UNTO OTHERS: Strength

Mit “Strength” haben UNTO OTHERS weit über die eigenen Ansprüche hinaus eine Benchmark gesetzt, die von allen gewürdigt werden muss, die sich ernsthaft mit Rockmusik beschäftigen. Dieses Album, bei dem es kaum Aspekte gibt, die man hätte besser machen können, ist so viel mehr als die Summe aller Einzelteile! Nämlich einfach umwerfend!

Musikalische Entwicklungen scheinen manchmal in Renaissancen abzulaufen: das was vor Urzeiten als initiale Zündung eines bestimmten Stil abgefeiert wurde (aber dann auch wieder abebbt), wird Jahre später wiederentdeckt und erfährt – in den jeweiligen Zeitkontext gebettet – zuweilen eine umjubelte Reinkarnation. Seit Millenniumswende war dies im hart rockenden Bereich unter anderem ein mehr oder weniger gelungenes Thrash-Revival, aber auch der Classic Rock (oder gerne auch Vintage Rock genannt) hat entsprechend etliche hervorragende 70s-verliebte Bands (teils mit okkultem Unterbau) hervorgebracht: The Devil’s Blood, Graveyard, Blood Ceremony… um nur ein paar zu nennen.

Durch die Ungnade der frühen Geburt musste ich qua natura die Blütezeit des Gothrocks mit stilprägenden Bands wie Sisters Of Mercy, The Cure oder Fields Of The Nephilim mal unwissentlich an mir vorbeirauschen lassen. Erst weit in den Neunzigern kamen Gothic Metal-Formationen wie Paradise Lost, The Gathering, Moonspell oder Lacuna Coil, mit denen ich zum ersten Mal Kontakt zur dunklen Materie erhielt, in mein Raster. Viele Jahre zogen ins Land, spätestens jedoch mit “Sister”, dem zweiten Album von In Solitude, welches sich 2013 als offener Flirt mit dem originären Gothrock präsentiert hat, war ich nach einer Latenzphase wieder angefixt. Traditioneller Metal mit gepflegter Schwarzkultur durchsetzt, wie man es zum damaligen Zeitpunkt nicht besser machen konnte. Und auch wenn sich In Solitude kurz danach aufgelöst haben, waberte diese Verführung in der harten Szene weiter umher: Tribulation, Grave Pleasures oder auch Ketzer haben sich diesem Trend mal mehr, mal weniger intensiv gewidmet und selbst Death Metal-Acts wie Deathrite können nicht leugnen, den ein oder anderen Beat oder auch mal eine Melodie aus Gothrock oder Dark Wave-Kreisen integriert zu haben.

UNTO OTHERS besitzen einen nahe an der Perfektion unterkühlten, distanzierten Habitus

Und jetzt kommen UNTO OTHERS und veröffentlichen – um es schon einmal vorwegzunehmen – einen modernen Klassiker des “Genres”, das als Galionsalbum fungieren könnte und an dem sich Bands mit ähnlichen Ambitionen orientieren werden müssen. Ursprünglich aus der Heavy Metal-Band Spellcaster hervorgegangen, musste sich der Portland-Export nach einer EP und dem 2019er Album “Mana” wegen des US-amerikanischen Markenschutzrechts von Idle Hands in einen meines Erachtens weniger griffigen Namen umbenennen. Umso eindrucksvoller, wie sie nun mit “Strength” zurückschlagen! Unbeeindruckt von kleinkarierten Business-Querelen haben UNTO OTHERS unter Hauptsongwriter/Sänger/Gitarrist Gabriel Franco zehn Monate lang akribisch an neuem Songmaterial gefeilt und in zehn Songs einen einzigartigen Stil aus Goth, Rock, klassischem Metal und einer Prise Postpunk entworfen, der selbst das bahnbrechende Full length-Debut locker in den Schatten stellt.

Fällt das als forscher “opening track” optimal platzierte ‘Heroin’ noch mit schweren Riffs und vergleichsweise harschen und wütenden Vocals auf, so geht es schon mit dem vorab ausgekoppelten, hervorragenden ‘Downtown’ in eine Richtung, die man als das Credo für einen Großteil der “Strength”-Songs bezeichnen kann: basierend auf lässig groovenden Midtempo-Rhythmen aus den Händen Colin Vranizans, die schon beim Smasher ‘When Will Gods Work Be Done’ endgültig das Oberkommando über den Song übernehmen und so verdammt wunderprächtig nach Sisters Of Mercy klingen, dass ich verzweifelt nach der nicht vorhandenen Sonnenbrille suche, versprühen UNTO OTHERS fortan einen nahe an der Perfektion unterkühlten, distanzierten Habitus. Dass dieser immer wieder von unverschämt genialen Hooks und von geschmeidig-warmherzigen Gitarrenharmonien der Herren Franco und Silva durchbrochen wird, macht das zweite Album zu einer durchgängig spannungsgeladenen Angelegenheit. Nicht zuletzt auch, weil das Quartett bewusst auch mal auf flächige Saitenarbeit, die bei “Mana” noch größtenteils das Klangbild bestimmten, verzichtet und mit viel kompositorischem Weitblick den “Strength”- Stücken die nötigen Zwischenräume lässt, um sich atmosphärisch entfalten zu können. Und natürlich auch, um den immens ausdrucksstarken, mit angemessenem Hall unterlegten Gesang in gebührend zur Geltung kommen zu lassen. Denn Gabriel Franco hat sowohl sein Timbre als auch die Fähigkeit, länger anhaltende Gesangsmelodien kraftvoll zu intonieren, seit “Mana” enorm verbessern können und ist mit seinem einnehmenden Stil mehr denn je ein prägendes Element im Soundkonstrukt der Nordwestamerikaner.

Auf “Strength” regiert vertonter Weltschmerz auf cool-fluffigem Niveau

UNTO OTHERS haben es durch innovatives und zuweilen auch unvorhersehbares Songwriting geschafft, jeder einzelner ihrer “Strength”-Kreationen ein eigenes, unverkennbares Erkennungsbild zu geben, welches in ihrem jeweiligen sensiblen Auftreten gewaltige und zugleich ästhetische Kraft auszustrahlen vermag (‘Instinct’, ‘Just A Matter Of Time’). Mit düsterer Anmut ausgestattet, wird die jederzeit spürbar prickelnde Energie mal wie in ‘Why’ oder ‘Heroin’ freigelassen (‘Why’, ‘Heroin’), darf aber wie im Fall von ‘Little Bird’ aber auch einfach mal nur in sich ruhen.

Und was sollte bei einem Meisterwerk auf keinen Fall fehlen? Genau, ein Coversong! Und hier beweisen “Idle Hands 2.0” Geschmack, denn sie setzen hier mehr als achtbar Pat Benatars ‘Hell Is For Children’ um und greifen dabei das Thema Kindesmißbrauch auf, das auch in der UNTO OTHERS-Adaption niemanden kalt lässt. Kein einfaches Sujet, aber seien wir mal ehrlich: R.E.M.’s ‘Shiny Happy People’ hätte auch deutlich weniger stimmig ins Gesamtkonzept gepasst. Denn auf dieser Platte regiert vertonter Weltschmerz auf verträglichem und cool-fluffigem Niveau! Doch die Platte ist noch mehr: manchmal zynisch, über weite Strecken verletzlich, gleichzeitig aber mit dem nötigen Feingefühl und der Fähigkeit ausgestattet, den Hörer und die Hörerin an die Hand zu nehmen und mit ihrem Esprit mitzuziehen.

Ein Album, das mehr ist als die Summe aller Einzelteile

Für den letzten Schliff haben die Roadrunner Records-Frischlinge übrigens auf Produzent und Mischer Arthur Rizk (u.a. Crypt Sermon, Black Curse) vertraut, was sich definitiv ausgezahlt hat. Denn er hat die 46 Minuten des bewundernswert austariertem Stilmixes mit einer organischen Klarproduktion, bei der jeder einzelne Beitrag der vier Musiker deutlich voneinander abgetrennt herauszuhören ist, ausgestattet. Top!

Mit “Strength” haben UNTO OTHERS weit über die eigenen Ansprüche hinaus eine Benchmark gesetzt, die von allen gewürdigt werden muss, die sich ernsthaft mit Rockmusik beschäftigen. Dieses Album, bei dem es kaum Aspekte gibt, die man hätte besser machen können, ist so viel mehr ist als die Summer aller Einzelteile! Nämlich einfach umwerfend!

Veröffentlichungstermin: 24. September 2021

Spielzeit: 46:23

 

Line Up:

Gabriel Franco – vocals, guitar

Sebastian Silva – guitar

Brandon Hill – bass

Colin Vranizan – drums

 

Produzent: Arthur Rizk (Redwood Studio, Philadelphia)

Label: Roadrunner Records

Homepage: https://www.untoothers.us/

Facebook: https://www.facebook.com/untootherspdx

Bandcamp: https://untootherspdx.bandcamp.com/

UNTO OTHERS – “Strength”- Tracklist

1. Heroin
2. Downtown (Video bei YouTube)
3. When Will Gods Work Be Done (Video bei YouTube)
4. No Children Laughing Now (Audio bei YouTube)
5. Destiny
6. Little Bird
7. Why
8. Just a Matter of Time
9. Hell is For Children
10. Summer Lightning
11. Instinct
12. Strength