DYNAZTY, SIRENIA, SURMA, HOLY MOTHER – Backstage Halle, München – 7.4.2022

Nach langer Durststrecke geht es wieder los: DYNAZTY laden ins Münchner Backstage, um nach der pandemiebedingten Live-Pause das noch aktuelle und das kommende Album gleichzeitig vorzustellen. Mit dabei: die Symphonic-Metal-Veteranen SIRENIA, die tschechischen Newcomer SURMA sowie die New Yorker Urgesteine HOLY MOTHER.

Der Gedanke ist für uns weiterhin ungewohnt, als wir an diesem Donnerstagabend aus der S-Bahn steigen. Es ist kalt, es ist windig und es steht tatsächlich ein völlig regulärer Tourauftakt auf dem Programm. Wir sind es ja mittlerweile gewöhnt, dass Konzerte abgesagt, Tourneen verschoben werden, gerne auch mal kurzfristig. Daher lassen wir uns auch nicht aus der Ruhe bringen, als das Backstage München völlig untypisch erst mit 20 Minuten Verspätung zum eigentlichen Showbeginn die Tore zur Halle öffnet. Verzögerungen im Ablauf kennen wir selten von der hiesigen Lokalität, aber was sind schon ein paar Augenblicke mehr nach teils monatelanger Durststrecke?

Eben deshalb fiebert auch eine geduldig wartende Schlange aus Metalheads dem heutigen Paket entgegen: Die Melodic / Power Metal-Durchstarter DYNAZTY laden nach pandemiebedingter Live-Abstinenz zum Konzert, um gleichzeitig das noch aktuelle Album „The Dark Delight“ (2020) und die anstehende Platte „Final Advent“ vorzustellen. Mit dabei sind die Symphonic-Metal-Veteranen SIRENIA, die tschechisch-finnischen Newcomer SURMA sowie die New Yorker Urgesteine HOLY MOTHER, die erst im vergangenen Jahr ihr Comeback-Album „Face This Burn“ (2021) vorgelegt haben. Gegensätze und Karrieren, wie man sie im echten Leben findet – und gerade deshalb als Paket so verlockend.

HOLY MOTHER

Der langen Pause vor der Reunion ist es wohl auch geschuldet, dass die erfahrenen HOLY MOTHER heute den Anheizer geben. Schnörkellos gestaltet sich der Auftakt ohne Intro, als die Musiker die Bühne entern; dafür setzt es von den ersten Tönen an gute Laune: „Face This Burn“ gibt in der Schnittmenge von Heavy Metal und Hard Rock die Marschrichtung vor, die auf den Brettern sichtlich gelebt wird. Bassist Russell Pzutto lässt die Haare fliegen, woraufhin in „Today“ bald die ersten Fäuste nach oben gereckt werden.

Die Backstage Halle mag zu dieser Zeit noch etwas spärlich gefüllt sein, der Stimmung tut das allerdings keinen Abbruch. HOLY MOTHER wissen nämlich ganz genau, wie sie ohne große Sperenzchen die Meute auf ihre Seite bringen: Das DIO-Cover „Holy Diver“ gefällt auch dank der authentischen Performance von Sänger Mike Tirelli, der später in „Wake Up America“ noch etwas Melodramatik oben draufpackt, während „Live To Die“ mit etwas Thrash-Einfluss das Tempo kurz darauf anzieht. Spätestens nach 40 Minuten verstehen wir: HOLY MOTHER genießen das, was sie tun, mit ganzer Seele – und das wirkt selbst am frühen Abend schon ansteckend, wie ein kurzer Blick durch die Münchner Lokalität unter Beweis stellt.

HOLY MOTHER Setlist

1. Face This Burn
2. Criminal Afterlife
3. Today
4. Holy Diver
5. Live To Die
6. No Death Reborn
7. The River
8. Wake Up America
9. Toxic Rain

Fotogalerie: HOLY MOTHER

SURMA

Die Atmosphäre ist entspannt, die Menge gut gelaunt und auf der Bühne wird fleißig am nächsten Set gearbeitet. Aus den geplanten 20 werden 30, dann 40 Minuten Pause, während Bühnentechniker mit Tablet in der Hand regelmäßig zum Mischpult eilen und wieder zurück. Es gibt wohl technische Probleme: Wir hören SURMA-Sängerin Viktorie Surmová über Statikrauschen klagen. Eine Geduldsprobe, aber was sind schon ein paar Augenblicke mehr nach monatelanger Durststrecke?

Für die tschechisch-finnische Symphonic Metal-Band sollten es allerdings noch ein paar mehr werden: Als selbst nach über einer Stunde die Technik nicht mitspielen will, betritt die sympathische Frontfrau die Bühne und erklärt das Dilemma: Die Show müsse weitergehen, aber an diesem Abend leider ohne SURMA, die hier eigentlich den Auftakt ihrer ersten Tour feiern wollten. Die Reaktion: eine Menge verständnisvolle Gesichter und warmer Applaus für die Band, die sich den Tourneestart sicherlich anders vorgestellt hatte.

SIRENIA

So vergehen fast anderthalb Stunden, bis endlich wieder Live-Musik über die hiesige Anlage ertönt. Das ausgehungerte Publikum ist für SIRENIA dann auch leichte Beute: Mit catchy Synthesizern und bratenden Riffs holt „Addiction No. 1“ die feierwütigen Fans schnell ab. Die Fäuste gehen nach oben, es wird zu „Dim Days of Dolor“ mitgeklatscht und in den vorderen Reihen fliegen auch einige Haare im Kreis. Ein wenig schade ist es zwar, dass neben den Keyboard- auch die Bassspuren vom Band kommen, doch der Stimmung im Backstage tut das keinen Abbruch.

Das mag sicherlich auch an der Bühnenpräsenz SIRENIAs liegen: Gitarrist Nils Courbaron nutzt jede Gelegenheit zu posieren, sein Kollege und Band-Mastermind Morten Veland packt zur Mitte des Sets ein paar Growls aus („In Styx Embrace“) und Emanuelle Zoldan hat die Münchner sowieso fest im Griff: Charisma und Stageacting der Sängerin wirken absolut vereinnahmend, weshalb es letztlich kaum ins Gewicht fällt, dass es ein paar Stücke dauert, bis die Stimme der Frontfrau auf Betriebstemperatur ist.

Beim Finale bekommen SIRENIA lautstarke Unterstützung aus den vorderen Reihen

Dafür erklingen Nummern wie „Into The Night“, „The Other Side“ oder das französischsprachige Cover „Voyage Voyage“ (DESIRELESS) anschließend absolut makellos. Mit der Wahl des Rausschmeißers beweist die norwegisch-französische Band schließlich ein gutes Händchen: Beim Refrain des Pop-Songs bekommt Emanuelle Zoldan zum Abschluss lautstarke Unterstützung aus den vorderen Reihen.

SIRENIA Setlist – ca. 55 Minuten

1. Addiction No. 1
2. Dim Days Of Dolor
3. Towards an Early Grave
4. Lost in Life
5. Treasure n‘ Treason
6. The Last Call
7. Into The Night
8. In Styx Embrace
9. This Curse Of Mine
10. My Mind’s Eye
11. The Other Side
12. The Path To Decay
13. Voyage Voyage

Fotogalerie: SIRENIA

DYNAZTY

Um Beistand brauchen DYNAZTY eine gute halbe Stunde später kaum bitten. In der Backstage Halle tummeln sich mittlerweile die angereisten Fans im frisch erstandenen Merchandise. Die Show mag nicht ausverkauft sein, aber in der vorderen Hälfte der Lokalität ist es doch ganz schön kuschelig geworden, als die Schweden mit „In The Arms Of A Devil“ den Club stürmen. Der Sound ist anfangs noch etwas matschig, der Gesang eine Spur zu leise, soll aber bald die richtige Balance finden. Der Partylaune können solche Kleinigkeiten ohnehin nichts anhaben: In München werden Nörgeleien wahlweise weggeklatscht, gesungen oder getanzt, wenn DYNAZTY mit „Firesign“ den nächsten Hit hinterherreichen.

Die Band zeigt sich zum Tourauftakt in freudiger Spiellaune, als etwa die beiden Gitarristen Mike Lavér und Rob Love Magnusson im Medley „The Grey / The Black“ ihre Multitasking-Fähigkeiten unter Beweis stellen: Offenbar hält auch der Dienst am Instrument nicht davon ab, parallel eine Flasche (lokalen) Biers zu leeren. Auch Bassist Jonathan Olsson sucht in aller Regelmäßigkeit das Rampenlicht und lässt sich etwa für sein Bass-Solo im treibenden „Advent“ ausgiebig feiern. Verdenken können wir es dem Gespann nicht, das den Rock’n’Roll offenbar im Blut trägt und dieser Liebe im instrumental dargebotenen DEEP PURPLE-Cover „Higwhay Star“ Tribut zollt. Glänzen darf schließlich auch Drummer Georg Härnsten Egg bei einem ausgiebigen Schlagzeugsolo, das an seiner Stelle im Set den Elan der Show leider etwas ausbremst, sofern man sich nicht selbst zum ausgewählten Kreis der Drum-Solo-Connoisseure zählt. Da hilft folglich nur warten – aber was sind schon ein paar Augenblicke mehr nach teils monatelanger Durststrecke? Eben.

DYNAZTY haben das Potenzial, auch über die eigene Fangemeinde hinaus mitzureißen

Interessanterweise ist es also ausgerechnet Frontmann Nils Molin, der gar nicht so sehr das alleinige Maß an Aufmerksamkeit sucht: Immer wieder verschwindet der Sänger hinter den Brettern, um seinen Kollegen die Bühne zu überlassen. Ein fast schon selbstloser Zug, der allein durch Molins Leistung in den Schatten gestellt wird. Sogar eine recht konservative Powerballade wie „Yours“ kann da im Live-Setting unter die Haut gehen. Und auch sonst bleibt es bei einer makellosen Leistung: Erstmals live gespielte Tracks à la „Paradise Of The Architects“ gehen auch dank des Fronters runter wie Öl, während die catchy Hits wie „Waterfall“ oder „The Human Paradox“ sowieso sitzen.

Für die angereisten Anhänger gibt es somit kaum einen Grund sich zu beklagen. Die Songauswahl ist so ausgewogen wie variabel und gibt zahlreiche Anlässe, der eigenen Freude Ausdruck zu verleihen: Ob in „Presence Of Mind“ eifrig mitgeklatscht oder im poppigen „Heartless Madness“ mit seinem Eurovision-Appeal mitgesprungen und lauthals gesungen wird, die Musik der Schweden hat das Potenzial, auch über die eigene Fangemeinde hinaus elektrisierend zu wirken.

Für DYNAZTY könnten Bühnen wie der Backstage Halle bald zu klein sein

Wir selbst sind wahrscheinlich der beste Beweis, als wir kurz vor Mitternacht wieder in der S-Bahn sitzen – diesmal jedoch mit den Melodien im Kopf, die uns gerade noch live um die Ohren geschwirrt sind, und einem neuen Gedanken, der uns diesmal allerdings überhaupt nicht ungewohnt erscheint: Stehen die Zeichen richtig, könnten für DYNAZTY Bühnen wie die der Backstage Halle schon bald zu klein sein.

DYNAZTY Setlist – ca. 80 Minuten

1. In The Arms Of A Devil
2. Firesign
3. The Grey / The Black (Medley)
4. Paradise Of The Architect
5. Threading The Needle
6. Advent
7. Drum Solo
8. Power Of Will
9. Yours
10. Highway Star (DEEP PURPLE-Cover)
11. Waterfall
12. Presence Of Mind
13. Heartless Madness
14. Raise Your Hands
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15. The Human Paradox
16. Titanic Mass

Fotogalerie: DYNAZTY