HAIL SPIRIT NOIR: Mannequins

Nach ihrem fantastischen von mitreißendem, epischem, 70er-beeinflußtem Prog nur so strotzenden 2020er Album „Eden in Reverse“ gehen die Griechen von HAIL SPIRIT NOIR zum 10jährigen Jubiläum nun gleichzeitig einen Schritt zurück und nach vorne in der Zeit.

Zurück, indem sämtliche aktuellen Bezüge und noch marginal vorhandene Black Metal-Einsprengsel auf dem Retro-Altar geopfert werden und gleichzeitig nach vorne, indem sie sich von den 70ern in die 80er bewegen. Und da war bekanntlich nicht alles gut.

Die Band präsentiert ein Album, in dem die bislang noch prägnanten Gitarren keine Rolle mehr spielen, dafür aber Synthie-Klänge dominieren. Höre ich jemand Dungeon-Synth rufen? Ja, verdammt! Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich mit Dungeon Synth als Genre bisher meine Probleme hatte, weil vieles davon für mich einfach, naja, schlicht langweilig klingt.

“Mannequins” kann von TANGERINE DREAM nur träumen

Das liegt weniger an den fehlenden Gitarren, sondern eher daran, dass ein Genre, das sich mehr oder weniger an Film-Soundtracks orientiert, bisweilen zur Seichtheit neigt. Schließlich sollte die Musik im Film die Bilder und die Atmosphäre, im Film-Business sagt man glaube ich “Atmo”, ja nur unterstützen und nicht überlagern. Und von genialen, tiefgründigen elektronischen Bands wie TANGERINE DREAM ist das, was ich bisher an Dungeon Synth gehört habe, immer noch meilenweit entfernt. Leider wird sich das heute auch nicht ändern.

Dungeon Synth klingt für mich meistens so, als hätten ein paar Corpsepaint-Jungs die Gitarren mal kurz zur Seite gestellt, das Laptop geöffnet, um mit den neusten Retro-Plug-Ins in ihren DAWs rumzuspielen, bis das irgendwie nach John Carpenter oder Blade Runner klingt. Man mag mir gerne widersprechen, und vielleicht bin ich auch einfach nur zu ignorant.

Interessanterweise ist Dungeon Synth ja gerade in der Extrem-Metal Szene besonders angesagt, obwohl historisch gesehen in der Zeit, die hier retro-mäßig aufbereitet wird, das Benutzen von Keyboards unter Metal-Fans der härteren Gangart geradezu als Todsünde und Ausverkauf gegolten hat. Im Prinzip ist Dungeon Synth also “Auswimpen” in Reinkultur…

Zumindestens diesen Vorwurf kann man HAIL SPIRIT NOIR nicht machen, denn die Keyboards und eben genau jene Soundwelt, die auf dem neuen Album im Mittelpunkt steht, waren immer schon ein Teil der Musik der Griechen. Hier wurde dieser Teil der Musik einfach nur konsequent zu Ende gedacht. Leider macht es das Album deswegen nicht besser verträglich für mich.

“Mannequins” wäre als Film vermutlich besser gewesen

Auch „Mannequins“ stellt den Soundtrack für einen imaginären Horror-Film dar (wie oft ich das in letzter Zeit gehört habe…) und, wer weiß, vielleicht würde es mit Film auch deutlich besser rüberkommen. In Filmen kommen nämlich eher selten ganze Songs zum Einsatz, so dass Längen und Belanglosigkeiten sich nicht so fatal auswirken, wie beim Anhören des ganzen Songs oder eines ganzen Albums.

Aber Belanglosigkeiten sind ja nur eine Seite der tendenziell ohnehin inhaltsleeren 80er-Synthie-Pop-Verbrechen.

Spätestens bei dem süßlich-klebrigen  Titelsong, der jedem Schimanski-Tatort gut zu Gesicht gestanden hätte, ist es sogar dann ganz nah an der Unerträglichkeit. Damit hätte man problemlos als musikalischer Gast bei „Na sowas“ mit Thomas Gottschalk auftreten können, ohne die Rentner von der Couch aufzuschrecken.

Natürlich gibt es auch Songs mit etwas mehr Düsternis, etwa „Visitor of Horror“ oder mit interessanten Melodie-Arrangements wie „Ending Chashers II“ – das reißt es aber nicht wirklich raus. Im Gegensatz dazu steht etwa „Enter Disco Inferno“, das ein Michael Cretu etwa nicht bedeutend schlimmer hätte machen können.

Begrabt den Oberlippenbart wieder

Es mag ja aus heutiger Sicht cool und retro sein, solche Geschmacklosigkeiten zu goutieren, aber als jemand, der sowas noch als zeitgenössische Unterhaltungs-Musik erleben und erleiden musste, kann ich da leider ganz und gar nicht mitgehen. Das ist für mich der Musik-gewordene Oberlippenbart. Manches bleibt einfach besser in der Vergangenheit begraben.

Das einzig beruhigende an dieser Platte ist, dass es sich wohl um ein einmaliges Experiment gehandelt hat.

Release Date: 10.09.2021

Label: Agonia Records

HAIL SPIRIT NOIR „Mannequins“ Tracklist

1. 12-31-1985: Night Shift
2. Against Your Will, My Blade
3. Mannequins (Video bei YouTube)
4. 12-31-1985: Night Shift II
5. The Monsters Came From the Sky (Audio bei YouTube)
6. Visitors of Horror
7. Enter Disco Inferno
8. Mannequins II
9. Alien Cell Charging
10. On the Loose Again
11. Ending Crashers
12. Ending Crashers II
13. Crossroads (Digi CD bonus)

https://agoniarecords.bandcamp.com/album/mannequins