ALESTORM, GLORYHAMMER, WIND ROSE, RUMAHOY: Konzertbericht – Backstage Werk, München – 06.01.2023

Die Europatour startet mit einem Paukenschlag: Die Co-Headliner ALESTORM und GLORYHAMMER kommen zusammen mit WIND ROSE sowie RUMAHOY ins Münchner Backstage, das schon früh am Abend völlig kopfsteht.

Man kennt es ja zum Jahresende: Auf die weihnachtliche Völlerei folgt in der Silvesternacht direkt die nächste Gelegenheit in allen Belangen ein wenig über die Stränge zu schlagen. Dass wir also nach dem selbst herbeigeführten Fresskoma zum Jahreswechsel erst langsam wieder in die Gänge kommen, sollte verständlich sein. Glücklicherweise haben wir uns für den Dreikönigstag auch schon das optimale Reha-Programm im Kalender markiert: ALESTORM und GLORYHAMMER starten mit Unterstützung von WIND ROSE sowie RUMAHOY im Münchner Backstage Werk ihre Europatour.

Die beste Gelegenheit also, dem Winterspeck schon frühzeitig entgegenzuwirken – so der Plan, den wir uns offensichtlich mit einer ganzen Horde Metalheads teilen: Denn schon bei unserer Ankunft vor der offiziellen Einlasszeit erstreckt sich eine hunderte Meter lange Menschenschlange um den Eventkomplex. Das ist im Backstage selbst für ausverkaufte Shows wie heute unüblich, doch scheinbar wollen die teils von weither angereisten Fans – von Schweizer Dialekt bis Französisch schnappen wir vor der Halle diverse Sprachen bzw. Mundarten auf – tatsächlich keine Sekunde des Tourauftakts verpassen. Daher ist es letztlich umso ärgerlicher, dass der Veranstalter offenbar schon zehn Minuten vor dem offiziellen Konzertbeginn die Starterlaubnis erteilt, während vor der Halle immer noch hunderte Fans auf den Einlass warten.


RUMAHOY

Die vierköpfige Freibeuter-Crew von RUMAHOY steht also bereits seit ein paar Minuten auf der Bühne, als wir endlich Fuß ins Werk setzen können und auf eine immerhin rund zur Hälfte gefüllte Arena treffen. Dort sammeln sich bereits die ersten Piratenhüte und Totenkopf-Flaggen, um der „weltbesten schottischen Pirate Metal Band“ angemessen Tribut zu zollen. Der Grund, weshalb die Stimmung schon beim eröffnenden Duo „Cowboys Of The Sea“ sowie „Harambe, The Pirate Gorilla“ ausgelassen ist, liegt derweil auf der Hand: Mit dem eingängigen, tanzbaren Folk Metal agiert das maskierte Quartett ganz ungeniert im Fahrwasser des Headliners.

Damit rennen RUMAHOY in München natürlich offene Türen ein, weshalb vor der Bühne schon früh geklatscht und getanzt wird. Einen Preis für Innovation oder besondere Spielleistung verdient das Quartett zwar nicht – Rhythmen und Riffs bleiben bewusst catchy, während die fröhlich und oftmals ähnlich gelagerten Folk-Melodien allesamt vom Band kommen -, dafür bringt die Gruppe die Halle auf Anhieb in Feierlaune.

Bei RUMAHOY muss sich niemand genieren, lauthals mitzusingen

Folglich passt auch der raue Gröhlgesang von Frontmann Captain Yarrface wie die Faust aufs Auge, da sich bei so viel Seeräuber-Charme niemand genieren muss, Tracks à la „Treasure Gun“ oder die neue Single „Not Looking For Love“ selbst lauthals mitzusingen. Davon überzeugt sich übrigens auch ALESTORM-Sänger Christopher Bowes, der sich für den Auftritt seiner Kollegen höchstpersönlich unter die Leute mischt, die zum abschließenden „Pirateship“ nochmal ausgelassen das Tanzbein schwingen und die Fäuste recken.

RUMAHOY Setlist – ca. 30 Minuten

1. Cowboys Of The Sea
2. Harambe, The Pirate Gorilla
3. Treasure Gun
4. Not Looking For Love
5. Time To Party
6. Forest Party
7. Pirateship

Fotogalerie: RUMAHOY


WIND ROSE

Eine gute Viertelstunde später ist es bereits proppenvoll im ausverkauften Werk, als die Italiener WIND ROSE mit großen Gesten die Bühne entern und uns kurzzeitig die Sprache verschlagen. Zuletzt war man Anfang 2020 in München zu Gast – seinerzeit als Opener für die nachfolgenden GLORYHAMMER. Doch was nun seinen Lauf nimmt, hat mit dem damaligen Gastspiel nicht mehr viel zu tun. Die grün-weiß-rote Landesflagge im Publikum zeigt es schon: WIND ROSE werden mit offenen Armen empfangen und gefeiert, als wären sie heute Abend der dritte Hauptact.

Wo uns der epische Folk-/Power-Metal-Mix auf Platte meist zu gefällig vor sich hin trottet, sorgt die motivierte Live-Performance des Quintetts für genau das richtige Maß an Theatralik. Nach dem dezent melancholischen Einstieg „Army Of Stone“ recken die Musiker im folkig-flotten „Drunken Dwarves“ kurz darauf die Krüge, woraufhin sich gerade im Innenbereich der gestuften Arena die ersten Stiefel vom Boden lösen.

WIND ROSE-Frontmann Francesco Cavalieris Auftreten ist eines Zwergen-Hauptmanns würdig

Obwohl seine Kollegen durch fliegendes Haupthaar und mehrstimmigen Klargesang in Songs wie „Mine Mine Mine!“ durchaus Präsenz zeigen, ist es letzten Endes aber doch Zwergen-Hauptmann Francesco Cavalieri, der die Blicke auf sich zieht. Die imposante Erscheinung unterstreicht der Sänger nicht nur durch seine silbernen Schulterplatten im Warhammer-Look, sondern gleichermaßen mittels einer souveränen Gesangsleistung und einem bestimmten Auftreten. Kurzum, Cavalieris Erscheinung ist eines Zwergen-Anführers würdig, zumal der Fronter hin und wieder doch kurzzeitig die stimmlichen Muskeln spielen lässt.

Zumeist aber regiert bei WIND ROSE der von hymnischen Chorgesängen unterlegte Bariton-Gesang, der sich natürlich bestens eignet, um die gut gelaunte Zuschauerschaft vor sich herzutreiben. Warum schließlich selbst im Jahr 2023 der größte Bandhit immer noch das Cover eines YouTube-Songs darstellt, erklärt ein kurzer Blick durch das Werk, als die ersten Töne des obligatorischen Schlusspunkts erklingen. „Diggy Diggy Hole“ macht aus der Lokalität eine einzige große Party, während hunderte Kehlen den launigen Song begeistert mitsingen – die folgende Disco-Version des Stücks ist somit zugleich der ideale Abschluss dieses schweißtreibenden und überraschend starken Auftritts.

WIND ROSE Setlist – ca. 40 Minuten

1. Of War And Sorrow (Intro)
2. Army Of Stone
3. Drunken Dwarves
4. Fellows Of The Hammer
5. Mine Mine Mine!
6. Together We Rise
7. Diggy Diggy Hole (inkl. Dance-Remix)

Fotogalerie: WIND ROSE


GLORYHAMMER

War die Stimmung gerade eben schon gut, scheint es nun in München regelrecht zu brodeln. Die Halle ist mittlerweile zum Bersten voll, sowohl im inneren Arenabereich als auch auf den umliegenden Stufen ist kaum noch ein Zentimeter Luft zwischen den Schultern der Besucher:innen zu sehen, während man gemeinsam den Tom-Jones-Klassiker „Delilah“ intoniert. Der zugehörige Pappaufsteller des Sängers ist eines der vielen Markenzeichen einer GLORYHAMMER-Show, von denen es auch heute wieder eine ganze Menge geben soll.

Aus dem Publikum ragen Schwerter und Hämmer in allen Farben und Formen – von Marvels Thor, über Minecraft bis hin zu aufblasbaren Attrappen; dazwischen natürlich auch die obligatorischen Einhörner, welche der Power-Metal-Band einen Empfang nach Maß garantieren. GLORYHAMMER können also auf ihre enthusiastische Fanbasis zählen: Nicht umsonst hatte man das Backstage Werk kurz vor der Pandemie noch eigenständig ausverkauft. Und nicht umsonst darf man während dieser Europatour in Deutschland als vollwertiger Co-Headliner die Bretter unsicher machen.

Mit einem hitgespickten Set heizen GLORYHAMMER dem Backstage ein

Dass mit dem treibenden Auftakt „The Siege Of Dunkeld (In Hoots We Trust)“ somit alle Dämme brechen, versteht sich von selbst: So schießen im selbstbetitelten „Gloryhammer“ umgehend die Fäuste nach oben, bevor sich in „The Land Of Unicorns“ die ersten Crowdsurfer nach vorne stürzen – sofern sie denn unbeschadet den kleinen Moshpit in der Mitte der Halle passieren können.

Während also die Temperatur mit jeder Sekunde anzusteigen scheint – zwischendurch kommt es uns fast so vor, als würde der kondensierte Schweiß in der stickigen Halle von der Decke tropfen -, versuchen GLORYHAMMER überhaupt nicht, das ausgelassene Treiben zu ihren Füßen einzudämmen. Zwar dürfen wir kurzzeitig Durchschnaufen, als Bassist James Cartwright zu „Also sprach Zarathustra“ sein Bier in einem Zug leert. Kurz darauf geht das Quintett mit „The Hollywood Hootsman“ aber schon wieder in die Vollen.

Sänger Sozos Michael entpuppt sich als Showmann erster Güte

In knapp 75 Minuten reiht sich Hit an Hit, bis nicht einmal der motivierte Mann am Mischpult noch still stehen bleiben kann. Selbst als die Energiereserven der Müncher:innen zwischenzeitlich erschöpft scheinen, reicht ein Hit wie „Hootsforce“ oder „Universe On Fire“, um die Halle erneut in einen Hexenkessel zu verwandeln. Das textsichere Publikum singt dabei jede Zeile deutlich hörbar mit – aufgrund des etwas leise abgemischten Hauptmikros teilweise sogar lauter als Frontmann Sozos Michael selbst.

Dass der Sänger dadurch beizeiten stimmlich etwas untergeht, ist schade, da der neue Mann in der grünen Rüstung im Grunde genommen keinen schlechten Job macht. Zwar erreicht er heute nicht die ganz hohen Regionen seines Vorgängers und lässt auch das raue Element Thomas Winklers vermissen, fügt sich allerdings ansonsten gut ins Bandgefüge ein, was vor allem in den klasse vorgetragenen „Legends Of The Astral Hammer“ sowie „The Unicorn Invasion Of Dundee“ deutlich zum Tragen kommt. Nicht nur in Ersterem erweist sich Michael zudem als Showmann erster Güte, als er mit dem namengebenden Streithammer einen Goblin von der Bühne jagt. Auch sonst ist der neue Chef am Mikro stets an vorderster Front, um die feierwillige Meute anzustacheln.

GLORYHAMMER meiden heute das Risiko, haben aber zum Ausgleich einen brandneuen Song im Gepäck

Deren ausdauernde „Gloryhammer“-Rufe – stilecht angeleitet durch eine Art Capo, wie man sie aus der Fankurve beim Fußball kennt -, belohnt die Band schließlich mit einem brandneuen Stück: „Keeper Of The Celestial Flame Of Abernathy“ feiert heute seine erfolgreiche Live-Premiere, obwohl oder gerade weil der Track zwischendurch mit Chören und Synth-Bombast ziemlich dick aufträgt.

Es ist bei so viel Power also nur die logische Konsequenz, dass mit dem ebenfalls obligatorischen Outro-Ritual „The National Anthem Of Unst“ große Teile des Innenbereichs spontan auf die Knie fallen, um den fünf gut aufgelegten, aber doch etwas risikoscheuen Musiker:innen zum Abschluss den ihnen gebührenden Respekt zu zollen.

GLORYHAMMER Setlist – ca. 75 Minuten

1. Into The Terrortvortex of Kor-Virliath (Intro)
2. The Siege Of Dunkeld (In Hoots We Trust)
3. Gloryhammer
4. The Land Of Unicorns
5. Fly Away
6. The Hollywood Hootsman
7. Goblin King of The Darkstorm Galaxy
8. Legend Of The Astral Hammer
9. Keeper Of The Celestial Flame of Abernethy
10. Masters Of The Galacy
11. Hootsforce
12. Angus McFife
13. Universe On Fire
14. The Unicorn Invasion Of Dundee
15. The National Anthem Of Unst (Outro)

Fotogalerie: GLORYHAMMER


ALESTORM

Wir sind ehrlich: Wäre der Abend jetzt zu Ende, würden wir dennoch zufrieden nach Hause gehen. Tatsächlich ist es im Backstage mittlerweile so heiß und stickig, dass uns der Changeover ganz gelegen kommt. Feierabend will man ansonsten vor Ort aber noch lange nicht, im Gegenteil: Als die altbekannte Quietsche-Ente im Zentrum der Bühne aufgeblasen wird, hallen zeitgleich freudige Jubelschreie durch die Lokalität. Auch wir wollen keine halbe Stunde später doch nochmal unsere letzten Kraftreserven zusammenkratzen, denn mit dem Evergreen „Keelhauled“ holen uns ALESTORM quasi aus dem Stand ab.

Dass der altbekannte Hit schon früh kommt, verwundert uns nicht, schließlich erklärte Frontmann Christopher Bowes unlängst auf der Messaging-Plattform Reddit, man würde sich bei der Songauswahl vorwiegend auf die meistgespielten Songs bei Spotify verlassen. Dementsprechend fehlen heute weder „The Sunk’n Norwegian“, wo zahlreiche Crowdsurfer das Menschenmeer unsicher machen, noch das ausgelassene „Mexico“, das die Party an den Rand der Eskalation bringt.

Es ist deutlich zu spüren, dass ALESTORM richtig Lust auf diese Tour haben

Dass ALESTORM sich für das neue Jahr ein kleines visuelles Update verpasst haben und nun geschlossen im schwarz-grünen Look auf der Bühne stehen, gerät da schnell zur Nebensache. Vor allem, weil ja sonst fast alles beim Alten bleibt: Gitarrist Máté Bodor wirbelt weiterhin in ultrakurzen Trainingsshorts über die Bretter, Bassist Gareth Murdock schwört nach wie vor auf Spandex und Frontmann Christopher Bowes will sich seinen Kilt nicht nehmen lassen.

So unterschiedlich das Erscheinungsbild, so geschlossen jedenfalls die Spielfreude an diesem Auftaktabend. Dass ALESTORM richtig Lust auf diese Tour haben, ist deutlich zu spüren: Selbst wenn die Gitarre anfangs etwas leise aus den Boxen schallt, stecken die munteren Rhythmen und eingängigen Melodien schnell an. Zu „Alestorm“ formiert sich etwa ein kleiner Pit, bevor sich die Masse direkt im Anschluss aus unerfindlichen Gründen zum Rudern auf dem Hallenboden versammelt. Selbiges Spiel wiederholt sich – dann aber auf Ansage von Kapitän Bowes – beim Schunkler „Nancy, The Tavern Wench“, wo gefühlt die komplette Zuschauerschaft ihre Textsicherheit unter Beweis stellt.

ALESTORM beweisen ein Händchen für kurzweiliges Entertainment

So weit, so schweißtreibend, so altbekannt. Ein paar Schauwerte und unerwartete Momente haben ALESTORM dennoch in petto: Neben dem erstmals live gespielten „Under Blackened Banner“ samt coolem Keytar-Solo findet mit dem epischen „Death Throes Of The Terror Squid“ sogar eine echte Rarität den Weg ins Set. Dass die Band dabei im Mittelteil von einem riesigen Tintenfisch über die Bühne gescheucht wird, ist für uns dann nur die Kirsche auf der Sahnetorte.

Sei es nun der Gastauftritt Phill “definitiv nicht Captain Yarrface” Philps in „Hangover“, dessen zur Schau gestellten Trinkkünste während des Instrumental-Einschubs „Drunken Sailor“ oder einfach nur ein nettes Gitarrensolo in „Magellan’s Expedition“: ALESTORM beweisen ein Händchen für kurzweiliges Entertainment. Unverschämt eingängige Nummern wie der verflixte Ohrwurm „P.A.R.T.Y.“ werden dann schnell zum Funken, der das Pulverfass zum Bersten bringt.

Zum Ende hin wird selbst in den hinteren Winkeln der Halle völlig losgelöst getanzt

Allein zum Ende hin wirkt Christopher Bowes ein wenig gehetzt, als er nach dem eigentlich überspielten, aber live doch unverwüstlichen „Drink“ fast ohne Pause nachlegt, um den Zeitplan nicht komplett zu sprengen. Wir ziehen natürlich gerne ein letztes Mal mit, als zum beschwingten „Fucked With An Anchor“ nicht nur die Mittelfinger nach oben gehen, sondern selbst in den hinteren Winkeln des Werks noch einmal völlig losgelöst getanzt wird.

Nicht nur der Tourauftakt scheint in der Folge geglückt: Dank eines absolut schweißtreibenden Programms und vier hochgradig motivierten Akteuren durfte das feierwütige Backstage schon zum Jahresanfang geradezu ekstatisch über die Stränge schlagen und damit vielleicht sogar ALESTORM-Mastermind Christopher Bowes eines Besseren belehren. Selbiger empfahl nämlich – ebenfalls in einem Reddit-Beitrag – einem europäischen Fan, lieber eine polnische Show zu besuchen, da das deutsche Publikum in puncto Energie oftmals ein wenig zu wünschen übriglasse. Sicherlich nicht jedoch in der bayerischen Landeshaupt am Dreikönigstag, wo wir gerade aus der alljährlichen Neujahrs-Trägheit mit einem Paukenschlag erwacht sind.

ALESTORM Setlist – ca. 80 Minuten

1. Keelhauled
2. Pirate Metal Drinking Crew
3. Under Blackened Banners
4. The Sunk’n Norwegian
5. Alestorm
6. Treasure Chest Party Quest
7. Hangover
8. Magellan’s Expedition
9. Mexico
10. Nancy The Tavern Wench
11. Rumpelkombo
12. P.A.R.T.Y.
13. Death Throes of the Terror Squid
14. Shit Boat (No Fans)
15. Drink
16. Zombies Ate My Pirate Ship
17. Fucked With An Anchor

Fotogalerie: ALESTORM

Fotos: Tatjana Braun (https://www.instagram.com/tbraun_photography/)