Igorrr - Amen Cover

IGORRR: Amen

IGORRR bleiben zwar kreativ, orientieren sich aber stark an ihrer Erfolgsformel. „Amen“ bleibt somit gutklassig, obschon es Faszination vermissen lässt.

Das Schöne an IGORRR ist ja gemeinhin, dass wir vorab nie wissen, was wir bekommen. Das weniger Schöne an „Amen“ wiederum ist der Rahmen, in dem die Wundertüte diesmal verortet ist. Denn Mastermind Gautier Serre hat in erster Linie ein Metal-Album aufgenommen, und wer die vielfältigen Farbexplosionen des Produzenten und Songschreibers kennt, wird sich ob der monochromen Düsternis des neuen Werks wohl erstmal ungläubig die Ohren reiben.

Skurrile Einfälle hat „Amen“ selbstverständlich weiterhin, doch wandelt das Songwriting diesmal über ein verhältnismäßig überschaubares Terrain. Es scheint zuweilen so, als orientiere sich Serre primär an der Erfolgsformel des Vorgängers „Spirituality & Distortion“ (2020), nur eben mit noch ernsterer Miene. Kauzige und spaßige Augenblicke stellen die Ausnahme dar und blitzen am ehesten noch im orientalisch angehauchten Instrumental „Blastbeat Falafel“ sowie im chaotischen „Mustard Mucous“ hervor, wo sich eine Flöte zu den Breakcore-Anleihen gesellt.

IGORRR bewahren sich auch auf ihrem „Metal-Album“ den unverwechselbaren Charakter

Die gute Seite: Auch die vergleichsweise verbissenen IGORRR sind von kreativem Bankrott meilenweit entfernt. Der pumpende Bass des Openers „Daemoni“ entwickelt einen hypnotischen Sog, der zwischendurch allein von Marthe Alexandres Mezzosopran aufgebrochen wird. Das dramatische Piano in „Headbutt“ mit einem Blastbeat zu unterlegen, mag indes nicht die ausgefallenste Idee in Gautier Serres Karriere sein, leitet dafür hervorragend in die angeschwärzten Akkorde der E-Gitarre über. Die traditionellen Metal-Riffs durchziehen nicht nur hier regelmäßige Glitch-Effekte, die damals wie heute ein effizientes Werkzeug im Repertoire IGORRRs sind.

Obwohl jeder Song mit einem kleinen Alleinstellungsmerkmal aufwarten kann – „Limbo“ etwa addiert sakralen Chorgesang zu seiner Laut-Leise-Dynamik hinzu – bleibt „Amen“ über weite Strecken dem gleichen Ansatz treu. Das kostet Faszination, ist dafür aber immer noch eigenständig und pointiert genug komponiert, um den unverwechselbaren Charakter des Projekts zu bewahren.

„Amen“ besteht aus hochwertigen Stücken, doch ist als Gesamtwerk dennoch weniger als die Summe seiner Teile

IGORRRs elektronische Seite kommt immerhin in „ADHD“ zum Tragen, zumeist jedoch regiert die Metal-Besetzung, die in „Infestis“ vorwiegend zwischen Death und Black Metal mäandert. Entrückt und sphärisch hingegen entfaltet sich „Ancient Sun“, wo orientalische Klangfarben und ein Theremin zum Schwelgen einladen.

Bei genauerer Betrachtung gibt es sie also doch noch, die typische Eigenarten IGORRRs, auch wenn sie nun eher in Grauschattierung denn bunten Farbklecksen in Erscheinung treten. Die lockeren, unbeschwerten Momente vermissen wir auf „Amen“ dennoch: Durch den verhältnismäßig sicheren Ansatz erscheint das Album trotz qualitativ hochwertiger Stücke weniger zu sein als die Summe seiner Teile. Das dämpft die Freude zwar, vermiest aber nicht ein sonst gelungenes Werk, das sich ja trotzdem viele Sachen traut, die eigentlich gegen die Grenzen des guten Geschmacks verstoßen.

Veröffentlichungstermin: 19.09.2025

Spielzeit: 44:20

Line-Up

Gautier Serre – Machines
Jb Le Bail – Vocals
Marthe Alexandre – Vocals
Remi Serafino – Drums
Martyn Clément – Guitars

Produziert von Very Noise Family

Label: Metal Blade

Homepage: https://igorrr.com/
Facebook: https://www.facebook.com/IgorrrBarrroque/
Instagram: https://www.instagram.com/igorrr/
Bandcamp: https://igorrr.bandcamp.com/

IGORRR “Amen” Tracklist

  1. Daemoni (Video bei YouTube)
  2. Headbutt (Video bei YouTube)
  3. Limbo
  4. Blastbeat Falafel (feat. Trey Spruance (MR. BUNGLE)) (Video bei YouTube)
  5. ADHD (Video bei YouTube)
  6. 2020
  7. Mustard Mucous (feat. Scott Ian (ANTHRAX, Mr. Bungle))
  8. Infestis
  9. Ancient Sun
  10. Pure Disproportionate Black and White Nihilism
  11. # Étude n°120
  12. Silence