SATAN, PORTRAIT, AFTER ALL: Konzertbericht – Paunchy Cats, Lichtenfels – 27.10.2022

Ein paar Gedanken vorweg zum Schauplatz des Rituals. Vor Jahren erreichte uns die Kunde, dass es in der dem Schwermetall nicht abgeneigten oberfränkischen Kleinstadt Lichtenfels eine Bar geben soll, die so tut, als sei noch immer 1989 am Sunset Strip in Los Angeles. Wir lachten herzhaft ob dieser schönen Vorstellung, doch dann trieb uns die Neugier eines Abends doch ins Auto und gen Norden, wo wir uns staunend an einem Ort wiederfanden, der nicht nur seinem Ruf gerecht wird, sondern wirklich speziell ist: Dem Paunchy Cats.

Im Paunchy Cats, dieser gepflegten, unglaublich liebevoll eingerichteten und stilsicher inszenierten Gaststätte, lebt Inhaber Sebastian Alsdorf nicht nur seinen XXL-Hair-Metal-Traum, sondern meistert den Spagat zwischen Anspruch und Wirklichkeit in einer fränkischen Kleinstadt, indem er sein Ding durchzieht, als coolster Spot am Platz nebenher aber auch das lokale Geschäft mitnimmt. Sprich: private Geburtstagspartys, wochentägliche Stammtische und Hochzeiten, die natürlich auch alle hier feiern möchte.

Wenn dann aber von Zeit zu Zeit internationale Genrekapellen zu Gast sind und live aufspielen, sind Publikum und Stimmung… nun ja, tatsächlich ein wenig so wie 1989 am Sunset Strip (zumindest in unserer Fantasie, wir waren damals ja auch nicht dabei): Die Mädels aufgestrapst, die Burschen schön mit Kajal und bunten Tüchern und überhaupt Jeans, Leder, Nieten, lustigen Warrior Names und Vintage-Bandshirts, die du – wenn überhaupt schon mal – lange nicht mehr gesehen hast. Dress to impress! Dazu alte und junge Kuttenträger oder auch Vertreter anderer Jugendkulturen von Rockabilly über Punkrock hin zu den zahlreichen Turbojugenden des Südens.

So prallen im Paunchy Cats immer wieder Welten aufeinander, es gibt schön was zu gucken und bisweilen ganz wunderbare Momente. Unvergessen, als neulich nach dem CRASHDÏET-Konzert um Mitternacht der erste Bauer im ONKELZ-Shirt im Raum steht und fassungslos auf die androgyn aufgestylten Konzertgäste starrt, die zu alten Stimmungshits von METALLICA und BON JOVI ausgelassen in die Nacht hinein tanzen.

Inzwischen verfügt der direkt am Bahnhof gelegene Mikro-Club auch über eine amtliche Minibühne mit satter PA sowie einer eigenen Imbissbude vor der Haustür. Stilistisch dem Glam-Rock/Metal-Genre verschrieben, findet hier aber auch mal Doom, Hardcore oder Horror Punk statt. Wenn das Poser-Gen stimmt, ist man stilistisch offen. All das hat sich längst auch in Musikerkreisen herumgesprochen, weshalb hier in der Diaspora schon Bands wie ANVIL, ENFORCER, LIZZY BORDEN, HARDCORE SUPERSTAR, CRASHDÏET, BLITZKID, MICHALE GRAVES, THE SKULL, COVEN, DEATHSTARS, DOG EAT DOG, DEEZ NUTS und WARRIOR SOUL und natürlich Genrehelden wie BANG TANGO, LITTLE CAESAR, DOGS D’AMOUR und die QUIREBOYS Halt gemacht und die Butze zerlegt haben.

Lichtenfels Rock City ist also immer eine Wallfahrt wert, und so gab es kein langes Zögern, als bekannt wurde, dass die NWoBHM-Helden SATAN auf ihrer laufenden Tournee einen Zwischenstopp im Paunchy einlegen.

AFTER ALL

Mit leichter Verspätung treffen Andi und ich in der Stadt ein und gehen nicht über Los, sondern direkt zu 3Fratelli am Marktplatz für eine schnelle Pizza. AFTER ALL stehen bereits auf der Bühne und der unverwüstliche Bilderbube mit der Kamera im Anschlag davor, als wir gestärkt und ready to rock am Tatort einschlagen. Die Thrasher aus dem belgischen Brügge sind scheinbar spontan als dritte Band für ein paar Dates auf das Billing gehüpft. Aber: Augenblick! Ich hatte die Kapelle, die sich seit Jahren emsig müht und einem immer wieder auf Konzerten und Festivals über den Weg läuft, als glatzköpfige und früh in die Jahre gekommene Thrash-Kapelle mit einem Faible für stylische Ed-Repka-Plattencover und schlechte Tribal-Tattoos in Erinnerung. Doch was da im Paunchy auf der Bühne steht, ist (zur Hälfte immer noch glatzköpfiger) US-Metal mit einer bemerkenswerten Prog-Kante, bei dem die Thrash-Wurzeln wenn überhaupt nur noch rudimentär durchschimmern. Mit Mike Slembrouck haben AFTER ALL einen neuen Frontmann an Bord, der optisch an den jungen Mike Howe (METAL CHURCH) und stimmlich an LETHAL und die frühen QUEENSRŸCHE erinnert. Leider hat der Schnuckel überhaupt nichts zu sagen, seine Ansagen bleiben metal-typisch hohl und nichtssagend.

Das dargebotene Liedgut ist gleichwohl ohne Tadel: Unaufdringliche aber ausgecheckte Kompositionen, die immer wieder ihre Momente haben, vor allem die erwähnte leichte Thrash-Schlagseite fügt sich prima ein. Dass AFTER ALL eines der hässlichsten Bandlogos der Szene führen, sei an dieser Stelle fürs Protokoll vermerkt. Freundlicher Achtungsapplaus für die Belgier, für die die Tour mit diesem Auftritt auch schon wieder vorbei ist.

Fotogalerie: AFTER ALL

PORTRAIT

Dann wird es orthodox: PORTRAIT aus Schweden entern die Bühne in Leder, Nieten und Patronen, erinnern optisch an “SPINAL TAP gehen mit THE DARKNESS in den lokalen Lederclub” … und legen unverblümt los mit einem flotten, traditionsbewussten Mix aus JUDAS PRIEST, MERCYFUL FATE und den frühen MANOWAR, der aber auch mal mit einem halben Discobeat oder einer kurzen Blastpart-Einlage aufgelockert wird.

Leider gilt wie schon bei AFTER ALL: Einstudierte Posen, hilflose Ansagen, viel Unsicherheit. Sänger und Frontmann Per Karlsson hat dem inzwischen auf 50, 60 Nasen angewachsenen Publikum nichts zu sagen, lieber fummelt er minutenlang an seinem In-Ear-Sender herum, der scheinbar nicht so tut wie er soll. Naja. Musikalisch ist das alles recht unterhaltsam und kurzweilig arrangiert, wenngleich ich auch hier keinen einzigen Hit höre, der mich nach der Show mit dem Geldbeutel in der Hand willenlos zur üppigen Merchtafel im hinteren Teil des Etablissements getrieben hätte. Dann lieber noch ein schnelles Bier und wieder vor der Bühne eingecheckt, die inzwischen ein simples aber effektives SATAN-Backdrop ziert. Das sorgt auch prompt für Gesprächstoff unter den Bangern, von wegen “dafür, dass die Band so früh mit ihrem Bandnamen haderte, gibt es gleich zwei großartige SATAN-Bandlogos”.

Fotogalerie: PORTRAIT

SATAN

Mit den ersten Takten von SATAN ist dann auch sogleich alles vergessen, was bislang an diesem Abend passiert ist. Was nun kommt, ist eine andere Liga – und eine andere Zeit. Die Briten treten in der Originalbesetzung ihres Klassikers “Court In The Act” aus dem Jahr 1983 an – und präsentieren sich vorzüglich gealtert, fast wie frisch aus der Zeitmaschine gepurzelt, über die Sänger Brian Ross so einiges zu erzählen hat (geht scheinbar viel um Zeitreisen bei SATAN, zudem ist der Mann ein großer Doctor-Who-Fan).

Optisch gut gealtert, ist es vor allem der Sound, der wunderbar old school ist und trotzdem schnittig und modern klingt. Ross ist nicht nur noch immer gut bei (markanter) Stimme, sondern ein Unterhalter der alten Schule. Wo die Vorgruppen nicht über ein “Seid Ihr alle da?” hinauskamen, parliert der Brite – eine schrullige Mischung aus Alice Cooper, Zauberer Gargamel und dem legendären Nürnberger Kozertveranstalter Peter Harasim – locker vom Hocker und weiß zu jedem Lied etwas zu erzählen. Unglaublich auch, wie er mitten in einem Song gedankenverloren ein Bonbon aus der Hosentasche fischt und eine halbe Ewigkeit lang das Papier nicht runterkriegt, während links und rechts von ihm Steve Ramsey und der ewig junge Russ Tippins Köpfe und Haare fliegen lassen und sich munter ins Nirwana solieren – fast schon ein Loriot-Moment!

Mit dem fantastischen Intro “Into The Fire” sowie dem “Court In The Act”-Doppelschlag “Trial By Fire” und “Blades Of Steel” gerät der Einstieg nachgerade legendär. Dennoch wird der Abend keine Nostalgiereise. Nach dem vorzüglichen Debütalbum verloren SATAN bekanntlich schnell ihren Weg, der Nachfolger “Suspended Sentence” sowie die EP “Into the Future” (beide 1987 erschienen, von denen es an diesem Abend aber nix zu hören gibt) waren beide recht enttäuschend. Die Band traf daraufhin einen Haufen bedauerlicher Business-Entscheidungen… und startete erst im neuen Jahrtausend neu und so richtig durch. Seit der Reunion 2011 erschienen vier Langspieler und ein Live-Album, die alle frisch und mächtig klingen.

So sind SATAN für die jungen Headbanger vor der Bühne eine aktuelle Band. Gerade auch die Beiträge aus dem neuen Jahrtausend werden gefeiert und lauthals mitgesungen, und tatsächlich sind Nummern wie “Testimony”, “Burning Portrait” (dieser Songtitel sei nun doch ein wenig respektlos der Vorband gegenüber, wie Kollege Dollinger anmerkt), “Twenty Twenty Five”, “The Doomsday Clock” und “Into The Mouth Of Eternity” auf Augenhöhe mit dem alten SATAN-Material. Bei derart hochklassigem Liedgut verfliegt die Zeit wie im Flug. Nach “Alone In The Dock” und einer schnellen Zugabe ist auch schon wieder Gelegenheit für ein Absacker-Bierchen, Autogrammjagd und Nerd-Gespräche mit Menschen, die man eben erst kennenlernt.

Was ein rundes, launiges Konzert! Zwar hätte nicht nur ich mich über einen Prä-“Court In The Act”-Song wie “Kiss Of Death” gefreut, aber: geschenkt. Auch diese Nacht im Paunchy Cats war wieder eine rundum wunderbare, die ich nirgendwo anders hätte verbringen wollen und für die ich nach der Pandemie noch viel dankbarer bin als davor.

Fotogalerie: SATAN

Fotos: Bilderbube (https://www.instagram.com/bilderbube.de/)