DARK TRANQUILLITY: Construct

Mit lebendigen Strukturen und unerwarteten Wendungen verabschieden sich DARK TRANQUILLITY von durchgekauten Schemata. Der göteborgsche Melodic Death Metal ist nicht tot, er wich lediglich einer neuen Vision.

Manchmal müssen wir Bewährtes einreißen, um Neues zu errichten; mit Tradition brechen, um Fortschritt zu ermöglichen. Der Wille und die Bereitschaft, den sicheren Boden zu verlassen, ist wohl der gewichtigste Faktor, weshalb DARK TRANQUILLITY nach 20 Jahren und nun zehn Alben immer noch zu den wichtigsten Repräsentanten des melodischen Death Metals zählen. Immer wenn die Göteborger Gefahr liefen, etwas Rost anzusetzen – wie es etwa 2002 mit “Damage Done” und jüngst auf “We Are The Void” der Fall war -, siegt der Mut, sich neu zu erfinden.

Womit wir in der Gegenwart wären. Eine Gegenwart, die zugleich die Zukunft der Schweden aufmalt. “Construct” schließt das Kapitel plakativer Göteborgriffs und leichter Melodien. Dafür öffnen sich DARK TRANQUILLITY der atmosphärischen Route, die in der Vergangenheit immer wieder vorsichtig erkundet wurde. Der größte Haken an “Construct”, so es denn einer ist, wäre damit beim Namen genannt: Die fürs Genre üblichen Hits kann das Album nicht vorzeigen.

Die einzelnen Instrumente sehen sich auf “Construct” neuen Aufgaben gegenüber

Der Fokus liegt derweil auf dem Gesamtwerk: Die düstere Atmosphäre entfaltet sich in seiner Größe über die komplette Laufzeit hinweg, wird nicht in einzelne Songs komprimiert. Der Schlüsselbegriff anno 2013 lautet somit Songdienlichkeit, ausgeweitet auf die Makroebene. Als isolierter Song ist etwa der Opener “For Broken Words” eine solide und stimmungsvolle, doch wenig spektakuläre Nummer. Richten wir den Blick auf das Album als Bezugsrahmen, erkennen wir plötzlich einen durchdachten Auftakt, der Tempo und Gefühlslage für das Nachfolgende setzt.

Die atmosphärische Schwerpunktsetzung DARK TRANQUILLITYs hat zur Folge, dass sich die einzelnen Instrumente neuen Aufgaben gegenüber sehen. Das trifft die Gitarren, die sich natürlich zurücknehmen; statt technischer Kompetenz vor allem Tiefe und konzeptionellen Sachverstand zur Schau tragen müssen. Das macht “Construct” zu keinem simplen Werk, im Gegenteil: “Uniformity” birgt eine Reihe von Ebenen, verbindet den bedrückenden und mechanisch stilisierten Sound mit einem resignierenden Refrain, der aus der “Projector“-Ära stammen könnte. Gleichzeitig erlangt Martin Brändström am Keyboard eine Rolle, die aus dem Hintergrund nicht selten ganze Teile des Materials zu stemmen hat. Erklingt das Synthie-Intro des besagten “Uniformity” noch im Stil von CULT OF LUNAs “Vertikal“, entwickeln die elektronischen Soundschichten alsbald einen eigenen Charakter, ohne den “Construct” nicht existieren könnte.

“Construct” ist nicht so dreckig wie etwa “Character”, die Balance aber stimmt

Album Nummer zehn der Schweden ist aber kein monolithischer Brocken, wie manch einer nun annehmen könnte. DARK TRANQUILLITY können das Tempo drosseln und schleppend durch graue Häuserschluchten walzen, keine Frage. “Apathetic” dreht dagegen mit Göteborg-Riffs und einem schnellen Solo auf, während die traditionell orientierten “Endtime Hearts” und “The Silence In Between” gehörig grooven. Die unwahrscheinliche Symbiose aus mechanischer Zielstrebigkeit und beruhigender Wärme, wie sie “What Only You Know” vereint, spiegelt sich dort im Wechsel von Klargesang und Growls sowie von fragilen Gitarrenarrangements und unterkühlten Ausbrüchen.

Auf “Construct” ausgeweitet wird dieser Aspekt durch den Mix Jens Bogrens: Das Schlagzeug knallt trocken; die Sechssaiter können kalt und unnahbar ertönen, werden dank cleaner Spuren und einem warmen Bass jedoch in ein organisches Licht gerückt. “Construct” ist lange nicht so dreckig wie “Character“, die Balance jedoch stimmt.

DARK TRANQUILLITY entledigen sich durchgekauter Schemata

Mit lebendigen Strukturen sowie unerwarteten Wendungen verabschieden sich DARK TRANQUILLITY zusehends von durchgekauten Schemata; kein Song gleicht im Kern dem anderen und doch formen sie eine gemeinsame Vision. Der Einfallsreichtum, der abseits üblicher Refrain-Zentriertheit zum Ende mit “State Of Trust” und “None Becoming” das Rückgrat bildet, spricht eine deutliche Sprache: Der göteborgsche Melodic Death Metal ist nicht tot. Er wich lediglich einer neuen Vision, errichtet auf dem Vermächtnis der Vergangenheit.

Veröffentlichungstermin: 24.05.2013

Spielzeit: 42:28 Min.

Line-Up:
Mikael Stanne – Vocals
Niklas Sundin – Guitar
Martin Henriksson – Guitar
Martin Brändström – Keyboards, Programming
Anders Jivarp – Drums

Produziert von DARK TRANQUILLITY und Jens Bogren (Mix)
Label: Century Media

Homepage: http://www.darktranquillity.com/
Mehr im Netz: http://www.facebook.com/dtofficial

DARK TRANQUILLITY “Construct” Tracklist

01. For Broken Words (Audio bei YouTube)
02. The Science Of Noise (Video bei YouTube)
03. Uniformity (Video bei YouTube)
04. The Silence In Between
05. Apathetic
06. What Only You Know
07. Endtime Hearts
08. State Of Trust
09. Weight Of The End
10. None Becoming