Hallo Arne, schön, dass du dir Zeit für ein Interview nimmst.
Ich bin ja froh, dass jemand mit uns reden will! Bei den Konzerten in den vergangenen Jahren hatten wir eine saugute Zeit, so saugut, dass wir es nochmal wissen wollen und nach 22 Jahren mit „Same Drug New High“ ein neues GLUECIFER-Album aufgenommen haben. Jetzt sind wir gespannt, wie die Reaktionen drauf sind.
Nach eurer Live-Reunion 2018 bei einem spanischen Festival wart ihr hier und da live zu sehen. Unter anderem habt ihr Ende 2023 drei Konzerte in Deutschland gegeben, die Show in Stuttgart fand ich grandios.
Ich freue mich, wenn Menschen Spaß bei unseren Konzerten haben. Es ist nämlich schwierig für uns: Viele verbinden mit GLUECIFER Erinnerungen an ihre Jugend. Und plötzlich sind wir wieder da – und das weckt Erwartungen. Band wie Publikum, sind älter geworden, das lässt sich nicht leugnen. Andererseits ist unsere Art von Musik zeitlos. Rock’n’Roll gibt es schon so lange. Viele der Bands, die dieses Genre geprägt haben, sind schon seit mehr als 50 Jahren dabei. Für einige ist das sogar zu lange, vielleicht sollten sie aufhören. Nicht jeder kann wie Mick Jagger mit über 80 noch auf einer Bühne stehen ohne peinlich zu sein. Bei anderen Bands lässt einiges nach, ihr Aussehen, ihre Leistung auf der Bühne, ihre Fitness. Wir fühlen uns im Moment ziemlich gut, ich glaube, wir können noch eine ganze Weile gute Shows und gute Musik liefern.

Zwischen der Reunion und dem neuen Album „Same Drug New High“ liegen acht Jahre, was hat da so lange gedauert?
Wir haben uns Zeit genommen, um über grundsätzliche Dinge nachzudenken. Hält unsere Freundschaft es aus, ein neues Album zu machen? Beim Songwriting stellte sich heraus, dass wir eine ziemlich klare Vorstellung teilen, wie wir jetzt klingen wollen. Nämlich so wie früher: „Same Drug New High“ hätte auch zwei Jahre nach unserem letzten Album „Automatic Thrill“ von 2004 erscheinen können. Es gibt keinen Bruch oder Stilwechsel. Aber wir brauchten Zeit, um wieder in einen Flow zu kommen: Erst nach ein paar Sessions haben wir ein Gefühl dafür bekommen, in welche Richtung wir gehen können. Erst dann fühlte es sich gut an. Wir haben eine Menge Songs geschrieben. Viele dieser Songs waren verdammt schlecht. Aber wir mussten das durchstehen, um die guten Dinge auszugraben.

Wie seid ihr überhaupt auf die Idee gekommen, ein neues Album aufzunehmen?
Im November 2022 gaben wir drei Konzerte in Spanien, die wirklich gut liefen. Wir hatten einen Riesenspaß und das Publikum auch. Wir wollten diese Energie festhalten – wir wussten aber nicht wie. Wir hatten Songs aus unserem Repertoire gespielt, das 2005 mit „Desolate City” endete. Wir wussten, dass es immer schwerer sein wird, diese gute Stimmung zu erzeugen und uns dazu zu motivieren, weiterzumachen. In einer Band ist es nicht anderes als bei deiner Arbeit oder in deiner Beziehung: Du brauchst von Zeit zu Zeit neue Impulse. Unser Sänger Biff Malibu kam nach dem Konzert in Madrid ziemlich betrunken auf mich zu und meinte, dass es doch spannend wäre, neue Songs zu schreiben. ‚GLUECIFER klangen nie besser als jetzt‘, meinte er. ‚Lass uns ausprobieren, etwas Neues auf die Beine zu stellen‘. Ich wollte das nicht mit besoffenem Kopf besprechen und habe ihn deshalb erst am kommenden Tag beim Essen in Valencia gefragt, ob er es ernst gemeint hatte. Biff, Raldo und ich haben lange diskutiert, ob und wie es weitergehen könnte. Was ich zu dem Zeitpunkt noch niemandem verraten hatte: Ich hatte längst einige Songs geschrieben, in der Hoffnung, sie eines Tages der Band vorstellen zu können. Wieder zu Hause, haben wir uns zusammengesetzt, diese Songs ausgearbeitet und neue Tracks geschrieben.
Witzig, dass ausgerechnet Biff ein neues Album wollte. 2005 lösten sich GLUECIFER auf, weil ihm die Motivation fehlte, mit der Band weiterzumachen.
Damals hatten es Biff und Raldo Useless (seit 1996 an der Gitarre), satt, alle Entscheidungen in ihrem Leben an einer Band und ihrem Tourplan auszurichten. Sie hatten keine Lust mehr darauf. Das war für mich schwer zu akzeptieren, den wir haben so viel Arbeit und Mühe in diese Band gesteckt und waren erfolgreich. Wir hatten sehr lange Zeit nicht die Absicht, wieder zusammen aufzutreten oder überhaupt gar über die Band GLUECIFER zu sprechen. Aber vieles im Leben ergibt sich einfach. Das hat mit Freundschaften zu tun, mit Zufällen, wo eins zum anderen führt. Wenn man fast 13 Jahre lang kaum miteinander gesprochen hat und plötzlich feststellt, dass der Spirit noch da ist. Wir haben uns offenbar vermisst ohne uns dessen bewusst zu sein. Natürlich hätten wir auch den Rest unseres Lebens weiterhin jeder für sich verbringen können. Aber es kam anders, und nun sitze ich hier und promote 22 Jahre nach der Veröffentlichung von „Automatic Thrill” ein neues Album, das macht mich glücklich.

Der Albumtitel „Same Drug New High“ beschreibt also eure Gefühlslage ganz gut, oder?
Dieses Album musst du dir nicht mühsam erarbeiten, du musst nicht zu viel darüber nachdenken. Du legst es auf und hast Spaß. Es ist ein perfekter Albumtitel, weil er Endorphine ausschüttet und Glücksgefühle auslöst. Und gute, schöne Erinnerungen an die Vergangenheit weckt.
Brauchen wir vielleicht gerade jetzt ein solches Album? Die schlechten Nachrichten über Kriege, Umweltzerstörung und politischen Extremismus häufen sich.
Wir brauchen diese Form der Unterhaltung mehr denn je. Wenn ich eine neue Platte höre, zu einem Konzert gehe oder etwas sehe, das mir gefällt, ist das eine kleine Pause, in der ich nicht über all die schlimmen Dinge im Leben nachdenke. Und darum geht es im Rock’n‘Roll: eine kleine Auszeit. Die muss weder anspruchsvoll sein noch lange dauern. Es dreht sich um positiven Input, um neue Energie. Wir können zumindest den Versuch unternehmen, Menschen das zu vermitteln. Das gibt uns einen zusätzlichen Schub. Wenn wir sehen, dass die Leute ausflippen und unsere Musik genießen, kickt uns das so. Nach einer so langen Pause ist das unglaublich motivierend, wir sind hungrig. Wenn du jahrelang auf Tour bist, wirst du müde. Dich langweilen die immer gleichen Gesichter, dich langweilen die immer gleichen Veranstaltungsorte, dich langweilt die immer gleiche Routine. Die meisten Künstler und Bands kommen irgendwann an einen Punkt, an dem sie sich Fragen stellen: Tue ich das, weil ich das Gefühl habe, dass ich es tun muss, weil ich eine Verpflichtung spüre? Oder tue ich das, weil ich es wirklich liebe? Wir können jetzt wieder tun, was wir lieben – und wir wissen das mehr denn je zu schätzen.
Ihr seid aber nicht mehr so unbeschwert wie früher, oder? Der Song „Armadas“ hat einen ernsten Hintergrund. Laut Biff ist er inspiriert vom Hochwasser in Tiflis im Jahr 2015, er hat ihn als „präapokalyptischen Rock’n’Roll“ bezeichnet.
Wir sind älter geworden sind und mussten lernen, was echte Probleme sind. Vor 20 Jahren wusste ich das nicht. Ich war trotzdem vom Biffs Text zu „Armadas“ überrascht, als Journalist ist er sehr wortgewandt. Er war schon immer gut darin, Worte zusammenzusetzen und nicht zu viel von dem preiszugeben, was in seinem Herzen oder in seinem Kopf vorgeht. Aber er ist wohl etwas offener geworden und gibt mehr von seiner eigenen Perspektive preis. Bei „Armadas“ vermittelt der Text das Gefühl vom Weltuntergang, und „I’m Ready“ ist der einzige Song, in dem Biff jemals sein Herz auf den Tisch legte.
Wie ist das für dich, wenn Biff die Texte bei GLUECIFER schreibt? In deiner anderen Band BLOODLIGHTS bist du für die Lyrics zuständig – und die sind ziemlich persönlich.
GLUCIFER funktioniert ganz anders, weil Biff und ich sehr unterschiedliche Persönlichkeiten haben und komplett anders arbeiten. Ich finde es extrem schwierig, über Dinge zu schreiben, die mir nichts bedeuten. Vielleicht tauche ich deshalb manchmal ein bisschen zu tief in meine Persönlichkeit ein. Es ist eine riesige Erleichterung für mich, dass ich mir bei GLUECIFER darüber keine Gedanken machen muss. Ich kann nicht Songs schreiben, ohne über die Texte nachzudenken.

„Same Drug New High“ ist wie chronologischer Rückblick auf die Diskografie von GLUCIFER. Es geht los mit direkten, aggressiven Songs wie die von „Ridin The Tiger“, „Soaring with Eagles at Night to rise with Pigs in the Morning“ und „Tender Is The Savage“ dann nehmen die Punk-Einflüsse etwas ab und die Songs werden ruhiger – so wie auf „Basement Apes“ und „Automatic Thrill„.
Wir haben versucht, eine sinnvolle Song-Reihenfolge zu finden. Wobei wir uns dabei wahrscheinlich viel zu viele Gedanken gemacht haben, denn am Ende werden viele Leute das gar nicht bemerken. Musik wird heute gestreamt, man sucht sich ein paar Lieblingstracks aus und hört nicht das ganze Album. Die ersten beiden Singles sollten den Leuten beweisen, dass es uns nach wie vor nicht darum geht, gefällige Hits zu produzieren oder bei einem Trend aufzuspringen. Wir wollen einfach nur ehrliche Musik machen. Und wir wollen beweisen, dass wir weder faul und noch energielos geworden sind. Wir machen keinen Altherrenrock.
Ärgert es dich, wenn du siehst, wie Spotify die Hörgewohnheiten verändert? Man könnte mit wenig Aufwand eigene Playlists erstellen, wie früher Tapes oder CD-Sampler. Doch das machen nicht viele, vorgefertigte Playlists sind sehr beliebt.
Wir nutzen immer die einfachste Lösung, so ist der menschliche Verstand leider aufgebaut. Die Technologie hat in den letzten 15 Jahren gigantische Fortschritte gemacht. Alles, was in diesen Jahren passiert ist, macht den Geist träge. Wir sind inzwischen in so vielen verschiedenen Bereichen unfassbar faul. Früher mussten wir uns viel mehr anstrengen, um Dinge herauszufinden.
Hast du Angst vor KI-generierter Musik?
Menschen werden immer an echter Musik interessiert sein. Ich denke nicht, dass KI-Musik die Oberhand gewinnen wird. Ich bin überzeugt, dass Menschen andere Menschen sehen wollen, dass sie ausgehen und ein Bier trinken wollen, dass sie all die Dinge tun wollen, die für Menschen wichtig sind. Und es ist fantastisch, dass man heute einen kleinen Clip auf Instagram sehen und so neue coole Künstler entdecken kann. Es gibt auch die guten Dinge im technologischen Fortschritt. Auf die sollten wir uns konzentrieren, denn aufhalten können wir die Entwicklung ohnehin nicht.

GLUECIFER hatten schon sehr früh eine Bildsprache, die in gewisser Weise sehr traditionell ist. Ihr lebt die ganz großen Rock’n’Roll-Posen auf der Bühne. Und ihr hattet auch immer Live-Fotos in den Booklets eurer CDs und LPs. Und die sind immer verschwitzt, schmutzig und voller Energie. Wie das Video zu „Idiot”.
Das Video-Team um Pål Laukli hat mit dem Clip das Gefühl eingefangen, das wir ihm geben. Wir brauchen nicht viele Requisiten. Es gibt nur dich, deine Gitarre und dein Outfit. Und man erkennt trotzdem sofort, dass es Glucifer ist. Das gilt auch für den Sound des ganzen Albums. Es ist die Essenz dieser Band und die mag man eben oder auch nicht.
GLUECIFER sind ab Februar 2026 auf Tour, als Support habt ihr THE GOOD THE BAD AND THE ZUGLY dabei. War es eure Entscheidung, diese Jungs mitzunehmen?
Ich freue mich total auf die Tour habe aber schon jetzt Respekt davor. Wir müssen aufpassen, dass uns THE GOOD THE BAD THE ZUGLY nicht an die Wand spielen, die sind schon verdammt gut. Es war definitiv unser Wunsch, sie mit auf Tour zu nehmen. Davon werden alle profitieren, denn wir müssen echt auf Zack sein, um mithalten zu können.