MÜTTERLEIN: Verwundet, und doch bereit zu kämpfen

Mit „Bring Down The Flags“ kehrt das Projekt MÜTTERLEIN von Marion Leclerq nach fast sechs Jahren wieder auf die Bildfläche zurück. Der elektronisch-doomige Industrial-Cocktail der Französin ist dabei verstörend finster und letzten Endes doch befreiend. „Bring Down The Flags“ ist definitiv kein leicht verdauliches Album, aber eines das wächst und wächst – so etwas darf nicht überhört werden! Um dem vorzubeugen, schicken wir Marion Leclerq einige Fragen und erhalten einleuchtende Antworten über den Kreativprozess und die Hintergründe der Alben.

Liebe Marion, 2021 endete sehr intensiv dank MÜTTERLEINs „Bring Down The Flags“. Dieses Album verursacht mir konstant Gänsehaut. Herzlichen Glückwunsch dazu!

Hallo und vielen Dank für deine freundlichen Worte und deine Unterstützung.

Zwischen „Orphans Of The Black Sun“ und „Bring Down The Flags“ liegen fast 6 Jahre. Was ist dazwischen passiert?

Ich zog von meiner Heimatstadt ans andere Ende von Frankreich und reparierte eine alte Ruine, in der ich mir ein schönes Zuhause entstehen ließ und den perfekten Kerker baute, um meine Musik zu performen. Das war ein riesiges Projekt und es hat viel Zeit und Energie gekostet. Alles passt jetzt und ich bereue diesen Schritt nicht, aber ich muss gestehen, dass es ziemlich anstrengend war.

Was hat dich konzeptionell zu „Bring Down The Flags“ inspiriert? Beim Hören des Albums habe ich immer das Wort „Rache“ im Kopf. Ist das ein roter Faden durch das Album hindurch?

Viele Dinge aus der Vergangenheit müssen begraben werden. Einige von ihnen sind bereits tot, andere sind zu lebendig und müssen vorher niedergebrannt werden. Es gibt viel Schmerz und viel Wut auf diesem Album, als wären sie die zwei Seiten derselben Medaille. Ich sehe es als die Geschichte eines Trauerprozesses.

Davon abgesehen scheinen die Texte sehr persönlich zu sein und von psychischen Erkrankungen handeln, könnten aber vielleicht auch eine politische Ebene haben. Könntest du hier bitte etwas tiefer ins Detail gehen?

Die persönliche und die politische Ebene sind miteinander verbunden. Man kann Unterdrückung und Tragödie in einer Doppelbeziehung oder in größerem Maßstab erleben, und mir geht es eher darum, wie das schmerzt, als warum. Angst und die Verzweiflung sind Bestandteile aller menschlichen Erfahrungen.

Außerdem gab es auf deiner Bandcamp-Seite den Satz: „Rette das stumme Mädchen, dessen Lippen für immer zugenäht wurden“. Ich finde, das passt sehr zur Musik. Kannst du mit deiner MÜTTERLEIN an persönlichen Themen arbeiten?

Meine Musik ist die einzige Möglichkeit um mich auszudrücken. Ich bin normalerweise kein guter Kommunikator, aber manchmal habe ich einfach das Bedürfnis zu schreien. Ich denke, dass einige Gefühle auch bewusst gemacht werden müssen, um erträglicher zu sein.

Es gibt auf dem neuen Album Verbindungen zu „Orphans of the Black Sun“ – du erwähnst die „Black Sun“ in der allerersten Zeile von „The Descent“, der „Black Dog“ ist die Entität auf dem Artwork und die Sichel, mit der du dich präsentiert hast, ist auch vorhanden. Ganz so, als würdest du die Zuhörer tiefer in die Welt ziehen, die du mit deinem ersten Album erschaffen hast. Ist da was dran?

Der schwarze Hund und die Sichel sind, vereinfacht gesagt, die wichtigen Elemente der symbolischen Repräsentation der Welt, die ich mit MÜTTERLEIN zu erschaffen versuche. Ich gehe mit einem schwarzen Hund an meiner Seite und einer Sichel in meiner Hand, verwundet und doch bereit zu kämpfen. Es ist, als hätte man in seinem Kampf nichts mehr zu verlieren.

Der Terminus „schwarzer Hund“ wird oft mit Depressionen in Verbindung gebracht. Der schwarze Hund auf dem Cover scheint im Dunkeln zu lauern, bereit zu beißen. So wie du dich nicht davor verstecken kannst, wird er dich irgendwann erwischen.

Du kannst dich nicht davor verstecken, weil es in dir ist. In deinem Herzen, in deinem Bauch, in deinem Kopf… es ist überall, wo du hingehst. Die Wut und der Wunsch nach Rache, die du zuvor erwähnt hast, sind die beste Verteidigung, die du gegen diesen verheerenden Begleiter hast. Tragödien verursachen Depressionen und lösen Kriege aus.

Apropos Artwork: DehnSora hat das Artwork zu „Bring Down The Flags“ erstellt. Es ist eher reduziert und es sieht so aus, als hätte er eine etwas andere Technik als sonst verwendet, aber der Stil ist unverkennbar seiner. Wie ist der Designprozess abgelaufen?

Nichts hätte natürlicher sein können. DehnSora ist mir in den letzten Jahren ein sehr enger Freund geworden und wir fühlen uns durch unsere jeweilige Arbeit sehr miteinander verbunden. Wir haben über das Album gesprochen, aber er hatte freie Hand beim Artwork. Als ich seine Zeichnung zum ersten Mal sah, wusste ich einfach, dass er meine Musik vollkommen verstand.

Ich habe in meiner Rezension geschrieben, dass diese Musik wie ein Führer durch die Dunkelheit ist. Ein Begleiter, der hilft, einen sehr dunklen Abgrund zu überqueren, dem Licht entgegen. War das deine Absicht? Musik als Werkzeug, um sich zum Licht zu gelangen?

Ich kann nicht sagen, dass es wirklich meine Absicht war, aber ich freue mich, dass du so darüber denkst. Ich versuche eigentlich nur, mich auszudrücken, aber es kann auch eine Suche nach Bedeutung sein.

Wie lange hat das Songwriting gedauert und wie schreibst du deine Songs? Brauchst du eine besondere Stimmung, um kreativ zu sein?

Das Songwriting an sich verlief ziemlich schnell, aber ich brauche viel Zeit, um Dinge neu zu arrangieren und nach dem richtigen Sound zu suchen. Ich habe etwas weniger als zwei Jahre an diesem Album gearbeitet. Ich glaube nicht, dass ich eine besondere Stimmung brauche, um kreativ zu sein, aber ich muss allein sein und mich nur auf meine Musik konzentrieren können.

Im Vergleich zu „Orphans Of The Black Sun“ ist „Bring Down The Flags“ viel schwerer und dichter. Was hat zu dieser Entwicklung geführt?

„Orphans Of The Black Sun“ wurde als Soundtrack für einen imaginären Hexenzirkel am Feuer geschrieben. Es ist ein politischeres Album und es ist düster, aber es ist irgendwie weniger verzweifelt, weil es eher kühn oder aktivistisch oder so ist. Es wurde zuerst als eine instinktive Reaktion auf das geschrieben, was in Frankreich passierte, als die gleichgeschlechtlichen Ehen erlaubt wurden (Es fanden Proteste von Rechtsextremen statt – Anm. d. Verfasser). Ich rief die vielen lebendigen Hexen in mir herbei und verbrannte die Vergangenheit. Ich habe den Krieg erklärt. Während dieser Krieg weitergeht, ist „Bring Down The Flags“ ein sehr einsames und introspektives Album. Es entstand zu einer Zeit, als ich mich einfach nur erschöpft fühlte, und als Revolte gegen die Schwierigkeit des Seins und gegen die Gewalt der Welt. Ich wollte, dass es genauso schwer klingt, wie ich mich damals fühlte.

(c) William Lacalmontie

Die vier „Haupttracks“ des Albums klingen stilistisch ähnlich, haben aber unterschiedliche Stimmungen. „Mother Of Wrath“ ist wirklich gruselig mit den rückwärts gespielten Vocals. Ist das mehr als nur ein Soundeffekt?

Es gibt viele versteckte Bedeutungen in diesem Lied. Meine Absicht ist hier weniger direkt als bei einigen anderen Songs und ich habe mich entschieden, einige der Dinge, die ich immer noch nicht laut aussprechen kann, rückwärts zu abzuspielen. Es ist wie eine Notiz an mich selbst, die besagt, dass ich mit diesem Zorn noch nicht fertig bin.

„Violence And Misery“ ist der aggressivste Track des Albums. Hier spüre ich besonders, was die Info mit „rette das stumme Mädchen, dessen Lippen für immer zugenäht sind“ gemeint hat. Erleichtert dich dieses Stück?

Es ist lustig, dass du es aggressiv findest, denn dieser Song könnte für mich das traurigste und zerbrechlichste sein, auf eine gute Art und Weise. Es entstand nach einem schrecklichen Verlust statt, als der Schmerz unermesslich und unendlich war. Die Gewalt und das Elend sind alle vermischt und ich denke, dass man hören kann, dass ich die Grippe hatte, als ich den Gesang aufgenommen habe. Ich habe versucht, danach ein paar „bessere“ Vocals aufzunehmen, aber ich hing viel zu sehr an der ersten Aufnahme, gerade wegen ihrer Zerbrechlichkeit. Es ist eine Art schmerzhafter, aber glücklicher Zufall.

Bei dem hypnotischen Finale „Requiem“ bekomme ich jedes Mal Gänsehaut. Es fühlt sich an, als würden sich nach dem Song die Türen zur Außenwelt öffnen und die Hörer würden wieder ins Leben entlassen. War das deine Absicht?

Ich sage oft, dass ich dieses Album als Einladung sehe, an Bord meines U-Bootes zu steigen und ganz in meine innere Welt einzutauchen. Sobald das „Requiem“ gehalten wurde, ist die Reise vorbei und ich denke, dass wir alle zu unserem eigenen Leben zurückkehren und wieder die Luft der Oberfläche atmen können.

Was hat dich musikalisch inspiriert? Für mich gibt es viele von NEUROSIS Mitte der Neunziger und GODFLESH von Anfang der Zweitausender zu hören. Hat auch mit elektronische Musik und Neofolk in MÜTTERLEINs Musik gefunden?

Ich mag NEUROSIS und GODFLESH sehr. Ich höre auch viele verschiedene Genres, von Industrial Post-Punk über Krautrock bis zu allem was „Black“ ist. Es ist schwer, nur ein paar Namen zu nennen, aber ich kann THROBBING GRISTLE, TERRA TENEBROSA, PHARMAKON und THE CURE nennen. Ich vermische viele verschiedene Einflüsse in meiner Musik und ich liebe einfach alles, was wirklich tief und aufrichtig klingt.

Auffällig ist, dass nur wenige Gitarren auf dem Album zu hören sind, und es basiert mehr auf Synthesizern. Wie das?

Auch wenn ich dem Sound der Gitarre sehr verbunden bin, fühle ich mich immer mehr von den Maschinen und dem Low-End, das sie erzeugen können, angezogen. Ich liebe den Kontrast, der aus meinem harten Gesang und der Rundheit der Keyboards entsteht.

(c) William Lacalmontie

Die beiden instrumentalen Ambient-Tracks klingen nicht nach Füllern, sondern sehr kraftvoll. Hast du sie erstellt, um das Album abwechslungsreicher und dynamischer zu machen?

Ich nehme stundenlang Ambient-Tracks wie diesen auf und wollte, dass auch dieser Aspekt meiner Musik auf diesem Album vertreten ist. Ich habe diese beiden Ausschnitte gewählt, um den Eindruck des Versinkens auf dem Album zu verstärken und es zu einem Ritual zu machen.

Die Rhythmen sind bemerkenswert. Ich musste hier viel an NEUROSIS in den Neunzigern. Manchmal klingen die Rhythmen auch so, als wären sie programmiert worden. Welche Bedeutung haben die Drums auf „Bring Down The Flags“? Hast du sie selbst gespielt oder programmiert?

Die Rhythmen sind mir sehr wichtig. Sie graben einen Groove für die Vocals und unterstützen sie. Sie geben meiner Stimme die nötige Luft und die Vitalität, um durch eine geschlossene und bedrückende Atmosphäre getrieben zu werden. So ähnlich wie der Sauerstoff, von dem sich das Feuer ernährt. Generell suche ich eher harte und martialische Rhythmen, die ich als sehr „physisch“ empfinde und es ist mir sehr wichtig, sie selbst zu spielen, weil ich sie aushalten muss. Ich denke, dass ich diese Art von körperlicher Schwierigkeit in der Musik ganz allgemein erleben muss. Mich berühren oft weniger die technischen Elemente eines Stückes als vielmehr die Aspekte der Wiederholung und des Eigensinns. Auf diesem Album gibt es viele elektronische Drumsounds, weil ich nach einem stroboskopischeren Industrialsound gesucht habe.

Bist du die einzige Musikerin, die auf auf „Bring Down The Flags“ zu hören ist?

Ja, das ist immer so. Ich halte es für wichtig, dass ich mich in jedes Detail dieses Projekts einbringe.

Das Album wurde 2020 aufgenommen und schließlich Ende 2021 veröffentlicht. Was ist dazwischen passiert?

Nichts Besonderes. Es dauerte ungefähr ein Jahr, bis ich die Zeit fand, es richtig zu mischen und zu veröffentlichen.

Du hast kürzlich auch eine leider sehr übersehene Split mit LIMBES via LES ACTEURS DE L’OMBRE veröffentlicht. Der anfangs eher ruhige 20-Minuten-Track „Liars Wankers“ unterscheidet sich stark von der Musik auf „Bring Down The Flags“. Ist das der Grund, warum du das Stück separat veröffentlicht hast? Und warum ist die LP so schwer zu bekommen?

Nein, dieser Song war ein Auftrag von LIMBES, der mich bat, einen Spiegel zu seinem Stück zu schreiben. Es hat mir viel Freude bereitet, aber ich habe mich nicht um die Veröffentlichung selbst gekümmert, LIMBES tat es. Es wurde von LES ACTEURS DE L’OMBRE in einem speziellen Format veröffentlicht, das, so glaube ich, Abonnenten vorbehalten war. Das muss der Grund sein, warum die LP schwer zu bekommen ist.

MÜTTERLEIN ist bisher ein Studioprojekt. Wie groß ist die Chance, dich eines Tages mit deiner Musik auf der Bühne zu sehen?

MÜTTERLEIN war nie ein Studioprojekt. Ich habe meine Musik immer auf der Bühne aufgeführt, allerdings nicht oft, weil ich nicht gut im Booking bin, aber normalerweise akzeptiere ich die Angebote, die ich bekomme. Bei „Orphans Of The Black Sun“ habe ich mit Begleitmusikern gespielt, aber jetzt werde ich solo auftreten. Ich habe bereits ein paar Shows dieses Jahr zwischen April bis November geplant. Und dieses Album macht mir wirklich Lust, wieder auf die Bühne zu steigen.

Marion, nochmals vielen Dank für deine Zeit. Wenn du noch etwas sagen möchtest, lass es uns einfach wissen.

Vielen Dank für deine Fragen!