MIRADOR: The azrael tales

MIRADOR: The azrael tales

Von den Cousins Jakob Forsberg und dem damals 10jährigen Erik Mjörnell bereits 1991 gegründet, hat das schwedische Projekt einen wahrlich epischen Weg hinter sich gebracht, bis nun das Debüt The azrael tales das Licht der Welt erblicken konnte. Zahllose Besetzungswechsel und ein missglückter Plattendeal führten 1997 zur Auflösung der Band. 2003 begannen Jakob und Erik wieder, an neuem Material zu arbeiten, zusammen mit Drummer Olof Gardestrand konnte man letztendlich seine Songs auf CD bringen.

In den Anfangstagen noch von den Bibel-Posern STRYPER, später auch von Bands wie METALLICA, GUNS `N` ROSES und BLACK SABBATH beeinflusst, sind auf dem Debüt, abgesehen von einigen Anleihen an 80er BLACK SABBATH, aber komplett andere Klänge zu vernehmen. Einen klaren Break brachte das VENI DOMINE-Debüt Fall Babylon Fall, deren Stil wie auch der doomige Metal von MEMENTO MORI haben unüberhörbaren Einfluss auf den zukünftigen Sound von MIRADOR genommen.

Recht hart groovend hat man beim Opener Redemeer sofort Parallelen zu Bands wie späte HEXENHAUS oder MEMENTO MORI zu La danse macabre-Zeiten. Und sofort ist es die starke Stimme von Jakob, die aufhorchen lässt. Durchaus in hohen Gefilden unterwegs, aber nie nervig und um Abwechslung bemüht ziert sie die komplette CD, erinnert oft an die Vocals von MEMORY GARDEN oder auch TAD MOROSE und eine gehörigen Portion TONY MARTIN (BLACK SABBATH) ist auch mit dabei. Begleitet werden die Vocals oft von ausgefeilten Chören, die meistens einen leichten 70er-Touch einbringen und hier und da an URIAH HEEP oder DEEP PURPLE erinnern. Phoenix syndrome bietet dann als Anspieltipp gleich die meisten MIRADOR-Facetten in einem Song: ein erhaben groovendes Anfangsriff wir man es von MEMORY GARDEN erwarten würde, eine langsame hochmelodische Strophe, einen typischen 70er-Chor im Hintergrund, ein erdrückend schwerfälliger Part aus besten MEMENTO MORI-Tagen und VENI DOMINE auf Material sanctuary, kommt der Song wieder zum ruhigen Part zurück. Auch No loss out könnte ein Hybrid sein aus MEMENTO MORI und TAD MOROSE, VENI DOMINE klingen wieder massiv bei Postbelievers durch. Die Vocals haben hier streckenweise fast etwas von IAN GILLAN (DEEP PURPLE).

Perfect plan spielt mit flotteren Grooves, schwerfälligen Momenten und etwas folklorischen
Klängen. Ruhiger wird es bei Soul distortion, ohne groß das Tempo anzuziehen steigert der Song sich dramaturgisch bis zum Ende. Das etwas treibendere The trial bringt die jetzt notwendige Abwechslung in die meist schwerfälligen Songs, das verspielte Thief trägt 70er Chöre mit gregorianischem Touch, schwerste Riffs, tolle Gesangsmelodien und vor allem Eriks Gitarrenarbeit zieht wieder alle Aufmerksamkeit auf sich. Wie auf der ganzen Scheibe ist sein Gitarrenspiel sehr abwechslungsreich, fügt sich unaufdringlich in die Songs ein, sorgt aber beim genaueren Hinhören oftmals für dicke Backen. Die Keyboards unterstützen ihn während der Songs sehr effektiv, wirken niemals kitschig oder aufgesetzt. Selbst die gelegentlich sonderbar oder gar albern anmutenden Töne fügen sich passend in das Gesamtbild ein. Auch das Drumming bietet auf der Scheibe so manche hörenswerte Passage. New day klaut DEEP PURPLEs Perfect strangers-Riff, bringt einen tollen, einschmeichelnden Chorus mit. Der Schlußtrack Metropolis metamorphosis mischt noch mal leicht psychedelisches 70er-Feeling mit schwer doomenden Power-Metal und einem klasse Refrain.

Bei all den Vergleichen mit den genannten Bands bringen MIRADOR dermaßen viel eigene Farbe in diesen Sound, dass die Vergleiche nur als Anhaltspunkte dienen sollten. Zu aufwendig und abwechslungsreich sind die Songs. Man findet extreme Schwerfälligkeit gepaart mit progressivem Spiel wie bei MEMENTO MORI, die erhabene Langsamkeit von VENI DOMINE, ein oft nicht sofort erkennbares abstraktes Songwriting wie bei HEXENHAUS oder auch FIFTH REASON und reichlich epische Momente von TAD MOROSE oder auch ein wenig CANDLEMASS. Das Ganze angereichert mit Klängen des 70er Progressiv- und Hard Rock, das erwartet den Hörer auf dieser Scheibe; wenn er es zulässt! Ähnlich der History der Band dauert es aber sehr lange, bis man die wirkliche Größe von The azrael tales erkennt. Nach 2 Durchläufen hört man kaum, was in dieser Scheibe steckt. Wenn man nicht grundsätzlich auf den Sound der oben genannten Bands steht, macht sich bei oberflächlichem Hören durchaus etwas Tristesse breit. Das weitestgehend langsame bis schleppende Tempo und das Fehlen von markanten Momenten dürfte so manchem Fast-Food-Metaller ein Gähnen entlocken. Gibt man den Songs aber die nötige Aufmerksamkeit, so wachsen sie mit jedem Hören, auch nach über 30 Durchgängen findet man Kleinigkeiten, die man bisher nicht gehört hat. Die christlichen Texte, die dem Albumtitel entsprechend vom Lichtengel Atrael handeln, bekannt auch als Todesengel (er ist wohl über Leben und Tod auf der Erde zuständig), sind recht komplex geschrieben, aber gerade deshalb auch ohne Bibelfestigkeit interessant. Dem christlichen Background entsprechend sind MIRADOR dann auch passend bei Rivel Records gelandet, dem Label des NARNIA-Sängers Christian Rivel. Abgerundet wird die CD von einem schlichten, aber durchaus passenden Artwork, sowie einem guten Sound der genug Platz lässt für die vielen Kleinigkeiten, die es zu entdecken gibt. Nur die Gitarren hätte ich mir etwas fetter gewünscht, um den Songs etwas mehr Härte zu geben.

The azrael tales ist ganz klar eine Scheibe für Leute, die sich in Musik reinhören wollen, diese werden MIRADOR`s Debüt lieben. Wer auf Bands wie MEMENTO MORI, VENI DOMINE, TAD MOROSE und CO steht oder auf einen anspruchsvollen Mix aus epischem Doom und leicht progressivem Metal, sollte zumindest mal in die Tracks auf der MIRADOR-Homepage mehrmals (!) reinhören.

Veröffentlichungstermin: 26.01.05

Spielzeit: 56:29 Min.

Line-Up:
Jakob Forsberg – Vocals

Erik Mjörnell – Guitars

Olof Gardestrand – Drums

Produziert von Jakob Forsberg
Label: Rival Records

Homepage: http://www.mirador.info.se/

Email: mirador@bredband.net

Tracklist:
1. Redemeer

2. Phoenix syndrome

3. No loss out

4. Postbelievers

5. Perfect plan

6. Soul distortion

7. The trial

8. Thief

9. New day

10. Metropolis metamorphosis

Frank Hellweg
Frank (“WOSFrank”) ist seit 2002 bei vampster und alt genug, um all die spannenden Bands live gesehen zu haben, als die selber noch jung und wild waren! Er kümmert sich um Reviews, News und andere Artikel sowie um interne Hintergrundarbeit. Lieblingsbands: TROUBLE, CANDLEMASS, BLACK SABBATH, SWALLOW THE SUN. Genres: Doom, Stoner, Classic/Retro/Hard Rock, US/Power Metal, Southern/Blues Rock, Psychedelic/Progressive Rock, Singer/Songwriter.