SOL INVICTUS: Necropolis

SOL INVICTUS: Necropolis

Man glaubt es ja kaum, wenn man das Promofoto von Tony Wakeford zum voraussichtlich letzten Album seines legendären Projekts SOL INVICTUS anschaut: dass dieser alternde englische Gentleman nicht nur mal Punk war, sondern es aktuell auch wieder ist (seine als linksradikales Projekt gestartete Band CRISIS gibt wieder Konzerte!) – und dass es in seinem Leben auch Phasen gab, in denen er der britischen Neofaschistenszene angehörte. In seinem Blick jedoch liegt alles, was ein solcher Werdegang nahelegt und was man auf „Necropolis“ hört: Resignation, etwas Scham, ein wenig Wut und Trauer und aber auch Stolz und der trockene Humor, sein Sarkasmus, der nicht erst seit „Oh What Fun“, dem wohl größten SOL-INVICTUS-Hit (1995 auf „In The Rain“ erschienen und 2011 von Prophecy wiederveröffentlicht), integraler Bestandteil seines Oeuvres ist.

„Necropolis“ – sieht so das Ende Londons aus?

Einen derartigen Hit sucht man auf „Necropolis“, wie auch schon auf dem ähnlich humorvoll-psychedelischen „Once Upon A Time“ von 2014, leider vergeblich. Aber wie denn auch, wenn es doch um nichts weniger als das Ende Londons, das hier wohl sinnbildlich für die Welt an sich steht, gehen soll. Zwar ist „Necropolis“ so durch und durch britisch wie es die Fans von Wakeford nach dem bemerkenswert orientalisch anmutenden Vorgänger wahrscheinlich verlangt hatten, aber das sich durch das Album ziehende Thema, das im postmodernen Kapitalismus sich in der Vollendung befindende Absterben von Humanismus und unschuldiger Lebensfreude, ist ein universales.

Was bleibt dem Mann? Sein Humor. Und so haut er einen nach dem andern raus; in „The Last Man“ etwa ist der englische Klassiker „Oranges and Lemons“ eingewoben, in dem ein armer Mann wegen einer Schuld von fünf Viertelpennys zum Klang zahlreicher Londoner Kirchennamen geköpft wird. Immer wieder tauchen diese hintergründigen Kinderreime auf, teils klassisch, teils selbst gedichtet; gerne würde ich sie alle zitieren, aber dann würde ich euch ja den Spaß verderben. So also nur mein Liebling:

Serpentine this way, serpentine that,
The way the Serpent went after the Rat-
The rat jumped into the round pond,
But the serpent didn’t mind that:
The rat ran into the Bird-cage,
And now the Serpent ’s fat!

Tony Wakeford indes scheint abgenommen zu haben. Ich habe ihn mal – fünf Jahre ungefähr dürfte es her sein – als „Twa Corbies“ in einem Gothic-Schuppen in Mülheim an der Ruhr live gesehen und fragte mich, wie lange er es noch macht mit dem Gewicht, denn besonders lebensfroh wirkte er nun nicht gerade! Aber den Schalk, den hatte er da auch in den Augen, und so war der Auftritt ein purer Genuss (und so lebt er noch!), auch weil „Twa Corbies“ ja sein eingängigeres, eher in der Tradition von Billy Bragg stehendes Projekt ist.

SOL INVICTUS kombinieren Neofolk und verspielte Gitarrenarbeit

SOL INVICTUS macht sich nun nur mehr textlich was aus Simplizität, die Musik ist – dem Genre „Neofolk“ entsprechend – ein zwar auf einfachen Strukturen basierendes, aber durch zahlreiche Spielereien – schräge Klänge und Töne, wunderbar verspielte Gitarrenarbeit (von Don Anderson, ex-AGALLOCH) und Rhythmik, Hörspiel-Elemente über Mord und Totschlag und die Themse – den englischen Folk dekonstruierendes, durchaus komplexes Meisterwerk. Wakefords schräge, aber für mich überaus angenehme Stimme, die immer wieder auftretenden Gaststimmen von Sängerin und „Green Army Choir“, die vielen Effekte, und natürlich nicht zuletzt die Melodien, die zwar kaum Ohrwurmcharakter haben, sich aber durch ihren lakonischen Witz kongenial an die Texte anschmeicheln, machen „Necropolis“ zu einem herrlichen Hörgenuss, mit dem im Ohr es sich sicherlich wunderbar an der nebelverhangenen Themse stehen lässt, um dem dahinsiechenden London beim Sterben zuzusehen. Ach, was sage ich, man muss nicht einmal da sein, es reicht die Augen zu schließen, und schon ist man angekommen in diesem morbiden englischen Abgesang, aus dem es ein Entkommen nur durch das Lachen gibt. Dafür vielen Dank, Tony Wakeford:

We treat some like sons and daughters
Others hidden from the sun are sent to slaughter
Clean is the hand that stays in its glove
Away from the blood of the lamb and dove
See them come
See them go

P.S.: Die mit 18 (!) Bonustracks veredelte Sammler-Edition scheint bereits ausverkauft zu sein. Bonustracks und Booklet liegen mir leider nicht vor; letzteres enthält Liner-Notes und Erklärungen zu den in und zwischen den Songs erzählten morbiden Geschichten.

Veröffentlichung: 23.03.2018

Label: Prophecy Productions

Mehr im Netz: SOL INVICTUS bei Bandcamp

Spielzeit: 47:25 Min.

SOL INVICTUS „Necropolis“ Tracklist

01. Necropolis:Portal
02. Nine Elms
03. Old Father Thames
04. See Them
05. Serpentine
06. Still Born Summer
07. Brick Lane
08. Turn Turn Turn
09. The Last Man
10. The Garden Of Love
11. Kill Burn
12. Set The Table
13. Murder On Thames
14. Shoreditch
15. Necropolis:Egress

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Andreas ist mit vampster und Metal großgeworden, liebt Wald- und Wiesenmusik und dreckigen Punk und alles, was dazugehört (Whisky, Wanderschuhe und ein kaltes Bier in dunklen Kellern z.B.), und schreibt und singt und kämpft für das Wahre, Gute und Schöne.