TOOL-artige Klänge mit avantgardistisch-jazzigen Soundspielereien. McCullough singt und flüstert beschwörend, sie schreit und growlt – sie windet sich und fällt in einen wahnhaften Zustand. „Izanami“, die Schöpfergöttin, Erschafferin von Ordnung und Chaos, die Macht weiblicher Schaffenskraft. Ein Windspiel, ein Fauchen, schwere Gitarrenwände und hallende Drums – oh my Godness!

Dieses Album ist ein Abenteuer und ein orgiastischer Rausch, zugleich ein mächtiges Statement weiblicher Kreativität. Es führt tief hinein in die japanische Mythologie, in geisterhafte Welten, in das schummrige Licht von Sadomaso-Klubs und in die Kulisse zerfallener Großstadtmetropolen. Eindrucksvoll beschreibt McCullough in einem Interview mit dem Ghostcultmag ihren Schaffensprozess: Geprägt von Kontrollverlust fällt sie in einen Rausch, arbeitet zwölf Stunden am Stück an einem Song, ohne zu essen oder zu schlafen, taucht ein in einen tiefen Tunnel. Ein Schreibprozess, der sie körperlich angreift und aufzehrt. Diese Besessenheit hört man dem Album deutlich an. Atemberaubend!

CHILDREN OF THE SÜN: Leaving Ground, Greet the End

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Das hier ist die ultimative „Loslassen“-Platte. Der Soundtrack dazu, am Sommermorgen barfuß über eine Wiese zu laufen, noch feucht vom Tau. Sich einen Grashalm in den Mund zu stecken, um genüsslich bis zum Sonnenuntergang darauf rumzukauen. Es ist der Soundtrack von Elfen, um nackt um eine alte Fichte zu tanzen, während der Pan mit Pferdehuf unredliche Absichten hegt und lustvoll auf die Leiber starrt. Ich bin dafür mittlerweile wahrscheinlich zu alt – der Anblick wäre kein schöner –, also erspare ich Euch das Bild.

„Leaving Ground, Greet the End“ ist mittlerweile die dritte Platte der jungen Schweden CHILDREN OF THE SÜN – und der Name ist Programm. Man schwebt, leicht berauscht, in anderen Sphären. Auf dem Cover sehen wir sie in weißen Gewändern, Hand in Hand einen Ringelreihen tanzend; es erinnert an heidnische Midsommar-Feiern, aber auch an Tauf- oder Konfirmationszeremonien. Entrückt blicken sie einander in die Gesichter. And that’s the Spirit – eigentlich könnte ich hier aufhören. Denn so, genau so, klingt diese Platte.

Es ist eine ganz spezielle Form von Retrorock, die sie hier zelebrieren. Nicht die schroffe, kantige Art. Sondern eine entrückte, fast traumwandlerische Musik, mit der Ausstrahlung einer Hippie-Kommune. Aufgenommen wurde die Platte in einer kleinen Hütte tief in den Wäldern von Värmland, umgeben von stillen Seen, moosbedeckten Felsen und dichten Kiefernwäldern – ein Ort, der wie geschaffen wirkt, um Klänge in die Luft zu malen und Zeit und Raum zu dehnen. Man darf davon ausgehen, dass sie die Sommermonate genutzt haben – jene Zeit, in der die milde Sonne sanft die Nasenspitze kitzelt. Oh my god, gleite ich hier gerade in Kitsch ab?

Da gibt es die markante Stimme von Frontsängerin Josefina Berglund Ekholm, mal glasglockenklar und hell klingend, noch sehr jung. Aber durchaus auch kraftvoll und leicht raspelig in den rockigen und souligen Passagen. Und die entrückten Chorgesänge der anderen beiden Girls, zuckersüß und himmlich, die alles in eine weihevolle, fast sakrale Atmosphäre tauchen.

Hinzu kommt das zurückgenommene, songdienliche Spiel der Band, irgendwo an der Grenze zwischen den 60ern und 70ern. Die Orgel klingt wie aus einer fernen Zeit, die es vielleicht nur in Träumen gab. Der Bass legt auch mal funky Grooves unter die Songs, die Gitarren kennen den Blues und das doppelläufige Spiel einer Band wie THIN LIZZY.

„Sugar“ heißt der erste Song, und der Name ist Programm: ein flotter, süß schmeckender Gute-Laune-Rocker im schnellen Tempo, der an FLEETWOOD MAC oder die psychedelischen Klänge amerikanischer Westcoast-Bands der Flowerpowerära erinnert. Mit dieser Nummer werden wir direkt auf den Highway zum Meer katapultiert. Das Schlagzeug treibt druckvoll, die Gitarren knarzen, und sofort spürt man die Sonne auf der Haut:

Stell dir vor, du cruist in einem glänzenden ’67er Impala,
das Radio auf Anschlag – ja, wir drehen den Lautstärkeregler auf elf!
Die Sonnenbrille kleidet uns cool, dass sie fast die Naturgesetze sprengt,
und der ultimative Sommerhit dröhnt aus den Boxen.

Doch die Band ist nicht so naiv, einfach alle Blumenkind-Klischees abzurufen, es gibt durchaus einen doppelten Boden. Es geht um eine toxische Beziehung, etwas fehlt, und so entwickelt sich die Liebe zwischen dem sprechenden Ich und der angesprochenen Person zu einem tödlichen Duell:

Denn eigentlich zählt nichts, wenn die Liebe die Form einer Waffe annimmt.
Ich sah, wie du den Abzug drücktest – doch du verfehltest, schmerzliche Freude.

Der Tod ist ein Leitmotiv auf diesem Album und mischt sich in die sommerliche Atmosphäre. Die jungen Schwed*innen ließen sich von Dokus über Kulte inspirieren, die sie während einer Tour durch Spanien im Bus sahen. Sie wollen Leben und Tod als universelles, kultur- und zeitübergreifendes Thema aufgreifen, wie sie im Pressetext betonen.

So eröffnet das Album eine weitere Facette: entrückte, schwermütige und zugleich unwirklich schöne Folkballaden. „Lilium“ beginnt mit sehnsuchtsvollem Satzgesang, der wie Weihrauch über die Wiese aufsteigt, bevor Sängerin Ekholm in der Strophe zum größtmöglichen Melodram ausholt:

Aus meinem verrottenden Körper werden Blumen wachsen,
pflücke sie, wenn du allein und voller Sehnsucht bist.
Und während die Zeit vergeht, verblassen meine Erinnerungen,
du wirst mein Herzschlag sein bis zum Ende aller Tage.

Schwebende Satzgesänge prägen auch das folgende „Starlighter“, ein Song, der uns völlig die Bodenhaftung verlieren lässt und – natürlich – mit zu den Sternen nimmt. Eine entrückte Countrynummer mit warmen Hammondorgel-Sounds und rührenden Drums, begleitet von einer slide-artigen Gitarre, die dem Ganzen zusätzliche Weite verleiht. Es ist dieser Moment, wenn sich in einer Alltagssituation plötzlich ein Raum öffnet, der Körper zu schweben beginnt und man in andere Sphären kippt:

Ich ertrinke mitten auf der Straße,
meine Füße gleiten dahin, meine Beine schlafen.
Ich ertrinke mitten auf der Straße,
meine Füße gleiten dahin, meine Beine schlafen.
Meine Füße gleiten dahin, meine Beine schlafen.
Ich falle in den Ozean,
in den Ozean.

„Come with me“ ist wieder eine flotte Gute-Laune-Nummer, perfekt, um mit der Kommune im Bulli gen Süden zu fahren, während das wehmütige „Lovely Eyes“ kinderchorartige Choräle auffährt und den Raum in dichten Nebel taucht. Interessant ist, was die Band mit „Whole Lotta Love“ von LED ZEPPELIN anstellt: Sie verwandeln den Song in eine entschleunigte, fast träumerisch träge Haschisch-Nummer, drosseln das Tempo deutlich – leicht verschleppt und müde klingt er nun, als würde man in einem Fichtenwald dahindösen. Das Album entlässt uns mit Orgelklang und himmlichen Chorälen, damit wir wieder sanft auf dem Boden landen können.

Q LAZZARUS: Goodbye Horses: The Many Lives of Q Lazzarus

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Dieses Album ist das Zeugnis einer Jahrzehnte umspannenden musikalischen Karriere, die bis in die späten Siebziger zurückreicht – von einer Sängerin und Songwriterin, die nie einen Plattenvertrag besaß. Und es ist zugleich ein bitteres Dokument dafür, wie musikalisches Schubladendenken – und wohl auch die Hautfarbe – eine vielversprechende Karriere vollständig verhindern können.

Zu Lebzeiten erschien von Diane Luckey, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Q LAZZARUS, nur ein einziger Song: „Goodbye Horses“. Er wurde durch den Film „Das Schweigen der Lämmer“ ikonisch – jene Szene, in der Serienkiller Buffalo Bill sich vor dem Spiegel schminkt und tanzt. Dass der Song überhaupt im Film landete, war reiner Zufall. Luckey lernte Regisseur Jonathan Demme kennen, als sie in New York als Taxifahrerin arbeitete, und spielte ihm während einer Fahrt ein Demotape vor. Demme war sofort angetan – der Rest ist Geschichte.

Die Compilation versammelt 23 Songs von Luckey – fast alles Demoaufnahmen, die meisten von ihr selbst geschrieben. Und das ist stilistisch ein wilder Ritt. Sie hat vieles ausprobiert, seit sie 1978 von einer Kleinstadt nach New York zog, als siebte Tochter eines verarmten Elternhauses, um eine Musikkarriere zu starten. Von Hard Rock über Soul und Reggae bis hin zu Synthie Pop, New Wave – und in den 90er Jahren sogar House und Eurodance. 1995 gab sie, vom Musikbusiness enttäuscht und stark drogenabhängig, ihre musikalischen Ambitionen auf und arbeitete fortan als Bus- und Taxifahrerin.

Doch es kann keinen Zweifel daran geben, dass Luckey als Sängerin und Songwriterin ein außergewöhnliches Talent war. Da ist zum einen diese warme, tiefe Stimme: rauchig und durchdringend, mit viel Volumen und Präsenz. Eine Stimme, die man sofort heraushört – und die einen Song allein durch ihre Darbietung zu etwas ganz Besonderem machen kann. Und da sind diese kleinen Songperlen, ausgefeilt komponiert, von denen einige das Zeug zu echten Hits gehabt hätten. Es gibt viel zu entdecken auf dieser Platte, auch wenn man bei der Soundqualität naturgemäß Abstriche machen muss – und nicht alle Songs, ihrem Democharakter geschuldet, bis ins letzte Detail auskomponiert sind.

Damit sind wir wieder beim Thema Rassismus. Luckey wollte als dunkelhäutige Frau mit Rastas in einer Hard-Rock-Band singen. Nach ihren Aussagen lehnten Plattenfirmen sie auch deshalb ab, weil sie einer Frau mit diesem Erscheinungsbild bei der anvisierten Zielgruppe keine Erfolgschancen einräumten. 1988 zog sie eigens nach London, weil sie sich dort bessere Möglichkeiten erhoffte, und gründete die Band Q LAZZARUS AND THE RESURRECTION. Doch auch dort blieb ihr ein Plattenvertrag verwehrt.

Und so finden sich auf dieser Compilation tatsächlich viele Songs, die eine rockige Note haben. Die schöne Crooner-Ballade „Heaven“ zum Beispiel, die mit ausgesprochenem Ohrwurmcharakter AOR und Soul verbindet – ein Song der Kategorie Powerballade, fantastisch gesungen. Oder das funkig verspielte „I See Your Eyes“, eine Nummer irgendwo zwischen Rock und New Wave, mit dominanten Keys, aber einem treibenden Rhythmus. „A Fools Live“ ist ebenfalls ein amtlich abgehangener Rocker, während sich „Flesh for Sale“, wenn auch etwas dünn produziert, sogar verdächtig nach Hair Metal anhört.

Doch auch andere Songs sind durchaus hörenswert. Die schwere Soulrock-Ballade „Momma Never Said“ verbindet typische 80s-Keyboards mit hardrockigen Rhythmen und 70s-Soulfeeling, während das bedrückende „Fathers, Mothers and Children Dying in the Street“, mit Bongos unterlegt, an den sozialkritischen Soul erinnert, wie ihn Curtis Mayfield auf seinem Debüt etabliert hat – inklusive eines fantastischen Basslaufs. Neben „Goodbye Horses“ vielleicht der eindringlichste Song der Platte. Spaß machen auch der elektronische Reggae von „Summertime“ und der schwüle Madchester-Funk von „Bang Bang“. Und dass ein Dance-Song wie „Love Lust“ in den 90ern europaweit ein Hit hätte sein müssen – darauf verwette ich meine Bonbonkette. Selbst diese Housetracks handeln noch von Schmerz und persönlichen Verletzungen.

Wie gern hätte man diese Songs mit einem voll ausproduzierten Sound gehört! Natürlich können sie in den Demoversionen ihre Klasse nicht ganz entfalten, hier und da krankt es an den Arrangements. Und doch ist das eine höchst faszinierende Sammlung, ein wertvolles Vermächtnis für eine außergewöhnliche Künstlerin. Erschienen ist sie auf dem ohnehin unantastbaren Sacred Bones-Label. Erlebt hat Luckey die Veröffentlichung nicht mehr: Sie starb im Juli 2022 an einer Blutvergiftung, kurz bevor ein Dokumentarfilm über sie gedreht werden sollte.

Species: Changelings

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Für Thrash-Metal-Fans war es ein verdammt gutes Jahr: das bockstarke Comeback von CORONER, die gelungenen Platten von Routiniers wie TESTAMENT und SODOM oder Newcomer wie die Münchener WHITE MANTIS ließen die Mosher so manche Freudenträne im Pit verdrücken. Das ultrabrutale Album der Chilenen CHEMICIDE habe ich an dieser Stelle abgefeiert. Jede dieser Platten wäre es wert, an dieser Stelle gewürdigt zu werden. Ich aber habe mich für die Außenseiter entschieden, die vielleicht spleenigste Thrash-Platte des Jahres.

In vielen Soundchecks schnitt „Changelings“, das Zweitwerk der Polen SPECIES, nicht besonders gut ab, mitunter landete es sogar auf den hinteren Plätzen. Das überrascht kaum. Denn diese Platte polarisiert. Es dürfte Rezensenten geben, die hier ohne Zögern die Höchstnote zücken – und solche, die genervt das Gesicht verziehen und nach zwei Minuten auf die „Stop“-Taste drücken.

Das ist Musik für Freaks und Nerds: für Menschen mit einer Vorliebe für Achtel- und Sechzehntelnoten und einer hohen Toleranz – oder besser: Begeisterung – für Aberwitz. Ich selbst ließ mich von den durchwachsenen Reviews zunächst abschrecken. Doch seit ich zum ersten Mal im Plattenladen stand und probehörte, war klar, dass ich unmöglich – auf keinen Fall! – auf diesen musikalischen Trip verzichten will.

Dass diese drei schnauzbärtigen Polen nicht so ganz in das klassische Schema einer Thrash-Band passen, wird schon auf den Promofotos deutlich. Dort posieren sie in quietschebunten Hawaii-Hemden und mit Schweißbändern an der Stirn – ja schade eigentlich, dass sich ein solcher Look, von ANTHRAX vielleicht einmal abgesehen, in der Thrash-Szene nie durchgesetzt hat. Wie geil wäre es denn bitte, auf einem Thrash-Konzert ein Blumenmeer aus bunten Trikots zu sehen? Ist ja nur eine Idee.

Was bekommen wir also geboten? Höchst versierten, progressiven Thrash auf den Spuren von ANACRUSIS, ATHEIST und den hierzulande wenig bekannten WOLF SPIDER. Auffällig ist zunächst die kauzige, leicht mickey-mausige Stimme des Sängers und Bassisten Piotr Drobina – eine Art heißeres Keifen mit deutlicher Verneigung in Richtung Death Metal. Hinzu kommt eine aberwitzige Abfolge virtuoser Gitarren- und Bassläufe, ständiger Rhythmuswechsel und Soli, die von hohem musikalischen Können künden. Doch ich schwöre: Für meine Ohren ist das gar nicht anstrengend.

Denn was diese Band auszeichnet, ist Spielwitz – im wortwörtlichen Sinne. Man merkt, wie durchdacht hier alles ist, wie jede Note gelebt und genossen wird. Da schwingt ein fast frank-zappa-esker Aberwitz mit, und es würde mich nicht wundern, wenn die Musiker ihre Instrumente nachts mit ins Bett nehmen. Ich sehe förmlich, wie der Schlagzeuger sich an seine Tom Toms kuschelt.

Da gibt es hochmelodische, stimmungsvolle Zwischenspiele wie in „Born of Stitch and Flesh“, die einen komplett in den Weltraum beamen – und an denen auch Fans der jüngeren BLOOD INCANTATION ihre Freude haben dürften. Dazu kommen elegant jazzige Grooves wie in „Terror Unknown“, in denen sich die Gitarre, kaum verzerrt, zurückhält und dem rhythmischen Spiel von Bass und Schlagzeug das Rampenlicht überlässt.

Dazu gesellen sich massig Riffs: verschlungen und verkniffen, dabei aber überraschend elegant fließend. Die virtuosen Fingerspiele sind kein Selbstzweck, sondern pointiert gesetzt und haben Chuzpe. Im Opening-Track stecken gleich drei Basssoli, die man beim flüchtigen Hören leicht überhört. Es ist, als führten die Instrumente ein angeregtes Gespräch, in dem sie einander kommentieren, ergänzen und widersprechen – und in dem auch viel gelacht wird.

Hinzu kommt eine unglaublich tolle und transparente Produktion. Jeden Beckenschlag, jeden Basslauf und jedes Pling der Gitarre hört man hier detailliert heraus, sodass man die einzelnen Noten förmlich mit den Händen greifen und mit ihnen jonglieren kann. Ich möchte jenem Rezensenten-Kollegen die Löffel langziehen, der den „dünnen Sound“ bemängelt hat. Ja, die Band verzichtet auf maximale Härte, die Gitarre ist nicht zu stark verzerrt, es gibt keinen „Loudness War“. Doch all das ist druckvoll und höchst eindrücklich in Szene gesetzt. Ich lehne mich sogar so weit aus dem Fenster zu sagen, dass dieses Album den besten Sound aller Thrash-Platten des Jahres hat. Bei solcher Musik geht es nicht darum, dass sie dich komplett wegballert, sondern um Details und Feinheiten.

Was hier im Wechsel- und Zusammenspiel der Instrumente passiert, ist schlicht großartig. Es gibt eine Art musikalisches Narrativ, eine Dramaturgie, die dich durch die Songs trägt. Atmosphärische Passagen und ruhige Zwischenspiele wechseln sich ab mit flott galoppierenden Riffattacken.

Oft schwingt dabei ein leichtes Fusion-Jazz-Feeling mit, sodass ich unweigerlich an PINK FREUD denken musste. Nein, kein Schreibfehler: gemeint ist die abgefahrene polnische Jazzband, die einen ganz ähnlichen Aberwitz an den Instrumenten zeigt. In den schreitenden, düsteren Momenten wiederum fühlte ich mich an die frühen EMERSON, LAKE AND PALMER erinnert, als diese noch eine spannende Band waren. Lediglich die genretypischen Texte fallen etwas hinter die musikalische Darbietung zurück. Geschenkt – das hier ist geil. Aber seid gewarnt: Ich bin auch der Typ, der „Control and Resistance“ von WATCHTOWER zur besten Metalplatte aller Zeiten gekürt hat.

OBIYMY DOSCHU: Vidrada

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Dass die Ukrainer OBIYMY DOSCHU nicht längst einen großen Namen in der europäischen Progrock-Szene haben, dürfte einen einfachen Grund haben: Sie singen in ihrer Muttersprache. Nicht nur das gemalte Cover von „Vidrada“ ist wunderschön und leuchtet in den sattesten Farben – so ist auch die Musik auf diesem Album. Das sechsköpfige Kollektiv spielt eine sehr melodische, sanft fließende Version des Prog, die viel auf Stimmungen und harmonieverliebte Momente setzt. Kein virtuoses Gefrickel – es ist Prog zum Hineintauchen und Zurücklehnen.

Der erste Song eröffnet mit Kinderlachen und einer harmonischen Leadgitarre. Sänger Wolodymyr Agafonkin steigt ein – seine hohe, klare Falsettstimme klingt voll und nuanciert, gefühlvoll gleitet er über das zurückgenommene Spiel der Band. Dabei setzt er sie songdienlich ein: kein übertriebenes Melodram, keine operettenhaften Gesten. Die Musik atmet ein Folkfeeling, geprägt von zahlreichen akustischen Passagen und der Bratsche von Olena Nesterowska, die auf diesem Album viel Raum bekommt. Große, elegische Melodien bauen sich auf, dazu idyllische Bilder. Es geht um den Wunsch, als Erwachsener den naiven, staunenden Blick eines Kindes zurückzugewinnen – und damit auch die Liebe zur Welt:

Manchmal überkommt uns ein Drang
ohne Grund,
auf Kastanienbäume zu klettern,
bis ganz nach oben,
loszulassen
und dem Wind nachzujagen,
durch ein Feld zu rennen
und sich frei zu fühlen.

Dieser sanfte, elegische Tonfall des Openers zieht sich durch das gesamte Album. Große Melodiebögen wechseln sich mit behutsamen Brüchen ab. Gelegentlich stottert das Schlagzeug nervös, rhythmisch gewagt, während die melodisch verspielte Leadgitarre auf feines Fingerpicking und die gleitenden Harmonien der Bratsche trifft. Nur selten bauen sich Soundwände auf, doch selbst dann bleibt das Klangbild dicht und vielschichtig. In manchen Momenten hat die Musik auch ein leichtes Kammerorchester-Flair.

Der zweite Song „At Distance“ thematisiert Trennung und Entfremdung, eine Hammond-Orgel klingt genretypisch und warm, das Schlagzeug streut jazzige Patterns, sehnsüchtige Streicher. Es ist ein Song, der sich sehr behutsam aufbaut, auf einen Höhepunkt zusteuert – auch er zeigt, wie wirkungsvoll es die Band versteht, Prog, Kammermusik und folkische Momente ineinander zu verweben. Im Finale wird der Song härter, das Keyboard windet sich nervöser, und wieder fallen in der Übersetzung die behutsamen Texte auf, etwa in den Bildern einer nächtlichen Busfahrt:

Der Zauber ist verflogen,
bald werden wir alt sein.
Scheinwerfer leuchten durch Fenster,
durch die wir einst den Schlaf verloren.
Wir treiben in Gedanken,
in einem überfüllten Bus,
leise auf der Suche
nach Spuren des Bewusstseins.

So ist das hier ein Album, das mit seiner tiefen Innerlichkeit und Sensibilität viel mit zeitgenössischen Progbands zu tun hat, Bands wie LEPROUS und PINEAPPLE THIEF – mit seinem elegischen, liedhaften Melodien aber eine eigene Klangfarbe findet und traditionell wirkt. Der natürliche und warme Klang der Instrumente, jedes exzellent in die Szene gesetzt, ist hier sehr wichtig. Man muss sich schon ein wenig einlassen auf dieses schwebende Gleiten und die behutsam gesetzten Höhepunkte, die sich möglicherweise nicht gleich sofort erschließen.

Und um nicht missverstanden zu werden: Der grundsätzliche Eindruck von Harmonie und Melodik bedeutet nicht, dass es hier keine Kontraste gäbe und sich die Musik im Schönklang erschöpft. Nur scheinen mir die kontrastierenden Momente sehr subtil gesetzt. Sie vollziehen sich eher auf der Ebene von Harmonien sowie rhythmischer Dehnung und Verdichtung statt in klar hervorgehobenen Gegensätzen. Es ist nicht die gewohnte Dramaturgie aus laut und leise, aggressiv und ruhend, wie man sie von so vielen Bands kennt.

So erweckt „Hurricane“ mit seiner einschmeichelnden Melodik beinahe den Eindruck eines Wiegenliedes, eines Stücks, das in sich selbst zu ruhen scheint. Thematisch geht es um den Aufbruch nach einem Sturm, sinnbildlich für ein zerstörerisches, vernichtendes Ereignis. Die zweite Strophe, die diesen Aufbruch nach einem Moment des Innehaltens beschreibt, wirkt dabei etwas hektischer und schneller gespielt als die erste – nur unmerkliche Verschiebungen, die eine neue Dynamik hineintragen. Im Hintergrund plickert die Leadgitarre unruhig, bevor die eher traurig gefärbte Strophe von einem energischeren, zupackenderen Refrain abgelöst wird, der sprichwörtlich den Raum öffnet:

Dort führt jeder Schritt in die Freiheit
und der Weg dorthin ist gewählt.
Dort kann ich alles tun,
und alle Zeichen werden gut sein.
Jeder unerschütterte Kummer
wird sich lösen wie eine Lawine aus Schnee,
und der Himmel wird sich mir zu Füßen öffnen.

„After the War“ ist ein tröstender Ausblick darauf, nach Ende des Krieges wieder nach Hause zurückkehren und das gewohnte Leben fortsetzen zu können – mit seinen idyllischen Bildern im Refrain fast eine Beschwörung des Friedens. „Nach dem Krieg/ lass die Schuld los/ und lebe jeden Moment in vollen Zügen./ Dort, wo sich unsere Felder weit erstrecken,/ werden wir in Glück leben“, singt Agafonkin. Dieser Song nutzt ein ähnliches Moment wie der vorherige: mit nervösen, elektronischem Pluggern in der Strophe, wird der Song im Mittelteil feierlicher, das Keyboard und die Bratsche spielen ein fast beschwingtes Motiv.

„Time“ wird in der Strophe von einem hibbeligen, repetitiven Muster der Bratsche getragen: Sie drängt, fast aufdringlich rückt sie einem auf die Pelle. Wieder ist ein Jahr vergangen, man flüchtet sich barfuß vor dem einsetzenden Herbstregen unter ein Dach. Der Refrain scheint in eine andere Tonart zu kippen, das Drängende der Zeit löst sich in einer umarmenden Geste auf, neue Möglichkeiten erschließen sich:

Jeder Tropfen verändert etwas in der Seele,
dort, wo der Regen nie versiegt,
damit wir eines Tages, den Träumen lauschend,
vom Frühling lernen können.

„Vidrada“ ist kein Album für jene, die schroffe Kontraste oder plötzliche Entladungen suchen. Es verfolgt eine fast zärtliche Vision von Prog Rock und Metal. Mit dem grenzenlos optimistischen „Don’t Give Up“, das in einen Choral mündet, endet das Album – und man wird mit einem der schönsten Songs des Jahres in die Alltagswelt entlassen.

PINK SIIFU: BLACK’!ANTIQUE

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2025 war ein gutes Jahr für experimentellen Hip-Hop: Interpreten wie BILLY WOODS, CLIPPING. oder DANNY BROWN haben hörenswerte, genresprengende Alben veröffentlicht. Den Höhepunkt an Aberwitz und Experimentierfreude lieferte aber Livingston Lemorie Matthews alias PINK SIIFU. Der Rapper und Produzent aus Birmingham, Alabama, vertont mit seinem vierten Album BLACK’!ANTIQUE eine Art schwarze Kulturgeschichte – auf seine ganz eigene Weise. Und wenn ihr glaubt, nun beim Stichwort „Rap“ schon einen Sound im Ohr zu haben: vergesst es.

SIIFU rappt mit einer raspeligen und heißeren, eindringlichen Stimme, die gern mal neben dem Rhythmus liegt, Silben hastig rollt oder abgehackt und vernuschelt klingt. Er rappt, wenn er nicht shouted. Oder die Stimme, geisterhaft verwaschen, weit in den Hintergrund mischt. Oder wenn er sanft und melancholisch singt, fast soulig, zwischen Sprechgesang und melodischer Performance wechselt.

Er ist kein Musiker, der sich auf ein Muster festlegen lässt, auf einen bestimmten Flow oder Vortrag. Als einen wichtigen Einfluss nennt er PRINCE – der sich ebenso ungern festlegen ließ. Aber das hier ist PRINCE vor der Kulisse einer kaputten Industriestadt, weit unberechenbarer, sprunghafter.

Das spiegelt sich auch in seinen Songs. So richtig weiß man nie, was einen auf seinen Alben erwartet und welchen Weg er als nächstes einschlägt. Volle 77 Minuten ist das neue Album lang, recht ungewöhnlich für ein Rap-Album. Und im Grunde ist es zweigeteilt. Im zweiten Teil gibt es mehr ruhige, melodische und soulige Songs, zuweilen auch mit einer leicht verwaschenen und abgehangenen Atmosphäre: SIIFU nennt auch Musiker wie SUN RA als Einfluss, deren fast spirituelle Idee von Jazz. Durchaus kann man dies zuweilen heraushören.

Und der erste Teil des Albums? Ist Collage. Eine noisige, berstende und alle Einzelteile auseinandersprengende Idee von Industrial-Rap, mit einer Vielzahl an Sampels, metallisch harten Rhythmen, geisterhaften Soundkulissen. Auch wenn wir keine Gitarren hören, ist das verdammt heavy. Wir hören Schreie und Geräusche wie von einem abstürzenden Flugzeug. Sirenen und Pistolenschüsse. Tiefe, hallende Garage-Sounds wie aus einem verwunschenen Fabrikgebäude. Hektische und nervöse Rhythmen, seltsam verschoben – und mitunter durchaus komplex. So erweckt er die schwarzen Ahnen von den Toten, ein mehrschichtiges Stimmengewirr. Lebendig stehen sie vor uns.

Wer hier die Lautstärke seines Kopfhörers zu laut aufdreht, könnte sein blaues Wunder erleben. Plötzlich dringen Lärm und Stimmen an das Ohr, die geeignet sind, panikartige Zustände auszulösen. Und doch ist das alles nachvollziehbar, wuchtig und nuanciert produziert – und es offenbaren sich Undergroundhits. Die Songs haben eine Dynamik und einen hypnotisierenden Sog, sie steigern sich, und repetitive Muster werden immer wieder mit überraschenden Details und Wendungen angereichert. Gegen manches, was hier passiert, klingt Trent Reznor bieder. Auch so manche Black-Metal-Band dürfte ziemlich alt aussehen.

Man muss sich vielleicht den brutalen Aberwitz eines Songs wie „ALIVE & DIRECT’!“ in seiner ganzen Länge geben, um zu verstehen, was hier passiert – einer der wirkungsvollsten Songs des Jahres, wie geschaffen als Soundtrack für Trumps Amerika. Angefangen beim unheilvollen Grundrauschen zu Beginn bis hin zu den heftig hinausgeschrienen Raps über Hochspannungsbässen. Die Texte SIIFUs lassen sich kaum ins Deutsche übertragen – die Doppeldeutigkeiten, die Mehrstimmigkeit, sein exzessiver Einsatz des N-Worts. Vorgaben der Political Correctness erfüllt er dabei nun wirklich nicht. Und dann gibt es diesen plötzlichen MANOWAR-Moment, wenn er auf Kriegszug geht: „Ich brauch’ all eure Köpfe am Thron / Straßenwild / Tote weiße Gesichter / Ja, Tasche voll mit Steinen.“

Die folgenden Songs sind etwas zugänglicher und melodischer, manche gar tanzbar – aber immer noch sehr heftig. „1:1[FKDUP.BEZEL]“ – SIIFU hat eindeutig ein Faible für kryptische, eigene Songtitel – überblendet den Aberwitz mit harmonischem, fast weinerlichem Singsang, bis er plötzlich das Tempo wechselt, mit seltsamen, nervösen Elektrosounds und Bounce-Momenten. Zuweilen packt er ein hardcoreartiges Shouten aus. Und dann, aber circa Song Nummer neun, wird das Album ruhiger und relaxter, zeigt ambientartige Flächen, jazzige Synths und Anflüge von Soul. Als wolle er uns die Möglichkeit geben, wieder aus der Hölle herauszufinden. „Girls Fall Out Tha Sky“ fährt einen melodischen Refrain aus, bei „Last One Alive“ ist SIIFU bei Jazz angekommen. Ganz zur Ruhe kommt das Album freilich nicht.

WYTCH HAZEL: V – Lamentations

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Es ist mal wieder Zeit für diese „Der Müllerbursche und sein Kätzchen“-Band, die mit ihren geschnürten Tunika-Hemden und Gürteln direkt aus Grimms Märchen gestiegen ist und nun als Bruderschaft den christlichen Glauben verkündet. Das Album wurde in einer verwunschenen Getreidemühle aufgenommen, eingebettet zwischen sanften Hügeln und rauen Weiden, vor der mächtigen Silhouette von Lancaster Castle und den stillen Mauern einer alten Abtei. Zwischen eichenen Zahnrädern, knarzenden Dielen und staubigen Leinensäcken stammt der Strom vom frühen Krähen eines Hahns, das sich in den Balken festgesetzt hat, und vom Blitzschlag in einer geborstenen Eiche. Als Schlagzeug dienen alte Tränk- und Futtertröge, bearbeitet mit einem Holzschlegel, und der Bass ist das Rollen einer Pferdekutsche, die Heu transportiert. Im Hintergrund miauen die Kätzchen, während Feen auf saftigen Wiesen tanzen – das hier ist alter Landgraftschaftssound.

Tonwechsel: Es gibt Stimmen, die kritisieren, WYTCH HAZEL seien eine konservative Band – und es stimmt ja auch. Wie keine andere beschwört sie den Spirit des 70er-Jahre-Hardrocks, von THIN LIZZY über WISHBONE ASH bis hin zur frühen New Wave of British Heavy Metal. Doch irren all die Ketzer und Heiden, die behaupten, WYTCH HAZEL hätten mit „Lamentations“ einfach ihre früheren Alben noch einmal aufgenommen. Die Platte trägt einen düsteren Grundton, genährt aus den persönlichen Krisen von Bandkopf Colin Hendra und aus Depressionen – auch wenn das göttliche Licht bei dem tiefgläubigen Christen am Ende alles überstrahlt. Und so kommt dieses Album introspektiver und vielschichtiger daher als der Vorgänger, es hat seine grüblerischen Momente – nachzuhören in Songs wie „Run the Race“:

Ich habe mein Leben mit bestem Willen aufgebaut –
War es am Ende vergebens?
Paradies – ist dort ein Platz für mich?
Dunkler Abgrund – Ich laufe dir entgegen!

Vor allem aber ist dieses Album eine Liebeserklärung – eine hingebungsvolle Verneigung vor der Kunst des klassischen Songwritings. Nur beim flüchtigen Hören wirken die Songs schlicht, dann offenbaren sie raffiniert verwobene Harmonien und schier salbungsvolle Melodieverläufe. Es ist auch eine Liebeserklärung an die Gitarre: Welche Band sonst kann die Saiten derzeit so wirkungsvoll zum Klingen bringen? Dieses kunstvolle Spiel mit mehrstimmigen Läufen und fein gezeichneten akustischen Passagen – Leute, höre ich mich gerade zu weihevoll an? – beherrschen nur sehr wenige Bands.

Es sind auch die vielen Details, die dieses Album zu etwas Besonderem machen: die virtuos gepickte Akustikgitarre zu Beginn von The Citadel, in der sich die Mystik des 60er-Jahre-Folk spiegelt, von Bands wie PENTANGLE und TREES. Der quirlige Basslauf in Elements, welcher den zuckersüß melodischen Leadgitarren entgegen läuft, während die Akustikgitarre dem Song eine schwebende Grundierung verleiht. Subtile Rhythmuswechsel lassen die Songs auf eine Art fließen, dass selbst in den flotten und treibenden Momenten die meditative Stimmung nicht verloren geht. Bridges und Refrains bauen sich feierlich auf, ohne komplett ins Pathos zu kippen.

WYTCH HAZEL brauchen keine Effekte und keinen aufgeladenen Bombast, um sakrale Momente zu schaffen: Die Produktion bleibt rau und urtümlich. Es sind die sorgfältigen Arrangements und die feinen Umschaltmomente, die hier für Spannung sorgen.

Und es gibt noch etwas, das mich für dieses Album einnimmt: Hoffnung. In Hendras allegorisch verdichteten Bildern gibt es einen therapeutischen Impuls, der den Blick auf einen positiv gestaltbaren Zukunftshorizont eröffnet. Hendra mag ein frömmelnder Christ sein, doch Dogmatismus, so glaube ich, liegt ihm fern. Er nimmt sogar Split-EPs mit Bands auf, die ein okkultes Image pflegen. In Zeiten von Kriegen, Unruhen, Trump und einer polarisierten Gesellschaft ist es schön, Songs zu haben, die Licht ins Dunkel bringen. Gehen nicht auch Atheisten manchmal in die Kirche, nur um eine Kerze anzuzünden? 2025 war Lamentations genau diese Kerze – die heilende Kraft, die im Closing-Track beschworen wird. Amen.

THE ADVENTURES: Once More With Feeling

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Die Nordiren THE ADVENTURES veröffentlichten 1985 mit Theodore and Friends und The Sea of Love zwei der schönsten Gitarrenpop-Alben der 80er, bevor sie sich nach einigen schwächeren Alben 1993 auflösten. Kaum verzerrte Gitarren trafen auf melodiegetränkte Harmoniegesänge, dazu eine sanfte, hohe Stimme – und ein Gespür für Refrains, die einen leicht in andere Sphären trugen. Man konnte sich fühlen, als schwebe man in einem Heißluftballon über grüne Wiesen und alte Industriestädte, das Fernrohr ausgefahren, die Weite der Welt bestaunend. Wer Bands wie CROWDED HOUSE oder die unterschätzten LOVE & MONEY zu schätzen weiß, versteht, was ich meine: Eleganz im Songwriting, schlicht und doch edel wie Hornknöpfe an einem feinen Revers.

Im Frühjahr 2025 meldeten sie sich nach über 30 Jahren zurück. „Once More With Feeling“ stand eines Tages im Regal meines Plattenladens. Und ich musste kurz googeln, ob es wirklich DIE Adventures waren – oder ob sich wieder eine Nachwuchsband den falschen Namen ausgesucht hatte. Doch ja, sie waren es! Und obwohl das Cover Polarlichter über einer Winterlandschaft zeigt, wurde es für mich zum Sommeralbum des Jahres. Oft lief es auf Fahrten mit dem Rad zum Badesee, beim entspannten Abhängen am abendlichen Strand oder beim Schlürfen alkoholfreier Waldmeisterbowle.

Doch erst war da Enttäuschung. Die Stimme von Sänger Terry Sharpe ist merklich gealtert: Sie klingt heißer, leicht krächzend und hat den ätherischen Schönklang früherer Tage verloren. Das wird durch die helle und klare Stimme von Backgroundsängerin Eileen Gribben ausgeglichen, die auch schon auf dem Debüt zu hören war. Sie bekommt mehr Raum und prägt zunehmend den Sound der Band.

Zudem zeigt sich eine neue Leichtigkeit im Songwriting. Klangen die Klassikeralben noch recht pathetisch, sind die neuen Songs von Bandkopf Pat Gribben nun lockerer, lässiger – und humorvoll. Ein britischer Humor, der Lebensweisheit und Melancholie mit einem eigenwilligen Witz verbindet. Gleich im tollen Opener „My Imaginary Girlfriend“ zu hören, in dem ein sprechendes Ich seine einzige Freundin besingt: Sie existiert nur in seinem Kopf. Schräge Reflexionen über die Unwägbarkeiten der Liebe mischen sich mit Motiven von Einsamkeit:

Es scheint so, als gäbe es seit Anbeginn der Welt
immer jemanden, der anderen das Herz bricht.
Ich bin nicht der Typ, der sich einen großen Plan ausdenkt,
ich bleibe lieber sicher in meinem Zimmer,
wo ich genau weiß, wo ich stehe.

Doch selbst dieser Song klingt unverschämt beschwingt. Er bewegt sich im flotten Tempo und fährt hymnische 80s-Synthies auf, wie man sie von BRUCE SPRINGSTEEN kennt. Der Prechorus, gesungen im Duett von männlicher und weiblicher Stimme, schmilzt wie Zartbitterschokolade in der Sonne. Man kann gar nicht anders, als gute Laune zu bekommen.

Das zum Sterben schöne „When the Sun Goes Down“ ist vielleicht der Soundtrack schlechthin, um an einem schwülwarmen Sommerabend zum Freilichtkino zu radeln: Melancholie wird stimmungsvoll in pure Lebensfreude verwandelt. Eine perlende, virtuos gezupfte Akustikgitarre trifft auf schwebend leichte Harmoniegesänge, selbst wenn die Ahnung des Todes bereits über der Lebensreise liegt. Ein Song, der Trost und Wärme spendet. Der Bass schreitet gemächlich dahin – bamm bamm bamm bamm bamm – wie ein Kamel in Reisegeschwindigkeit. Dazu schöne, versöhnliche Zeilen:

Wenn die Sonne untergeht / ersetzen die Sterne sie./
Kann ein Lächeln mein Gesicht erhellen,/
wenn die Sonne untergeht/
und ich meinen Lauf beendet habe?/
Du bist es, die ich in meine Arme schließe und festhalte/
wenn die Sonne untergeht.

„Lovetalk“ ist ein fröhlicher Uptempo-Groover mit LIGHTNING-SEEDS-Grinsen im Gesicht, wie ihn vielleicht nur britische Bands hinbekommen. Ganz anders die Folkballade „Lucy“, gesungen von Eileen Gribben: ein zutiefst persönlicher Tribut an die verstorbene Nichte der Band, voller Wehmut und Trauer, der auch bei ihrem Begräbnis aufgeführt wurde. Spannend dabei: Geschrieben wurde das Stück gemeinsam mit Cathy Dennis, der Songwriterin hinter Hits für KATHY PERRY oder die SPICE GIRLS. Ursprünglich war „Lucy“ für die Castingband S CLUB 7 gedacht – hier jedoch bekommt er einen ganz neuen, schwermütigen Anstrich.

Im zweiten Teil biegt das Album vermehrt in Richtung Country und Folk ab. Doch sanfte Melancholie, ausgefeiltes Songwriting und das milde Grundfeeling verhindern, dass manche Songs in „Yippie-Yeah“-Cowboyhutmugge abdriften. Es sind eben nordirische Kühe, die dort gemütlich kauend auf der Weide stehen – und so lässt sich sogar eine Bumm-Tschak-Nummer wie „The Hanging Tree“ genießen, ohne den Drahtesel auf dem Weg zum Sommersee gegen ein echtes Pferd eintauschen zu wollen. Ein schönes, fast altersweises Album voller heller Momente.

ASHNIKKO: Smoochies

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Gnihihihihi. Ich muss zugeben, dass dieses Album meinem 13-jährigen Schulhof-Ich so manches verdorbene Grinsen ins Gesicht geschleckert hat. „Smoochies“, das neue Album von Ashton Nicole Casey, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen ASHNIKKO, kommt wieder ziemlich explizit daher. Und nicht missverstehen: Die Texte haben einen doppelten Boden und wirken dabei sehr erwachsen. Es ist ein bewusstes Spiel mit – nun ja – dem Körper und den damit verbundenen Zuschreibungen, inklusive der dazugehörigen Körperöffnungen.

Casey zitiert und besetzt dabei Begriffe neu, die man zunächst als abwertend lesen könnte. „Ich bin ein kleines Schmuckstück“, singt sie in „Trinket Girl“, der Titelsong heißt „Smoochie Girl“ – ein Begriff zwischen Süßlichkeit und etwas Matschigem. „Schon ein winziger Splitter reicht, um mich aufzureißen“, heißt es an anderer Stelle, doppeldeutig angesiedelt zwischen sexuellem Verlangen und Verletzlichkeit.

Casey verdreht diese Begriffe bewusst: mal stammen sie aus Influencer- oder High-Society-Sprachfeldern, dann wieder aus Codes von Selbstoptimierung und emotionaler Selbstvermessung. Die Begriffe zirkulieren durch gegensätzliche Register – von Beauty- und Selbstvermarktungs-Sprech über Rap- und Geek-Vokabular bis hin zu Kink-, Porno- und Horrorsprache.

Und die Musik? Eine herrlich überdrehte Idee von Popmusik: hibbelig, groovig, tanzbar. Quietschebunt kommt dieses Album daher. Casey bewegt sich zwischen Sprechgesang und heißerer R’n’B-Stimme, klingt mal zuckersüß, dann wieder unnahbar und angriffslustig – und springt schräg über die Beats, sodass man fast an MISSY ELLIOTT denken muss.

Die Beats pumpen und setzen Wirkungstreffer in einer Gegend, die man sonst eher mit Erröten als mit Chartplatzierungen verbindet. Und keineswegs macht es einem die Musik leicht: Nervöses Fieben à la Nintendo, ungerade Rhythmen, stotternde Effekte und hochgepitchte Störgeräusche jagen durch die Tracks. Hooks werden nur angedeutet und wieder abgebrochen, Trap trifft auf hyperaktive Pop-Synths, experimentelle Effekte und kantige Klangflächen. Dieses Album ist ein Gestaltenwandler, und er wandelt sich ziemlich schnell: mal quietschebunt und hyperaktiv, mal dunkel und drohend, mal verspielt, mal aggressiv. Hyper-Pop ist hier nicht nur Behauptung.

Das alles hat auch einen schrägen Witz. „I want you in my body like microplastics“, singt ASHNIKKO in der dreckigen Clubnummer „Microplastics“, und im straight pumpenden Trap-Irrsinn „Full Frontal“ heißt es: „Ich will mein Hirn nicht benutzen, Lobotomie – das fühlt sich so gut an / Auf dem DJ-Pult sitzend spüre ich den Beat durch meinen Körper / Ich glaube, mir gefällt, wo das hingeht (uh-uh) / Ändere das Lied nicht, die Stimmung steigt / Wovon haben wir gerade geredet?“ Selbst beim Sex kommt noch ein Eichhörnchen um die Ecke, das einen plötzlich ablenkt.

Macht das Spaß? Natürlich. Auch wenn einige „Reizüberflutung!“ schreien mögen. Streng genommen ist ja auch Sex eine einzige Reizüberflutung. Oder scharfes mexikanisches Essen. Oder eine Wildwasserfahrt. Wem das alles zu bunt und überdreht ist, der kann ja alternativ in der Mediathek alle 70 Folgen der „Schwarzwaldklinik“ schauen.

Pinker Drink, Minirock-Kink,
Ich seh mein Spiegelbild, ich zwinkere,
Lass uns connecten, komm, wir geh’n aufs Gaspedal!

TRHÄ: ducel ëf ∂acet’asde§ den alëcaáhabna ë∫ igatenamëc. já sjaboj. já qá§mëna. ëmat’alsob nimëde eh enΩëcunnab nipi¶e

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Nein, ich habe mir den Albumtitel nicht ausgedacht – das Ding heißt wirklich so. Schon allein deshalb verdient es einen Platz in der nerdy Jahreswertung. TRHÄ ist das Soloprojekt des mexikanischstämmigen US-Amerikaners Damián Antón Ojeda, der im Großraum Chicago lebt. Über den Musiker ist wenig bekannt, nur dass er äußerst produktiv ist: Drei EPs hat er in diesem Jahr veröffentlicht, alle über 30 Minuten lang, jede ein wenig sonderbar – und jede auf ihre Weise sehr gut. Seit 2020 hat Ojeda mit diesem Projekt mehr als 30 Alben herausgebracht – und nebenbei musiziert er in vier weiteren Bands!

Auf seiner 39-minütigen EP spielt er alle Instrumente selbst und singt – ja, was eigentlich? Der Albumtitel ist schon auffällig: 47 Silben lang, voller Sonderzeichen, kryptisch, und er klingt wie das Gemurmel bei einem schamanischen Ritual. Ich habe also Chattie hinzugezogen, ähm, ChatGPT: Er meinte, es sei eine Art Phantasiesprache. Auch Übersetzungsprogramme konnten nichts damit anfangen.

Und dann fiel es mir wie – öhm – Bohnen aus den Ohren: Seit wann versteht man im Black Metal eigentlich die Texte? KEIN MENSCH hat jemals verstanden, was da gesungen wird. Dass die sehr geschätzten AARA in Schwyzerdytsch singen, weiß ich nur, weil ich es gelesen habe. Okay, bei „Call of the Wintermoon“ kann man noch etwas erahnen. Alles andere? Lautmalerei, genretypisch: Krrraaahhh-sshhh-gggrrr… aaaaaarghhh-hhhh… sszzhh-krrrkkk… ohhh-uuuuhhh… 😂

Mister Ojeda benutzt also seine Stimme eher wie ein Instrument, er mischt sie weit in den Hintergrund – und doch transportiert sie eine fast zerberstende Emotionalität, ein infernalischer Mix aus Wut und Verzweiflung. Und es ist höchst faszinierend, was auf diesem Album passiert. Die Musik ist oft die pure Raserei, doch ebenso oft verschiebt er das Tempo, baut ambientartige Flächen und akustische Zwischenspiele ein. Fast wie eine Spieluhr klingen die Synths im über zehnminütigen Opening-Track, bevor die Raserei weitergeht und die Grenzen des Menschlich-Möglichen in Sachen Geschwindigkeit ausreizt. Man hört beinahe die Fingerkuppen bluten vom Gitarrenspiel, das Schlagzeug wird mit 16 Tentakeln bearbeitet. Das ist purer Aberwitz.

Zugleich strahlt diese Musik bei allem Geprügel eine große Verletztlichkeit aus. Vom Post-Black Metal und Depressive Black Metal – wer hat diese dämliche Genrebezeichnung eigentlich ersonnen? – übernimmt Ojeda Innerlichkeit, Melancholie und den mitunter verfremdeten Klang der Instrumente. Vom „traditionellen“ Black Metal der frühen 90er bringt er räudigen Lo-Fi-Sound und eine rumpelige Produktion mit, bei der die Instrumente auch mal absichtlich schief klingen – dazu diverse Blast-Beat-Ausbrüche. Ojeda schafft die Quadratur des Kreises: Er ist Old School und New School zugleich, in jedem Moment. Er ist der Sensible, der dir mehr Schrecken einjagt als ein Balrog mit flammendem Maul und Feuerpeitsche.

Das Tempo wechselt er häufig, was für den klassischen Sound untypisch ist, während das heiße Gekreische wieder sehr genretypisch wirkt. Primitivismus trifft hier auf Experimentierfreude: Mitunter klingen die Gitarren, die sogar mal japanische Harmonien zitieren, wie eine quietschende Tür oder Wind, der durch einen Fensterspalt pfeift. Er verwendet teils exzessiv harmonische Obertöne und viel Tremolo, was den Gitarren einen flötenden, zwirbelnden und mitunter pfeifenden Ton verleiht.

All jene haben also Unrecht, die sagen: „Diesen Mix kenne ich doch!“ Falsch – das hier ist Klangmalerei. Mit kleinen Verschiebungen in den Harmonien und beinahe unmerklichen Tonartwechseln, die oft wie ein kontrapunktisches Spiel wirken. Das hat durchaus etwas von Progressive- und Post-Rock, vielleicht sogar von Jazz. Wer glaubt, das Räudische resultiere aus begrenzten spielerischen Fähigkeiten, sollte sich die kurzen akustischen Passagen anhören – dort spielt Ojeda eine akustische Konzertgitarre, und das durchaus kunstvoll. Abenteuerlich und so noch nicht gehört!