HARAKIRI FOR THE SKY, WALDGEFLÜSTER, KARG, BALD ANDERS: Backstage Werk, München, 25.09.2021

An einem milden Septemberabend laden WALDGEFLÜSTER ins Münchner Backstage Werk zur Albumrelease-Show. “Dahoam” musste zwar kurzfristig verschoben werden, dank hochkarätiger Unterstützung von KARG, BALD ANDERS und dem Headliner HARAKIRI FOR THE SKY fiel die Party dennoch nicht ins Wasser.

Wir alle wissen: Zu Hause ist es am schönsten. Doch wo der eine die Heimeligkeit des Eigenheims genießt, dreht sich beim Nächsten alles um die Natur und ihre Schauwerte vor der eigenen Haustür. Exakt dies wissen nicht zuletzt WALDGEFLÜSTER zu schätzen, die an diesem schwülen Samstagabend zum Album-Release laden. Tatsächlich ist „Dahoam“ eine solche Liebeserklärung an die bayerische Heimat, ihre Wälder, ihre Flüsse, ihre Berge. Dass die tatsächliche Veröffentlichung der Platte noch wenige Tage zuvor verschoben werden musste, soll die Stimmung dagegen nicht trüben – uns zieht es trotzdem aus den eigenen vier Wänden in die des Münchner Backstage, wo sich außerdem neben dem Headliner HARAKIRI FOR THE SKY auch KARG sowie BALD ANDERS angekündigt haben.

Ein volles Programm vor quasi ausverkauftem Haus also, das sich in Zeiten von Covid-19 so flexibel wie wandelbar zeigen muss: Dank 3G-Regel und vor dem Hintergrund der aktuellen Hygiene-Bestimmungen darf im Werk sogar wieder getanzt werden. Die Biertischgarnituren wanderten folglich aus der zentralen Arena in den äußeren Bereich des gestuften Areals, wo die zahlreichen Sitzgelegenheiten schon vor Konzertbeginn fleißig genutzt werden – zur Verpflegung, zum Plaudern und natürlich zum ausgelassenen Anstoßen.

BALD ANDERS

Das hat derweil zur Folge, dass es um halb sieben in der Mitte noch recht licht aussieht, als zum ersten Mal die Lichter ausgehen und uns von vorne einzig zwei hell leuchtende Augen anstarren. Ein zweiter Blick erst verrät uns deren Besitzer: Sie gehören einer hölzernen Eule, die mittig der Bühne die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Zumindest vorübergehend, denn als die vier maskierten Musiker die Bretter betreten, sticht insbesondere die venezianische Maske von Sänger Izzy mit ihrem exzentrischen Federschmuck ins Auge. War es hier noch nicht bewusst, lassen spätestens die ersten Töne keine Zweifel aufkommen: BALD ANDERS tanzen an diesem Abend musikalisch aus der Reihe – nicht aufgrund der Maskierung, sondern weil hier ausnahmsweise nicht im schwarzmetallischen Fahrwasser agiert wird.

Düster und kantig zeigt sich das Quartett, wobei sich die Band von ihrem rockigen Fundament nicht versklaven lässt. BALD ANDERS gehen durchaus experimentell zu Werk; lassen sich mitunter viel Zeit beim Songaufbau, nur um dann doch plötzlich das Tempo anzuziehen. Eingängige Gesangslinien paaren sich mit Melodramatik, drückendes Riffing stirbt plötzlich in leisen und zaghaften Arrangements. Das ist grundsätzlich spannend, vor allem weil der eigenbrötlerische Ansatz in „Safari Outer Space“ Charakter zeigt. Allein das Publikum will diesen Stilbruch so früh am Abend noch nicht so recht würdigen: Die Münchner spenden Applaus, auf Tuchfühlung will aber kaum jemand gehen. Das mag dem frühen Abend geschuldet sein – noch dürfte sich der Großteil der Besucher vermutlich hinters Steuer setzen – oder dem Außenseiterstatus der Formation, der an solch einem Abend nur schwer abzulegen ist. Eindruck hinterlassen BALD ANDERS in diesen 40 Minuten dennoch, nicht zuletzt weil ihr eigenwilliger Mix als Live-Darbietung einen durchaus eigenen Charme entwickelt, den wir in dieser Form nicht alle Tage auf der Bühne des Backstage erleben dürfen.

Fotogalerie: BALD ANDERS

KARG

Es zeichnet sich bereits während des Soundchecks ab: KARG scheinen als zweite Band des Abends doch so etwas wie ein heimlicher Headliner zu sein. Schon bevor das getragene Piano-Intro erklingt, füllt sich der Stehbereich der Arena auf ein beachtliches Maß. Zwar lassen die rücksichtsvollen Münchner auch hier immer etwas Abstand zum Vorder- und Nebenmann, freie Plätze werden so allerdings schnell zur Mangelware. Aus gutem Grund, denn das Soloprojekt des HARAKIRI FOR THE SKY-Frontmanns J.J. ist von der ersten Sekunde an vereinnahmend. Zu verdanken ist das auch dem exzellent abgemischten Ton, der selbst vor drei Gitarrenspuren nicht kapitulieren muss.

Der atmosphärische und dezent melancholische Post Black Metal kommt beim Publikum dementsprechend gut an – nicht nur weil eine offensichtliche Nähe zum Headliner besteht, sondern weil die ausladenden Kompositionen selbst das richtige Maß aus Melodie, Emotionalität und Aggression finden. Eine Mischung, die regelrecht ansteckend wirkt, weshalb vor der Bühne schon bald die ersten Nacken zu rotieren beginnen, während anderorts die Fäuste nach oben schnellen. Zwischendurch sorgen gesprochene Samples in „La Tristesse Durera Toujours“ und später „Petrichor“ für bedrückende und nachdenkliche Momente, wodurch sich die bayerische Landeshauptstadt sogar zum rhythmischen Klatschen animieren lässt. Inmitten dieser durchdringenden Atmosphäre verstreichen 50 Minuten geradezu wie im Flug, weshalb wir nach den letzten Tönen des eindringlichen „Tod, wo bleibt dein Frieden“ nicht einmal überrascht gewesen wären, wenn KARG das heutige Line-Up angeführt hätten. Auch das Publikum scheint unser Fazit offenbar zu teilen, wie ein kurzer Blick durch die spürbar aufgeheizte Halle erkennen lässt.

KARG Setlist – ca. 50 Minuten

1. Alaska
2. La Tristesse Durera Toujours
3. Alles wird in Flammen stehen
4. Petrichor
5. Tod, wo bleibt dein Frieden

Fotogalerie: KARG

WALDGEFLÜSTER

Das zu übertrumpfen ist keine leichte Aufgabe, zumal sich das Werk in der folgenden Umbaupause schnell wieder leert: Die Temperaturen sind mild und neben der frischen Luft locken draußen Bar, Imbiss und Raucherbereich. Derweil nimmt das Bühnenbild immer mehr Gestalt an: Mikroständer wie krumme Äste werden auf beiden Seiten von kahlen Totems flankiert, an deren Zweige ein hölzernes Windspiel baumelt. Die Naturverbundenheit der Bayern beschränkt sich indes nicht auf den visuellen Aspekt: Unter Vogelgesang und einer entspannten Akkordfolge auf der Gitarre begrüßt Frontmann Winterherz im gelben Scheinwerferlicht die aufgehende Sonne, bevor einsetzendes Wolfsgeheul einen Szenewechsel andeutet.

WALDGEFLÜSTER nehmen uns zum Auftakt mit in den „Ebersberger Forst“, wo atmosphärischer Black Metal auf sehnsuchtsschwangere Melodieführung trifft. Gepaart mit der farbenfrohen Lichtshow ist dieser audiovisuelle Cocktail ein Volltreffer, eben weil er genau auf den emotionalen Fleck zwischen Nostalgie und Heimweh abzielt, den wir alle irgendwo in uns tragen. Allein deshalb wird die Album-Release-Show für das Quintett zum Erfolg: Das Münchner Publikum feiert nicht nur das neue Material wie die Single „Am Tatzlwurm“, wo sich KARG-Bandkopf J.J. ein kurzes Stelldichein gibt, sondern genießt sichtbar auch die älteren Kompositionen à la „Traumschänder“ oder „Von Winterwäldern und Mondscheinsonaten“. Hier und im nicht minder packenden Abschluss „Weltenwanderer“ sorgen Laut-leise-Dynamik und leidenschaftlicher Klargesang für zusätzliche Abwechslung in einem intensiven Set, das im Live-Format genau das wiedergeben kann, was WALDGEFLÜSTER auch mit dem neuen Studioalbum „Dahoam“ einzufangen gedenken: ein wohliges Gefühl von Heimat.

WALDGEFLÜSTER Setlist – ca. 75 Minuten

1. A Taglachinger Morgen
2. Im Ebersberger Forst
3. Traumschänder
4. Am Tatzelwurm
5. In da Fuizn
6. Von Winterwäldern und Mondscheinsonaten
7. Mit Blick aufn Kaiser
8. Weltenwanderer

Fotogalerie: WALDGEFLÜSTER

HARAKIRI FOR THE SKY

Wäre jetzt Schicht im Schacht, hätte es von unserer Seite nicht einmal Protest gegeben. Schließlich hat man uns bis zu diesem Punkt im Backstage regelrecht verwöhnt. Verpasst hätten wir dann allerdings tatsächlich den größten in einer Reihe von Höhepunkten, denn es ist ja nicht ohne Grund, dass HARAKIRI FOR THE SKY zu dieser Album-Release-Show eingeladen wurden. Das wissen wir, das wissen die zahlreich vor der Bühne versammelten Fans und das wissen auch die Österreicher selbst, die ohne großes Spektakel nach dem kurzen Changeover loslegen. Lange dauert es folglich nicht, bis in der Arena zum Startschuss „Sing For The Damage We’ve Done“ und dem anschließenden „Funeral Dreams“ fleißig mitgeklatscht und das Haupthaar geschüttelt wird.

Der Drive, den die Band an den Tag legt, ist nur schwer zu ignorieren, auch weil der Ton abermals exzellent abgemischt ist und die eindringlichen Arrangements der Post Black Metal-Band dementsprechend auch im Live-Kontext Gestalt annehmen können. Das kommt natürlich dem Material des neuen Albums „Maere“ (2021) zugute, das auch heute in München im Zentrum stehen soll. „Us Against December Skies“ wird von den Anhängern folglich leidenschaftlich zelebriert, wenngleich niemand im Werk so viel Rampensau in sich trägt wie der engagierte Mann am Tieftöner.

Auch bei den Klassikern können sich HARAKIRI FOR THE SKY auf die angereisten Fans verlassen

Zugegeben, oben auf den Brettern ist es etwas geräumiger als direkt davor, wo natürlich angesichts der Hygieneauflagen immer noch etwas Respekt vor unmittelbarer Tuchfühlung zu merken ist. „Lungs Filled With Water“ von der selbstbetitelten EP schreit die Halle dennoch auszugsweise mit, wenn denn mal eine Pause vom Headbangen eingelegt wird. Das passiert allerdings häufig nur in den melancholisch-verträumten Zwischenparts der oft überlangen Songs, die HARAKIRI FOR THE SKY eigentlich zu gut durchgetaktet haben, um zwischendurch immer wieder für einige Momente von der Bühne zu verschwinden.

Vielleicht herrscht auch deshalb im Backstage etwas Unsicherheit, als sich die wortkargen, aber mit Herz agierenden Musiker nach dem PLACEBO-Cover „Song To Say Goodbye“ erneut zurückziehen. Die ersehnte Zugabe bleibt letztendlich aus, auch wenn ein hartnäckiger Kern selbst dann noch vorne aushadert, als die Deckenlichter bereits dem abwandernden Strom den Weg weisen. Verstehen können wir die Menschentraube im Zentrum allerdings gut: Obgleich wir nach über fünf Stunden Konzertabend die Erschöpfung in den Knochen spüren und der Gedanke an die eigenen vier Wände dementsprechend verlockend scheint, hätten wir zu einer Dreingabe nicht Nein gesagt. Klar, zu Hause ist es am Ende eines kräftezehrenden Tages dann doch am schönsten, aber wenn uns die Musik so packt wie an diesem Samstagabend, fühlen wir uns auch im Münchner Backstage immer wieder wie daheim.

HARAKIRI FOR THE SKY Setlist – ca. 75 Minuten

1. Sing For The Damage We’ve Done
2. Funeral Dreams
3. I’m All About The Dusk
4. Us Against December Skies
5. Lungs Filled With Water
6. Calling The Rain
7. Song To Say Goodbye

Fotogalerie: HARAKIRI FOR THE SKY

Fotos: Tatjana Braun für vampster.com