MARATHONMANN, CADET CARTER, MAFFAI, WILDES: Konzertbericht – Backstage Halle, München – 17.12.2022

Für MARATHONMANN ist das Jahresabschlusskonzert im Münchner Backstage quasi Tradition. Wir schließen uns da natürlich gerne an, um an der Seite der Münchner und des bunt gemischten Vorprogramms aus CADET CARTER, MAFFAI sowie WILDES das Jahr 2022 gemeinsam zu verabschieden – und dabei endlich wieder optimistisch in die Zukunft zu blicken.

Alle Jahre wieder. Für MARATHONMANN hat es fast schon Tradition, das Jahr mit einer großen Sause im heimischen Backstage ausklingen zu lassen. Eine Art Ritual, dem wir uns gerne anschließen wollen – immerhin sind wir selbst zum dritten Mal mit dabei, wenn die Münchner Band die letzten zwölf Monate Revue passieren lässt und gemeinsam mit befreundeten Künstler:innen zum Abschluss nochmal richtig Gas gibt.

Das ist so kurz vor den Feiertagen und inmitten des Vorweihnachtsstresses natürlich wie Balsam für die Seele, selbst wenn nicht immer alles komplett nach Plan läuft: 2021 etwa gab es zwei kurzfristige Absagen. Diesmal hingegen soll es zumindest im Ablauf mit CADET CARTER, MAFFAI und dem Duo WILDES keine bösen Überraschungen geben, obgleich ansonsten leider nicht alles eitel Sonnenschein war im Hause MARATHONMANN. Dem Quartett stecken turbulente sieben Tage in den Knochen, wie Frontmann Michi später noch anmerken soll.

Für den Moment aber spielt das noch keine Rolle, denn bis zum Auftritt des Headliners sind es bei unserer Ankunft noch ein paar Stunden hin. Wir nutzen daher die Zeit, um uns in der altbekannten Backstage Halle zunächst mit Bar und Merchandise-Stand vertraut zu machen. Dass die Lokalität gegen Viertel nach sechs noch recht leer wirkt, liegt in Teilen sicherlich an der frühen Uhrzeit. Doch auch am Haupteingang des Backstage Areals herrscht zunächst Verwirrung, wo die einzige Warteschlange eigentlich der Parallelveranstaltung gilt – den Nebeneingang zum Jahresabschlusskonzert scheinen nicht alle Besucher sofort entdeckt zu haben.


WILDES

Kurzum, es herrscht im vorderen Bereich der Halle zunächst noch gähnende Leere, als WILDES kurz darauf den Abend eröffnen. Beirren lässt sich das Duo davon allerdings kaum: Es ist eher noch beeindruckend, mit welchem Selbstverständnis und wie abgezockt die beiden Musikerinnen ihr Programm zwischen Alternative Rock und Synth Pop darbieten. Die staubtrockene Gitarre in „Leopard“ passt zu Konzept und Song genauso, wie der gespielte Balanceakt zwischen Selbstbewusstsein und Arroganz die Performance von „Bellezza“ unterstreicht.

Spätestens hier tauen dann auch WILDES selbst zusehends auf: Sängerin und Gitarristin Jenny, die sich beide Aufgaben mit ihrer Kollegin Jana teilt, wagt das erste Tänzchen auf der Bühne, bevor sie wenig später im ausladenden „Krake“ ein jam-artiges Gitarrensolo nachlegt. Dass dabei Schlagzeug bzw. Beat ausschließlich vom Band kommt, ist etwas schade, da gerade die beschwingten Stücke wie „Treibhaus“ oder „Leger in Schwarz“ mit der zusätzlichen Instrumentierung im Live-Format mehr Drive entwickeln könnten.

Obwohl WILDES ihr Konzept selbstbewusst durchziehen, will der Funke nicht so recht überspringen

So richtig packen können WILDES das früh angereiste Publikum nämlich nicht: Nach den einzelnen Stücken des mit über 40 Minuten überraschend langen Sets spenden die Zuschauer zwar höflichen Beifall, wirklich nah an die Bühne traut sich zur frühen Stunde aber noch niemand. Vielleicht ist auch schlicht die musikalische Schnittmenge im Backstage an diesem Samstag nicht groß genug: Mit ihren recht simpel und repetitiv gestrickten Songs sowie dem bewusst monoton gehaltenen Gesang lassen WILDES jedenfalls auch uns kalt, obwohl wir dem stimmig umgesetzten Konzept samt überlegt gewählter Bühnenoutfits durchaus Anerkennung schenken möchten.

WILDES Setlist – ca. 40 Minuten

1. Rawwr
2. Leopard
3. Karambolage
4. Bellezza
5. Räuber
6. Krake
7. Treibhaus
8. Zone
9. Konsum
10. Leger in Schwarz

Fotogalerie: WILDES


MAFFAI

Bessere Startvoraussetzungen haben indes MAFFAI, die um Viertel nach sieben zwar noch gegen anfängliche Berührungsängste des Publikums ankämpfen müssen, doch augenscheinlich eine gute Handvoll eigener Fans mitgebracht haben. Ohne Backdrop, aber immerhin mit personalisierter Stagebox samt aufgeklebtem Bandnamen, legt das sympathische Quartett mit Elan und Freude los. Das steckt schnell an, insbesondere weil das Material, das uns auf Platte manchmal etwas zu gestriegelt scheint, live um einiges kantiger daherkommt.

Zwar ist anfangs die Gitarre etwas leise und die Bass Drum zu dominant, die rockigen Nummern à la „Schieflage“ oder „Wurzeln“ bringen dennoch schnell Leben auf und vor die Bühne. Den leeren Platz davor – in die erste Reihe will sich abseits der Fotografen noch niemand vorwagen – füllt Frontmann Mike in Zweitgenanntem kurzerhand selbst, indem er die Gitarre beiseitelegt und den Münchnern direkt auf Augenhöhe begegnet.

MAFFAI wirken bodenständig und sympathisch, halten es heute Abend aber leider kurz

Das passt zur bodenständigen Art des Sängers, der zwischendurch auch mal die Sau rauslässt, nur um dann doch in einen Moment der Besinnlichkeit zu verfallen: Die Dankesrede an seine Mitstreiter kommt offenbar von Herzen, wenngleich MAFFAI kurz darauf mit dem punkigen „Geisterstunde“ nochmal richtig aufdrehen und schließlich dank des getragenen Synth-Rockers „Prunk“ das Backstage endgültig auf Betriebstemperatur bringen. Der einzige Wermutstropfen: Selbst wenn man tatsächlich dann aufhören sollte, wenn es am schönsten ist, bleibt dieses Finale nach einer guten halben Stunde eine verfrühte, doch immerhin überaus gelungene Schlusspointe.

Fotogalerie: MAFFAI


CADET CARTER

Dass CADET CARTER als Lokalmatadoren diesen Schwung mitnehmen können, versteht sich von selbst. Obwohl sich die Münchner Band heute Abend mit runderneuertem Line-Up präsentiert – sowohl Bass als auch Gitarre mussten im Sommer neu besetzt werden -, stimmt die Chemie auf und vor der Bühne. Schon zum unbeschwerten „In The Clear“ wird munter mitgeklatscht, während spätestens in „Windshields“ das Eis endgültig gebrochen scheint.

Zu verdanken ist das zumindest in Teilen Bassist Matze, welcher mit seiner energiegeladenen Performance dem Publikum vormacht, wie echte Rock’n’Roll-Etikette auszusehen hat. Die Folge: Zu „Blinding City Lights“ wird im vorderen Drittel ausgiebig getanzt, bevor das ordentlich nach vorn rockende „Break Away“ kurz vor Schluss nochmal alle Energiereserven abverlangt.

CADET CARTER holen mit ihrer Performance nicht nur die eigens mitgebrachten Fans ab

Schön zu erleben, dass der im Studio recht glatt produzierte Alternative / Emo / Punk Rock-Mix samt Frontmann Nicks warmer Singstimme im Live-Format so quicklebendig klingen kann. Mit dieser Symbiose aus Drive und Eingängigkeit holen CADET CARTER schließlich nicht nur die eigens mitgebrachten Fans ab, so dass sich die gut aufgelegte Menge zum Ende des kurzweiligen Auftritts gerne spontan als Background-Chor rekrutieren lässt, um “Loose Ends” gemeinsam zum Besten zu geben.

CADET CARTER Setlist – ca. 40 Minuten

1. In The Clear
2. Stumbling
3. Best Part
4. Windshields
5. Blinding City Lights
6. Telescope
7. Car Park Song
8. A Bad Few Weeks
9. Break Away
10. Loose End

Fotogalerie: CADET CARTER


MARATHONMANN

Die Stimmungslage in der Backstage Halle ist somit bestens, als nach rund 20 Minuten Changeover endlich die Hauptattraktion in den Startlöchern steht. Der schlichte Bandschriftzug im 80er Stil lässt dabei ebenso den neuen Look MARATHONMANNs erahnen wie die zahlreichen Neonröhren, die im Hintergrund in verschiedensten Farben aufleuchten. Wobei die Münchner trotz optischer Frischzellenkur nicht alles Bewährte über Bord geworfen haben: Der Einstieg mit JOURNEYs „Don’t Stop Believin‘“, bei dem Schlagzeuger Jo ausnahmsweise große Teile des Gesangs übernimmt, kennen wir schon vom letzten Jahr.

Dafür legt Sänger Michi schon beim folgenden „Nie Genug“ den Bass erstmal zur Seite, um die mittlerweile durchaus ordentlich gefüllte Halle mit vollem Körpereinsatz aufzupeitschen. Mit Erfolg, wie der sich umgehend formierende Pit in der Mitte beweist. Da wird der früh gezückte Klassiker „Holzschwert“ natürlich zum Selbstläufer.

Selbst brandneues MARATHONMANN-Material wird im Backstage begeistert aufgenommen

Überhaupt wirken MARATHONMANN heute hochmotiviert, wie wir in „Blick in die Zukunft“ besonders gut beobachten können, wo Frontmann Michi mit besonders viel Eifer über die Bühne fegt – fast so als müsse der ganze aufgestaute Frust der Woche nun raus. Und tatsächlich waren es schwierige sieben Tage für die Band, wie wir kurz darauf aus erster Hand erfahren. Nicht allein, aber auch der Unmut über die kurzfristige Änderung im Tour-Line-Up 2023 machten dem Quartett zuletzt zu schaffen.

Dass man aus den eigenen unglücklichen Entscheidungen gelernt habe, nimmt man MARATHONMANN in München jedenfalls ab. Böses Blut ist somit nicht zu spüren, im Gegenteil: Das Heinz Rudolf Kunze-Cover „Dein ist mein ganzes Herz“ singt und klatscht das Publikum genauso enthusiastisch mit wie im Jahr zuvor, während das brandneue Material mit ähnlicher Begeisterung aufgenommen wird. Die synth-gestützte Single „Auryn“ besteht ihre Feuertaufe etwa mit Bravour. Was im Soundmix den Gitarren an Power fehlt, macht der überraschende Auftritt von Saxofonist Michi Reiß auf einen Schlag wieder wett.

Einige bekannte Stücke präsentieren MARATHONMANN in neuem Gewand

Während sich Gitarrist Leo wenig später auch für die zweite Weltpremiere „Einraumleben“ hinter das Keyboard begibt, wartet der dritte neue Song im Bunde mit gleich drei Gitarren auf und zeigt, dass die Münchner das Rocken keineswegs verlernt haben. Ordnet sich „Feuer“ also problemlos in den Reigen gern gehörter Live-Nummern wie „Neumondnacht“, „Hinter den Spiegeln“ oder „In einer kleinen Stadt“ ein, haben MARATHONMANN auch sonst das eine oder andere Ass in der Hinterhand.

Neben bislang nie gespielten Raritäten („Hobbs End“) erklingen manche Stücke am heutigen Abend in völlig neuem Gewand. So werden sowohl „Onkalo“ als auch „Am Ende nichts“ mit Unterstützung von Ex-Gitarrist Johnny am Keyboard als halbakustisches Arrangement dargeboten, wodurch letzteres vorwiegend die melancholische Note des Stücks heraushebt. Doch ob es nun schnell und kraftvoll oder wie im starken „Die Bahn“ emotional zur Sache geht, ist am Ende des Tages nicht der springende Punkt. Im Backstage wird ohnehin jeder Track mit lautstarkem Beifall quittiert, bis mit dem unverwüstlichen Evergreen „Die Stadt gehört den Besten“ plötzlich die ganze Halle Kopf steht.

Zum Finale erhalten MARATHONMANN spontane Unterstützung

Den Refrain schreien dabei nicht nur hunderte Kehlen vor der Bühne inbrünstig mit. Auch MAFFAI-Sänger Mike erinnert sich offenbar an das heutige Motto „MARATHONMANN und Freunde“, als er sich das Mikro von Gitarrist Basti schnappt und Kollege Michi spontan zur Unterstützung eilt. Dass nach diesem vorgezogenen Finale noch nicht Schluss sein darf, weiß die Band genauso gut wie ihre Anhänger. Daher gibt es als Nachschlag nochmal ein paar bewährte Klassiker à la „Wo ein Versprechen noch was wert ist“ und schließlich „Wir sind immer noch hier“.

Dass für das gemeinsam gesungene Ende darüber hinaus Roadie und Band-Fotograf auf die Bretter eilen, ist genauso Sinnbild der familiären Atmosphäre wie Schlagzeuger Jos anschließendes Bad in der Menge. „Das alles hier soll nie zu Ende sein!“, gab uns Sänger Michi kurz zuvor noch im aufrüttelnden Refrain der Nummer mit auf den Weg. Ein Wunsch, den wir zwar nicht zum ersten Mal mit dem Frontmann teilen, aber dem wir heute ganz besonders beipflichten wollen.

MARATHONMANN Setlist – ca. 90 Minuten

1. Don’t Stop Believin‘ (JOURNEY-Cover)
2. Nie genug
3. Holzschwert
4. Blick in die Zukunft
5. Dein ist mein ganzes Herz (Heinz Rudolf Kunze-Cover)
6. Auryn
7. Hobbs End
8. Neumondnacht
9. Flashback
10. Einraumleben
11. Onkalo (Akustik)
12. Die Bahn
13. Hinter den Spiegeln
14. Feuer
15. In einer kleinen Stadt
16. Die Stadt gehört den Besten
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17. Am Ende nichts (Akustik)
18. Wo ein Versprechen noch was wert ist
19. Wir sind immer noch hier

Fotogalerie: MARATHONMANN

Fotos: Tatjana Braun (https://www.instagram.com/tbraun_photography/)