REQUIEM: Gegen den rücksichtslosen Kapitalismus und die Ausbeutung

REQUIEM sind seit Jahrzehnten ein fester und granitharter Bestandteil der Schweizer Death Metal-Szene. Kompromisslos und sozialkritisch fällt auch das siebte Full Length-Album “Collapse into Chaos” aus und REQUIEM mähen todesmetallisch durch die Klanggefilde. Zeit also, sich bei Bassist Ralf W. Garcia zu melden, um einen Blick hinter die REQUIEM-Kulissen zu erhaschen.

Collapse into Chaos” ist euer siebtes Album – was war dieses Mal schwieriger für euch als erfahrene Band im Rahmen des Songwriting und der Aufnahmen? Oder geht bei euch alles wie von selbst?

Ralf W. Garcia (Bass): Also wie von selbst geschieht bei keiner Band etwas, denke ich mal zumindest. Wie Du schon erwähnt hast, ist dies ja unser siebtes Album und wenn man die Debut EP noch mit dazu rechnet, also unsere achte Veröffentlichung als Band. Selbstverständlich verändert sich das Songwriting in Bezug auf die Vorgehensweise und auch was die Stilmittel angeht im Laufe der Zeit. So wie auch wir uns als Menschen natürlich verändern im Laufe der Dekaden. Allerdings haben wir seit ungefähr drei bis vier Alben eine Struktur und Vorgehensweise gefunden, welche für uns sehr gut funktioniert und bisher zielführend immer gut geklappt hat, weswegen wir das auch dieses Mal so beibehalten haben. 

“Wir archivieren unsere Songs mit Notation”

Ganz grob zusammengefasst, entstehen die instrumentalen Grundgerüste durch Phil (Guitars) und Reto ( Drums), ich schreibe neue Texte oder nutze bereits vorhandenes aus meinem Archiv worauf dann Michi (Vocals) seine Arrangements und Rhythmik für den Gesang entwickelt. Songs werden bei uns seit jeher mittels Notation archiviert, was es dann z.B. mir auch sehr viel einfacher macht, meine Basslinien darauf zu schreiben oder auch noch zweistimmige Gitarrenparts einzufügen oder das eine oder andere Solo. 

Auch bei der Entstehung von “Collapse Into Chaos” sind wir, wie bereits erwähnt, so vorgegangen. In einzelnen, wenigen Fällen weichen wir manchmal von diesem Konzept ab, aber grundsätzlich läuft es mehr oder weniger meistens so ab. Eine Hürde, welche natürlich dazu kommt, je mehr Songs bzw. Alben man als Band veröffentlicht hat, ist natürlich das Ziel, sich nicht zu wiederholen. Wir zumindest wollen alles spannend, frisch und kompakt halten. Dies würde ich persönlich nicht als Schwierigkeit ansehen, aber sicherlich als Herausforderung.

Jedenfalls sind wir mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Wir sind uns als Death Metal Band nach wie vor treu geblieben, haben aber trotzdem unseren eigenen Stil weiterentwickelt inklusive der Blastbeats, Grind-Einflüsse und den Punk-D-Beats bzw. anderer Einflüsse, die wir schon immer verwendet haben. REQUIEM gibt es ja jetzt 25 Jahre und entsprechend haben wir natürlich viele Erfahrungen in Bezug auf das Songwriting angesammelt. Letztendlich begegnen wir aber dem Entstehungsprozess eines neuen Albums aber trotzdem immer wieder mit komplett neuer und frischer Sichtweise, obwohl man sich ja nie von seiner eigenen kreativen Vergangenheit ganz befreien kann. Aber so haben wir bisher, zumindest für uns persönlich, diesen spannenden Funken bewahrt, den diese Art von Musik braucht. Jedenfalls ist das so unsere Sicht der Dinge.

Mit “Collapse into Chaos” in den Schweizer Charts

Ihr habt “Collapse into Chaos” ja am 25.6.2021 veröffentlicht – gleichzeitig wie DARKTHRONE ihr 19. Album “Eternal Hails”.  Damit sind die Norweger auch in die Charts eingestiegen. Wie seht ihr als Death Metal-Band eigentlich Chart-Einstiege für extreme Metalbands? Braucht es das? 

Ralf W. Garcia: Wie so vielem in der sogenannten Musikindustrie stehen wir dem relativ neutral oder tendenziell bei diversen Aspekten auch recht gleichgültig gegenüber. Wenn ein Charteinstieg für (Death-) Metal Bands passiert, ist das für die betreffende Band sicherlich toll. Aber wichtig für die kreative Seite der Musik an sich ist es sicherlich nicht. Generell darf man solche Sachen nicht überbewerten, denke ich mal. Manchmal entsteht dann schnell der Eindruck von aussen, dass sich das dann auf Merchandise-Verkäufe und Zuschauerzahlen übertragen würde. Und dem ist nicht so. Es könnte nicht entfernter von der Realität sein. 

Von daher hat ein Charteinstieg für sogenannte Extrem-Metal-Bands nicht wirklich was zur Erweiterung des Bekanntheitsgrades beigetragen. “Collapse Into Chaos” ist letztes Jahr ja auch in den Schweizer Charts gelandet. Uns und unser Label hat das natürlich gefreut und es war ein netter Anlass damit weiter Werbung zu betreiben. Aber das war`s dann auch schon. 

 

Cool! Aber kommen wir wieder zum Handfesten auf “Collapse into Chaos”. In “Mind Rape” befasst ihr euch mit drastischen Worten mit dem Thema Fake News und mediale Beeinflussung via Internet. Was ist eurer Meinung nach der richtige Weg – die absolute Ausdrucksfreiheit via Internet oder ein gewisses Mass an Zensur? Wo liegt dieses Mass eurer Meinung nach? 

Ralf W. Garcia: Spannende Frage. Mit diesem Thema wurden wir jetzt schon mehrmals konfrontiert. Was ist der richtige Weg? Tja…was ist generell richtig im Leben und was ist falsch? Was ist richtig für die Welt, die Menschheit und was nicht? Grosse Themen also…

Die Frage nach dem Mass an Zensur und der Meinungsfreiheit ist eine grosse Frage und entsprechend hier in einem Absatz nicht einfach so schnell als persönliche Sichtweise zu beantworten. 

Die Thematik ist extrem komplex. Fakt ist jedenfalls, dass sich dieses Thema und alle damit zusammenhängende Aspekte seit der Einführung des Internets und der in der Folge entstandenen Sozialen Medien massiv verändert haben und es immer schwieriger wird, den wirklichen Wahrheitsgehalt von verbreiteten Informationen als Privatperson zu ermitteln. Es wurde zunehmend zu einem Dschungel an Meinungen und Aussagen, welche oftmals, je nach Thema, nicht auf wissenschaftsbasierten Fakten beruhen, sondern je nach Absender natürlich bestimmte andere, oftmals politische oder wirtschaftliche, Ziele verfolgen.

Meinungsfreiheit in der Kunst

Die Meinungsfreiheit und Ausdrucksfreiheit, vor allem für die „Kunst“, ist ja ein integraler Bestandteil der demokratischen Systeme. Von daher muss dies absolut gewährleistet sein. Aber wo sind die Grenzen bzw. wer bzw. welche Instanz entscheidet darüber, wo die Grenzen sind. Wer darf sich letztendlich anmaßen, Zensur zu betreiben. Wobei das Wort und Thema „Zensur“ ja durchaus oftmals in diversem Kontext schon mal sehr negativ eingefärbt ist. Aus den eingangs erwähnten Erfahrungen.

Das Thema, vor allem im Metal, hatten wir ja alles schon mal in den 80er Jahren z.B. mit der Zensur der PMRC in den USA usw. Nur so als Beispiel. Und wohin das geführt hat bzw. was die Auswirkungen davon waren, wissen wir ja mittlerweile nur zu gut.

Collapse into Chaos  – der Titel wirkt mehr als realitätsnah. Wo seht ihr Verbindungen zur Realität? 

Ralf W. Garcia: Auch ein Thema, welches schon mehrfach aufgekommen ist. Nun, wenn man sich mal den Zustand der Welt mal genau anschaut und sich die grossen und tendenziell bedrohlichen Themen für die Menschheit vor Augen führt, trifft der Albumtitel sicherlich schon mal zu. 

Selbstverständlich ist es natürlich schon so, dass jede Generation vor uns ähnliche bedrohliche Situationen erlebt hat. Und ich rede jetzt nur mal von der Zeit seit dem 2. Weltkrieg und geographisch bezogen, von Europa. Jedoch war der Zustand unserer  Meere bzw. der Natur insgesamt nachweislich nie schlechter als jetzt. Zumindest seit dies technologisch messbar ist. Also kommt zwangsläufig das Thema oder die Frage auf, wann ein wirtschaftlicher und gesellschaftlicher „Kollaps“ dann wirklich für den Grossteil der Menschheit noch deutlicher im Alltag spürbar wird.

Fakt ist ausserdem, dass der rücksichtslose Kapitalismus und die damit zusammenhängende Ausbeutung ganz sicher noch weitere und grössere Konsequenzen haben wird, als bisher schon. Wie erwähnt, ist es eine Frage wer das dann wirklich zu spüren bekommt. Erleben wir das noch oder erst die nächste oder übernächste Generation. Jeder kann natürlich dazu seine eigene, individuelle Meinung haben. 

Diese Thematik zu verdrängen oder die Augen davor zu verschliessen, wird jedenfalls nichts nützen. Die Schäden sind bereits vorhanden und werden ja nicht von alleine wieder verschwinden. Somit sieht es mittlerweile so aus, dass es nur eine Frage des Zeit ist, bis der Kollaps, im grossen Stil, kommt. Es geht heutzutage sicherlich nicht mehr um die Frage ob es massive wirtschaftliche, gesellschaftliche und existenzielle Konsequenzen für die Menschheit geben wird. Es geht nur noch um die Frage, wann genau dies auch in den reichen Industrieländern dann deutlich im Alltag für die Gesamtbevölkerung spürbar sein wird.

Wie das genau aussehen wird und in welcher Kaskade das dann abläuft und eben wann genau, wird die Menschheit dann erfahren. Es gibt unzählige wissenschaftliche Studien und Fakten, welche ganz klar aufzeigen, was sich entwickelt. Wie gesagt, wie, was, wann und wo, das wird sich dann zeigen. Oder alternativ wird dann allerspätestens der “Kollaps ins Chaos“ für unsere Welt und die Menschheit erfolgen, wenn unsere Sonne die letzte Phase ihrer Existenz erreicht hat. 

Das dauert zwar noch einige Millionen Jahre, aber irgendwann ist es dann definitiv soweit. Ob man das nun wahrhaben möchte oder nicht spielt keine Rolle. Nichts ist für die Ewigkeit. Und das ist ein Fakt, welcher sich nun mal gar nicht wegwischen lässt. Aber wie erwähnt, vermutlich wird es vorher noch andere Auslöser für den “Kollaps” geben.Von daher ist der Titel ganz sicher absolut realitätsnah.

Ich selber habe Death Metal immer als ausgesprochen Live-orientiertes Genre wahrgenommen und bei REQUIEM gibt es ja live auch immer ausgesprochen viel Schweiss. Was plant ihr bezüglich Bühnenpromotion für “Collapse into Chaos”? Oder werdet ihr euch an das neue “Medium” der Online-Konzerte wagen?

Ralf W. Garcia: REQUIEM war ja schon immer live sehr aktiv, was natürlich in den letzten knapp zwei Jahren aus bekannten Gründen nicht so sehr, wie bisher, möglich war. Wir haben seit Veröffentlichung des Albums gerade mal eine Handvoll Gigs spielen können. Unter normalen Umständen wären wir sicherlich wieder auf die eine oder andere Tour in Europa aufgesprungen. Aber so ist es jetzt nun mal jetzt momentan. Ehrlich wissen wir aktuell nicht genau, wann und wie die nähere Zukunft aussehen wird in Bezug auf Livekonzerte. Wir haben noch Daten für dieses Jahr 2022, welche von letztem Jahr verschoben wurden. Aber wie und ob dies dann auch stattfinden werden, kann man aktuell nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen.

Was das Thema Online-Konzerte bzw. Livestreams angeht, haben wir uns als Band dafür entschieden, dies nicht zu machen. Wir sind einfach nicht die Band dafür. Wir brauchen den direkten Kontakt zum Publikum.

Wenn das andere Bands machen ist das cool. Ich persönlich habe beruflich an ein paar dieser Livestream Produktionen hinter den Kulissen mitgearbeitet, aber für REQUIEM ist das sicherlich kein Thema. Wir machen da unser eigenes Ding und werden dann wieder live spielen, sobald es wieder möglich ist.

Lebendig oder tot: Mit welcher Band würdet ihr am liebsten die Bühne teilen? 

Ralf W. Garcia: Gute Frage. Das ist natürlich auch ganz oft eine Frage des persönlichen Geschmacks. Und wir haben in der Band schon unterschiedliche Vorlieben, was u.a. natürlich auch unsere eigene Musik letztendlich bereichert.

Aber um Dir eine Antwort zu geben. Ich persönlich wäre immer gerne mit BOLT THROWER auf Tour gegangen, was ja nicht mehr möglich ist. Mit vielen anderen Favourites haben wir die Bühne bereits geteilt. 

Nochmal mit unseren Freunden von FLESHCRAWL inklusive ihrem langjährigen Sänger Sven, der ja leider letztes Jahr verstorben ist, eine Clubshow bestreiten. Das wäre toll. Ansonsten fallen mir einige andere Namen ein, die aber zumindest stilistisch nicht zu REQUIEM passen würden.

Da es Extrem Metal-Bands gibt, die nur spielen, wenn die Avocados auf dem Rider auch wirklich die perfekte Reife haben: Was darf bei euch Backstage nicht fehlen und warum? 

Ralf W. Garcia: Wir sind da eine der Bands, die eventuell diesbezüglich eher aus dem Rahmen fallen. Solange es etwas gutes Warmes zu essen gibt und genügend gratis Getränke vorhanden sind, sind wir schon happy. Wir haben keinen Hospitality Rider.

Ein beheizter Raum zum umziehen, mit gefülltem Kühlschrank und etwas anständigem zu essen, reicht völlig aus. Wenn wir weiter weg sind, natürlich eine anständige Übernachtungsmöglichkeit mit Frühstück war auch immer cool. Ansonsten haben wir keine Ansprüche.

Wir haben alle mehr oder weniger unsere Jugendzeit in der Punkszene verbracht, was uns bis heute sicherlich auch diesbezüglich geprägt hat. No rock star bullshit.

Ihr seid ja schon viel getourt und trotz dem Grundsatz “What happens on tour, stays on tour”: Was ist dein persönliches bestes REQUIEM-Erlebnis? 

Ralf W. Garcia: Das ist jetzt so eine von diesen Fragen, bei denen ich persönlich jetzt wirklich erstmal überlegen muss. Über solche Dinge haben wir uns alle nie wirklich Gedanken gemacht. Vielleicht kommt das noch irgendwann, wenn wir noch älter sind als jetzt und dann rein physisch unser Ding gar nicht mehr durchziehen können. Wer weiss, ob wir das dann mal alles Revue passieren lassen.

Für mich persönlich gibt es nicht ein einziges Erlebnis, was mir jetzt so prägnant hängengeblieben ist. Es waren doch sehr viele. 

Natürlich sind mir noch solche eher unangenehme Situationen in blühender Erinnerung, wenn man mal mitten in der Tour „todkrank“ im Bus lag und nicht mehr genau wusste, ob man die Tour überhaupt zu Ende spielen kann. 

Aber für mich persönlich waren es eher die vielen Gespräche auf der Fahrt mit den Musikern in den anderen Bands. Und natürlich die Begegnungen und z.T. abstrusen Erlebnisse in irgendwelchen Ländern, welche man vorher nur von der Landkarte gekannt hatte. Ich denke die menschlichen Begegnungen und Freundschaften, die dabei entstanden sind, sind für mich so die besten Erlebnisse aus der bisherigen Zeit. Vor allem mit denjenigen Menschen, mit welchen wir bis heute in mehr oder weniger regelmässigem Kontakt stehen, oder man sich in anderen Situationen ab und zu irgendwo in Europa auf Festivals oder bei Clubshows wiedersieht.

Aufgrund momentaner Trends muss ich fragen: Was ist dein Lieblingsdinosaurier und warum?

Ralf W. Garcia: Mir war nicht bewusst, dass das momentan im Trend liegt. In meiner Kindheit in den späten 70ern und dann in meiner Jugend in den 80ern, war das auch schon mal sehr im Trend, wenn ich mich recht erinnere.

Ehrlich gesagt, weiss ich gar nicht mehr so genau, wie die alle genau hiessen. Aber ich fand, glaube ich, den Stegosaurus oder den Triceratops immer recht cool.

Von der Vergangenheit in die Zukunft: Wie sehen die REQUIEM-Pläne aus für 2022? 

Ralf W. Garcia: Das ist relativ schnell zusammengefasst. 

Aufgrund der anhaltenden schwierigen Planungssicherheit in Bezug auf Live-Konzerte und Touren, haben wir uns entschieden, neue Songs für ein nächstes Album zu schreiben. Wir werden uns aber sicherlich Zeit lassen, um wie immer das Beste aus den vorhandenen Ideen heraus zu holen.

Sobald sich die Situation mit den Restriktionen in Europa ändert, werden wir sicherlich die bereits 2020 geplante Tour nachholen, um die Songs von “Collapse Into Chaos” endlich dann bei Clubshows und Festivals live präsentieren zu können.

Was danach passiert, lassen wir ansonsten mal auf uns zu kommen.

Danke fürs Beantworten meiner Fragen. 

Ralf W. Garcia: Vielen Dank für das anhaltende Interesse an Requiem und natürlich in dem Fall am neuen Album. Wir wissen es zu schätzen. Tausend Dank.