BARONESS: Yellow & Green

BARONESS: Yellow & Green

Wenn scheinbar harte Metalfans plötzlich rosa Röckchen tragen und mit Zöpfchen und hochrotem Kopf unter ihren Krönchen anfangen, vor Wut zu keifen, dann hat sie wieder eine ihrer Lieblingsbands verraten. Jedes Jahr passiert das auf ein Neues, egal ob im Power Metal, im Doom, Death, Black oder Thrash Metal, irgendwo whimpt immer irgendwer aus. Die Nächsten, die es erwischt, sind – und das ist keine Überraschung – BARONESS, denen ihr Progressive Sludge-Korsett (oder wie auch immer man das nennen mag) eigentlich schon immer zu eng war. Es deutete sich ja schon auf dem fantastischen Zweitwerk „Blue Record“ an, dass BARONESS mehr können, als heftige Riffs zu spielen und rumzubrüllen. „Yellow & Green“, wenig überraschend ein Doppelalbum, hat nun alles parat, wirklich alles.

BARONESS können alles

BARONESS können laut und leise, beschwingt und traurig, wild und gediegen, simpel und anspruchsvoll, hypereingängig und fordernd, aufwühlend und langweilig. „Yellow & Green“ ist ein musikalisches Kunststück, wunderbar unperfekt, tief wie ein Meer, unglaublich facettenreich und es sprüht über vor Kreativität. „Pop!“, schreit der eine, „Ausverkauf!“, der andere. „Ja, genau!“, schreie ich.

Warum gönnt man einer Band mit der songwriterischen und spielerischen Gabe vom Format von BARONESS nicht den Erfolg, warum dürfen sie nicht mal RADIOHEAD statt MASTODON als Vorbild haben? Sag‘ mir ein treffsicheres Argument und ich schenke dir mein geliebtes, wenn auch kaputtes Fahrrad. Ich merke, ich befinde mich in einer Position der Verteidigung. Verteidigen muss sich aber niemand, vor allem nicht John Baizley und seine Mannen.

Auf „Yellow & Green“ bedienen sich BARONESS im großen Warenladen der Rockmusik

Die Gitarristen Baizley und Pete Adams spielen auf einer magischen Ebene, zusammen mit Schlagzeuger Allen Bickle wird der Eindruck vervollständigt, dass es sich hier tatsächlich um eine Band, und keinen zusammen gewürfelten Haufen Rednecks handelt. Das hat Bestand, ist authentischer als irgendeine wiedervereinigte Death Metal-Band, die zwar unglaublich böse, aber auch unglaublich erzwungen und müde wirkt. BARONESS bedienen sich im großen Warenladen der Rockmusik, sind mal heavy und brachial wie in „Take My Bones Away“, das ein bisschen nach TORCHE klingt, „March To The Sea“, das am ehesten die alten BARONESS durchblitzen lässt, „Sea Lungs“, das MASTODONsThe Hunter“ durchaus aufgewertet hätte, sowie die coolen Nummern „Board Up The House“ und „The Line Between“, die sich nicht hinter großen Alternative-Bands mit Dave Grohl verstecken müssen.

Sogar die langweiligen Songs passen zum Album

Daneben schalten BARONESS häufig zurück, da gibt es Songs mit unglaublich viel Seele wie das dramatische „Little Things“ und die entspannten und ein bisschen traurigen Nummern „Mtns. (Crown & Anchor)“ (voll gut) und „Foolsong“ (nur gut). Auch „Back Where I Belong“, das am Ende seine ganze Kraft ausspielen kann, erzeugt Gänsehaut, der Abschluss von „Yellow“ namens „Eula“ sowieso. Und wenn in dem grandiosen „Psalms Alive“ anfangs erst scheinbar eine Britpop-Band mit minimalistischem Beat spielt, die mit einem Schlag zu einem Heavy Metal-Monster wird, dann weiß man, BARONESS sind die Band, die dieses Jahr musikalisch retten kann.

Und die langweiligen Songs? „Cocainium“, „Collapse“ und vielleicht das Outro „I Forget Thee, Lowcountry“. Und weißt du was, ja die dürfen gerne auf diesem Album stehen. Ich mag sie trotzdem, sie passen trotzdem zum Album, lassen immerhin ein wenig Zeit zum durchatmen. Nicht zu vergessen: Eltern lieben die missratenen Kinder ja ebenso wie die braven.

Der Schritt von blau zu gelb und grün ist riesig

„Yellow & Green“ zeigt eine Band, die nicht mehr nur in den Südstaaten zu Hause ist, sondern die auch urban klingen kann. Nicht nur altmodischer Südstaaten-Rock im Sludge, Metal oder was-weiß-ich-Gewand, sondern auch moderne Momente passen wunderbar in das Gesamtkonzept. Überhaupt, viele Facetten, alles songorientiert, ein paar Hits, und doch ein schöner, kompakter, runder Gesamteindruck. Zwischen Folklore wie „Twinkler“ und „Strechmaker“ über den Größenwahn des Rock and Roll wie „March To The Sea“ oder „Green Theme“ ist alles dabei. Hervorragende Gitarrenarbeit, wunderbare zweistimmige Leadgitarren, epische Soli, sprühende Kreativität, donnerndes Drumming, hervorragender, hauptsächlich melodischer Gesang, die wunderbare raue und bodenständige, warme und wuchtige Produktion von John Congleton, das Artwork, das ebenso abstrakt ist wie die Texte, alles passt wunderbar zusammen.

Zu sagen BARONESS hätten sich weiterentwickelt, hieße Eulen nach Athen zu tragen. Der Schritt von blau zu gelb und grün ist riesig, das sollte wirklich jeder begreifen. Wer BARONESS bisher nur mochte, wird sie nun vielleicht fallen lassen. Wer sie vorher schon liebte und sich gerne weiterhin auf ihre Magie einlässt, wird sie spätestens jetzt nie wieder gehen lassen wollen.

Veröffentlichungstermin: 20. Juli 2012

Spielzeit: 39:44 + 35:16 Min.

Line-Up:
John Baizley – Vocals, Guitars, Bass, Keyboards
Pete Adams – Guitars, Vocals
Allen Bickle – Drums, Percussions, Keyboards

Produziert von John Congleton
Label: Relapse Records

Homepage: http://www.baronessmusic.com
Mehr im Netz: http://www.facebook.com/YourBaroness

BARONESS „Yellow & Green“ Tracklist

Yellow:
1. Yellow Theme
2. Take My Bones Away
3. March To The Sea
4. Little Things
5. Twinkler
6. Cocainium
7. Back Where I Belong
8. Sea Lungs
9. Eula

Green:
1. Green Theme
2. Board Up The House
3. Mtns. (The Crown And Anchor)
4. Foolsong
5. Collapse
6. Pslams Alive
7. Strechmaker
8. The Line Between
9. I Forget Thee, Lowcountry