MANTAR, SKELETONWITCH, EVIL INVADERS – Stuttgart, 23.11.18

Die Konzerte in Hamburg und Essen einige Tage zuvor waren ausverkauft und auch im Jugendhaus Hallschlag, einer alten Sporthalle, war es voll. Gut so, denn es war eines dieser Konzerte, von dem man später mal stolz berichten kann: Ich war damals dabei!

 

EVIL INVADERS: so lebendig war der Speed & Thrash nicht mal in den 80ern

EVIL INVADERS haben ein Luxusproblem: Neben Sänger Joe ist auch Gitarrist Joeri ein richtig guter Sänger und Frontman – das bewies Joeri bei der VEMON-Coverversion „Witching Hour“, die die Belgier gegen Ende ihres gut 30minütigen Sets auf die Bühne brachten. Ich würde sogar Joeri immer das Mikro überlassen – seine etwas raueren und vor allem tieferen Vocals gefallen mir besser als die Screams von Joe, der mir einfach zu sehr nach DESTRUCTIONs Schmier klingt.

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EVIL INVADS-Sänger Joe hat den Retro-Look perfektioniert

Optisch schenken sich beide nichts und ihre Schnauzbärte haben vermutlich nichts mit der Krebs-Aufklärungsaktion „Movember“ zu tun, zu der ein (möglichst hässlicher) Oberlippenbart als Erkennungszeichen dient. Davon haben EVIL INVADERS mit Sicherheit noch nie gehört, denn diese Band lebt in einer Zeitblase, in der die Thrash-Alben der 80er der letzte heiße Scheiß sind.

Auch optisch sind die Jungs total in den Achtzigern hängengelieben und würden auf dem KEEP IT TRUE wahrscheinlich nicht auffallen: Neben den Schnäuzern trägt man bei dieser Band Koteletten, Pony, Stretchjeans und bindet sich Lederriemen um den Oberarm. Eine Ausnahme ist Basser Max, der präsentiert seinen trainierten Oberkörper in einem RAINBOW-Shirt, natürlich mit Großraum-Armausschnitten.

Wer die ganzen Optik-Tricks von EVIL INVADER sehen will, muss allerdings schnell gucken, denn auf der Bühne sind immer alle in Bewegung, die Posen sitzen perfekt – und die Songs, irgendwo zwischen Speed und Thrash Metal der alten teutonischen Schule, wirken dadurch kein bisschen angestaubt, sondern absolut mitreißend! So viel Spielfreude und Begeisterung darüber, auf einer Bühne stehen zu dürfen, habe ich in letzter Zeit tatsächlich selten gesehen und so haben sich EVIL INVADERS vollkommen zu Recht von den zahlreichen Fans feiern lassen.

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SKELETONWITCH: Zeremonienmeister mit Ausstrahlung

Den bösesten Blick des Abends hat SKELETONWITCH-Sänger Adam Clemans, der mit seinen eisblauen Augen wahrscheinlich auch Löcher in Lederjacken schneiden kann. Hinter seiner Bühnenpräsenz verschwinden die anderen Bandmitglieder von SKELTONWITCH etwas, Clemans zieht mit Lederjacke, Lederhandschuhen, Hipster-Barts und ganz großen Gesten alle Blicke auf sich.

 

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Bösester Blick des Abends: Adam Clemans, Sänger von SKELETONWITCH

Die Gitarristen Nate Garnette und Scott Hedrick sowie Bassist (und Bill Steer-Doppelgänger) Evan Linger gehen aber nicht den bequemen Weg, sondern mühen sich nach Kräften, auch mal aus dem dunklen Schatten ihres übermächtigen Frontmans zu treten. Gelingt ihnen nicht immer, macht aber nichts. Die US-Amerikaner haben neben ihrem charismatischen Sänger nämlich auch das Zeug, ihre komplexen Black Metal-lastigen Songs live einfach genau auf den Punkt zu bringen, der das Herz eines Extrem Metal-Freundes zum Hüpfen und den Kopf zum Schütteln bringt. Clemans musste nur ganz kurz eine Kreisbewegung mit seiner Hand andeuten und schon formierte sich artig der erste Circlepit des Abends.

 

Überhaupt waren die Stuttgarter richtig gut drauf an diesem Abend: ein freundlicher Moshpit, eine unermüdliche Crowdsurferin, die den Anfang machte und freundlich(!) von der Security im Graben in Empfang genommen wurde und generell richtig viel Bewegung im Publikum schon bei den Vorbands ließen das Wasser an den Scheiben der Venue und den Schweiß am Rückgrat runterlaufen. Erfreulich auch die geringe Dichte an leuchtenden Smartphone-Displays, nur einige wenige konnten es offenbar nicht erwarten, live über die nächste Niederlage des VfB Stuttgarts informiert zu werden.

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MANTAR: Krach machen, Krawall machen, kaputt machen!

Mit „The Modern Art Of Setting Ablaze“ haben MANTAR einen heißen Kandidaten auf die Jahres Top 10 der besten Alben auf den Markt katapultiert und irgendwie scheint es einen genreübergreifenden Konsens zu geben, dass diese Band groß ist. Es dauerte zwar zwei, drei Songs, bis der Funke richtig übersprang – doch dann stand der Spannungsbogen zwischen Hanno Klaenhardt und Erinç Sakarya. Wie in der Nähe einer Starkstromleitung knisterte und bitzelte es auch im Publikum – und die Spannung kroch immer weiter von den ersten Reihen nach hinten, bis ans andere Ende der Sporthalle.

 

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Unbezähmbares Energiebündel: MANTAR-Sänger Hanno Klänhardt

Die Einstimmung auf das MANTAR-Set mit AC/DCs „Razor’s Edge“ war schnell weggesteckt: Der rohen Gewalt des norddeutschen Duos kann man sich nicht entziehen. Dabei schonen MANTAR weder sich noch das Publikum, abartig laut war’s vorne, ziemlich eng und warm in den ersten Reihen. Hannos Stimme klang zwar etwas angegriffen, das machte die Songs aber umso eindringlicher. Wobei man eigentlich gar nicht von Songs sprechen kann, denn bei MANTAR floss an diesem Abend alles ineinander, alte wie neue Songs wurden zum Konglomerat aus Wut, Aggression, Selbstzerstörung, Hass – und zwischendrin immer wieder kleine Glanzpunkte wie Hannos ehrliches Lächeln, seine Freude über die Publikumsreaktionen oder der unwiderstehliche Groove von „Sink + Forget“.

 

Schweißtropfen flogen von der Bühne und in gut einer Stunde erfüllten MANTAR alle Erwartungen – das war 120 Prozent Einsatz, ganz ohne die üblichen, inzwischen zum albernen Spielchen verkommenden Standards wie Zugaben. MANTAR spielten (wie die anderen Bands übrigens auch) ihr Set bis zum bitteren Ende, danach waren auch weder beim Publikum, noch beim der Band Reserven übrig. Kann man so machen, sollte man so machen. Schön, dabei gewesen zu sein.

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andrea
Kümmere mich seit 1999 um Reviews, Interviews und den größten Teil der *Verwaltung*, Telefon-Dienst, Beschwerdestelle, Versandabteilung, Ansprechpartner für alles, Redaktionskonferenz-Köchin...