Tailgunner - Midnight Blitz Cover

TAILGUNNER: Midnight Blitz

Heavy Metal ist das Gesetz, nicht die Straßenverkehrsordnung – sonst bekämen TAILGUNNER für ihren Zweitling allerlei Strafzettel wegen Übertreten der von MAIDEN, PRIEST und Co. vorgegebenen Richtgeschwindigkeit.

Klingt gut, dachte ich mir, als mein Kumpel anbot, dass ich bei ihm hinten auf dem Motorrad mitfahren könnte, um in aller Ruhe den Ausblick auf die Landschaft zu genießen. Jetzt brettert er in einem Affentempo über die Bergstraßen, überholt auf geraden Stellen halsbrecherisch Autos und Laster. Krampfhaft halte ich mich fest, während der Asphalt schon wieder bedrohlich nahe kommt, wenn die Maschine sich in die Kurve legt. Fetzenhaft erhasche ich Bergpanoramablicke und idyllische Täler. Doch die Freude währt nur bis zur nächsten Überholaktion.

Der Motorradfahrer heißt TAILGUNNER und die Landschaft heißt klassischer Heavy Metal mit Melodie und Speed. Zugegeben, ganz so schlimm ist das zweite Album der Briten nicht. Doch der Hang zum flotten Tempo zieht sich wie ein roter Faden durch neun der zehn Songs. Die Rhythmus-Gitarre macht Überstunden. Die kraftvolle, variable Stimme von Craig Cairns glänzt in höheren Lagen, während sie in tieferen Regionen sich nur bedingt im Klanggeschehen behaupten kann. Speed-Riffing, Doublebass, Tapping-Leads – irgendwas ist immer im Hintergrund los. Das Schlagzeug wummert nicht mehr so ungestüm wie beim Debüt „Guns for Hire“, klingt dank der vielseitigen Breaks aber schön abwechslungsreich.

Die Zutatenliste (1 Tonne Heavy Metal, 1 Zentner Uptemo, eine Scheibe Melodie, eine Prise Power) klingt appetitlich.

In den letzten Jahren haben sich TAILGUNNER im Vorprogramm von so ziemlich jeder mittelgroßen Tour zurecht einen Ruf als leidenschaftliche Live-Band erspielt. Frisches Blut tut der Metal-Szene jedenfalls gut. Man spürt der Musik an, dass das Quintett unbedingt den Durchbruch schaffen möchte. Der Weg geht dabei nicht über anbiedernde Fernsehgarten-Melodien oder stumpfe Eingängigkeit. Es gibt auch kein spezifisches Image (Piraten, Zwerge, Wölfe, Superhelden usw.). Nein, der Weg führt über halsbrecherische Abfahrten auf Pfaden, die einst IRON MAIDEN, HELLOWEEN und YNGWIE MALMSTEEN etablierten. Wo ein Wille ist, muss doch auch ein Weg sein.

Nur allzu gerne würde ich TAILGUNNER als die neuen Shooting Stars abfeiern. Wie bereits erwähnt sind sie eine großartige Live-Band und die Zutatenliste lässt mir das Wasser im Mund zusammenlaufen. Die Bühnen-Energie lässt sich im Studio natürlich nur bedingt einfangen. Zusammen mit Produzent K.K. Downing (ex-JUDAS PRIEST) ist der Band aber eine wohlklingende Aufnahme gelungen, die ihren Teil dazu beiträgt, dass TAILGUNNER meilenweit fesselnder klingen als etwa die Highspeed-Kollegen von DRAGONFORCE.

TAILGUNNER überdecken Songwritingschwächen mit Spielfreude.

Auf „Midnight Blitz“ ist es das Songwriting, das nicht immer mit dem restlichen Rahmen mithalten kann. Die Musik bleibt als Gesamteindruck eher im Ohr als einzelne Hooklines. Neben Uptempo-Jagden wie „Follow Me in Death“ und „Blood Sacrifice“ schwächelt insbesondere die unspektakuläre Ballade „War in Heaven“. Deutlich besser kommen dagegen „Night Raids“ und der abschließende Höhepunkt „Eulogy“ rüber – schnell, melodisch, fetzig. Dazwischen bewegt sich das Einstiegsdoppel „Midnight Blitz“ und „Tears in Rain“ zwischen schnell und harmonisch, befeuert mit reichlich metallischem Brennmaterial, wobei die Funken nicht gleich überspringen. Textlich geht es um klassische Metal-Themen (Kampfflugzeuge, Schauergeschichten, ) – für Puristen ein Fest, für meinen Geschmack ziemlich unoriginell. „Eye of the Storm“ gibt’s schließlich schon von PRETTY MAIDS, STORMWITCH und LIEGE LORD. Die gleichnamige TAILGUNNER-Nummer kann qualitativ da leider nicht mithalten.

Insgesamt hat der Zweitling von TAILGUNNER durchaus Charme. Die Höhen und Tiefen halten sich die Waage. Angesichts der aktuell spärlichen Konkurrenz in diesen stilistischen Gefilden lohnt sich das Reinhören sicherlich. Wie ich mich kenne, werden meine Vorbehalte beim nächsten Konzert in den Hintergrund gedrückt und ich kaufe die CD dann freudestrahlend – wie zuvor schon „Guns for Hire“.

Veröffentlichungsdatum: 06.02.2026

Spielzeit: 44:48

Line-Up:
Craig Cairns: Gesang
Zach Salvini: Gitarre
Rhea Thompson: Gitarre
Thomas Hewson: Bass
Eddie Mariotti: Schlagzeug

Label: Napalm Records

TAILGUNNER „Midnight Blitz“ Tracklist:

  1. Midnight Blitz (3:55) (Video bei YouTube)
  2. Tears in Rain (3:28) (Lyric-Video bei YouTube)
  3. Follow Me in Death (3:56)
  4. Dead Until Dark (3:12)
  5. Barren Lands and Seas of Red (6:09)
  6. War in Heaven (5:39) (Video bei YouTube)
  7. Blood Sacrifice (3:20)
  8. Night Raids (4:49)
  9. Eye of the Storm (3:30)
  10. Eulogy (6:35) (Video bei YouTube)