KATHAARSYS: Der Underground des Undergrounds

KATHAARSYS sind ohne Wenn und Aber der wohl spannendste Extrem Metal-Export aus Spanien. "Anonymous Ballad" bietet wiederum atemberaubend melancholischen Düstermetall, der irgendwo zwischen Black Metal-Rauheit, PRIMORDIAL-Epos und OPETH-Komplexität angesiedelt ist und mit Gefühl und Spielfertigkeit verzaubert. Sänger und Gitarrist José gewährt Einblicke hinter die spanischen Kulissen…

 

KATHAARSYS sind ohne Wenn und Aber der wohl spannendste Extrem Metal-Export aus Spanien. Anonymous Ballad bietet wiederum atemberaubend melancholischen Düstermetall, der irgendwo zwischen Black Metal-Rauheit, PRIMORDIAL-Epos und OPETH-Komplexität angesiedelt ist und mit Gefühl und Spielfertigkeit verzaubert. Kaum zu glauben, dass sich das Trio nicht einmal zwei Jahre Zeit dafür genommen hat nach der Doppelscheibe Verses in Vain anno 2007. Außerdem sind die drei Spanier offebar vom Tour-Virus befallen – just sind sie von ihrer Europatour zurückgekehrt. Statt im schnittigen Nightliner reisten sie im eigenen Minibus und teilten sich die Fahrertätigkeit, um die über 10.000 Kilometer quer durch den Kontinent zu bewältigen. Zeit also, sich bei Gitarrist und Sänger José per E-mail nicht nur nach dem Geheimnis hinter soviel Tourenergie zu erkundigen…

Ihr seid nun schon über einen Monat auf Europatour. Was war das Verrückteste, das euch passiert ist?

Uh, eine ziemlich schwierige Frage, haha. Auf Tour zu sein, ist immer eine verrückte Sache. Auf der Straße gibt es verrückte Autofahrer – vor allem in Rumänien, haha. Auf der Bühne gibt es sonstige merkwürdige Probleme oder es hat komische Leute im Publikum. Irgendwelche betrunkene Fans machen immer verrückte Sachen während der Konzerte. Und selbst Hotels sind nicht immer normal – in Ungarn übernachteten wir in einem Hotel mit Sovietdesign…

Na hoffentlich habt ihr gut geschlafen und ohne Träume vom Kalten Krieg… Anders als sogenannte große Bands organisiert ihr eure Touren ja selbst und übernehmt auch gleich sämtliche Fahrerpflichten. Nun seid ihr nur zu dritt, um Tausende Kilometer zu bewältigen und spielt fast jeden Abend. Was gibt euch die Energie, um diese intensive Kombination aus Fahren und Musizieren zu bewältigen? Und was ist das Wichtigste, wenn man auf diese Art und Weise auf Tour ist?

Nun, wir lieben Musik und die Musik ist unsere Energie. Am wichtigsten sind ein guter Platz zum Schlafen und gutes Essen. Aber das ist nicht immer möglich.

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Grund für überwältigende Reaktionen: Anonymous Ballad von KATHAARSYS

Mit der Tour promotet ihr ja euer aktuelles Album Anonymous Ballad. Was für Reaktionen habt ihr bis jetzt bekommen von der Presse und den Fans?

Die Reaktionen waren überwältigend und mich überraschen sie immer. Menschen, die unsere Musik mögen, mögen sie auf eine ganz spezielle Art. Das ist sehr berührend und der schönste Lohn für unseren Einsatz.  

In dem Fall ist für dich als Musiker das Feedback der Fans sehr wichtig…

Für mich persönlich ist das Feedback der Fans etwas Besonderes. Ich kreiere die Musik, die ich will, und die Leute mögen es – einfach toll. Es gibt auch Fans, die weit reisen, nur um uns spielen zu sehen. In Rumänien gab es ein Mädchen, die für unser Konzert eine 500 Kilometer-Zugsreise auf sich genommen hatte. Und das an einem Montag!

Nicht ohne! Kommen wir zu eurem neuen Album, Anonymous Ballad. Dieses ist in fünf Songs, sozusagen fünf Parts, aufgeteilt. Gibt es ein Konzept, welches alle Songs verbindet? Und wenn ja, worum geht es darin?

Ja, es ist en Konzept. Wie immer bei KATHAARSYS, wir machen Konzeptalben, haha. Nun ja, es gibt also ein großes Thema, welches in fünf Teile aufgeteilt wird. Lyrisch gesehen ist es quasi ein Prolog für eine größere Geschichte, aber auf eine spezielle Art und Weise. Die Texte beinhalten verschiedene Perspektiven derselben Geschichte. Aber die komplette Erklärung für die Konzeptgeschichte gibt es erst auf dem nächsten KATHAARSYS-Album.

Wenn das nur der Prolog war, dann gibt es definitiv einiges zu erwarten… Eure Songs sind ja schon nur musikalisch gesehen reichlich komplex und kaum jemals kürzer als fünf Minuten. Ganz extrem wird es ja bei Part 4 – No Guide, der fast 14 Minuten dauert. Großes Gewicht legt ihr auf ausgedehnte Instrumental-Passagen und ich frage mich, was bei euch zuerst kommt: der Text oder die Musik?

Um die Länge der Songs kümmern wir uns nicht bewusst. Wir nehmen uns einfach die Zeit, die wir brauchen, um unser musikalisches Gefühl für diesen einen Song umzusetzen. Und wenn dieses größer ist als gewöhnlich, dann wächst auch der Song. Die Texte werden immer nach der Musik geschrieben. Ich weiß nicht wirklich, warum das so ist. Vielleicht versuche in später mal, die Lyrics zuerst zu schreiben und die Musik danach…

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Musik ist unsere Energie – Jose

Bis jetzt funktioniert euer Songwriting aber schon mal optimal… Auffallend an KATHAARSYS ist die Melancholie, die eurer Musik innewohnt. Die meisten Leute assoziieren Spanien mit sonnigem Wetter und fröhlichen Leuten – woher kommt eure Schwermut?

Nun, das Problem mit dieser Assoziation ist, dass Spanien im Gegensatz dazu ein Land großer Diversität ist. Die meisten Leute kennen den Süden Spaniens, weil dieser durch den Tourismus vielen bekannt ist. Aber Spanien ist größer und hier gibt es viele Sprachen, Kulturen, Landschaften…

Unsere Texte sind melancholisch, weil Galizien als Landesteil immer mit dieser Art von Gefühlen assoziiert wird. Es gibt hier viel positive Energie, aber sie wird zu negativen Gefühlen. Ich denke, es ist ziemlich ähnlich wie Irland, diese Mischung aus Schönheit und Traurigkeit…

Und die Gedanken an PRIMORDIAL kommen bei eurer Musik immer wieder mal auf. Aber bleiben wir bei euren beiden letzten Alben, Anonymous Ballad und Verses in Vain. Beide Albumtitel sind in der Welt der Poesie verankert. Was fasziniert dich an Gedichten? Und gibt es Autoren, die du speziell magst?

Ja, sie faszinieren mich, aber das geschieht im Unterbewusstsein… Es gibt keine speziellen Gedichte, die ich mag, aber gleichzeitig ist Poesie immer mit Musik verbunden. Aber es gibt sehr wohl Autoren, die ich mag. Einer meiner Favoriten ist Manuel Antonio, ein galizischer Autor. Manchmal mag ich auch Antonio Gamoneda. Spanische Klassiker wie Lorca oder Antonio Machado gefallen mir auch. Oder Werke von Wilde und Shakespeare (natürlich)…

Trotz eurer anspruchsvollen Texte nehmen die komplexen und schönen Musikkompositionen den größten Raum ein auf euren Alben. Wie muss man sich den Songwriting-Prozess bei KATHAARSYS vorstellen?

Das Komponieren ist etwas Persönliches für mich. Auf der einen Seite beruht das Kreieren neuer Musik auf natürlichem Bauchgefühl. Auf der anderen Seite steht harte Arbeit. Ein aufwendiger Arbeitsprozess, in welchem alles auf Herz und Nieren erforscht und geprüft wird – Strukturen, Harmonien, Melodien, Arrangements… Das Resultat solcher monatelanger Schaffensprozesse sind Songs wie The Everlasting Misery…

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Es ist wie mit der Musik aus dem Underground – manchmal findest du die beste Qualität bei den kleinen Firmen. – KATHAARSYS zum Thema Drumsticks und Saiten-Endorsementdeals

Klar, dass ein KATHAARSYS-Song kaum an einem Samstagnachmittag entsteht… Benutzt du auch Computerprogramme beim Schreiben neuer Songs oder schnappst du dir lieber deine Mitmusiker für eine Jam-Session?

Normalerweise benutze ich keinen Computer. Ich komponiere die Songs einfach und benutze mein Gedächtnis, um mir die richtigen Riffs zu merken, das nicht so tolle Material zu recyceln und die Parts zu eliminieren, die mir schlussendlich nicht gefallen. Dann zeige ich den anderen das Material und wir fangen gemeinsam an, am Arrangement zu arbeiten. Und das ist ebenfalls harte Arbeit, hehe.

Oh ja. Nun habt ihr bei dieser harten Arbeit ja etwas externe Unterstützung. Ihr habt zwei Endorsementdeals – einen für Drumsticks und einen für Gitarrensaiten. Welche beiden Firmen unterstützen euch und was magst du an deinen Gitarrensaiten?

DOVETAIL STRINGS versorgen mich mit Gitarrensaiten. Es sind wirklich gute Saiten und ich bin sehr glücklich damit. Es ist wie mit der Musik aus dem Underground – manchmal findest du die beste Qualität bei den kleinen Firmen.

…während die Großen nur lieblose Stangenware liefern – dieser Vergleich hat was. Meiner Meinung nach seid ihr alle drei ausgezeichnete Musiker. Was mich immer wieder überrascht ist, wie du gleichzeitig die anspruchsvollen Gitarrenmelodien und den variantenreichen Gesang meisterst. Soweit ich weiß, hattet ihr mal einen zweiten Gitarristen. Wieso ist er nicht mehr in der Band? Und gab es jemals Pläne bei KATHAARSYS, die Band wieder zu einem Quartett zu machen?

Danke fürs Kompliment!

Ja, wir hatten mal einen zweiten Gitarristen, vor Verses in Vain. Aber er beschloss, die Band zu verlassen. Und wir hatten genug von den häufigen Gitarristenwechseln, also entschieden wir, als Trio weiterzumachen. Es war eine sehr kluge Entscheidung, weil der Sound der Band klarer wurde und wir die Musikqualität deutlich verbessern konnten. Und die Fans mögen KATHAARSYS also Trio seit der ersten Show – also werden wir das nicht ändern und ein Trio bleiben.

Etwas Bizarres ist mir an eurem Trio allerdings aufgefallen. Die Bandmitglieder von KATHAARSYS werden immer mit vollem Nachnamen aber nur mit Vornameninitial aufgeführt. Gibt es dafür einen Grund?

Ich weiß es nicht, haha. Wir haben das einfach bei unserer ersten CD so gemacht, aber einen bestimmten Grund für diese Schreibweise gab und gibt es nicht.

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Die Motivation zur Bandgründung war einfach: Gute Musik machen. – José

Dann bleiben wir doch gleich ein bisschen in der Vergangenheit. Gegründet wurde KATHAARSYS 2002. Was hat dich dazu motiviert, eine Band zu gründen und wie habt ihr einander gefunden?

Die Bandgründung war etwas verwirrend. Es gab zuerst eine andere Band namens ELSENOR, aber die Musik veränderte sich mehr und mehr. Irgendwann zwischen 2000 und 2002 wurde die Band zu KATHAARSYS. Die Motivation zur Bandgründung war einfach: Gute Musik machen.

Aber wir haben gelernt, dass eine simple Sache nicht einfach zu machen ist. Es gab zahlreiche Line Up-Wechsel bis 2006, auch wenn die Idee immer dieselbe war: Gute Musik machen und dabei Spaß haben.  

Spanien ist trotzdem nicht so bekannt für extreme Metalbands. Ausnahmen seid ihr, HAEMORRHAGE und AVULSED. Wie sieht die extreme Metalszene in Spanien aus? Geben muss es ja eine…

Extremer Metal in Spanien ist sozusagen der Underground des Undergrounds. Es hat nur wenige Leute in der Szene, die noch dazu in die Subgenres aufgeteilt ist, also Death Metal, Thrash Metal und so weiter. Dazu kommen noch die Subdummheiten, also die Trven und die zerstörerischen Freakleute. Das führt dazu, dass es ziemlich schwierig ist, in Spanien eine Undergroundband zu haben, die außerhalb Iberiens bekannt wird. Trotzdem – es gibt viele gute Bands und Musiker hier.

Und welche spanischen Metalbands kannst du empfehlen?

Da gibt es einige. Spontan fallen mir ein: FALLEN SENTINEL, NAHEMAH, GUILLES DE RAIS, DARK EMBRACE, MOONLOOP, SUFFERING DOWN und EPHEMERAL DUSK. Aber es gibt noch mehr…

Welche Band hat dich denn zum Metal gebracht? Und erinnerst du dich noch an dein erstes Album?

Uh, ich erinnere mich, dass GUNS N ROSES die erste Rockband war, die ich mir im Haus meines Cousins angehört habe. Punkto Metal waren es wohl METALLICA, aber ich bin mir nicht sicher. Mein erstes Album war wohl ein Live-Album von LOS SUAVES, einer Classic Rock/Metal Band aus Galizien.

Da deine Gitarrenlines ziemlich komplex sind, vermute ich, dass du dir auch Musik außerhalb des Metalbereichs anhörst…

Ich höre mir fast jedes Musikgenre an. Momentan fasziniert mich Jazz mehr und mehr. Aber auch Classic Rock Bands und kreativen Metal höre ich mir gerne an.

Etwas, was bei euch gleich bleibt, ist, dass ihr für die Coverartworks auf Kris Verwimp setzt. Wie seid ihr ursprünglich mit ihm in Kontakt gekommen und wie ist es, mit ihm zusammenzuarbeiten?

Kris Verwimp ist zu einem guten Freund geworden. Ursprünglich hat Martha (Bassistin von KATHAARSYS) einige seiner Artworks im Internet gefunden und ihn dann kontaktiert. Auf unserer ersten Europatour haben wir ihn dann auch persönlich getroffen. Er ist ein echter Künstlerfreigeist und hat den echten Undergroundspirit in sich.

Welche Gedanken stecken hinter dem Coverartwork von Anonymous Ballad? Und wie wichtig ist der visuelle Aspekt bei KATHAARSYS?

Der Gedanke hinter dem Artwork ist die Konfrontation zwischen der modernen Welt und der Natur. Der visuelle Aspekt ist ein Teil des KATHAARSYS-Konzepts. Aber bei den Konzerten folgen wir dem Death Metal-Spirit: Wir kümmern uns nicht um das Image, das ist für die CDs. Aber es wäre schon cool, unser Konzept noch mit mehr visueller Kunst anzureichern in Zukunft.

Ihr habt ja einen Deal beim kleinen spanischen Label SILENT TREE PRODUCTIONS. Wie seid ihr mit der Zusammenarbeit zufrieden und wie seid ihr auf SILENT TREE PRODUCTIONS gekommen?

Nun, ich bin Teil dieses Labels und kümmere mich vor allem um das Booking. In Spanien gibt es keine Underground Labels, die mit uns arbeiten können. Wir haben uns deswegen entschieden, mit SILENT TREE PRODUCTIONS zu arbeiten, weil sie den Underground-Spirit haben und wir die komplette Kontrolle über die Band behalten.

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 Underground-Spirit – KATHAARSYS

SILENT TREE PRODUCTIONS sind ja in Spanien zuhause. Für die Aufnahmen von Anonymous Ballad seid ihr allerdings weiter weg und habt es in Argentinien aufgenommen. Im La Nave de Oseberg hat ja auch TARJA TURUNEN schon aufgenommen. Warum habt ihr dieses Studio gewählt und wie war das Aufnehmen in Argentinien?

Wir waren gerade auf Tour in Argentinien. Und dann kam ein gutes Angebot mit einem lokalen Produzenten, also haben wir uns dazu entschieden, dort aufzunehmen. Das Studio ist gut und das Resultat auch, also keine Probleme. In Zukunft wollen wir allerdings in Spanien aufnehmen, weil wir dann mehr Zeit haben. Anonymous Ballad mussten wir relativ rasch aufnehmen wegen der Distanz.

Dann bleiben wir doch gleich bei der Zukunft. Seid ihr 2009 nochmals live unterwegs?

Ja, wir spielen am VAGOS METAL FEST in Portugal mit einigen berühmten Bands zusammen. Primär wollen wir aber an neuem Material arbeiten und vielleicht sogar schon Ende Sommer mit den Aufnahmen zum neuen Album beginnen…

In dem Fall gibt es schon Ideen fürs neue Album und KATHAARSYS-Zukunftspläne…

Ja, es ist schon reichlich Material bereit für den Arrangementprozess und die Aufnahmen. Zukunftspläne? Ja, wir wollen weiterhin Musik machen und weltweit touren. Dann treffen wir noch mehr solche Leute wie dich – vielen Dank fürs Interview!

Livebilder und Layout: Arlette Huguenin Dumittan
Cover: Band