NECROPHOBIC, ORDOGS: Stockholm, Mosebacke, 26.12.2008

Die fantastische Feuertaufe von NECROPHOBIC als Quintett…
 

Weihnachten ist traditionellerweise ein hartes Pflaster für den gemeinen Teufelsanbeter. Der Tannenbaum geht als Heidenbesen noch knapp in Ordnung, Krippenspiel und Jesusliedersingen hingegen nicht. Hier und da erbarmt sich jedoch der eine oder andere Metallclub den verstossenen Schwarzkuttenträgern und öffnet seine Tore auch über die Feiertage für ein gemütliches Undergroundkonzert.

2008 hingegen bietet mehr. Denn wer sich die klamme Kälte Stockholms antut, wird am 26.12. hierfür endlich wieder mal mit einem Live-Gig von NECROPHOBIC entschädigt. Satanssound statt Stephanstag und dank der Finanzkrise ein Kronenkurs, der die für lediglich 80 SEK angebotenen Rest-T-Shirts noch billiger werden lässt – Winterschlussverkauf im Hause NECROPHOBIC. Auch die Getränke im gediegenen Mosebacke Club werden hierdurch billiger, wenngleich Alkoholisches in Schweden noch immer eine arge Diät für den Geldbeutel darstellt. Aber dafür bietet der Club leicht elegantes Ambiente, genügend Tische, rauchfreie Räumlichkeiten und einen dunklen, edlen Parkettboden. Dass die Monitorboxen auf Stühlen um die kleine Bühne platziert werden, stört wenig und erhöht nur das gemütliche Ambiente, welches im Vorfeld des Konzertes herrscht.

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Multiinstrumentelle Metamorphose: Jens

Gegen halb zehn betreten dann die Opener ORDOGS die Bühne. Inzwischen sind die Stockholmer zum Trio geschrumpft. Johanna und Jens teilen sich den Gesang fast zu gleichen Teilen, was dem angepunkten Rock gut zu Gesicht steht. Allerdings merkt man vor allem in den ersten Songs, dass die zweite Gitarre im Line Up fehlt und die Band noch etwas statisch wirkt. Immerhin, es rockt und es ist immer wieder erfrischend, eine Frau zu sehen, die mit Klampfe und starker Stimme ihre Frau steht statt als samtverhülltes Beauty-Huscheli herumzucircen. Mit Songs wie I Dare You, Mr. Lick, Fireshadows und I Don`t care rocken die Stockholmer los und ernten hierfür wohlwollenden Applaus vom Publikum. Dieses ist allerdings noch nicht bereit zum Ausflippen – sei es, weil der Verdauungsprozess des Festtagsmenüs noch nicht abgeschlossen ist oder man auf sicher genügend Energiereserven für NECROPHOBIC übrig haben will.

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 Starke Stimme: Johanna

ORDOGS lassen sich hierdurch nicht beirren und holen für den zweiten Teil ihres Sets lieber noch Verstärkung auf die Bühne. Mit zwei Gitarren kommt ihr Sound dann auch schon wesentlich voller daher. Jens wechselt von der Gitarre zum Bass und zu viert liefert man trinkfesten Rock in Form von Songs wie Wasted again, Left behind und Empty Town. Das Publikum flippt ob dem Dargebotenen zwar nicht aus, doch es kommt langsam Bewegung in die Meute und die Truppe heimst ordentlichen Applaus ein. Der Auftakt des Abends ist somit solide und gelungen, die Aufwärmphase abgeschlossen und der Magen bereit für den Hauptgang.

 

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 Häretischer Herzschlag: Joakim

Und dieser kündigt sich mit einer relativ langen Wartepause an. Kerzenständer werden auf die Bühne gestellt, der DJ legt neben alten Elchtodklassikern auch VENOMs Witching Hour und DISSECTION auf. Kurz nach elf ertönt nicht das übliche Hrimthursum-Intro, sondern sakral-apokalyptisch wirkende Klänge, zu welchen NECROPHOBIC die Bühne betreten. Das andere Intro, das neue Bandmitglied Alex Friberg – die Hrimthursum-Tour ist definitiv Geschichte und die Zeit ist reif für Veränderung.

Bei NECROPHOBIC bedeutet dies allerdings nicht, dass alte Zeiten vergessen wären. Vielmehr gibt man sich an diesem Heimatspiel eigenwillig und lässt mit dem eröffnenden Spawned by Evil gleich mal die alten Zeiten aufleben. Die kleine Bühne schränkt die Bewegungsfreiheit des neugeborenen Quintetts zwar ein, doch gleichzeitig kommt ein ansteckendes Gig-im-kleinen-Club Feeling auf, welches mit einer bierseligen Atmosphäre und tüchtig Rock`n Roll-Gefühlen angereichert wird.

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 Brennender Bassist: Alex

Sture Technikversessenheit steht hierbei nicht auf der Habenliste, sofortiger Publikumskontakt hingegen schon. Spätestens beim zweiten Song Into Armageddon ist die Hölle los, herzhaft brüllt man You christian cunts, you miserable whores und Earth, Air, Water, Fire wird zum Kampfesschrei. Das Feuer greift jedoch nicht nur metaphorisch um sich, sondern auch im wörtlichen Sinne. Opfer ist Neumitglied Alex, dessen Matte just während Into Armageddon Feuer fängt und lichterloh brennt. Das Problem wird bandintern mittels Abklopfen rasch gelöst und der Song professionell zu Ende gespielt – fast 20 Jahre im Dienst des Höllenfürsten zahlen sich gerade beim flammenden Element wohl aus.

Die Feuertaufe – im wahrsten Sinne des Wortes – wird von Fronter Tobias mit einem Welcome to the band, Alex kommentiert, danach erklingen mit I Strike With Wrath wohlbekannte Hrimthursum-Klänge, die sogleich mit weit verbreiteteter Bangfreudigkeit goutiert werden. Soundtechnisch sind die Schweden gewohnt roh unterwegs und verzichten – ganz Metal – noch immer auf Trigger. Statt Plastikdrums gibts von Joakim einen häretischen Herzschlag, während Neubassist Alex das nötige Bassfundament legt. Im vierten Song Taste of Black hat Gitarrist Johan dann genug von seinem eingeschränkten Bewegungsradius und versetzt dem einen Kerzenständer einen Tritt, so dass dieser praktisch von der Bühne fliegt und Positionswechsel leichter möglich werden.

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 Manischer Magier: Tobias

Bei Awakening wird dann einerseits klar, wieviele alteingesessene Fans anwesend sind, aber auch, wie sich die neue Instrumentenverteilung auf die Performance der Band auswirkt. Fronter Tobias blüht sichtlich auf ohne Bass. Seine uneingeschränkte Konzentration gilt dem Publikum und seinen magischen Beschwörungen, dem Ausspucken, dem Leben der Texte, die durch diese ungeteilte Aufmerksamkeit an Intensität gewinnen. In der Tat hat man das Gefühl, einem Voodoo-Priester gegenüber zu stehen, wozu nicht nur das reichlich vorhandene Blut, sondern auch die Knochen-Talisman-Ketten, welche der Fronter trägt, beitragen. Aber auch die Gestik, die fast schon theatralisch-furchteinflößenden Handbewegungen – man merkt, dass Tobias mit Leib und Seele bei der Sache ist. Gleichzeitig wird klar, dass die neue Konstellation mit Alex am Bass funktioniert – und der Band neue Energie verleiht.

Und genau diese Energie ist es, welche an diesem Abend von der ersten bis zur letzten Sekunde massig vorhanden ist. Kleine Schludrigkeiten werden mit Rotz, Blut und Leidenschaft flott überspielt. Überhaupt zeigen sich NECROPHOBIC an diesem Abend von ihrer blutrünstigen Seite. Saitensünder Sebastian scheint gleich ein Bad im roten Lebenssaft genommen zu haben und Tobias lässt es sich nicht nehmen, mal kräftig damit zu gurgeln. Blut und Bierlachen pflastern die Bühne, Dreams Shall Flesh und The Crossing bringen die Stimmung weiter zum Kochen.

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 Satanischer Saitensünder: Sebastian

Dann ist es endlich soweit, etwas Neues steht ins Haus: For Those Who Stayed Satanic. Und ja, das ist er wohl, der Song für alle Weihnachtsvertriebenen, für alle, die das umgekehrte Kreuz im Herzen tragen und kaum mehr auf den Hrimthursum-Nachfolger warten können. Giftige Gitarrenlines, ein Mitsing-kompatibler Refrainruf, das richtige Maß an todesmetallischer Ruppigkeit – For Those Who Stayed Satanic glänzt nicht nur mit einem sensationellen Titel, sondern auch musikalisch. Gleichzeitig ist klar, dass NECROPHOBIC auch 2009 noch nach NECROPHOBIC klingen – und die Vorfreude auf das neue Album wächst bei den Anwesenden in höhere Gefilde…

Für verträumte Vorfreude bleibt allerdings keine Zeit, denn NECROPHOBIC ziehen unbarmherzig weiter in ihrem Set und sorgen mit The Third Of Arrivals für tüchtig Bewegung im Publikum. Dieses skandiert Chaos, Magick, Fire, Death während Sitra Ahra und fühlt es mit jeder Faser im Körper, nur um dann im mitreißenden Nailing The Holy One zu absoluter Mitschrei-Höchstform aufzulaufen. Das Fuck You Christ-Mitschreien verfehlt seine Wirkung nicht und die Meute lässt den Mosebacke-Club zum antichristlichen Tummelplatz werden.

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 Töne für den Teufel: Johan

Diesen verlassen NECROPHOBIC daraufhin kurz. Das Hrimthursum-Intro The Slaughter Of Baby Jesus erklingt, die Mannen kommen zurück und sorgen mit Blinded By Light Enlightened By Darkness für den Ausnahmezustand im schwedischen Publikum. Eine Tradition hingegen bleibt – nach The Nocturnal Silence ist Schluss, da nützen weder Zugaberufe noch die Forderung nach mehr NECROPHOBIC-Gigs in Schweden was. Ein verschwitzer, blutiger und bierbegossener Schlachtplatz bleibt zurück. Ein O(h)rgasmus von Chaos, Magick, Fire, Death.

Fotos und Layout: Arlette Huguenin Dumittan