HELLOWEEN: Solange es Spaß macht

HELLOWEEN: Solange es Spaß macht

 

 

Während HELLOWEEN unermüdlich Alben veröffentlichen und Konzerthallen rund um den Globus bereisen, gibt es musikalisch regelmäßig eine neue Standortbestimmung. Begann 2010 noch mit dem seichten, eher niedlichen Jubiläumsalbum „Unarmed„, brettert pünktlich zu Halloween das neue Studiowerk „7 Sinners“ in die CD-Läden. Darauf gibt es erfreulich viele Ohrwurmrefrains und bei aller neuentdeckten Heaviness das typische HELLOWEEN-Feeling. Bassist Markus Grosskopf erzählt im Interview Details zur Entstehung des Albums und zeigt, wie wichtig der Spaß an der Musik ist.

Was habt ihr denn angestellt, damit das Musikproduzieren nicht zu einer Routine verkommt? Ihr macht das ja jetzt schon ein ganze Weile.

Wir machen das jedes Mal anders. Die Titel geben die Marschrichtung vor. Nicht jeder Titel wird dann gleich produziert bei uns. Wir haben ja recht viele Ideen und vielschichtige Sachen auf einer Platte. Und die wollen natürlich auch erstmal alle irgendwie für sich selber individuell produziert und gemacht werden. Da kannst du nicht einen Sound abmachen, wumms alle Songs durchjagen, zack hast du das Mischen und gut. Da braucht jeder Song so seine individuelle Behandlung, und das macht es eigentlich wieder interessant.

Habt ihr dann hauptsächlich Team-Arbeit oder arbeitet ihr alle lieber für euch selber ?

Erstmal machen wir alles selber bei uns zu Hause, bis wir uns treffen, weil wir ja auch recht verstreut sind auf dem Erdball. Dann treffen wir uns natürlich und machen den ganzen Kram zusammen. Und wer noch Ideen hat, pflanzt die hier rein und da rein. Aber die Gerüste stehen meistens schon recht fest.

Wenn du ein Lied geschrieben hast, sind das dann einfach nur die Akkorde oder hast du auch schon Melodie und Text vorbereitet?

Ja, das steht eigentlich alles immer schon. Andi singt das natürlich ein bisschen so, wie ihm das nach seiner Schnauze besser kommt. Aber im Grunde genommen ist es das, was ich geschrieben hab. Texte hab ich auch gemacht. Andy macht das natürlich so, weil er das singt und seine Stimme ist nunmal ganz anders ist, als ich mir das ausdenke. Er macht das dann schon so nach seinem Arsch, das geht schon.

Drückt dem Songmaterial seinen Stempel auf: Andi Deris (HELLOWEEN) Live-Foto (c) boxhamster@vampster

Mit was für Liedern habt ihr angefangen, die neue Platte zu schreiben?

Da waren die beiden, die den Konsens geben. „Are You Metal?“ war da, deshalb sind wir auch ziemlich früh auf den Dreh gekommen. Und „Where The Sinners Go“ war da, das haben wir ein bisschen als roten Faden genommen. Unabhängig voneinander haben wir eigentlich recht kräftige Songs geschrieben. Nach der „Unarmed“ hatte wohl jeder Bock, mal wieder richtig auf die Kette zu hauen, und das hat ja auch ganz gut geklappt. Das hat sich irgendwie selbst in die Hand genommen.

Habt ihr nach der Akustik-Platte erst einmal wieder üben und Kondition aufbauen müssen oder ist das nach 25 Jahren in Fleisch und Blut übergangen?

Das machen wir jetzt, wir fangen gerade an zu üben. Wir proben ja nicht jeden Mittwoch oder Donnerstag oder Freitag. Wir machen dann Blockproben vor unserer Tournee, weil wir eben so weit verstreut sind. Jetzt fangen wir an. Ich probe mit Dani ein paar Tage Schlagzeug und Bass, dann proben wir drei Wochen alle zusammen ein. Da sind wir dann auch sechs Tage in der Woche dabei. Das verlernt man natürlich nicht alles, ich setze mich natürlich zu Hause hin und mach die Finger warm. Obwohl: ich bin eigentlich nicht so ein Alleinspieler, das finde ich immer irgendwie langweilig. Da muss ich mich ehrlich gesagt immer zu durchringen, mich da alleine hinzusetzen und Sachen rauszuhören. Es lief ganz gut, aber viel mehr Spaß macht es, mit Leuten zu spielen.

Ihr habt ja jetzt auch wieder zwölf neue Lieder aufgenommen. Habt ihr auch mal überlegt, weniger Lieder auf eine Platte zu packen, weil ihr so einen großen Backkatalog habt und auf Tour jetzt auch nicht vier Stunden spielen könnt, ohne euch umzubringen?

Das ist ja eine CD, die kostet auch was. Wir sind vier Songschreiber, wir wollen so viele Ideen wie möglich draufpacken. So zehn, zwölf Songs sind für eine CD schon immer gang und gäbe, finde ich. Das stört mich jetzt nicht. Man könnte auch weniger machen, zehn oder so. Vielleicht machen wir das ja irgendwann mal. Aber wir haben auch viele Sachen, die sind sehr lang, Sieben-, Achtminüter haben wir ganz gerne mal dabei. Kucken wir mal, wie sich das in Zukunft entwickelt. Solange es Spaß macht, ne.

Habt ihr bei „7 Sinners“ schon Beschwerben bekommen, dass keine Balladen und nichts fürs Herz mehr dabei ist?

„Tears Of The Sun“ ist ja so eine Art Metal-Ballade. Aber nö, bislang gab´s noch keine Beschwerden. Aber wenn, ja gut, was soll’s, wir kriegen immer Beschwerden. Dem einen ist das zu hart, der andere vermisst ein bisschen so Happy-Happy-Halloween, das da ja nicht ganz so viel drauf ist, und, und, und. Aber man muss halt irgendwie machen, was einem einfällt und das vertreten können. Das hat sich so ergeben, wir wollten das auch nicht in eine andere Richtung zwingen. Das hat sich gerade so schön selbst entwickelt, das wollten wir nicht zerstören, indem wir sagen: Ja, wir machen noch dies und bräuchten noch das. Wir haben das einfach so laufen lassen und gekuckt, was da so passiert. Und das haben wir dann einfach so gelassen, wir haben nichts erzwungen. Von daher war es eine natürliche Geburt.

Akustik-Gitarren haben auf 7 Sinners Seltenheitswert - Sascha Gerstner (HELLOWEEN) Live-Foto (c) boxhamster@vampster

Wie hat Weiki reagiert, als der Sascha Gerstner ein Lied geschrieben hat, wo das „Perfect Gentlemen“-Motiv wieder eingearbeitet und verroht wird?

Ist doch lustig! Das ist doch der Fun-Aspekt bei HELLOWEEN, da hast du ihn doch wieder. Wenn man sich auf seine eigenen Songs beziehen kann, die du vor 16 Jahren mal gemacht hast, dann ist das doch lustig.

Habt ihr auch mal probiert, andere Lieder wieder aufzugreifen oder fortzusetzen?

Nö, das war so eine Idee von Sascha, die ich supergeil fand. Aber man setzt sich jetzt nicht hin und sagt: Oh, das machen wir noch mal, mit dem könnte man das auch noch machen. Mit den „Keeper“-Songs haben wir es ja auch bis zum Wahnsinn getrieben, das reicht erstmal.

Habt ihr auch schon mal Ideen gehabt, die dann komplett in die Hose gegangen und dann entsprechend auch nicht auf dem Album gelandet sind?

Weiß ich nicht. Zeitlich waren wir diesmal recht knapp. Da sind irgendwo noch zwei Titel, die vielleicht irgendwann noch einmal gemacht werden. Die haben wir nicht mehr geschafft, aber die waren auch geil. Die sind gar nicht mehr in die Aufnahme gekommen, weil der Misch anstand, die Deadlines, das Cover, und, und, und.

Seit sieben, acht Jahren taucht vermehrt dein Name bei den Songwriting-Credits auf. Wie hat sich das bei dir entwickelt? Hast du erst so spät angefangen oder hast du dich vorher nicht getraut? Oder haben dich die anderen nicht gelassen?

Doch, ich bin ein ziemlicher Spätentwickler, was das angeht. Früher war ich ja mehr so der biertrinkende Party-Bassist. Das hat sich dann irgendwann einigermaßen gelegt. Ich zieh mir zwar gerne noch ein paar schöne Biere und Korn mit ein paar Kumpels und feier ein bisschen rum und so. Aber früher war das zweimal die Woche, auf Tour sogar noch öfter, als wir 22, 23, 28 waren. Das hörte so ein bisschen auf. Dann hatten wir Stress und Schwierigkeiten – da hat das auch nicht mehr so viel Spaß gemacht. Tja, da habe ich alles dran gesetzt, mich in die Richtung zu entwickeln, habe angefangen, Songs zu schreiben und so lange daran zu arbeiten, bis die irgendwann mal tauglich sind, so dass sie auf die Platten kommen. Und das hab ich auch geschafft!

Wie ist das, wenn du deine Lieder schreibst: hast du die Textideen gleich schon im Kopf oder kommt zuerst die Musik?

Das ist ganz verschieden. Manchmal hab ich eine Melodie im Kopf und muss daraufhin den Text schreiben. Manchmal hab ich aber auch eine Zeile im Kopf, die irgendwie hookt. Daraufhin muss ich mir dann irgendwie eine Melodie ausdenken, meistens ausgehend von einem Refrain. Oft schreibe ich die Song dann um die Hookline herum. Oder von einer Strophe ausgehend und dann muss ich mir einen passenden Refrain ausdenken. Dass der Text zuerst da ist, ist eher selten bei mir.

Wie hat sich das Tourleben in den letzten sieben Jahre, in denen ihr die aktuelle Besetzung habt, entwickelt? Habt ihr euch aneinander gewöhnt?

Klar, wir sind ja auch nicht nur als Band auf dem Bus. Wir sind 14 Mann, sind mit der Crew auf dem Bus und touren monatelang durch Europa. Das ist so eine große Familie irgendwie, das geht schon ganz gut. Jeder hat so seine Macken, seine Ecken, seine Kanten. Manchmal geht es dir auf den Sack, aber am nächsten Tag ist es wieder gut. Das ist ein ganz normales Leben so, ich kenn das ja gar nicht anders. Von daher hab ich da nicht viele Probleme, auf engstem Raum mit vielen Leuten klarzukommen. Da ist schon immer Rücksichtnahme hier und da angesagt. Seit ich 20, 22, 23 bin, mach ich das nicht anders. Von daher geht es mir sehr gut dabei. Und wir können uns auch ganz gut arrangieren.

Was ist schlimmer nach der Tournee: Wäsche waschen oder Steuererklärung machen?

Für die Steuererklärung hab ich doch meine Frau, die macht das. Ich muss doch hier nichts mehr groß erklären! Und Wäsche waschen, ich weiß nicht – ich komm eigentlich immer so vier bis sechs Wochen mit einem Koffer aus. Dann geht´s mal ins Wasch-Center oder wir haben mal einen Block, wenn wir nach Hause kommen. Es gibt schlimmere Sachen als Wäsche waschen. Man könnte ja erdolcht werden. Oder es könnte regnen.

Was hältst du von der ungeschriebenen Regel, dass man nicht ein T-Shirt anhaben soll von der Band, bei der man auf´s Konzert geht?

Gibt es da eine Regel? Das höre ich zum ersten Mal.

Ja gut…

Weil sie ja ungeschrieben ist. Ist an mir vorbeigegangen. Es gibt ja auch Leute, die tragen die eigenen T-Shirts auf der Bühne. Gibt es da auch ein ungeschriebenes Gesetz?

Ich weiß nicht… Den ersten, den ich da gesehen habe, war Dave Murray von IRON MAIDEN, der immer seine eigenen Hemden anhatte.

Janick Gers ja auch öfter mal, ne.

Umgehrt ist es ja auch nicht verkehrt. Es ist glaub ich schlimmer, wenn man ein Dieter-Bohlen-T-Shirt anhat und zum HELLOWEEN-Konzert kommt.

Andersrum ist wieder cool: ein HELLOWEEN-T-Shirt beim Dieter-Bohlen-Konzert.

Brauchst du inzwischen eine besondere Motivation, um Konzerte zu spielen?

Das macht immer das Set aus, das wir uns zusammenbasteln. Das muss uns selber auch ankicken. Wir basteln das ja so zusammen, dass uns das selber ein bisschen anrockt. Dann müssen wir natürlich darauf achten, dass wir Klassiker spielen, die die Leute unbedingt hören wollen. Das Set muss rollen. Wenn es rollt und von alleine rockt, dann geht das alles ganz gut. Dann macht das auch super Spaß.

Habt ihr vom Aufnehmen her in den letzten Jahren und Jahrzehnten Veränderungen durchgemacht? Gerade in dem Sinn, dass inzwischen das meiste digital aufgenommen wird und man alle möglichen Effekt im Nachhinein machen kann?

Wir arbeiten irre lange schon mit diesem digitalen Kram, wir sind das gewohnt. Irgendwie kamen IRON MAIDEN mal und haben ihre Platte „Virtual XI“ genannt, weil sie von dem ganzen Digitaltheater so angetan waren. Da haben wir schon Jahre vorher unsere Demos in dieser Art gemacht. Für uns war das nichts Neues. Die Medienwelt richtet sich ja auch danach, das hat sich alles verändert. Früher hast du eine Platte gemacht, da gingen 40, 45 Minuten drauf. Mit unseren langen Songs hattest du manchmal sechs Titel auf der Scheibe und dann war der Laden voll. Und dann gab es ein paar Magazine und Radiosender, mit denen du Interviews gemacht hast. Im digitalen Zeitalter hat sich das alles irgendwie verhundertfacht. Unter 16, 17 Titeln kommst du nicht aus dem Studio, B-Seite hier, Internet und Bonustrack da. Japan oder Asien will Bonustrack – das hat sich alles dermaßen vervielfacht. Da wir schon so lange mit dem Medium arbeiten, ist das jetzt nichts, was uns umwirft. Man muss es nur benutzen. Du darfst dich nicht davon benutzen lassen. Sonst bist du verloren, finde ich.

Redet die Plattenfirma eigentlich noch direkt in die Musik rein? Oder ist es mehr so in dem Sinne: wir hätten gerne ein paar Lieder, aber wie die klingen, das ist einzig Eure Entscheidung.

Die haben nur ihre Deadlines und freuen sich, wenn wir so eine heavy Scheibe machen. Aber die haben jetzt in keinster Weise gesagt, sie hätten gerne das und das und das. Die sagen sicher irgendwie: den Track, den hätten wir gern als Single, dazu könnten wir uns vorstellen, die und die Aktion zu starten, und auch darauf die Promotion aufbauen. Aber so in die musikalischen Sachen reden die uns nicht rein.

Ich streite mich da immer wieder mit Kumpels, deshalb die Frage an dich: Welche Platte ist besser: die „Keeper I“ oder die „Keeper II“?

Weiß ich nicht. Wenn ich euch streitet, sag ich die „Keeper III„.

Das heißt, wir müssen weiter streiten.

Also ich kann mich wirklich nicht entscheiden. Ich bin da viel zu dicht dran, um das beurteilen zu können. Das ist so in mir drinnen. Der Keeper ist ja fast schon so wie mein Daddy. Da kann man mich eigentlich gar nicht danach fragen. „Heute Abend gehen wir zu Onkel Keeper, schön einen saufen.“ So ist das für mich. Der ist schon so ein großer Part. Der Keeper kommt zu Kaffee und Kuchen – Onkel Keeper und Tante Stein.

Abschlussfrage: Was ist dein Lieblingskuchen?

Der heißt Toter Hund oder so. Schwarzwälder Kirsch ist auch geil.

Toter Hund?

Das sind so Kekse, dann kommt eine Schicht Schokolade und so, kennst du das?

Nein.

Richtig schön fette Sauerei. Oder Baumkuchen ist auch cool.

Kann man sich davon auf Tour ernähren?

Ich könnte morgens gleich Fleisch essen. Kuchen ist eher so ab und zu mal. Ich bin nicht so ein großer Kuchen-Heini. Ich bin eher so der Fleisch-mit-nem-anständigen-Bier-Typ.

 

 

 

Live-Fotos: boxhamster

Jutze
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