„Ich liebe die Natur“, sagte einst jemand zu mir und meinte damit, die umliegenden Maisfelder, die überdüngten Wiesen, die Ställe mit Anbindehaltung und die Fichtenplantagen, genannt Wälder. Der Mensch liebt nicht die Natur, er liebt sein Abbild dessen, er möchte gerne die Natur beherrschen, sodass sie ihm gefällt und dass sie ihm nicht gefährlich wird. Diese Hybris ist der Samen dessen, was wir „Klimakatastrophe“ nennen. Eins sein mit der Natur, geht das überhaupt? DOMHAIN zufolge ist das erst mit dem Tod möglich. Dann können wir und wieder vollumfänglich mit der Erde verbinden, indem wir ins große Ganze zurückkehren. Ist das nun deprimierend oder tröstlich?
Der Titel „In Perfect Stillness“ suggeriert, dass DOMHAIN den Trost bevorzugen. Immerhin, die Figur, die auf dem wunderschönen Artwork von Drummerin Anaïs Chareyre-Méjan zu sehen ist, sieht friedlich aus in ihrem Nest, das als Ausgangspunkt für das dient, wenn wir den Weg des Fleischlichen gehen. Allein das reicht schon, um „In Perfect Stillness“, das Debütalbum der nordirischen Band ins Herz zu schließen. Aber da ist auch noch die Musik. Mit „Nimue“ hat die vierköpfige Band bereits eine beeindruckend gute EP veröffentlicht, so vielseitig, dass selbst die anderthalb Jahre später erschienene Akustik-Split mit EPHEMERAL wie der nächste logische Schritt erschien. Das Debütalbum setzt nun wieder im Metal an, ist aber trotz aller Schroffheit melancholisch und beinahe – im besten Sinne – weich.
Ein großer Schritt in Richtung Eigenständigkeit: Auf „In Perfect Stillness“ müssen sich DOMHAIN nicht mehr mit anderen Bands vergleichen lassen.
DOMHAIN lassen mit „In Perfect Stillness“ die PRIMORDIALhaftigkeit der EP ebenso hinter sich, wie die epischen ENSLAVED-Momente oder die AGALLOCHsche Introspektion, sie liegen auch abseits der SAORs dieser Welt. Und natürlich passen sie dennoch zu all diesen Bands. „In Perfect Stillness“ ist ein leidenschaftliches Post Black Metal-Album, dem seine irische Herkunft deutlich anzuhören ist. Stürmische Hymnen einerseits, raues Sounddesign andererseits, und fertig ist das Fernweh nach Küsten, in denen der Regen auf die Haut eindrischt wie Geißeln auf Büßer. Das Fernweh speist sich aus Riffs, groß wie Wellen während des Sturms, aus Gesang, der gegen Naturgewalten anschreit oder sie beschwört.
Es ist ein sehr unmittelbares Album, das direkt ins Herz geht, und wie „Talamh Lom“, das nach einem kurzen vom Cello dominierten Intro, schnell ins Ohr, dank der mitreißenden Gesangsharmonien von Andy Ennis und Anaïs Chareyre-Méjan. Die kratzigen Riffs, das akzentuierte Drumming tun ihr übriges, und mit dem leisen von Cellos gesäumten Mittelteil gibt es einen perfekten Absprungspunkt für eine sehr ursprüngliche Wildheit, die alles beinhaltet, was leidenschaftlicher Black Metal braucht, entfesseltem Gesang inklusive. Dieser Start geht unter die Haut, und DOMHAIN schaffen es mit „Footprints II“, der originalen Version des akustischen Splitbeitrages, locker das Niveau oben zu halten. Mehr noch: „Footprints II“ hat so wundervolle Harmonien und balanciert die Dynamik so punktgenau aus, dass sich diese zehn Minuten in eine betörende Erhabenheit steigern und die Zeit mit wundervoller Melancholie wie im Flug vergeht.
Aggression und Melancholie gehen Hand in Hand: DOMHAIN navigieren auf „In Perfect Stillness“ mühelos zwischen den Polen.
Der Titelsong zeigt DOMHAIN von ihrer aggressiven Seite. Hier verliert das Quartett zwischenzeitlich ein wenig den Song aus den Augen. Wenn Geschwindigkeit und Lautstärke zurückgefahren werden, wie in den vielschichtigen semi-Doom-Momenten, packt die Band wieder zu und fesselt bis zum Finale. Auf „My Tomb Beneath The Tide“ zeigen DOMHAIN schließlich das ganz Panorama – und hier wird deutlich, welch exzellente Songwriter sie sind. Ein Aufbau, der zu keiner Sekunde langatmig wirkt, große Harmonien, vielschichtige Gitarren, eruptive Brutalität mit Blast Beats und eine Rückkehr zum ursprünglichen Thema, das komplex, aber jederzeit nachvollziehbar ausgebaut wird, schenkt dem Album einen dramaturgisch perfekten Abschluss.
„In Perfect Stillness“ ist das erste Highlight des Jahres 2026. Ein emotional zutiefst berührendes Album, dessen großes Gefühlsspektrum so direkt ins Herz trifft, wie ein Tag in der stürmischen Natur der Heimat der Band. Nun gut, etwas länger als 35 Minuten hätte das Album schon dauern dürfen. DOMHAIN schaffen aber das Kunststück, gleichzeitig kompakt und ausladend ihre Musik zu spielen, sodass „In Perfect Stillness“ kaum einen schwachen Moment kennt. Hervorragend gespielt, mit großen Gesangsmomenten, einer schön rauen Produktion gesegnet und einem wundervollen Artwork ausgestattet, ist das ein Debütalbum mit Seltenheitswert. Musik wie diese nährt die Seele und stärkt die Verbindung zur echten Natur. Zu derjenigen, vor der die Menschen niederknien und sich ihr hingeben müssen. Wer das begriffen hat – oder begreifen will – wird „In Perfect Stillness“ lieben.
Wertung: 4,5 von 5 Naturgewalten
VÖ: 20. Februar 2026
Spielzeit: 35:19
Line-Up:
Andy Ennis – Vocals & bass guitar
Anaïs Chareyre-Méjan – Drums, vocals & cello
Nathan Irvine – Guitars
Ashley Irwin – Guitars & backing vocals
Label: These Hands Melt
DOMHAIN „In Perfect Stillness“ Tracklist
1. Una Tarra Ci Hé
2. Talamh Lom (Official Video bei Youtube)
3. Footprints II
4. In Perfect Stillness
5. My Tomb Beneath The Tide (Official Video bei Youtube)
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