ANN WILSON: Fierce Bliss

ANN WILSON von den schwarz-blonden Wilson-Schwestern kennt wohl jeder Rockfan. HEART waren ein Pflichtprogramm, ihre ersten beiden Alben „Dreamboat Anni“ und „Little Queen“ hatte damals, 1977, wohl jeder. Und „Barracuda“ findet man auf jedem Classic Rock-Sampler und auf jeder Rock-Party. Die Zeiten der MTV-Dauerrotation Mitte/Ende der 80er zu den Hits von den Alben „Heart“, „Bad Animals“ und „Brigade“ kommen auch gleich in den Sinn. Familienstreit, die Rechte an den Songs wurden verkauft, es bleibt spannend, wie es im Hause HEART weiter geht. Nun aber ist es erstmal soweit, dass ANN WILSON ein neues Soloalbum vorlegt. Das diesmal mit reichlich eigenen Songs daher kommt, statt wieder als Sammlung von Coversongs. Wird auch Zeit, was die Sängerin mit auch bald 72 Jahren hier präsentiert, das lässt das Herz eines jeden Rockfans jubeln. Eigentlich wollte Ann ja nur mal mit dem Gitarristen Tom Bukovac und dem Bassisten Tony Lucido ein paar Ideen ausprobieren. Gut dass daraus ein Selbstläufer und dadurch ein komplettes Album geworden ist.

ANN WILSON präsentiert auf ihrem Soloalbum „Fierce Bliss“ eigene und Coversongs

Das auch als Single veröffentlichte „Greed“ rockt dann gleich erfreulich kraftvoll los. Tanzbar mit 80er-Vibes, catchy, aber irgendwie auch erfrischend zeitlos. „Black Wing“ hingegen kommt schwermütig, mit dezenten Hippie-Vibes, erinnert an frühe HEART-Zeiten in zeitgemäßem Sound. Etwas bluesiger Southern-Rock-Flair, aber man darf auch mal an LED ZEPPELIN denken. Ein starker Song, Tyler Boley steuert passende Gitarren bei, der Gitarrist aus Seattle hat schon früher mit Ann gearbeitet. Auch „Bridge Of Sighs“ kommt herrlich schwermütig, bluesig, mit zündenden Leads, die wie auch später bei „Missionary Man“ KENNY WAYNE SHEPHERD geliefert hat im Sound Stage in Nashville. Im Original von ROBIN TROWER, einer von vier Coversongs. Ganz ohne mag sie wohl doch nicht, Ann drückt den Songs mit ihren Jungs aber einen eigenen Stempel auf.

Die eigenen Songs auf „Fierce Bliss“ gefallen

„Fighten For Life“ fand ich zuerst verdammt zäh und langatmig. Aber nein, der Song trägt genau so das dunkle Thema, zerrende Gitarren unterstützen dies noch. Spätestens hier fällt auf, mit was für einer Reife die Stimme von ANN WILSON kommt. Da steckt Lebenserfahrung als Musikerin und Mensch in jeder Zeile. Mal entspannt, nachdenklich, fast spirituell und immer gereift kommen sowohl Stimme als auch Lyrics. Schwierig durchaus „Love Of My Life“ im Duett mit Country-Sänger VINCE GILL. Das Original von QUEEN schrieb Freddy Mercury für seine damalige Freundin Mary, zu hören auf dem 1975er Album „A Night At The Opera“. Damals eher von Herzschmerz geprägt, wird es hier zum klassischen Liebeslied. Mit allem was dazu gehört, Schmalz, Kitsch, Tränendrüsenalarm. Würde so auch in jede melodramatische Szene eines Disney-Zeichentrickfilm wie „Frozen“ passen. Mit dem gleichen Effekt, trotz oder gerade wegen des zuckersüßen Singsang funktioniert der Song, lädt zum Wegträumen ein, steht dem Original in nichts nach. Trotzdem mag ich „Merida“ am liebsten, da wird auch nicht so viel gesungen. Egal, singen soll wieder ANN WILSON, wie beim rockigen „Missionary Man“ mit dezentem Gospelchor und wieder feurigen Gitarren von K.W. SHEPHERD. Im Original kennt man den Song von EURYTHMICS.

ANN WILSON drückt den Cover-Songs einen eigenen Stempel auf

Bei „Gladiator“ mag man wieder an LED ZEPPELIN denken, oder eigentlich mehr an die Solosachen von ROBERT PLANT. Unvergessen, wie die Wilson-Mädels bei ihrem Auftritt 2012 die Schöpfer von „Stairway To Heaven“ zu Tränen rührten. Warren Haynes (GROV’T MULE), mit dem Ann auch schon öfters gearbeitet hat, bringt stimmige Leads mit. Wunderschön, wenn der Song sich zum Ende hin mit positiven Vibes füllt. Die Version von JEFF BUCKLEY´s „Forget Her“ führt uns in eine schummerige Jazz/Rhythm&Blues-Bar. Das kann man so stimmig auch nur bringen, wenn man selbst eine gewisse Reife hat. Klasse, wie Ann hier mit ihrer Stimme spielt. Die begeistert über das ganze Album, egal ob Ann rockig röhrt, zart schnurrt oder ihre Stimme auch mal kratzig kippen lässt in den lauten Momenten. „A Moment In Heaven“ zeigt sich als knackiger 80er Schunkel-Rocker, „Angel´s Blues“, nun ja, bluest melancholisch daher, und wieder diese klasse Stimme. „As The World Turns“ nimmt uns verträumt bei der Hand und beendet das gelungene Album mit reichlich Cowboy-Flair.

Was ANN WILSON auf „Fierce Bliss“ präsentiert, klingt echt, ehrlich und geht durch die musikalische History der Sängerin

Man darf dankbar sein, dass aus dem „nur mal schauen“ ein ganzes Album geworden ist. Was ANN WILSON hier mit ihren Herren präsentiert, klingt echt, ehrlich und schielt auf keinen angesagten Trend. Es wird mit vielen Anleihen durch die musikalische History der Sängerin gerockt. Ohne zu sehr nach altbacken zu klingen, dafür sorgen der Sound und vor allem die Spielfreude, die überall durchklingt. Da hatten hörbar alle Spaß, und den hat man auch als Zuhörer. Für Verehrer der tollen Stimme von ANN WILSON und HEART-Fans ein Pflichtkauf. Aber auch alle Freunde von gepflegten, zeitlosen Rocksongs sollten reinhören. Der berühmte Fantasy Künstler Roger Dean zeichnet für das Artwork verantwortlich, bekannt geworden ist er durch die Plattencover der Band YES oder auch ASIA, URIAH HEEP und andere.

Veröffentlicht am 29.04.2022

Spielzeit: 52:33 Min.

Lineup:
Ann Wilson – Vocals
Tom Bukovac – Guitar
Tony Lucido – Bass
Sean T Lane – Drums, Percussin
Gordon Mole – Keyboard
Tim Lauer – Keyboards
Vince Gill – Vocals (5)
KENNY WAYNE SHEPHERD – Lead Guitar (3,6)
Warren Haynes – Guitar (7,10)
Tyler Boley – Guitar (2)
Danny Louis – Keyboards (7,10)
Dan Walker – Keyboards (2)
Jorgen Carlsson – Bass (7,10)
Andy Stoller – Bass (2)
Matt Abts – Drums (7,10)
The Rev Nathan Young Sisters – Choir (6)

Label: Silver Lining Music

Homepage: https://annwilson.com

Mehr im Web: https://www.facebook.com/officialannwilson

Die Tracklist von “Fierce Bliss”:

1. Greed (Video bei YouTube)
2. Black Wing
3. Bridge Of Sighs
4. Fighten For Life
5. Love Of My Life (feat. Vince Gill)(Lyrics-Video bei YouTube)
6. Missionary Man
7. Gladiator
8. Forget Her
9. A Moment In Heaven (Lyrics-Video bei YouTube)
10. Angel’s Blues*
11. As The World Turns
*nur CD und digital