MIDNATTSOL: Die mystische Seite der Natur

MIDNATTSOL: Die mystische Seite der Natur

Nachdem sie mit ihrem Song „Desolate“ im Sommer bei mp3.de so richtig durchstartete, veröffentlicht die deutsch-norwegische Formation MIDNATTSOL nun ihr Debütalbum „Where Twilight Dwells„, welches mit formidablem nordischen Folk Metal der getragenen Sorte mit vielen ruhigen Momenten zu begeistern weiß. Sängerin Carmen meisterte das Interview nicht nur in nahezu perfektem Deutsch, sondern wusste auch allerhand interessante Anekdoten zu berichten, sei es aus jüngerer Vergangenheit oder aus ihrer Jugend.

Das Album klingt durch und durch norwegisch. Sind die anderen Bandmitglieder im Geiste echte Norweger und einfach nur im falschen Land geboren?

(lacht) Ich bin die einzige, die aus Norwegen kommt, alle anderen sind Deutsche. Aber ich teile schon besonders mit dem Gitarristen Christian Hector diesen Geist. Er mag Skandinavien sehr und fährt dort in den Urlaub. Aber die anderen haben auch eine sehr große Verbindung zur Natur, so wie wir auch, und deswegen glaube ich, dass es auch so klingt.

Ihr habt im letzten Stück ja eine Komposition von Edvard Grieg verarbeitet, dem wohl wichtigsten norwegischen Komponisten. War es euch wichtig, eine Grieg-Komposition zu wählen, die auch außerhalb Norwegens den Leuten einigermaßen vertraut ist? Oder gefällt euch „Solveigs Sang“ einfach am besten?

Wir haben gar nicht so daran gedacht. Es war so, dass ich als Teenager Gesangsunterricht gehabt habe, und da habe ich auch Volkslieder gesungen. „Solveigs Sang“ von Edward Grieg war dann eines von denen. Ich habe das dann immer wieder gesungen und die Noten davon aufbewahrt, und vor der Probe, bevor wir richtig angefangen haben zu proben, wollte ich ein wenig üben und habe es gesungen. Und dann sagte jemand: „Wow, da hast du aber eine geile Melodie gemacht!“, worauf ich dann antwortete: „Nein, das ist nicht von mir, sondern eins von meinen Lieblingsliedern.“ Sie meinten dann, es wäre toll, wenn wir das covern könnten. So ist das also entstanden, es war nicht so, dass wir unbedingt etwas covern wollten oder was draus machen. Ich finde aber auch, dass es eine wunderschöne Melodie ist, und wenn schon covern, dann irgendetwas, das mir sehr am Herzen liegt.

Wie kommt es eigentlich, dass auf eigentlich sämtlichen nordischen Folk Metal-Alben der 6/8-Rhythmus so dominiert? Herrscht der Rhythmus auch in der skandinavischen Folklore vor?

Das ist ein bisschen schwierig zu beantworten, ich habe mir da eigentlich gar keine Gedanken drüber gemacht. Ich mache einfach Musik, und ich habe da keine feste Regeln oder mache sie nach einem bestimmten Muster, sondern ich mache das einfach oder die anderen machen es, und dann sehen wir, was rauskommt. Aber wahrscheinlich ist schon was dran, dass dieser Takt einfach gut zu dieser Musik passt.

Das Cover-Artwork von Where Twilight Dwells von MIDNATTSOL
Das Cover von „Where Twilight Dwells“

Das Cover wurde von Ingo Römling erstellt. Der Stil ist aber recht anders als die anderen Cover-Artworks, die er bisher gemacht hat, finde ich. Wie groß war euer Einfluss auf das Cover?

Wir haben ihm auf jeden Fall gesagt, was wir haben wollten, so in jedem Fall die mystische und schöne Seite der Natur. Wir wollten auch gar nicht unbedingt mich auf dem Cover haben. Ich weiß nicht, ob du die Huldra kennst (ein weiblicher Troll aus der norwegischen Sagenwelt – Anm. d. Verf.). Die wollten wir auch, wenn möglich, weil die halt auch diese mystische Seite der Natur darstellt. Das wollten wir also in jedem Fall haben, aber so wie er es jetzt gemacht hat, hat er auch schon selbst die Idee gehabt und das umgesetzt. Wir waren dann sofort begeistert davon, was er gemacht hat, das war wirklich genau das, was wir uns vorgestellt haben, was wir vermitteln wollten. Als ich das Cover gesehen habe, da habe ich echt gedacht: „Wow, der Mann hat wirklich 100 Prozent das hingekriegt, was wir wollten.“ Und wenn ich das Cover sehe, dann spüre ich schon das, was ich beim Musizieren spüre. Das ist wirklich toll.

Ich finde auch, dass das Cover die Stimmung der Musik sehr gut einfängt. Habt ihr denn auch mal darüber nachgedacht, ein Bild von Theodor Kittelsen fürs Cover zu verwenden? Seine Trollzeichnungen und -aquarelle passen ja eigentlich auch perfekt zu eurer Musik und vor allem deinen Texten.

Ich muss sagen, ich bin wirklich ein großer Fan von ihm, ich liebe seine Bilder. Wir haben allerdings nicht so daran gedacht, und ich weiß nicht, ob die anderen ihn kennen. Aber ich glaube, das ist auch so eine Sache, wenn man nur Trolle auf dem Cover hat, dann engt sich das auch ein bisschen ein. Ich finde, es ist wichtig, dass das Cover auch andere Dinge vermittelt. Aber selbstverständlich, wenn man mal ein Konzept hat, das sich auf Trolle konzentriert, dann passt das mit seinen Zeichnungen. Aber sonst würde ich was wählen, was auch was Allgemeines hat.

Hast du bei den Songtexten konkrete norwegische Märchen-Erzählungen verarbeitet oder dich nur allgemein von der nordischen Mythologie mit all ihren Fabelwesen inspirieren lassen und daraus deine eigenen Geschichten gesponnen?

Eigentlich schon eigene Geschichten. Das ist so eine zweiseitige Sache. Ich habe mich schon als Kind in der Schule sehr interessiert für diese Sachen, habe da schon viel gelernt und drüber gelesen, und ich schaue auch immer geschichtliche Filme über das norwegische Volk, das liebe ich. Aber eine ganz besondere Geschichte, außer der mit Huldra, habe ich eigentlich nicht genommen, sondern das sind eher Fantasiegeschichten, die ich mir bilde, und vielmehr auch persönliche Erfahrungen und Gedanken, die ich mache in Verbindung mit der Natur. Elfen sind zum Beispiel in einem Text drin, aber man kann das auch immer anders deuten. Es ist also nicht nur auf Elfen gerichtet, sondern wenn man das liest, dann könnte man auch denken, dass es ein Mensch ist. Für mich ist es sehr wichtig, dass ein Teil von mir dabei ist. Deswegen schreibe ich überhaupt Texte. Das ist eine Art Verarbeitungsprozess von dem, was ich erlebe. So wie andere malen, schreibe ich halt Texte und singe. Deswegen findest mich da immer drin. Und die Trolle – ganz viele Lieder sind auch teilweise Geschichten von Trollen aber auch von mir. Ich identifiziere mich auch ganz stark damit. Aber was deine Frage war, ganz spezifische Geschichten gibt es da nicht. Ich denke da eher an die mystische Seite. Man geht in den Wald und denkt, man sieht vielleicht etwas oder hört etwas. Oder ich stelle mir eine Geschichte vor, wie ein Troll in einer einsamen Höhle sitzt und denkt: „Ich bin anders als die anderen.“

Ich finde es auf jeden Fall interessant, dass diese Fabelwesen in den Texten nie konkret erwähnst…

Wenn du die Texte gelesen hast, denkst du dann an bestimmte Märchengeschichten?

Nein. Allerdings kenne ich auch die norwegische Märchenwelt nicht besonders gut.

Es gibt da halt unzählige Märchen, aber ich kenne mich da auch nicht so aus, dass ich sagen würde, ich kenne jetzt hundert verschiedene Geschichten. Ich lehne mich halt da rein und träume so. Ich weiß nicht, ob du dir das so vorstellen kannst. Wenn ich eine Melodie singe oder Texte schreibe, dann habe ich auch ganz viele Bilder in meinem Kopf. Und die Umgebung bei diesen Bildern, das ist immer Natur. Und es war nicht so geplant, sondern ich habe nach diesem ganzen Prozess des Lieder- und Texteschreibens mir Gedanken darüber gemacht, weil ich halt Interviews geben sollte. Und da ist es mir wirklich aufgefallen, dass es einfach passiert. Es ist ein großer Teil von mir, und es war nie irgendetwas geplant.

Laut Infoblatt erscheint voraussichtlich nach dem Album über Edition42 ein Buch namens „En dans i midnattsol“. Kannst du etwas darüber erzählen?

Ja. Die Details musst du selbstverständlich selber lesen, aber es handelt sich auch um eine romantisch-tragische, schöne Geschichte über einen Troll und ein Mädchen. Es baut sich eine Beziehung auf, und schönerweise passt auch das Buch zu meinen Texten und unserer Musik. Deswegen ist es ganz interessant. Die beiden gehören zusammen, aber trotzdem kann man die beiden getrennt hören und lesen ohne Probleme. Ganz am Anfang wusste ich gar nicht, dass dieses Buch kommen würde, und nachher habe ich gesehen, dass es total gut zusammenpasst.

Wer hat das Buch denn eigentlich geschrieben?

Doreen Krase heißt sie.

Und wie seid ihr mit der Autorin in Kontakt gekommen?

Das ist eine Connection von Christian Hector. Ich kannte sie vorher nicht, aber es ist auf jeden Fall eine Freundin von ihm. Er hat sich so gedacht: „Wer könnte so etwas gut vermitteln und schreiben, wer hat da Ahnung?“ Sie ist wirklich gut, sie kennt sich sehr gut aus mit Trollen, mit der norwegischen Natur und den verschiedenen Geschichten, und sie hat es auch wunderbar umgesetzt. Wir haben dann auch geschrieben, was wir so wollten und haben dann Ideen ausgetauscht, und so ist das dann entstanden.

MIDNATTSOL 2005
Carmen wurde vom Erfolg bei mp3.de überrascht: „Nicht dass ich unsere Musik nicht toll finde, aber ich finde es unglaublich, dass ich darüber nachdenke, dass ich ein Lied geschrieben habe, das so ankommt.“

Was hat dich eigentlich dazu bewogen nach Deutschland zu ziehen, wo du doch anscheinend so eine enge Verbindung zu deinem Heimatland hast?

Ja genau. Auch wenn ich das habe, habe ich auch eine sehr große Lust an Herausforderungen und die Welt zu sehen, andere Kulturen zu sehen, denn Norwegen ist doch fast so ein perfektes Land. Alles ist gut – fast – und man kann sich eigentlich nicht mehr wünschen. Aber ich will nicht nur das Perfekte haben, sondern ich will auch Herausforderungen haben. Ich wollte in jedem Fall studieren, und in meiner Stadt gab es dafür keine Universität, von daher musste ich irgendwo rausziehen. Meine Schwester wohnt ja hier schon seit acht Jahren, und sie hat mir total gefehlt, wir waren immer so wie soulmates, das war immer super. Acht Jahre war eine extrem lange Zeit, ich war echt traurig, also habe ich gedacht, dass ich, wenn ich irgendwo hinziehe, dann zu ihr. Dann habe ich eine Herausforderung, und außerdem liebe ich die deutsche Sprache. Ich habe probiert sie zu lernen seit vielleicht zehn, zwölf, dreizehn Jahren, also bevor ich mit der Schule angefangen habe. Und da habe ich gedacht: „Wow, ein Traum, Deutsch fließend sprechen zu können und sich mit Leuten zu unterhalten, das wäre wirklich toll.“

(lacht) Ich habe vorher, bevor ich nach Deutschland zog, habe ich Leute einfach so angerufen, um einfach Deutsch zu sprechen, und ich fand das so schön. (lacht) Das waren also die Gründe, am meisten eigentlich Liv.

Dein Studium war ja auch der Grund, warum du das Tour-Angebot von CRADLE OF FILTH abgelehnt hast, oder?

Ja, ein Teil davon, aber am meisten war MIDNATTSOL ausschlaggebend. Die Platte sollte in der Zeit aufgenommen werden, wir haben uns vorbereitet, wir müssen uns auch vorbereiten, und es war nicht leicht, das sag ich dir. Ich habe Tag und Nacht darüber nachgedacht, alle haben gesagt, das ist die große Chance.

Aber es ist halt meine Musik – ich habe darüber nachgedacht, warum mache ich Musik? Es ist nicht, um irgendwie berühmt zu werden oder reich zu sein, sondern ich will Musik machen, wie ich sie immer gemacht habe, und wenn das dann auch den Leuten vermitteln kann, das ist doch super, wenn man den Leuten also was geben kann durch die Musik. Also habe ich gedacht, ich möchte nicht diese Gefühle, also das, was ich den Leuten geben kann, vernachlässigen, weil ich mit CRADLE OF FILTH auf Tour gehen kann, obwohl es auch bestimmt eine super Erfahrung wäre und sehr schön wäre mit ihnen zu touren.

Wie gesagt, die Platte wurde da aufgenommen, und ich hätte wirklich nicht viele Tage zum Üben gehabt. Ich hätte dann irgendwann nach England kommen sollen, und ich wusste, das war eine viel zu kurze Zeit, um sich darauf vorzubereiten. Ich habe also einerseits an MIDNATTSOL gedacht, und zweitens ist es doch in jedem Fall nicht gut, wenn ich dann halbwegs vorbereitet mit denen auf Tour gehe. Das wollte ich ihnen nicht antun, die erwarten professionelle Leute… und das muss man auch sagen, ich habe noch nie ein Konzert gehalten. Deswegen muss ich mich auch in der Hinsicht vorbereiten, und das wollte ich denen wirklich nicht antun, und da durfte ich einfach nicht egoistisch sein und sagen: „Ja, ich will Aufmerksamkeit“, sondern musste auch ein bisschen an sie denken. Wenn ich mehr Zeit hätte, würde es bestimmt auch klappen, aber das hatte ich halt nicht. Und es wäre auch wirklich eine Tour von drei bis sechs Monaten gewesen. Das ist eine große Anstrengung, wenn man nie ein Konzert gehalten hat. (lacht)

Gestern habe ich euren Newsletter erhalten und gelesen, dass ihr fürs FEUERTANZ-FESTIVAL bestätigt wurdet.

Ja, jippieh, unsere erste Bestätigung für ein Festival. (lacht)

Wird der Auftritt beim FEUERTANZ-FESTIVAL auch eure Feuerprobe?

Nein, niemals das erste Mal da spielen.

Also wollt ihr vorher noch Konzerte im kleineren Rahmen spielen?

Ja, genau. Die anderen sind zwar schon erfahren, aber ich halt nicht. Ich will auch eigentlich so schnell wie möglich spielen, aber jetzt nehmen erst einmal Interviews sehr viel Zeit ein und auch wieder mein Studium, es kommt immer zusammen, die zwei Sachen, wenn es viel zu tun gibt. Und dann müssen wir uns halt nochmal vorbereiten, und dann würde ich gerne ganz viele Konzerte spielen, oder ich hoffe, dass wir das machen können vor diesem Festival oder auch anderen großen Festivals.

Aber konkret ist noch nichts geplant?

Konkret ist es noch nicht, aber ich hoffe selbstverständlich auf das SUMMER BREEZE, das ist eins von meinen Lieblingsfestivals. Und ich hoffe, dass wir nicht nur hier in der Nähe, sondern dass wir auch in anderen Städten spielen können.

Stört es dich eigentlich, wenn MIDNATTSOL als die Band der Schwester von LIV KRISTINE vermarktet wird, oder ist dir das völlig egal?

Carmen, Sängerin von MIDNATTSOL
Carmen: „Ich will probieren Emotionen rüberzubringen, und das kann man halt nicht nur mit Technik machen.“

Ich muss wirklich sagen, dass es mir egal ist. Ich mache halt meine Sache und sie ihre. Also es ist klar, in Interviews, wenn da vielleicht dreißig Fragen zu dem Thema kommen und zehn zu MIDNATTSOL, dann ist es schon so, dass ich da ein bisschen drüber nachdenke, aber ich nehme da nichts persönlich, weil ich weiß, wie die Fakten sind. Aber ich verstehe auch die Leute, denn ich würde es als Journalist auch machen. Fast keiner weiß, dass ich auch schon mit sieben Jahren Musik gemacht habe. Auch bevor Liv mit THEATRE OF TRAGEDY angefangen hat, habe ich schon Lieder geschrieben. Nicht so professionelle Lieder, aber ich habe halt Musik gemacht mit meinem kleinen Keyboard und eigentlich auch recht seriöse Texte geschrieben, und statt mit Freundinnen zu spielen, saß ich auch oft zuhause und habe gesungen. Es war also wirklich nicht so, dass ich gesagt habe: „Die Liv ist erfolgreich, das will ich auch werden.“ Denn das ist wiederum nicht der Grund, warum ich Musik mache, sondern ich habe das immer gemacht und das mache ich, aber wenn die Leute das nicht wissen oder nicht verstehen, dann habe ich auch überhaupt kein Problem damit. Ich verstehe es auch, aber solange ich selbst weiß, was Sache ist und auch meine besten Freunde, ist es schon in Ordnung.

Wir haben auch eine unterschiedliche Stimme. Liv hat ja eine recht hohe Stimme, wobei ich eine sehr tiefe Stimme habe, eine eher dunkle, kraftvolle Stimme. Das ist halt anders, und ich probiere nicht, halbwegs die hohen Töne zu erreichen oder ihren Stil zu singen. Ich finde es zwar auch total schön, was sie macht, aber wir haben eben zwei verschiedene Stimmen, und wir machen auch unterschiedliche Musik. Und wenn ich nun wirklich die Intention hätte: „Ich kopiere jetzt Liv, sie schreibt meine Lieder, ich werde jetzt berühmt sein“, dann könnte ich das auch machen, aber so ist es nicht passiert. (lacht)

Jemand hat mich auch gefragt: „Wieviel Einfluss hat eigentlich Liv auf deine Lieder?“ Das war dann das erste Mal, dass ich darüber nachgedacht habe, warum wir zwei eigentlich nie so richtig über Musik geredet haben. Wir haben nie zusammen gesessen und gefragt: „Was denkst du eigentlich über dieses Lied? Was kann ich da verbessern?“ Das haben wir nie gemacht. (lacht) Das ist ganz komisch. Außer bei dem einen Stück von LEAVES´ EYES, „Into The Light„, da habe ich ja mitgesungen. Das war eigentlich alles, sie hat so wenig Zeit, deswegen sehen wir uns selten, und wenn wir uns sehen, dann reden wir über ganz andere Sachen. Aber ich habe durch diese Frage die Idee bekommen, dass es gar nicht so schlecht wäre, denn sie ist ja sehr erfahren und könnte mir bestimmt ein paar Tipps geben und umgekehrt.

So ein gesunde Konkurrenzdenken zwischen euch beiden, das euch gegenseitig motiviert besser zu werden, gibt es, wenn ihr gar nicht viel über Musik redet, dann wohl nicht, oder?

Ja, genau. Wir reden wirklich nicht viel. Vor ein paar Tagen hatte ich mein erstes Live-Radiointerview, und dann habe ich sie vorher angerufen und sie hat mir Tipps gegeben. Aber diese Motivation… wir reden da wirklich sehr selten drüber, deswegen muss ich, glaube ich, sagen: nein. Aber es ist nicht so, dass wir uns nicht motivieren wollen. Wenn ich die Bilder von ihr sehe und ihre Platte höre, dann sage ich selbstverständlich: „Wow, das ist toll“, und ich sage auch das, was ich negativ finde, wenn ich das meine. Die letzten THEATER OF TRAGEDY-Platten gefallen mir zum Beispiel nicht so. Die ersten finde ich super, die habe ich so oft gehört, aber die letzten halt nicht. Und dann sage ich so etwas halt auch. Sie hat auch gesagt: „Ich bin stolz auf dich.“ Von daher geben wir uns schon Motivation, aber nicht in konkreten Details.

Euer Demosong „Desolate“ war oder ist auf mp3.de ja überaus erfolgreich und wurde schon von mehr als 4000 Leuten heruntergeladen. Hattet ihr, als der Song online gestellt wurde, den Plattenvertrag schon in der Tasche?

Ja, das hatten wir.

War das dann also nur noch ein Testballon, um zu sehen, wie gut eure Musik bei den Leuten ankommt?

Nein, es gab einfach so viele Leute, die gefragt haben, ob sie irgendetwas hören können. Das war in jedem Fall einer der Gründe, den Song dort online zu stellen, dass wir endlich sagen konnten: „Hier könnt ihr was hören!“ Es war irgendwie so negativ, die Leute wollten unser Demo kaufen, und ich habe gesagt: „Da sind nur zwei Lieder drauf“, worauf sie meinten: „Doch, wir bezahlen, bitte gib uns die“, und da haben wir gedacht, dass wir es einfach ins Internet stellen, damit die Leute es herunterladen können. Ich hätte niemals in meinem Leben erwartet, dass so viele Leute das herunterladen. Ich verstehe es nicht. Nicht dass ich unsere Musik nicht toll finde, aber ich finde es unglaublich, dass ich darüber nachdenke, dass ich ein Lied geschrieben habe, das so ankommt. (lacht) Das habe ich echt nicht erwartet, und ich finde es auch für unbekannte Bands eine gute Möglichkeit sich bekannter zu machen durch die Downloads. Und für andere, bekannte Bands ist es natürlich nicht immer so toll, wenn die ganze Platte heruntergeladen wird und Plattenlabels vielleicht Konkurs gehen. Aber in unserem Fall hat das wirklich einen positiven Effekt gehabt.

Für euch ist das Internet also bisher eher Chance als Risiko…

Ja, aber ich finde es auch wirklich schade für die Leute, denen dadurch Schaden entsteht, und das verstehe ich auch. Aber für unbekannte Bands, die ein Ziel haben, ist es wirklich eine Möglichkeit das zu nutzen, denn wenn dann jemand den Song heruntergeladen hat, sagt: „Kauft die Platte!“, dann kriegst du so eine Art freie Promotion. Und ich glaube, Metalfans, die die Platte wirklich mögen, die kaufen das auch – um das Artwork zu haben, die Texte und das Album einfach in ihrer Sammlung zu haben.

Und wie gesagt, ich glaube schon, dass die Leute irgendetwas spüren bei diesem Lied, und deswegen bin ganz, ganz glücklich darüber. Die Meldungen, die zurück kommen, sind so fantastisch. Bei einem der Einträge in unserem Gästebuch habe ich fast geweint. Irgendjemand hat so etwas geschrieben wie: „Du hast fast mein Leben gerettet, das war das, was ich brauchte, um wieder Hoffnung zu kriegen.“ Und wenn man sowas hört, da sind dann schon die Ziele des Musikmachens längst erreicht. Das ist echt klasse.

„Desolate“ heißt auf dem Album ja nun „Desolation“. Warum wurde der Titel eigentlich geändert?

Hach, das ist eine schwierige Frage, warum haben wir das gemacht? (lacht) Ich weiß nicht… ich wollte es in jedem Fall nicht völlig ändern, aber…

Musikalisch hat sich da ja nicht wirklich noch was geändert, wenn ich das richtig höre…

Nein, wir haben nur ein bisschen geändert. Das kann ich wirklich nicht sagen, das war, glaube ich, so ein Bauchgefühl, das zu ändern.

Du hast ja eben schon mal erwähnt, dass du als Teenager Gesangsunterricht hattest. Ich finde, dass dein Gesang sehr natürlich und ursprünglich klingt. Bei vielen Sängern, die lange Gesangsunterricht hatten, habe ich den Eindruck, dass sie zwar sehr auf die Technik achten, aber gar keine echten Emotionen mehr rüberbringen…

Ja, das finde ich auch. Ich hatte allerdings auch nicht lange Gesangsunterricht. Es war wirklich nicht lange, irgendwie jeden Montag 20 Minuten, so ein oder zwei Jahre lang, und ich war so oft krank, dass ich die Hälfte der Stunden nicht da war. Aber ich habe trotzdem Unterricht gehabt und mich in jedem Fall entwickelt von der Stimme her. Ich war ungefähr dreizehn oder vierzehn Jahre alt… und ich muss sagen, ich denke eigentlich nie an Technik. Ich weiß nicht, ob die anderen da bewusst dran denken, aber ich denke in jedem Fall nie dran, wenn ich singe. Ich finde auch, das ist ein sehr wichtiger Punkt, denn das empfinde ich genauso wie du. Das ist auch so ein Punkt, wenn ich denke: „Hmmm, soll ich mich jetzt verbessern?“, dann denke ich immer: „Gehe niemals weg von dem, was du bist und wie die Stimme ist“, denn sonst klingt es irgendwie künstlich, und das möchte ich auf keinen Fall. Ich will probieren Emotionen rüberzubringen, und das kann man halt nicht nur mit Technik machen.

MIDNATTSOL 2005
MIDNATTSOL v.l.n.r.: Chris M., Daniel D., Carmen, Daniel F., Birgit, Chris H.

Die anderen Bandmitglieder haben ja früher bei der PENETRALIA gespielt. Wie bist du eigentlich mit ihnen in Kontakt gekommen?

Als ich nach Deutschland kam, da wollte ich, so wie auch in Norwegen, auf jeden Fall eine Band haben, weil ich fühlte, dass ich in einem Stadium war, wo ich nicht nur Melodien erschaffen und singen wollte, sondern meine Ideen auch in wirkliche Musik umzusetzen. Ich fühlte mich dafür bereit und ich hatte viele Ideen, und dann habe ich auch Alex Krull und Andreas Kais, einem guten Freund, der für METAL HEART schreibt, erzählt, dass ich eine Band suche. Christian Hector, der Gitarrist, hat dieselben Connections und Freunde, und er hat auch zu ihnen gesagt, da PENETRALIA sich zu dem Zeitpunkt gerade auflösten, dass er eine Band sucht. Alex und Andreas wussten, dass wir zwei ungefähr den selben Geschmack haben. Dann hat er mir eine E-mail geschrieben, nur ein paar Wochen, nachdem ich hierher gekommen bin, und wir haben uns in der Rockfabrik in Ludwigsburg betroffen. Das war so ein richtiges Blind Date, wir wussten gar nicht, wie der andere aussieht. Wir haben dann ganz viel darüber geredet, was wir wollen, was wir erwarten, über unsere Inspiriationen fürs Musikmachen etc. – und dabei hat sich wirklich herausgestellt, dass wir musikalisch so gut zusammenpassen. Wir beide haben die Band dann also gegründet, und die anderen Mitglieder von PENETRALIA kamen innerhalb von kurzer Zeit nach und nach dazu. Sie wollten, nach der Erfahrung, die sie gemacht haben, glaube ich, auch eine andere Art von Musik machen, und weil der Christian sie schon kannte, hat er mit ihnen darüber gesprochen, was sie sich vorstellen. Sie haben dann probiert mit uns zu spielen und wir haben viel miteinander geredet und gesehen, dass wir den selben Geschmack haben.

Es war aber trotzdem nicht so, dass wir alle genau dasselbe wollten, wir haben trotzdem sehr viele verschiedene Einflüsse dabei, einige haben ja sogar in Death Metal-Bands gespielt. Von daher haben wir ganz viele Richtungen dabei, aber wir wollen so ungefähr auf dasselbe hinaus, was das Gesamtresultat angeht. Das finde ich so richtig klasse, wenn ich eine kleine Melodie habe und dann jeder Part dazu kommt, wie sich das entwickelt, das ist echt super.

Hältst du dich denn eigentlich in Sachen norwegischer Folk Metal auf dem Laufenden, was aktuelle Bands angeht?

Nein, eigentlich nicht. Das ist nämlich das Komische. Ich höre eigentlich auch ganz andere Musik. Nein, nicht ganz andere, aber meine Lieblingsbands zum Beispiel sind ANATHEMA und DEAD CAN DANCE, und ich höre gerne MY DYING BRIDE, OPETH und AMORPHIS. Das sind auch so Bands, die ich sehr gerne mag, aber nicht unbedingt Folk Nordic Metal, und ich hatte auch keine Ahnung, dass ich genau solche Musik machen will. Ich wusste nur, was ich machen möchte, das haben wir dann getan und erst später darüber nachgedacht: „Was ist das überhaupt?“ Und dann haben wir gemerkt, dass da schon folkige Einflüsse sind, und ich habe darüber nachgedacht, warum ich immer solche folkigen Melodien habe. Das kommt sicherlich auch von dem Natureinfluss in Norwegen und auch vielleicht von den Volksliedern, die ich damals gesungen habe im Gesangsunterricht. Von daher halte ich mich nicht so auf dem Laufenden. Ich mag die Bands schon, aber ich bin da nicht so die Person, die alles darüber weiß.

Auf eurer Homepage wirst du allerdings zitiert mit: „Ich wusste seit frühester Jugend, dass ich genau diese Musik machen möchte.“

Steht das auf unserer Homepage?

Ja, das steht so auf eurer Homepage.

Echt? (lacht) Ich wusste gar nichts davon…

In eurem Bandinfo, das Melanie Aschenbrenner geschrieben hat.

Achso, das Info. Jetzt weiß ich, wovon du sprichst. (lacht)

Wie und wann bist du denn zum Metal gekommen, wenn du schon seit frühester Jugend wusstest, dass du mal solche Musik machen möchtest?

Also die Musik, die ich als Kind gemacht habe, war bestimmt kein Metal. Aber mein Vater ist bestimmt der größte OZZY-Fan, den es in ganz Stavanger gab. Er liebt OZZY und solche Musik, und wir haben das auch als Kinder gehört. Mein Lieblingslied war „Mama, I’m Coming Home“, das war immer so Samstag abends, und so laut, dass die Lautsprecher vibriert haben, und wir haben da mitgesungen. Von daher habe ich schon immer die Akzeptanz gehabt, es war nie so, dass man mir gesagt hätte: „Du sollst keinen Metal hören!“

Dann kam auch irgendwann Liv dazu mit ihrer Musik. Das war für mich einfach wie normale Musik, Metal, wie ich ihn ganz normal gehört habe, und das hat mir auch sehr gefallen. Es war aber erst, als ich so 13 oder 14 war, wo ich durch Zufall durch Freunde richtig zum Metal gekommen bin. Eine Freundin hatte mich mit zu einer Party genommen, und ihr Freund war in der Szene. Dadurch habe ich dann auch mehr solche Musik gehört und bin so ein bisschen da reingekommen. Ich habe dann auch Bands in der Szene kennengelernt und mit ihnen ein bisschen Musik gemacht. Es war also erst in dem Alter, wo ich die Szene wirklich kennengelernt habe. Vorher habe ich zum Beispiel nicht solche Platten gekauft oder sie wirklich angehört – wobei ich das eigentlich schon gut fand, aber ich war eben nicht so drin, und ich mochte halt auch viele andere Musikrichtungen.

Viele denken, dass Liv mich irgendwo mitgenommen hätte oder dass ich so wie sie sein wollte. Das war aber nicht so. Wir sind acht Jahre auseinander, es war nicht so, dass wir auf dieselben Parties gegangen sind. Man muss auch bedenken, dass sie in Deutschland war, und ich hatte mein eigenes Leben, und dadurch bin auch in die Metalszene gekommen, unabhängig von ihr.

Okay, zum Schluss möchte ich dich noch mit einem weiteren Zitat konfrontieren, diesmal von deiner Schwester. In einem Interview mit Vampster sagte sie vor knapp drei Jahren: „Mittlerweile gibt´s ja Bands, die ABBA covern… A-TEENS oder wie die heißen. Meine Schwester wußte gar nicht, dass dieses „Gimme, Gimme, Gimme“ ein Coverlied ist.“ – Was sagst du zu deiner Verteidigung?

(lacht) Ja, ich sage das wirklich, dass ich in dieser Welle nicht dabei war. Zum Beispiel ABBA und so, das habe ich nicht gehört. Wie gesagt, ich habe mal THEATRE OF TRAGEDY, mal BLACK SABBATH, mal regionale Bands gehört. Ich war in dieser Welle nicht drin. (lacht) Das stimmt wirklich. Ich weiß auch nicht warum, meine Freunde haben das schon gehört. Ich hatte halt meinen eigenen Musikgeschmack. Okay, das ist eine Schande, wenn man bedenkt, wie gut und bekannt sie sind, aber das ist einfach so, und da kann ich mich auch eigentlich nicht verteidigen.