ELÄKELÄISET, DIE ZWANGSVERSTEIGERTEN DOPPELHAUSHÄLFTEN: München, Backstage, 06.04.2006

ELÄKELÄISET, DIE ZWANGSVERSTEIGERTEN DOPPELHAUSHÄLFTEN: München, Backstage, 06.04.2006

Liebes Tagebuch,

die Welt versteht mich nicht mehr. Seit mehr als einem Monat ernte ich nur noch verständnislose Blicke, wenn ich auf Fragen wie Was verstehst du unter Spaß? oder Tanzt du gerne? antworte. Natürlich, ich bin Antialkoholiker und sollte vielleicht nicht von Wodka, Bier und dergleichen fantasieren. Dass die Leute aber so große Vorurteile gegenüber finnischer Volksmusik haben, hätte ich nicht erwartet. Ich würde mich durchaus als Tanzmuffel bezeichnen. Ja, Freistil-Polka! ist aber die Wahrheit.

Ich glaube, alles begann mit dem ELÄKELÄISET-Konzert in München Anfang April. Der Captain hatte Karten besorgt und ist der einzige Mensch, der mich seither nicht gefragt hat, ob ich gelegentlich Stimmen höre, die andere Leute nicht hören. Die Vorband war prollig und unnötig. Der einzige Lichtblick war eine nette Wattenscheid 09-Hymne. Um uns herum nutzen viele Leute die Zeit, um alkoholische Getränke zu konsumieren.

Dann kamen schließlich die Rentner aus Finnland auf die Bühne. Sie traten ohne ihren verletzten Tastenmann Onni Varis an, weshalb Neuzugang Petteri Halonen an diesem Abend ausschließlich Keyboard spielte. Los ging es mit Viinaa hanuristille (Übersetzung: Gebt dem Akkordeonspieler Alkohol) und Humppaneitsyt vom aktuellen Album Humppasirkus. Vom ersten Ton an herrschte eine ausgelassene Stimmung in der Halle. Mit einem Schlag waren der Biergeruch und die rauchgeschwängerte Luft egal. Schon nach wenigen Takten war das Publikum vom Tanzfieber gepackt. Ohne feste Regeln ließ ich mich von der Musik tragen. Die Bewegungen kamen ganz natürlich; hier ein rhythmisches Nicken, dort ein Schwung mit der Hüfte, eine lässige Armbewegung links, ein Ausfallschritt rechts – es war ganz einfach!

ELÄKELÄISET spielten eine bunte Mischung aus altem und neuem Material, darunter solche Perlen wie Humppakonehumppa, Humppaa Suomesta, Pöpi und Nautiskelen humpasta. Jeder Song wurde kräftig beklatscht und nach Möglichkeit mitgesungen. Einer der vielen Höhepunkte war die Hochgeschwindigkeitsnummer Vihaan humppaa. So mitreißend kann Live-Musik sein! Bei so viel musikalischer Energie gab sich mein Verstand endgültig geschlagen und überließ dem Rhythmus die Steuerung meines Körpers.

Das atemberaubend effektive Schlagzeugspiel von Kristian Voutilainen und die nach vorne peitschenden Bassläufe von Martti Varis bildeten das felsenfeste Fundament der Musik. Darüber sponnen Lassi Kinnunen (Akkordeon) und Petteri Halonen (Heimorgel) Harmonien und Melodien, die nicht zuletzt durch ihre Schlichtheit für Begeisterung sorgten (z.B. bei Humppa tai kuole). Das Gesicht der Stücke bestimmte natürlich der Gesang, den sich alle vier Bandmitglieder teilten. Man hörte den Stimmen deutlich an, dass die Musik von Herzen kommt. Hier ging es nicht darum, die Stimmbänder für die nächsten Auftritte zu schonen oder mit gekünstelter Virtuosität anzugeben. Es ging darum, dem Publikum eine Botschaft zu übermitteln. Diese Botschaft hieß Humppa!

Nach wenigen Songs musste die Band ein Stagediving-Verbot aussprechen, da Petteri Halonen bei jedem Sprung sein Mikro ins Gesicht geschlagen bekam. Leider ignorierten einige uneinsichtige Menschen diese Bitte immer wieder, weshalb die Musiker irgendwann sofort den laufenden Song abbrachen, sobald jemand die Bühne erklomm. Abgesehen von diesen Unterbrechungen war es jedoch ein ausgesprochen friedliches und fröhliches Konzert. Und ein feuchtes Konzert. Denn während draußen eisige Temperaturen herrschten, vermischte sich in der Halle frischer Schweiß mit dem überschwappenden Bier des Hintermanns.

Nein, das ist nicht unhygienisch. Das ist Humppa! Das ist Liebe! Das ist episches Liedgut der Marke Jukolan humppa!

Vorgestern wurde ich gefragt, ob ich Lust hätte zum BON JOVI-Open Air auf dem Cannstatter Wasen mitzukommen. Ich lehnte mit dem Hinweis auf etwa 60 Euro Eintrittsgeld und viele langweilige Vorgruppen ab. Vielleicht war der wahre Grund aber noch ein anderer: Ich bezweifle, dass dieses Massenspektakel auch nur ansatzweise mit jenem intensiven Erlebnis konkurrieren kann, das man hat, wenn man gemeinsam mit anderen Humppa-Jüngern aus voller Kelle Elän humppala mitsingt. Man wird dort auch selten erleben, dass einen Leute, deren Gesicht deutlich von seelischen Qualen gezeichnet ist, nach dem Liedtitel fragen und nach Erhalt der Antwort anfangen, mit einer erleuchteten Aura Pirouetten zu drehen.

Mir kam es sehr entgegen, dass ELÄKELÄISET in München relativ wenig tranken und sich mehr auf die Musik konzentrierten. Zwischendurch streuten sie auch die Eigenkomposition Katkolla humppa ein, die problemlos mit dem restlichen Songmaterial mithalten konnte. Ich habe kein Ahnung, wie viele Asse die Band an diesem Abend im Ärmel hatte. Es reichte jedenfalls für mehr als zwei Stunden Programm, bei dem nahtlos ein Hit auf den anderen folgte: Humppapommi, Heil Humppa, Ryhtivaliohumppa, Päivätanssit – tanzen, mitsingen, glücklich sein! Bei Pottajenkka brachten die Finnen das Publikum schließlich sogar dazu, sich kollektiv hinzusetzen und dem ausgesprochen ruhigen Stück in bedächtiger Stille zu lauschen. Am Ende des regulären Sets gab es schließlich noch eine großartige Version von Hump, nach der natürlich alle Anwesenden noch mehr Humppa wollten.

Die Band erhörte den Ruf der Fans und kehrte auf die Bühne zurück. Nun floss auch dort vor, während und nach den Liedern reichlich Alkohol bis zuletzt Humppalaki, ein Nackenbrecher erster Kajüte, als Abschiedslied fungierte. Obwohl die Hallenluft mittlerweile nahezu sauerstofffrei war, riefen wir nach einer weiteren Zugabe und bekamen sie dann auch! Erst ermunterten ELÄKELÄISET das Münchener Publikum zum Mitpfeifen, nicht-Grübeln und Glücklichsein. Dann setzten sie mit Humpataan, jumalauta einen endgültigen Schlusspunkt unter diesen grandiosen Konzertabend.

Seither bereitet mir der Umgang mit anderen Menschen Probleme. Niemand lässt mehr Musik laufen, wenn ich im Raum bin, aus Angst ich könnte anfangen auf Finnisch mitzusingen. Gut gemeinte Ratschlage wie Ein bisschen Humppa hat noch niemandem geschadet. rufen fast schon feindselige Reaktionen hervor. Doch ich kann nichts dagegen machen. Ein Teil meines Verstands ist wohl an jenem Abend verdunstet. Ach, hätte ich die Warnung im Inlay (Humppa führt zu Abhängigkeit. Fangen Sie gar nicht erst an.) doch ernst genommen!

Jutze
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