THE NEPTUNE POWER FEDERATION: Le Demon De L’Amour

Was wären KISS und ALICE COOPER ohne die große Show, was QUEEN ohne einen extrovertierten Frontmann, der sich stets selbst zu inszenieren wusste, dabei aber zu keiner Sekunde die Massen vor ihm aus den Augen verloren hat?

Entscheidend ist bzw. wird hoffentlich bald wieder sein, was auf den Brettern passiert, die für uns alle die Welt bedeuten. Denn dort werden neue Helden geboren und manchmal auch alte begraben. Welche Performance, welches Detail oder welches künstlerische Gesamtbild, wodurch sich eine Band entscheidend von anderen abzuheben vermag, bleiben nach einer im besten Fall hingebungsvoller Livedarbietung nachhaltig hängen?

Diesbezüglich sind seit einigen Jahren zwar noch leise, aber dennoch nicht zu überhörende Klopfzeichen zu vernehmen, die von einer Combo namens THE NEPTUNE POWER FEDERATION stammen. Jene Band oder treffender der von ihnen initiierte Kult, der von der “Imperial Priestess” Screaming Loz Sutch (in Anlehnung an den ehemaligen britischen Politiker und Rocksänger “Screaming Lord Sutch”) ausgeht, entfaltet ihre Faszination nicht nur, aber überwiegend durch die Liveshows, in denen jene Priesterin im exzentrischen und farbenfrohen Bühnenoutfit und mit entsprechendem Gehabe als zentraler Fixpunkt agiert. Dabei erschien die aus der Down Under-Metropole Sydney stammende, fünfköpfige Formation, die den üblichen Weg mit Auftritten in kleinen Clubs und miefigen Bikerschuppen ging, erst mit ihrem dritten Album “Neith A Shin Ei Sun” so richtig auf dem europäischem Tableau.

THE NEPTUNE POWER FEDERATION ist ein wunderprächtiger Rockpfau

Denn es sollte diese Scheibe und besonders der grandiose Auftritt zwei Jahre danach auf dem HELL OVER HAMMABURG 2019 sein, welcher die Band hinter der Bühne in die unterschriftsfordernden Arme von CRUZ DEL SUR-Chef Enrico Leccese trieb und der der Band ihren Siegeszug auf diesem Kontinent dauerhaft sichern soll. Und um den Sprung in die Gegenwart zu vollziehen und um es gleich vorwegzunehmen: den acht “Le Demon De L’Amour”-Nummern werden bei diesem Vorhaben mit Sicherheit entsprechende Meriten anheften und sie werden auch einen Platz in der “TNPF”-Ruhmeshalle ergattern.

Schon mit den ersten, von majestätischer Magie umwobenen Klängen von “Weeping On The Morn” zeigt sich wieder dieser wunderprächtige Rockpfau, der zweieinhalb Jahre nach dem geringfügig schwächeren “Memoirs Of A Rat Queen” wieder in voller Pracht seine Augenfedern zu einem Rad aufschlagen darf: Nach jener samtigen QUEEN-Eröffnungszeremonie wird das energetische Midtempo-Rockriff mit AC/DC-Verschlag ausgepackt. Astrein groovend und mit dreckigem Garagenflair ausgestattet, bereiten die Aussies schon beim Opener acht Minuten lang die Bühne für bestes Entertainment vor.

Denn THE NEPTUNE POWER FEDERATION sind Grenzüberwinder der verschiedenen Stile, die sie in fabelhafter Manier und ohne auffallend sichtbare Nahtstellen auch auf ihrem fünften Werk zusammenzuschweißen in der Lage sind. Leichtfüßig wandeln sie in glammigen Absichten auf Seventies-Hardrock-Pfaden – natürlich nicht ohne einen gebührenden Pomp zu verbreiten -, der im mit HELLACOPTERS / TURBONEGRO-Flair versetzten “Stay With Thee’ auch mal eine niedlich-punkige Rotzrock-Attitüde mit entsprechend verzerrtem Gesang bekommt.

“Le Demon De L’Amour” ist unwiderstehlich facettenreich

Die Bühnenfigur “Imperial Priestess”, die im bürgerlichen Leben auf den Namen Lauren Friedman hört, geht von der vornehmlich rauhen, minimal angeasselten Röhre bis hin zur lieblich-melodischen Schiene stimmlich ohnehin jeden Weg mit, der ihr offeriert wird. Großes Tennis, wie bei den Australian Open (egal ob mit oder ohne Djokovic)! Eine Frau mit großer Ausstrahlung also, die auch ihre Bandkollegen in den Bann gezogen hat, wie Axtmann Inverted CruciFox in einem RockHard-Interview vor einiger Zeit preisgab:

»Um ehrlich zu sein, wanderten meine Bandmitglieder und ich ziellos umher. Verlorene Seelen, die auf einem Parkplatz abhingen, Bier tranken und JUDAS PRIEST hörten – ohne auch nur einen Gedanken an den nächsten Morgen zu verschwenden. Doch dann – einen himmlischen Lichtstrahl und eine Rauchwolke später – stand sie vor uns: die imperiale Priesterin! Wir waren geblendet und standen sofort unter ihrem Einfluss, wie willenlose Marionetten. Als Band reisen wir nun von Stadt zu Stadt, um neue Untergebene zu rekrutieren. Ich habe zudem völlig vergessen, was einst war: Hatte ich einen Job? Eine Familie? Die würden sich bestimmt fragen, wo ich geblieben bin.« (Dustin Degryse, Rock Hard 02/18)

So liebenswürdig durchgeknallt THE NEPTUNE POWER FEDERATION erscheinen mögen, so unwiderstehlich facettenreich gehen sie eben auch auf “Le Demon De L’Amour”, in der sie Liebesgeschichten aus der Sicht einer Frau rausschmettern und dabei auch nicht vor mörderischen Inhalten zurückschrecken, zu Werke:

Das temperamentvolle und unbekümmerte “Baby You’re Mine” hat den Funk mit Teelöffeln gefressen, wohingegen “Emmaline” aufgrund der trockenen Stonerriffs vergangene KYUSS-Glückseligkeiten aufkommen lässt. In dem Zusammenhang darf man natürlich den letzten Track “We Beasts Of The Night” nicht unerwähnt lassen, der nicht nur mit fabulös musicalhafter Theatralik im Stile eines MEAT LOAF (R.I.P. Marvin Lee Aday) bzw. deren Schöpfer Jim Steinman (weiterhin R.I.P.) glänzt, sondern auch im Eingangsdialog offensichtliche Parallelen zu jenem in “You Took The Words Right Out Of My Mouth (Hot Summer Night)” aufweist. Eine schöne Reminiszenz!

Psychedelic Rock-Losgelöstheit und erdige Griffbrettkunst

Auf dem Album, welches in “The Ped Food Factory”, dem Studio des Bassisten JayTanic Ritual, aufgenommen worden ist, geben sich skandinavische High Energy-Sleaziness, substanzinduzierte Psychedelic Rock-Losgelöstheit, erdige Griffbrettkunst, okkulte Schmeicheleien im Geiste von THE DEVIL’S BLOOD und Co. und natürlich die eingangs erwähnte “große Show” eine einzigartige Liaison ein, die aus einem stimmigen und hochinteressanten Songwriting einprägsame Momente beschert. Und das, obwohl sich THE NEPTUNE POWER FEDERATION trotz eines Sammelsuriums an gefälligen Melodien manchmal auch für unkonventionelle Wege entscheiden. Womit sie immer auch für kleine, überraschende Wendungen zu haben sind.

“Le Demon De’L’Amour” ist auf jeden Fall ihr bislang reifstes und trotz oder vielleicht auch gerade wegen der mannigfaltigen Verstrebungen ihr komplettestes Album, das mit jedem Durchgang zusammenwächst und das Selbstverständnis und die Genialität dieses australischen Quintetts in durchwegs kurzweiligen 40 Minuten immer mehr zum Vorschein bringt.

Spiel, Spaß und jederzeit spürbare kribbelnde Spannung sind hier also zu jeder Zeit garantiert.

Und falls dieser Zirkus einmal in eurer Stadt Halt machen sollte, tut euch das an. Ihr werdet euch danach an ihn erinnern…

Veröffentlichung: 14. Februar 2022

Label: Cruz Del Sur

Spielzeit: 39:20 Minuten

Line-Up:

Screaming Loz Sutch (Lauren Friedman) – Vocals
Inverted CruciFox (Mike Foxall) – Guitar
Search & DesTroy (Troy Vod) – Guitar
Jaytanic Ritual (Jason Whalley) – Bass
Mr Styx (Dean Bakota) – Drums

THE NEPTUNE POWER FEDERATION “Le Demon De L’Amour” Tracklist

1. Weeping on the Morn
2. My Precious One (Video bei YouTube)
3. Baby You’re Mine
4. Loving You Is Killing Me
5. Stay with Thee
6. Emmaline (Video bei YouTube)
7. Madly in Love
8. We Beasts of the Night

DISCOGRAPHY
Mano A Satano (Erotic Volcano, 2013)
Lucifer’s Universe (Erotic Volcano, 2015 / Cruz Del Sur Music 2019 )
Neith A Shin Ei Sun (Erotic Volcano, 2017 / Cruz Del Sur Music 2019)
Memoirs of A Rat Queen (Erotic Volcano / Cruz Del Sur Music 2019)
Le Demon De L’Amour (Cruz Del Sur Music 2021)