Hällas - Panorama Cover

HÄLLAS: Panorama

Auf ihrem vierten Album „Panorama“ verlieren HÄLLAS fast den Boden unter den Füßen. Die schwedische Adventure Rock-Band orientiert sich dabei mehr denn je an den ikonischen Progressive Rock-Alben der 1970er und 1980er Jahre und betritt teils unbekanntes Terrain.

Unter all den zeitgenössischen, den Siebziger und Achtziger nacheifernden Progressive Rock-Bands sind HÄLLAS diejenigen, die man sich am liebsten als Actionfiguren in die Wohnung stellen möchte. Die man dem Kind als Stoffpuppe ins Bett legen möchte, um Schutz vor schlechten Träumen zu bieten. Kurz: HÄLLAS sind die sympathischste aller Retro-Bands und ihr überdimensional großer Ideenreichtum sorgt für eine empowernde Fantasy-Atmosphäre, die selbstbewusst im Genre „Adventure Rock“ verordnet wird. Über drei Alben und eine EP hat das teils sensationell gut funktioniert, wie „Hällas“ (2015) und „Excerpts From A Futures Past“ (2017) zeigten. HÄLLAS nehmen Musik und Konzept dabei so ernst, dass sie die Grenze zur Schrulligkeit regelmäßig überschreiten. Gleichzeitig sind sie als Songschreiber und Weltenbauer so genial, dass sie tatsächlich eigenständig wirken in der durchgenormten Musikwelt dieses Jahrzehnts.

Nur: „Isle Of Wisdom“, so viel war klar, war ein Endpunkt in der HÄLLASschen Welt. Band und Story schienen ausgereizt. HÄLLAS machten den Sprung zur „Album-Band“, waren Hit-Singles wie „Carry On“ entwachsen, doch leider hatten sie die Handbremse zu fest gezogen. Somit ist weiterhin das, was zuerst in den Sinn kommt, wenn man an die Schweden denkt, natürlich „Star Rider“, der Hit des Debütalbums „Excerpts From A Futures Past“. Was tun? Die Abenteurer, die HÄLLAS nun mal sind, lassen sich nicht vor einer Herausforderung aufhalten, selbst wenn das letzte Quest nicht mit voller Punktzahl beendet werden konnte. „Panorama“ heißt die Antwort auf die Frage, wie HÄLLAS die nächste Stufe ihrer Evolution erklimmen wollen. Und ja, sie trauen sich einiges auf diesem Album.

Ein gigantisches Epos als Auftakt: HÄLLAS starten „Panorama“ mit einem zwanzigminütigen Song voller cineastischer Qualitäten

Selbst wenn HÄLLAS so selbstbewusst auftreten wie hier wirkt es wie Understatement. „Panorama“ ist so etwas wie ihr „Atom Heart Mother“, „In A Gadda Da Vida“ oder „Foxtrott“. Nicht, weil es in die Rockgeschichte eingehen wird, sondern viel mehr, weil mit „Above The Continuum“ ein bizarr langer Track das Album dominiert. Hier fahren HÄLLAS ihr gesamtes Können auf, lassen das Stück episch von Kapitel zu Kapitel fließen und erzählen eine Geschichte auf atemberaubend schöne Art und Weise. Vom bombastischen Auftakt über Storytelling-Elemente mit märchenhaften, aus der Zeit gefallenen Synthesizern und doppelharmonischem Gitarrengenudel, Chören und cineastischen Spannungsaufbauten, bis hin zum fanfarenartigen, orchestralen Synthesizer-Finale.

Nach diesem furiosen Auftakt hat es „Panorama“ naturgemäß schwer, in der Folge wirkt das Album etwas unentschlossen. „Face Of An Angel“ ist ein GENESIS-artiger Popsong, mit treibenden Rhythmen, groovigen Gitarrenriffs und einem nicht zu aufdringlichem Chorus. Die Nummer geht in Ordnung, wirkt nach dem gewaltigen Auftakt des Albums auch auflockernd. Dennoch bleibt deutlich, dass HÄLLAS schon größere Songs geschrieben haben. „The Emissary“ wirkt dann etwas ziellos und verliert sich, auch trotz großem Finale. Das ist insofern bemerkenswert, da das Stück nur sieben Minuten lang ist. „Bestiaus“ ist dann die obligatorische Pianoballade, die es braucht, um vor dem abschließenden „At The Summit“ noch Spannung aufzubauen – ohne den charismatischen Gesang von Tommy Alexandersson wäre „Bestiaus“ recht gesichtslos geblieben. Dann versöhnt das Quintett aber mit einem atemberaubenden Finale: „At The Summit“ bündelt die Stärken der Band, baut nochmal Spannung auf, lässt den Musikern genügend Raum, um aus sich herauszugehen und fließt dann in ein erhabenes Finale mit wunderschönem Synthesizer. Ende gut, alles gut.

Die zweite Hälfte von „Panorama“ ist das eigentliche Abenteuer für HÄLLAS: Hier kämpft die Band damit, das Niveau des Anfangs zu halten

HÄLLAS beherrschen die Klaviatur des Progressive Rock sehr gut. Aber dennoch fehlt ihnen das letzte Quäntchen Genialität, dass die Bands der späten Sechziger bis frühen Achtziger so bahnbrechend werden ließ. Sowohl handwerklich, kompositorisch, als auch in Sachen Sounddesign ist dieses Album mindestens so aus der Zeit gefallen, wie die Optik und die Ästhetik von HÄLLAS generell. Dass die fünf Schweden mittlerweile brillante Instrumentalisten sind und sich als Songwriter gegenseitig in- und auswendig kennen, das ist der Nährboden für die aberwitzige erste Hälfte von „Panorama“. Hier und am Schluss zeigt sich, was in HÄLLAS steckt, dazwischen verlieren sie leider an Intensität. Insofern ist „Panorama“ als Versuch, die Tradition der großen Prog Rock-Alben, die mittlerweile ein halbes Jahrhundert zurück liegen, aufleben zu lassen größtenteils, aber nicht vollständig geglückt. Wer in diesen düsteren Zeiten aber eine Realitätsflucht braucht, findet derzeit kaum ein Album, das so fantasievoll, farbenprächtig und daher tröstlich ist wie dieses.

Wertung: 3,5 von 5 Quests

VÖ: 30. Januar 2026

Spielzeit: 44:12

Line-Up:
Tommy Alexandersson – Vocals, Bass
Rickard Swahn – Guitar
Marcus Petersson – Guitar
Nicklas Malmqvist – Keyboards
Kasper Eriksson – Drums

Label: Äventyr Records

HÄLLAS „Panorama“ Tracklist:

1. Above The Continuum
2. Face Of An Angel (Official Video bei Youtube) 
3. The Emissary
4. Bestiaus
5. At The Summit

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