UP FROM THE GROUND 2006: Gemünden tanzt wieder!

Das Festival war dieses Jahr wieder um eine Zwiebelschicht gewachsen, aber im Kern dasselbe geblieben.

Freitag, 25. August 2006

Tourettes Syndrom | Jack Slater | Harmony Dies | Criminal | God Dethroned | Suffocation| Obituary

Samstag, 26. August 2006

Requiem | Japanische Kampfhörspiele | Endstille | One Man Army And The Undead Quartet | Dismember | Morbid Angel

Das UP FROM THE GROUND hat sich zurecht einen guten Ruf erarbeitet. Dazu gehören die üblichen Stolperfallen. Gemecker hier, Gemecker da, keinem kann man es Recht machen. Das gehört eben dazu. Das Festival war dieses Jahr wieder um eine Zwiebelschicht gewachsen, aber im Kern dasselbe geblieben. Natürlich merkte man, dass das immer hochkarätigere Billing viel breitere Personenkreise anspricht. Wirklich viel Underground ist nicht mehr zu spüren auf den Gemünder Wiesen. Dafür darf man großartige Bands in entspannter Atmosphäre genießen. Doch auch dieses Jahr gibt es sowohl Lob, als auch Kritik. Vorbildlich hat man offensichtlich versucht, aus allen Fehlern des Vorjahres zu lernen, geschafft hat man das nur teilweise. Die Essenpalette wurde erweitert und kann sich soweit sehen lassen und das Bonsystem funktioniert nach wie vor nach meinem Empfinden gut. Weniger gut, abermals die Situation auf dem Zeltplatz. Statt an der Situation des Vorjahres, in dem riesige Flächen unbenutzt blieben, etwas zu verbessern und eine korrektere Einschätzung des Fassungsvermögen der Wiese zu erhalten kam es wie 2005: Erst wurde groß gedrängelt, dann war wieder leerer Raum da. Vor allem die Tatsache, dass erst bei der Ankunft durch die Zeltplatz-Security zu erfahren war, dass angeblich nur zwei Zelte pro Auto erlaubt seien, war nicht ganz sauber. Im allgemeinen fiel gerade die Sicherheitsmannschaft besonders negativ auf. Völlig unmöglich präsentierte sich die Security-Truppe. Diktatorische Einweisemaßnahmen (noch einen halben Meter vor, nur zwei Zelte […] sonst bau ich das dritte ab!), asoziale Rausschmeißaktionen (Nimm deine Scheiß-Wessi-Freunde und verpiss dich, Sauf aus und mach die Fliege) und nicht zuletzt gewaltbereites Gehabe und der Übergriff mit Pfefferspray auf Festivalbesucher sind Erfahrungen, die man nicht mal eben runterschluckt. Da kann man der Organisation aber eigentlich nichts anlasten und nur hoffen, dass im nächsten Jahr eine Firma angeheuert wird, die professioneller ist.
Doch trotz allem – und vor allem trotz der widrigen Wetterbedingungen und einer Extra-Portion Schlamm – ließen sich die wenigsten den Festivalbesuch verderben und fügten sich routinemäßig in den ganz normalen Festivalwahnsinn ein.

Freitag, 25. August 2006

TOURETTES SYNDROM
Wer diese Band gebucht hat, der gehört nackig durch den Schlamm gezogen und bis zum Hals darin eingebuddelt. Ein unnötigerer Opener würde mir nicht einfallen, selbst wenn ich mich anstrengen würde. Unhörbar war der Stilmix aus Metal und Crossover, den die verrückten Australier da zelebrierten. Das einzige witzige war, dass ich mit meiner Insider-information, dass es sich beim Frontding um eine Frau handelte, die Lacher auf meiner Seite hatte. Weder hörte es sich nämlich so an, noch sah es so aus. Besonders die kratzig-rauchige Ansage der Sängerin, wer Drogen für sie habe, solle sie später ansprechen und wenn jemand Pornos im Zelt, da würde sie auch drauf abfahren.
Insgesamt kann man nur sagen, gab sich die Band versucht komisch und durchgedreht – und versagte dabei total. Weder das exzentrische Auftreten, noch die völlig uninteressante Musik konnten auch nur den Hauch von Spannung oder Kurzweil erzeugen. Die schlechteste Band, die jemals auf dem UP FROM THE GROUND-Festival war und hoffentlich die schlechteste, die je dort sein wird.

JACK SLATER

JACK
Waren schon besser – JACK SLATER

Eigentlich waren die Shows von JACK SLATER immer witzig und gut. Vielleicht lag es an der frühen Stunde oder am falschen Tag, aber diesmal waren die Kölner nicht in Top-Form. Dabei wurde eigentlich ziemlich solide gezockt. Allerdings auch ziemlich vorhersehbar. Man holzte Bandhits wie Eisenwichser und Schlachtplatte und baute zwischendrin ein paar flockige Kalauer ein. Wahrscheinlich hing es eher an letzterem, als am Liedgut, dass die Jackies dieses Jahr viel zu trocken rüberkamen. Das Set wirkte heruntergerasselt, emotionslos und über-routiniert. Das alles passte so wenig zur mittäglichen Stimmung, dass man abschließend nur sagen kann, JACK SLATER waren schon mal besser – auch zu früher Stunde.

HARMONY DIES

HARMONY
HARMONY DIES zogen vor allem mit ungewollten Showeinlagen die Aufmerksamkeit auf sich.

Die Death Metal-Maschine von HARMONY DIES sollte an diesem Tag eine ganz besondere Show liefern. Doch dazu später. Zuerst stand das Set auf dem Programm. Old-School, Old-School, Old-School. Die Deutschen brachten säckeweise US-Todmetall mit und teilten damit nicht zögerlich aus. Man merkte dem Publikum zwar an, dass es die frühen Bands nicht einmal als Anheizer zu benutzen wusste, sondern um die Zeit wahrscheinlich erst aus dem Zelt kroch. Aber das störte nicht weiter. Wer bei HARMONY DIES vor der Bühne stand, der wusste, was er wollte – und bekams. Ohne wenn und aber, aber auch ohne Extras und Verzierung. Stumpf und wirkungsvoll, kein bisschen einzigartig, aber dafür echt. Als der gewichtige Frontmann beim letzten Song schließlich den rechten Bühnenmast erklomm war jedes Auge auf ihn gerichtet. Bis nach oben kletterte der Sänger und sang den kompletten Song von dort. Die Pointe: gezwungenermaßen. Das kräftige Kerlchen war nämlich mit Bein und Stiefel steckengeblieben und konnte nur durch den beherzten Stiefalauszieheinsatz der Stagecrew in einem Showdown in luftiger Höhe gerettet werden. Unter dem Gepfeife und Gejohle des Publikums, versteht sich. Aber das nahm man mit Humor und Selbstironie und genau das machte HARMONY DIES an diesem Tag auch so sympathisch.

CRIMINAL
sind eine Band, die polarisiert. Auf der einen Seite findet sich eine kleine Gemeinde Fans und anscheinend genug Käufer,

CRIMINAL
CRIMINAL konnten nicht überzeugen.

um die Label-Aufmerksamkeit zu sichern, auf der anderen Seite hört man nicht selten die Frage CRIMINAL? Wer ist das?. Wieder andere gehen eher kritisch mit den musikalischen Veröffentlichungen der Jungs ins Gericht. Wo soll ich mich selbst in der ganzen Sache einordnen? Nun, ich mag die sterile Aggressivität der Alben, die sägend-minimalistischen Riffs, die dreckige Keifstimme von Sänger Anton Reisenegger. Leider konnten die Chilenen genau diese Dinge live überhaupt nicht umsetzen. Der Sound war druckvoll, aber fast unpassend lebendig, die Studio-Präzision fehlte völlig und Reisenegger klang stimmlich nur wie ein Schatten seiner selbst. Schade eigentlich, denn spielfreudig waren CRIMINAL allemal. Atmosphäre aufbauen konnten sie aber nicht. Die düstere, seltsame Maschinen-Stimmung von Alben wie No Gods No Masters kam in Gemünden jedenfalls überhaupt nicht an und der Mangel an Substanz, der die Alben wenigstens noch zur Geschmackssache macht, sorgte beim diesjährigen Set eher einhellig für Langeweile.

GOD DETHRONED
Mit einem, noch unveröffentlichtem, neuen Album in der Hinterhand gingen die Niederländer

GOD
Bewiesen ein ums andere Mal ihre Klasse: GOD DETHRONED.

Todesmetaller dieses Jahr ins Rennen. Von dem Album spielte man auch den Song Hating Life, aber ansonsten griff man mehr oder weniger auf das, in den letzten Jahren mehrfach bewährte, Set zurück, mit dem man schon diverse Festivals und Clubs beehrte. Mit Nihilism läuteten GOD DETHRONED also die Apokalypse ein, wie immer tight, schnell und vor allem sympathisch und spielfreudig. Mit der Mischung aus harten, aber eingängigen Songs wie Boiling Blood und stampfenden Hits wie Sigma Enigma konnte auch absolut nichts schief gehen. Der Sound stimmte, die Band war in Form und legte einen soliden Auftritt hin. Solide deshalb, weil trotz allem das Gefühl blieb, dass GOD DETHRONED schon viel bessere Gigs gespielt haben. Vielleicht lag es am Wetter, vielleicht an der frühen Stunde, vielleicht an dem Festival-Rahmen, der eben nicht mit einer Clubshow vergleichbar ist. Bewiesen wurde allerdings wieder einmal, dass die Jungs um Henri Sattler kein schlechtest Set spielen können und irgendwie gnadenlos unterbewertet sind. Vielleicht habe ich mich gerade deswegen so gefreut.

SUFFOCATION

SUFFOCATION
Kompromisslos und in allen Belangen überlegen: SUFFOCATION.

Kennst du das Gefühl, wenn du niesen musst, aber nicht kannst? So ähnlich könnte man die Stimmung beschreiben, die kurz vor dem SUFFOCATION -Gig herrschte. Nun, zumindestens bei mir. Dabei gehöre ich noch nicht einmal zu glühendsten Verehrern der Studio-Alben, der Long Island-Todesmaschine. Der Live-Durchschlagskraft aber dafür doppelt bewusst, wurde ich an diesem Abend nicht enttäuscht. SUFFOCATION waren die überragende, spielfreudige, brutale, emphatische Death Metal-Offenbarung des Festivals. Kenner durften sich freuen, Neulinge durften staunen und Nicht-Liebhaber kacken gehen. Aber eigentlich war das alles egal. Da war eine Band in Topform, ein überzeugender Frank Mullen und ein musikalischer Querschnitt durch den gesamten Liedgut-Katalog der New Yorker, der kaum Wünsche offen ließ. Druckvoller Sound schob die urgewaltige Tonmasse von der Bühne gen Publikum – mit durchschlagender Wirkung. Das Publikum reagierte wie von einer Superdroge angefixt und wer in dieser Nacht nicht wenigsten einmal in einer Superlative von SUFFOCATION gesprochen hat, der hatte definitiv Bohnen in den Ohren.

OBITUARY
hätten es danach eigentlich verdammt schwer haben müssen. Dem war natürlich nicht so, da die Florida-Institution immer noch auf eine unglaubliche Fanmeute zurückgreifen kann. Von jung bis alt, vom mattenschwingenden Kuttenträger bis zum kurzhaarigen H&M-Metaller, ließ es sich zum stumpfen Sound prima bangen, hüpfen, kopfnicken oder einschlafen. Nein, im Ernst, war meine Spannung zum

OBITUARY
OBITUARY: der Mythos verblasst.

Zeitpunkt der Reunion, als Jungspund, der die Band noch nie gesehen hatte, noch groß und meine Freude beim FUCK THE COMMERCE-Auftritt 2003 noch ehrlich, so hat sich das mittlerweile alles stark relativiert. Frozen In Time bewegte nichts, aber auch gar nichts in mir und die darauffolgende Überpräsenz der Gruppe war eine Ode an den Stillstand, ein Klammern an längst vergangene Zeiten – und deren Glorifizierung. Veteranen freuen sich, dass sich ihre Ikone wieder vereint hatte und Jünglinge feierten eben mit. Was alt ist, muss schließlich auch gut sein, auch wenn man nur World Demise vom großen Bruder im Schrank stehen hat.
Die letzte Clubtour und der diesjährige Auftritt auf dem UP FROM THE GROUND hingegen machten eindrucksvoll klar: OBITUARY gehören zum alten Eisen. Hasst mich, reckt eure Fäuste in die Luft, beschimpft mich, aber es muss gesagt werden: Selten war eine Reunion so überflüssig. Da kann ein Trevor Peres noch so verbissen den Harten markieren, da kann ein John Tardy noch so gut singen, es ist vergebene Liebesmüh, wenn man gleichzeitig das Gespenst Alan West über die Bühne wanken sieht und die unterirdischen Schlagzeugsoli von Donald Tardy ertragen muss, die auch noch postwendend abgefeiert werden, als würde sich Paris Hilton auf der Bühne entblättern.
Vielleicht ist es mein eigenes Unvermögen, die Zeitlosigkeit der simplen Musik wiederzuentdecken oder der Unwille die Zeit im Kopf zurückzudrehen, wer weiß. Jedenfalls ist die Art und Weise, wie OBITUARY ihre Rückkehr inszenierten überzogen und die darauffolgenden Taten eher enttäuschend. So war auch der Gig auf dem UP FROM THE GROUND ein solides Stück Death Metal Geschichte, der dem Publikum offenbar genug einheizte, um Kritik im Keim zu ersticken.

Samstag, 26. August 2006

REQUIEM

REQUIEM
REQUIEM boten eine Lektion Vollgas, ohne Rücksicht auf Verluste.

Nachdem die Schweizer schon auf Tour mit DISMEMBER überzeugen konnten, durfte man gespannt sein, wie sich das Death Metal-Geschwader auf Gemündens Festival-Bühne machen würde. Die Antwort ist: Genauso kompromisslos, genauso gut, aber auch ein kleines bisschen zu statisch. REQUIEM bolzten ihr heftiges Arsenal an Songs, hauptsächlich vom aktuellen Album Government Denies Knowledge schnell und tight herunter, dass sich besonders Fans von schnellem Ami-Geprügel freuen konnten. Dennoch fehlte dem Auftritt das gewisse Etwas. Zwar mühte sich Sänger Michi Kuster sichtlich ab, aber vom Rest der Band kam relativ wenig in punkto Bühnenshow. Verbunden mit dem eher rasenden Material und wenig Groove konnte man sich durchaus das ein oder andere Mal beim in Gedanken abschweifen ertappen. Aber dennoch waren REQUIEM eine der starken Bands des Festivals, die sicher den ein oder anderen Arsch ganz überraschend getreten haben.

JAPANISCHE KAMPFHÖRSPIELE
Mit dieser Band war es ganz komisch. Fertigmensch schaffte es damals problemlos in mein CD-Regal und auch live war die Combo spaßig und unterhaltsam.

JAPANISCHE
Nicht nur optisch fielen JAPANISCHE KAMPFHÖRSPIELE aus dem Rahmen.

Bloß kannte sie keine Sau. Angekommen im verregneten Festivalsommer 2006, schien sich das relativiert zu haben. JAPANISCHE KAMPFHÖRSPIELE? Kennt jeder. Und wer sie nicht kannte, der warf vielleicht trotzdem mal eine Auge darauf, wozu hat man schließlich sonst so einen Bandname?
Auf der Bühne gab es dann allerdings wenig Kampf und mehr Hörspiel. Mit neuem zweiten Sänger ballerte man den bis zur Genregrenze getunten Grindcore ins Publikum. Verpackt In Plastik, im Schlafanzug Zu Plus, Verbrennt Euer Geld – skurrile Titel hat man genug für 10 Auftritte im Gepäck. Live zündet das aber nur teilweise. Die Stop-and-Go-lastigkeit der Songs ließ auch auf dem UP FROM THE GROUND viele Kopfnicker verzweifeln und für gepflegtes Abgehen fehlt irgendwie der Flow. Dennoch legten die Krefelder ein starkes Set hin, das nicht nur durch die grelle Haarfarbe von Sänger Nr.1 von der Masse abhob.

ENDSTILLE

ENDSTILLE
Auf ENDSTILLE ist Verlass, was Peinlichkeit und schlechte Gigs angeht.

Da sag mal einer, ich neige nicht zur Selbstverstümmelung. Zwar gehe ich dabei nicht gar so weit, wie der ein oder andere Black Metal-Schlumpf beim Arme Aufschlitzen, aber das erneute (!) Bezeugen der Live-Qualitäten von ENDSTILLE dürfte sich in meiner Hobby-Liste nur knapp darüber einreihen. Was macht diese Band auf diesem Festival? Ja, die Frage ist doch, was macht diese Band überhaupt? Die Antwort ist so trivial wie die Frage: Sie macht sich lächerlich. Bis zum Erbrechen zelebriertes Klischee für die 14-jährigen ENDSTILLE-Shirt-Träger. Meine Oma hat mir damals immer erzählt wie satanisch und schlimm Heavy Metal doch ist und dennoch weiß ich nicht, ob sie beim Anblick von ENDSTILLE weinen würde oder lachen. Corpsepaint, Blut und schlechte Songs, wer diese Band Ernst nimmt, hat definitiv ein Problem.

ONE MAN ARMY AND THE UNDEAD QUARTET

ONE
Unspektakulär und monoton, aber relativ spaßig: ONE MAN ARMY AND THE UNDEAD QUARTET.

Von ONE MAN ARMY AND THE UNDEAD QUARTET hatte ich mir – warum auch immer – eigentlich nicht wirklich viel erwartet. Aber auch wenn die Musik der Jungs um Ex- THE CROWN -Sänger Johan Lindstrand sicher niemals bei mir zu Hause laufen wird, war doch das Set in Gemünden eigentlich sympathisch. Der melodische Death Metal der Schweden entpuppte sich durch den permanent hohen Groove-Faktor als partytauglich und leicht konsumierbar – genau das richtige für den späten Nachmittag. Die Songs waren vollgestopft mir rockigen Riffs und Johans charismatischem Gesang, aber leider das ein oder andere Mal ziemlich einfallslos. Große Ideen und riesige Hymnen hatten die Schweden ebenso wenig in petto wie schnelle Songs. Alles bewegte sich auf einem Level und viele Riffs wurden dabei totgespielt. Aber die anschließende Party, inklusive Polonaise, zu David Hasselhoff bleibt dafür für immer unvergessen.

DISMEMBER

DISMEMBER
DISMEMBER schüttelten alle Anzeichen von Rost und Trunkenheit ab und servierten Schweden-Death nach ureigener Art des Hauses.

Da waren sie wieder, die Schweden. Die Frage vorher war ja eigentlich nicht, was für eine Setlist das UP FROM THE GROUND beherrschen sollte, sondern auch, ob das Wodka-Geschwader noch in der Lage sein würde, diese umzusetzen. Aber aus vormals arg vernebelten Festivalauftritten hat man wohl gelernt, denn nicht nur auf der letzten Tour, sondern auch auf dem UP FROM THE GROUND hat man sich was Alkohol betrifft wohl ziemlich zurückhalten können. Zumindestens soweit, dass das Set davon nicht ruiniert wurde. Und so holten die Schweden weit aus und schlugen dem Publikum eine geballte Ladung Old-School-Schweden-Death um die Ohren. Rau wie in den Anfangstagen, authentisch, als wären die Bandmitglieder noch immer 17. So schmetterte man sämtliche Hits der Bandhistorie gen Fans und durfte sich auch über entsprechende Reaktionen freuen. DISMEMBER spielten insgesamt ein starkes Set, das nur durch die Tatsache getrübt wurde, dass der Sound nicht das gelbe vom Ei war, da die Leads über das gesamte Set zu wenig zu hören waren. Hätte man hier mehr rausgehört, hätten die Schweden definitiv fetter punkten können.

MORBID ANGEL
Ja, so ist das, wie die Zeit vergeht. Und an Bands, wie MORBID ANGEL geht sie auch nicht spurlos vorbei. Ob sich noch einer von der Band an die Proben auf schmuddeligen Sofas erinnert? An die ersten musikalischen Gehversuche? Es ist das, was dieser Band heutzutage völlig fehlt. Die Menschlichkeit. Das Leben.

MORBID
Routiniert, kalt und ein wenig abgehoben: MORBID ANGEL.

Okay, das sind Hippieworte, die zur Beschreibung einer Death Metal-Band nicht benutzt werden können. Was da heute auf der Bühne steht ist eine große, beängstigend perfekte Maschine. Kalt, arrogant, rational, präzise. Mit Trey Azaghtoth stand diesmal überraschend Erik Rutan (HATE ETERNAL) als zweiter Gitarrist auf den Brettern. Über die musikalischen Fähigkeiten der Band insgesamt, muss man sowieso kein Wort mehr verlieren. Daher stellte man sich also – mittlerweile schon ziemlich mitgenommen – dieser letzten Band, ließ sich von Klassikern wie Rapture, Dominate oder Where The Slime Lives beschallen und nahm das Ganze mal mehr, mal weniger fröhlich auf. Weniger, weil der Sound nicht wirklich perfekt war und sich die ein oder andere Kleinigkeit Grund zum Nörgeln bot. Besonders Vincents Darbietung seiner Chorstimme ließ mich schmunzeln, da sollte man vielleicht doch auf Synthies zurückgreifen. Und überhaupt, dieser David Vincent. Mit dem hautengen Latex-Oberteil mit Pentagramm hat man ja eigentlich schon gerechnet. Aber die Ansagen des basspielenden Sängers stellten so ziemlich alles in den Schatten: Pathetische, dubiose, einstudierte Floskeln, die MANOWAR teilweise nicht peinlicher hinbekommen hätten. Der finale Schlag, den MORBID ANGEL an diesem Abend liefern sollten, war nicht so souverän, wie ich mir das gewünscht hätte. Vielmehr ließ sich die Florida-Combo feiern, wirkte routiniert und unnahbar, ja letztlich irgendwie fast unsympathisch.

Titelbild: deviator
Live-Bilder: Caroline Traitler (www.photopit.com), deviator