BARONESS: Gold & Grey

BARONESS: Gold & Grey

Gold ist das neue Orange. In der Tat sorgte John Dyer Baizley, der jüngst seine Abneigung gegen den Farbton offenbarte, in Fankreisen für einige Überraschung. Nicht Orange, sondern „Gold & Grey“ heißt der „Purple“-Nachfolger (2015) – ein Titel, der Goethes Farbenlehre widersprechen mag und doch seine Richtigkeit hat.

Das warme Goldorange der Vögel, die sich in der unteren Hälfte von Baizleys detailreichem Artwork versammeln, setzt dem fahlen Graubraun, das Blumen welken lässt und Ungeziefer mit sich bringt, einen ungleich lebendigeren Gegenpol.

Es ist kein Zufall, dass das Titelgemälde die Leitfarben der Vorgängeralben „Red Album“ (2007), „Blue Record“ (2009), „Yellow & Green“ (2012) sowie „Purple“ (2015) ins Spiel bringt. Mischt man zwei komplementäre Farben, erhält man Grau. BARONESS klammern die Vergangenheit folglich nicht aus. Doch „Gold & Grey“ ist mehr als die musikalische Quintessenz aus über zwölf Jahren kreativen Schaffens, auch wenn der geradlinige Sludge-Rocker „Front Toward Enemy“ eingangs etwas anderes suggeriert.

BARONESS haben eine Unmenge an Details versteckt

Lange dauert es nicht, bis die US-Amerikaner in „I’m Already Gone“ ihren traditionellen Sound mit einer New Wave-Bassspur verschmelzen, während ein nachdenklicher John Baizley über zurückliegende Entscheidungen brütet. „Seasons“ gefällt zunächst durch markantes Riffing im besten „Blue Record“-Stil, besticht aber vor allem durch progressive wie abwechslungsreiche Drum-Patterns, die sogar von Blastbeats durchbrochen werden.

Hier trifft uns zum ersten Mal die wichtigste Eigenheit von „Gold & Grey“. So offensichtlich die Vielzahl der Songs zunächst arrangiert sein mag, im Laufe der Zeit entpuppen sich die Kompositionen als so facettenreich wie komplex. BARONESS haben eine Unmenge an Details inmitten ihres Klangteppichs versteckt. Das beginnt bei den Gitarrenspuren und endet beim variablen Hintergrundgesang, dessen Eigenheiten sich zum Teil erst nach dem fünften oder zehnten Durchlauf offenbaren.

Die komprimierte Mix zerstört mehr, als er nützt

Eine Teilschuld daran trägt der enorm komprimierte Mix, der Feinheiten oftmals verschluckt und den Songs kaum Raum zu atmen lässt. Darunter leidet insbesondere die Dynamik der akustischen Parts. Diese auditive Gleichschaltung möchten BARONESS als bewusste künstlerische Entscheidung zu verstehen wissen und hat in „Throw Me An Anchor“ nach einiger Eingewöhnung durchaus seinen Charme. In ihren schlimmsten Momenten zerstört die extreme Kompression aber mehr, als sie nützt.

Ebenfalls von wechselhaftem Ertrag sind die zahlreichen Interludes, die nicht immer essentiell („Crooked Mile“, „Blankets of Ash“) und zum Teil – wie das psychedelische „Can Oscura“ – seltsam platziert scheinen. Immerhin baut „Anchor’s Lament“ mit Piano, Streichern und reduziertem Chorgesang eine Erwartungshaltung auf, die sich im leidenschaftlichen Refrain von „Throw Me An Anchor“ geradezu kathartisch entlädt.

Zeitweise zeigen sich BARONESS nahe am Zenit ihres Schaffens

Es ist einer von zahlreichen Momenten auf „Gold & Grey“, wo die Brillanz des Quartetts durchbricht. „Borderlines“ ist ein weiterer, der BARONESS nahe am Zenit ihres Schaffens zeigt: Das progressive Fundament im Stil von „Purple“ umschmeichelt uns mit warmen Gitarren, bevor Schlagzeuger Sebastian Thomson im leicht jazzigen Finale zusehends rhythmische Spielereien über das Grundgerüst schichtet. Über allem thront der wunderbar miteinander harmonierende Gesang von John Baizley und Gina Gleason, deren Stimme sich wie das letzte fehlende Puzzleteil in den BARONESS-Sound einfügt.

Nicht nur die Halbballade „Cold-Blooded Angels“, die sich nach verhaltenem Beginn mit dezenten 80er-Synthies zur erdigen Rock-Hymne aufschwingt, profitiert enorm vom neu gefundenen Gesangsduo. „Tourniquet“ beginnt ganz ähnlich, bevor Nick Jost mit einer sexy Bassline das Ruder in die Hand nimmt und es erst wieder für einen unsterblichen Refrain an seine Kollegen Baizley und Gleason abgibt.

Die Schätze auf „Gold & Grey“ müssen entdeckt werden

Ein ruhiger Mittelteil unterteilt „Gold & Grey“ in drei Akte, die BARONESS mit einem Sammelsurium an Ideen füllen, dabei aber manchmal den roten Faden verlieren. Dass es überhaupt ein Interlude wie „Assault on East Falls“ braucht, um dem experimentellen Jam „Pale Sun“ den Weg zu bereiten, stimmt nachdenklich, ob ein richtiges Doppelalbum Marke „Yellow & Green“ nicht doch die schlüssigere Lösung gewesen wäre.

Auch wenn sich BARONESS vor allem in produktionstechnischer Hinsicht von ihrer eigenen Vision blenden lassen, ist „Gold & Grey“ nichtsdestotrotz ein vielschichtiges Werk, das entdeckt werden will. Wie auch das Artwork offenbart das Album selbst dem engagierten Hörer stets neue Erkenntnisse. Bedauerlich ist nur, dass inmitten der matschigen Grautöne die wahren Schätze oftmals nicht sofort glänzen möchten.

Veröffentlichungstermin: 14.6.2019

Spielzeit: 60:37

Line-Up:

John Dyer Baizley – Gesang, Gitarre
Gina Gleason – Gitarre, Gesang
Nick Jost – Bass
Sebastian Thomson – Schlagzeug

Produziert von BARONESS und Dave Fridmann

Label: Abraxan Hymns

Homepage: https://yourbaroness.com/
Facebook: https://www.facebook.com/YourBaroness/

BARONESS „Gold & Grey“ Tracklist

1. Front Toward Enemy
2. I’m Already Gone
3. Seasons (Video bei YouTube)
4. Sevens
5. Tourniquet (Video bei YouTube)
6. Anchor’s Lament
7. Throw Me An Anchor (Audio bei YouTube)
8. I’d Do Anything
9. Blankets Of Ash
10. Emmett-Radiating Light
11. Cold Blooded Angels
12. Crooked Mile
13. Broken Halo
14. Can Oscura
15. Borderlines (Video bei YouTube)
16. Assault On East Falls
17. Pale Sun

Florian Schaffer
Florian hat von 2008 bis 2015 Reviews und Live-Berichte für vampster geschrieben. Seit 2019 ist er wieder mit dabei. Lieblingsbands: AMORPHIS, ARCHITECTS, BARONESS, CULT OF LUNA, DARK TRANQUILLITY, GHOST BRIGADE, IN FLAMES, THE OCEAN. Genres: Black Metal, Death Metal, Melodic Death Metal, Metalcore, Post Metal, Progressive, Rock, Thrash Metal.