Interview mit HORNDAL: “Wer will schon Metal-Songs über schöne Erinnerungen hören?”

HORNDAL verfolgen als Band ein interessantes Konzept, als dass sie wahre und fiktive Begebenheiten einer schwedischen Industriestadt vertonen. Mit “Lake Drinker” haben die Schweden nun ihr zweites Album veröffentlicht. Dies gab uns die Gelegenheit, uns mit Drummer Pontus Levahn über die Stadt Horndal, die Musik und die Band auszutauschen.

Vorab einmal Gratulation für euer neues Album “Lake Drinker” – und generell für euer Band Konzept. Wie kam es dazu, sich als Band einer kleinen Stadt bzw. deren Geschichte zu widmen?

Vielen Dank! Für uns war die Story bereits da, bevor es überhaupt eine Band gab. Mein Bruder (Sänger und Gitarrist Henrik Levahn) und ich haben unser ganzes Leben lang Musik gemacht, nur nie zusammen. Aber als wir feststellten, dass die Geschichte unseres Geburtsortes so perfekt für Metal-Musik wäre – etwas, das wir beide lieben, aber nie wirklich gemeinsam in Bands erlebt haben -, beschlossen wir, eine Band zu gründen. Wir sprachen über das alte Stahlwerk, dessen Schließung, die Verzweiflung, die Entvölkerung, das Theaterstück, das aus Protest aufgeführt wurde und bei dem unser Vater den Teufel spielte, der gekommen war, um die Fabrik zu zerstören und die Gemeinde zum Rosten und Sterben zu schicken. Aber es wurde bloß darüber geredet… bis wir die Studiozeit mit Steve Albini bei Electrical Audio in Chicago gebucht hatten. Dann hatten wir es wirklich eilig, um eine Band zusammen zu stellen, Songs zu schreiben und zu proben. Absoluter Wahnsinn. Aber das führte zu unserer Debüt-EP.

Ist HORNDAL dann eigentlich eine Band / ein Projekt auf Zeit? Oder welche passende Inhalte könnt ihr noch generieren?

Viele Leute fragen uns das. Und wir haben uns auch diese Frage gestellt. Aber unsere Heimatstadt ist wie unser eigener kleiner Mikrokosmos, unsere Linse, durch die wir die Welt betrachten. Und wir haben festgestellt, dass es so viel mehr zu erzählen gibt, als bloß die Geschichte von 1977, als die Fabrik geschlossen wurde. Es geht auch um das, was danach passiert ist, was eine derartige Aktion mit den Menschen, dem Zeitgeist in Schweden und der Welt macht, selbst wenn es 40 Jahre zuvor passiert ist – wer ist dann noch schuld? Wer sind wir? Was ist unsere Zukunft? Und all das und viele weitere Dinge sind an ähnlichen Orten auf der ganzen Welt passiert und demnach relevant. Ich denke daher, dass wir in dieser Hinsicht ewig weitermachen könnten. Und wenn nicht, können wir einfach eine Band sein, die nach einem geografischen Ort benannt ist, der über andere Dinge singt. Wie die Band CHICAGO. Oder JAPAN. Oder EUROPE.

Gibt es auch “schöne” Geschichten, die ihr von der Stadt Horndal erzählen könnt? Und wie ließen sich diese musikalisch umsetzen?

Wir könnten Geschichten für die Ewigkeit über die schönen Teile von Horndal und die wertvollen Erinnerungen aus unserer Kindheit erzählen. Aber wer will schon Metal-Songs darüber hören? Wir werden uns das für unsere Easy-Listening-Band aufbehalten, die wir in Zukunft gründen werden.

Wie oft besucht ihr noch eure Heimatstadt?

Unsere Eltern leben immer noch in der Nähe von Horndal, also sind wir so oft wir können dort. Vielleicht jeden zweiten Monat.

Was sind die Reaktionen auf eure Musik und eure Inhalte aus Horndal?

Wir waren uns nicht sicher, was uns erwarten würde, um ehrlich zu sein, aber die Reaktionen waren überwiegend positiv. Die Leute sind so glücklich darüber, dass wir diesen vergessenen Ort ins Rampenlicht rücken, selbst diejenigen, die unsere Musik nicht wirklich mögen. Wir haben tatsächlich die gesamte erste Partie an Merchandise an Leute aus Horndal verkauft, haha. Wahre Geschichte. Und es gibt dort tatsächlich viele Metalheads. Es wurde in den 80er-Jahren wegen der vielen Metal-Fans dort auch “Heavy Horndal” genannt.

“Die Leute sind so glücklich darüber, dass wir diesen vergessenen Ort ins Rampenlicht rücken, selbst diejenigen, die unsere Musik nicht wirklich mögen.”

Habt ihr selbst aktiv Kontakt zu der Stadtregierung von Horndal aufgenommen?

Ja, irgendwie schon. Der Bürgermeister von Avesta (der größeren Stadt, zu der Horndal gehört) scheint der Band sehr positiv gegenüber zu stehen. Zumindest bis jetzt, haha…. Es ist ein kleiner Ort, so dass jeder jeden kennt. Die Leute sind hauptsächlich nur froh, dass jemand ein Licht auf den Ort wirft. Jede Art von Licht.

Thematisch und auch musikalisch stelle ich stellenweise einen gewissen cineastischen Zugang fest. Generell könnte ich mir eure Alben auch gut als Film vorstellen. Gibt es Filme oder Bücher, die ihr irgendwie im Hinterkopf hattet?

Wir planen immer eine Storyline für jedes Album und jeden Song. Und musikalisch denke ich, dass dieses Album cineastischer ist als das erste. Ich denke, unser Film wäre eine Art verdrehte Horrordokumentation, wenn das ein Genre ist. Nun, es ist jetzt ein Genre.

Einige schwedische Titel fallen mir dazu ein: “Ådalen 31” und “Yarde”. Aber auch die düstere und raue Stimmung in Cormac McCarthys Büchern. Nur vielleicht nicht so poetisch, haha.

“Rusty Metal” mit vom Kinderfernsehen gestohlenen Elementen

Meiner Meinung nach bewegt sich die Musik zwischen Sludge und Hardcore mit Elementen aus Death Metal und Punk. Wo würdet ihr euch stilistisch einordnen?

Oh, die große Frage! Wir haben uns den Begriff „Rusty Metal“ ausgedacht, haben dann aber beschlossen, doch nicht damit zu arbeiten, weil es für das Thema unserer Alben zu offensichtlich ist. Aber ich denke, ihr seid mit eurer Verortung auf einem ziemlich richtigen Weg. Was man vielleicht nicht hört, sind Einflüsse von noisy Indie-Rock-Bands aus den Neunzigern wie CHAVEZ, THE JESUS LIZARD und DRIVE LIKE JEHU. Und ja, auch Kinderfernsehserien. Ich habe zwei junge Töchter und wenn sie etwas sehen, das gruselig sein soll, gibt es normalerweise irgendwo eine großartige Melodie. Ich habe davon ein paar für “Lake Drinker” gestohlen. Das Arpeggio von “The Black Wheel” zum Beispiel. Es ist aus dem schwedischen Kinderbuch “Lilla spöket Laban”.

Gibt es Bands, mit denen ihr Ähnlichkeiten zu euch feststellt?

Alle Bands, die behaupten, sie klingen nicht wie andere Bands, sind Lügner. Oft werden in unserem Zusammenhang Bands wie BREACH, SLAYER, HIGH ON FIRE, ENTOMBED und NEUROSIS genannt. Alles großartige Bands, also bin ich geschmeichelt. Aber in meinem Kopf fühle ich eine seelische Verbundenheit zu HANSSON & KARLSSON, einem distanzierten Jazz-Duo aus den 60ern. Deren Drummer Loffe Carlsson ist der beste Schlagzeuger, der je gelebt hat.

Ihr bringt in euren Songs viel Wut herüber. Was sind die Triebfedern für eure Wut?

Ich denke, es ist eine Mischung aus zynischen Menschen mit Macht, zufälligen Idioten, die man überall findet und demnach ständig inspirieren, und eigentlich ziemlich netten und höflichen Menschen im Allgemeinen. Man muss einfach den Dampf irgendwo ablassen.

Wie steht es eigentlich um TIGER LOU? Ist die Band noch aktiv und wenn ja, was sind da die zukünftigen Pläne?

Ja! Sowohl Erik (Bass) als auch ich sind noch bei TIGER LOU aktiv, wir spielen aber heutzutage nur noch selten miteinander. Es ist ja nicht mehr so, als wir 25 Jahre alt waren und mit drei Bands gleichzeitig touren und aufnehmen konnten. Wir planen aber einen neue Platte. Es gibt eine Menge großartiger Songs, die darauf warten, finalisiert und aufgenommen zu werden. Haltet also eure Augen und Ohren offen, wenn ihr auf Depressive Indie-Rock steht. Wir müssen nur zuerst mit HORNDAL etwas Dampf ablassen.

Wie steht ihr zu transkontinentalen Freihandelsabkommen wie TTIP, TiSA oder CETA?

Wenn sich irgendein Metalhead die Mühe gemacht hat, bis hierhin zu lesen, werden sie definitiv sofort aufhören, haha. Wartet! Kommt zurück! Ich werde nicht über transkontinentale Freihandelsabkommen sprechen! Ich kann stattdessen über Riffs sprechen! Ich habe hier, ehrlich gesagt, nicht viel hinzuzufügen.

Schweden hat ja eine Zeitlang eine eigene Strategie in Sachen COVID 19 verfolgt. Wie beurteilst du die unterschiedlichen Strategien in der Pandemie-Bekämpfung?

Wow, noch so eine Frage. Entschuldige bitte die langweiligen Nichtantworten hier, aber ich möchte mich nicht wie ein Pseudo-Epidemiologe verhalten. Es gibt sowieso zu viele von denen. Aber ja, Schweden hatte eine viel offenere Strategie und keinen klassischen Lockdown, so dass Geschäfte und Restaurants geöffnet bleiben konnten, jedoch mit strengen Einschränkungen. Es war wahrscheinlich sowohl gut als auch schlecht. Wir werden sehen.

Glaubst du, dass die Pandemie auch etwas Gutes, vielleiecht Reinigendes für sich haben könnte?

Bei jeder Krise denken die Leute darüber nach, was für sie wirklich wichtig ist. Zumindest das ist gut. Für uns bedeutete dies, dass wir Zeit hatten, über alle Details rund um das Album nachzudenken und wirklich daran zu arbeiten. Arrangements, Gäste, Artwork, Präsentation des Albums und so weiter. Obwohl das Jahr in vielerlei Hinsicht schlecht lief, hatten wir viel Spaß daran, viel Arbeit in das Album zu stecken.

“Obwohl das Jahr in vielerlei Hinsicht schlecht lief, hatten wir viel Spaß daran, viel Arbeit in das Album zu stecken.”

Welche Alben laufen derzeit auf deiner Anlage?

HENRIK PALM “Poverty Metal”
GRAILS “Black Tar Prophecies”
CHARLES MINGUS “The Black Saint and the Sinner Lady”
ANNA VON HAUSSWOLF “All Thoughts Fly”
MOTORPSYCHO “The All is One”

Wordrap mit Drummer Pontus Levahn von HORNDAL

Ikea: Albtraum. Scheidung. Praktisch. Hot Dogs 50 Cent.

Wohlfahrtsstaat: Lasst ihn wieder wachsen.

Monarchie: Scheiß Theater. Zombies. Braaaaains!

Zlatan Ibrahimovic: Der einzige lustige Charakter in der langweiligen Welt des Sports.

Beste schwedische Band: HENRIK PALM. TERRA TENEBROSA. OBNOXIOUS YOUTH.

Liebste Nachbarland: Finnland

Schwedische Krimis: Zzzzzzz…

Amazon: Kill Jeff Bezos!

Prosthetic Records: Love!

Politische Musik: Jede Musik ist politisch.