ULRIKE SEROWY: Leipzig lässt mich zum Glück nicht los

Ulrike Serowy wagt sich nach der Erzählung “Skogtatt” an ihren ersten Roman, “Wölfe vor der Stadt”. Dieser überrascht mit seinem eleganten Verwischen der Grenzen zwischen Märchen, Realität und Magie. Zeit also, bei der deutschen Autorin mehr über die Geschichte hinter Johannes und Helena herauszufinden. 

“Wölfe vor der Stadt” ist dein Debütroman nach der Erzählung “Skogtatt”. Hattest du ein bestimmtes Publikum im Sinn als du daran schriebst? Wenn ja, was für eines?

Im Grunde ja – zumindest habe ich gehofft, dass bestimmte Menschen das Buch finden werden. Solche, die gerne Bands wie die SISTERS OF MERCY, ältere (DOLCH) und RUINS OF BEVERAST hören, die Melancholie und nächtliche Städte lieben und sich fragen, was das alles soll, ob Normalitäten überhaupt sein müssen. Menschen, denen Musik und Kunst wichtig ist und die darin den Schauder suchen, den man fühlt, wenn man auf etwas trifft, das größer ist als wir.
Ich wollte mit dieser Geschichte überdies einen Ort schaffen, an den ich auch selbst zurückkehren kann, wenn ich dieses Gefühl suche. Dass es andere gibt, die mit dorthin kommen wollen, ist ein großes Glück.

Das Märchen vom “Bösen Wolf”

Es wird schon in den ersten Sätzen von “Wölfe vor der Stadt” klar, dass dieses Buch kein “Skogtatt 2” ist. Allerdings sind Wölfe ja im Black Metal schon populär – man denke etwa an ULVER. Was verbindest du mit “Wölfen”?

Was mich an ihnen interessiert, ist, dass sie immer an der Schwelle zum Mythos existieren. Das wird besonders im Augenblick deutlich, jetzt, wo sie tatsächlich zurückkehren und die Nachrichten voll sind mit Meldungen über Wolfsrisse – unterschwellig ist da immer eine Angst zu spüren, die, so glaube ich, nicht nur mit dem Tier, sondern auch mit den Geschichten zu tun hat, mit denen es unlöslich verwoben ist. Wer von uns ist schließlich nicht mit den Märchen vom „Bösen Wolf“ aufgewachsen?

Er wirft auch die Frage auf, wie man mit dem Fremden umgehen soll, das zu einem kommt und potentiell bedrohlich ist. 

Die Gestalt des Johannes und der geheimnisvolle Gürtel haben für mich schon etwas “Märchenhaftes”. Dein Roman lässt indes viel Interpretationsspielraum offen und ich fragte mich bisweilen, ob es zu Johannes noch eine ausführlichere Hintergrundgeschichte gibt. Schwirrt dir da textmässig etwas im Kopf herum?

Johannes ist, soweit ich das sagen kann, tatsächlich ein ganz normaler, netter Kerl von nebenan, der nur einfach großes Pech hatte; man könnte erzählen, wie es ihm ergangen ist, bis er Helena getroffen hat (nicht so gut) und wie es mit ihm nach dem Buch weitergehen könnte – aber tatsächlich „weiß“ ich darüber nichts. Er ist auch für mich wieder im Nebel verschwunden. Vielleicht könnte ich ihn aufstöbern, aber er wird immer noch das Gleiche wollen wie im Buch. Nur, ob er es gefunden hat, oder finden wird? Ich fürchte nicht…

Stark von Leipzig inspiriert

Bei deinen beinahe schon unheimlichen Beschreibungen der Stadt ertappte ich mich manchmal dabei, dass ich mir vorstellte, das Buch spiele in Leipzig. Hattest du eine bestimmte Stadt im Sinn für “Wölfe vor der Stadt”? Oder sind es eher Eindrücke mehrerer Städte, die hier zusammenspielen?

Du hast Recht, tatsächlich ist die Beschreibung der Stadt stark von Leipzig inspiriert. Die Stadt ist mir sehr wichtig, besonders auch was mein Schreiben angeht. Ich war in den letzten Jahren immer mal wieder da, meine allererste Lesung, damals aus „Skogtatt“, hatte ich in einem „Wächterhaus“, einem leerstehenden Haus, das Menschen mietfrei bewohnen durften, um es wieder nutzbar zu machen. Dieses Gefühl, dass man dort einer Leere etwas entgegensetzt, einer Leere, die, wenn man nichts tut, Überhand nimmt, und diese langen Ausfallstraßen mit ihren eigentlich sehr schönen, aber doch dunkel und verlassen wirkenden Häusern, ja, davon ist viel im Buch.

Ein wenig Köln und Berlin habe ich aber auch verarbeitet. Der große, schwarzglitzernde Fluss ist zum Beispiel vom nächtlichen Rhein inspiriert.

Ja, der Fluss wollte nicht so in mein Leipzig-Gefühl passen… Welche Musik eignet sich deiner Meinung nach zum Lesen von “Wölfe vor der Stadt”?

Dunkle, melancholische, harsche, kitschfreie Musik. Oben habe ich ein paar genannt, dazu wären noch ASH BORER, FELL VOICES und TUSEN ÅR UNDER JORD wichtig, weil ich die beim Schreiben und Redigieren viel gehört habe. Wenn ich mich auf eine einzige Band beschränken müsste, um dem Buch eine klangliche Entsprechung zu geben, dann wären das MENACE RUINE. Sie haben etwas an sich, dass vergangene Größe beschwört, eine prachtvolle Melancholie, die fast schon byzantinisch ist, wie abgeblättertes Gold.

Haushofer und Schmidt als literarische Entdeckungen

Bei Bands frage ich meistens nach Musikalbumsfavoriten – wie sieht es bei dir mit “Buchentdeckungen” aus in den letzten Jahren? Welcher Roman hat dich da so richtig mitgerissen?

Da muss ich zunächst „Die Wand“ von Marlen Haushofer nennen. Das habe ich schon vor einigen Jahren entdeckt, aber seitdem ist wenig an dieses Buch herangekommen. Haushofer hat eine wahnsinnig klare Sprache, es gibt keine unnötigen Schnörkel, keine Überflüssigkeiten, und doch gelingt ihr es, eine üppige, fast schon greifbare Welt zu zeichnen. Gleichzeitig ist das Buch der reinste Black Metal, in seiner Menschen- und Weltverachtung, in seiner totalen Kompromisslosigkeit. 

Zuletzt hat mich ein Antiquariatsfund sehr in seinen Bann geschlagen: „Rauhnächte“ von Christa Schmidt, meine Ausgabe ist von 1996. Ich habe es erst letztes Jahr entdeckt, aber ich war wie geplättet, als ich es gelesen habe, denn es erschien mir fast wie die „große Schwester“ meiner „Wölfe vor der Stadt“ – von vielen Geheimnissen durchwoben, mit Figuren, die sich begegnen, aber nicht finden, die sich zwischen den Zeiten zu bewegen scheinen, insgesamt aber viel komplexer, politischer, ernsthafter, größer. Eine erwachsenere Version von dem, was ich mit den Wölfen erreichen wollte. Es war ein bisschen so, als läge darin eine gewisse Seelenverwandtschaft. Und es kommen sogar die SISTERS OF MERCY drin vor! 

Kein Wort zu viel brauchen

Spannend! Gibt es eine Autorin bzw. einen Autor, die/den du als Vorbild für dein eigenes Schreiben bezeichnen würdest? Wenn ja, wen? 

Keinen, dem ich bewusst nacheifere; ich bewundere Autoren, die kein Wort zu viel brauchen, aber große, lebendige Bilder erschaffen. Von all denen fließt dann garantiert auch etwas in mein Schreiben ein.

Welche Autorinnen-Pläne hast du für 2022? Sind Lesungen für “Wölfe vor der Stadt” geplant?

Ja, zum Glück gibt es einige Pläne, zum Beispiel diese: Am 20. April lese ich in Gotha, zusammen mit Martin Valkenstijn, dem Kopf hinter MOSAIC, und Fuchstraum, einem lieben Autoren-Kollegen aus Erfurt. Am 21.04. bin ich solo in Gera, in der Stadtbibliothek. Im Mai steht dann z.B. ein Termin in Leipzig auf dem Programm (Leipzig lässt mich zum Glück nicht los…): Dort wird am 21. Mai der Literarische Salon nachgeholt, der eigentlich zur Buchmesse stattfinden sollte. Außer mir werden spannende Autoren aus der Edition Outbird vor Ort sein und es gibt neben dem Bücher- auch einen Whisky-Tisch. Also, viele gute Gründe, um vorbeizukommen!