FINNTROLL: "Advanced Trollish Metal" oder: ein Song über einen Finnen, der in der Sauna von einem Troll überfallen und verprügelt wird

FINNTROLL: "Advanced Trollish Metal" oder: ein Song über einen Finnen, der in der Sauna von einem Troll überfallen und verprügelt wird

Mit ihrem Debüt „Midnattens Widunder“ konnten die durchgeknallten Finnen von Finntroll schon einige Leute beeindrucken. Die Mischung aus Black Metal, Humppa-Folklore und Troll-Geschichten legt den Schluß nahe, dass es sich bei Finntroll um lustige Gesellen handeln muss. Gitarrist Somnium und Sänger Katla luden zum Interview und beweisen, dass meine Vermutung so falsch nicht war. So manches Mal war ich mir nicht sicher, wer hier eigentlich wen verarscht – gerade deshalb war es ein ausgesprochen lustiges Gespräch, in den die beiden auch die ein oder andere ernsthafte Antwort zwischen ihren Lachanfällen versteckten.

Katla: Hallo! Schön, dass du dich für Finntroll interessierst.

Somnium: Schön, dass sich überhaupt jemand dafür interessiert!

Warum? Waren die Reaktionen denn nicht so toll?

Katla: Doch – wir haben sehr viele e-mails bekommen und auch schon ein paar Interviews gegeben.

Hätte mich doch auch gewundert – schließlich habe ihr einen eigen Stil gefunden, und „Midnattens Widunder“ ist ein richtig gutes Album geworden. Seid ihr mit der Bezeichnung „Humppa-Black Metal“ eigentlich einverstanden?

Somnium: Wunderbar, wie du Humppa aussprichst, haha. Cooler Akzent. Klingt fast schon finnisch. Ach so, deine Frage: Nun, ich denke nicht, dass wir sehr nach Black Metal klingen…

Katla: Black Metal ist überhaupt nicht komisch – Finntroll hingegen hat schon einige lustige Aspekte. Wir sind keine Black Metal Band. Black Metal muss satanisch sein, wir sind nicht satanisch sondern anti-christlich, das ist ein sehr großer Unterschied.

Wie kamt ihr denn auf diese seltsamen Stil? Ich habe gehört, ihr habt im Proberaum übernachtet …

Somnuim: Ja, weil wir uns betrunken haben und nicht mehr heimgekommen sind …

und als ihr dann so richtig besoffen wart, kam einer mit der Idee an, Metal mit Humppa zu mixen. Ich glaube das nicht so ganz , es klingt ein bisschen nach einer kleinen Geschichte, die eben zum Image skandinavischer Bands passt.

Katla: Doch, doch, das stimmt aber. Wir hatten damals geprobt und getrunken und irgendwann morgens, es war wohl so gegen acht Uhr, begann Somnuim auf dem Keyboard herumzuklimpern und es klang verdammt gut und interessant. Wir haben dann beschlossen, diesen Sound mal auszuprobieren – mit Gitarren, so klang die Musik noch abgedrehter. Innerhalb einer Stunde hatten wir dann…

Somnium: Einer halben Stunde!

Katla: In einer halben Stunden hatten wir den ersten Song aufgenommen und nach einer weiteren halben Stunde war auch der Text fertig. Ein paar Kumpels von uns haben uns dann Bier-Nachschub geholt – so konnten wir weiterarbeiten, haha. Die waren damals ziemlich begeistert, als sie zurückkamen und den Song hörten.

Nun, wenn das bei euch so abläuft, dann solltet ihr vielleicht die ganze Zeit ‚voll‘ durch die Gegend stolpern.

Katla: (todernst) Das versuchen wir ja. Wirklich. Gestern zum Beispiel…

Somnium: Wir haben für das Interview auch französischen Rotwein aufgehoben, hahaha

Ok, ok. Was mir besonders gut an Finntroll gefällt, ist die Atmosphäre der Platte. Als ich sie zum ersten Mal gehört habe, kannte ich Texte noch nicht. Dennoch hatte ich schon ein Bild im Kopf: Zwerge, Gnome, Kobolde, Trolls – so kleine Viecher, die sich im Wald vergnügen und ab und zu mal Krieg führen.

Katla: Hahahhahaha. Isst du viele Pilze?

Nein, nur harmlose wie Champignons oder Pfifferlinge… Ich wollte eigentlich wissen, ob ihr euch lange Gedanken darüber gemacht habt, welche Atmosphäre ihr erschaffen wollt…

Katla: Nö, haben wir nicht. Das kam einfach so. Ich und Somnuim sind halt ein bisschen verrückt, da ist es kein Wunder, wenn solche Musik dabei rauskommt – das passt zu uns.

Somnium: Die Ideen kamen wirklich von alleine, wir haben nicht viel nachgedacht dabei.

Ihr habt ein paar nette Intros für die Songs – vor „Bastuvisan“ raschelt es – ich habe ewig überlegt, was das sein könnt. Mir ist dann eingefallen, dass man sich während eines Sauna Besuchs mit Birkenruten auf den Körper klatscht, wohl um die Blutzirkulation zu verstärken.

Katla: Ja, du hast recht. Das ist typisch finnisch. Man nimmt Birkenzweige und haut sich damit.

Macht ihr das wirklich? Das tut doch weh!

Katla: Ja, wir machen das auch. Es ist eigentlich bescheuert – aber auf eine gewisse Weise ist es auch sehr finnisch.

Gute Idee, das in einem Song zu verwursteln – finnische Landeskunde unterhaltsam dargeboten …

Katla: Trollhorn (der Schlagzeuger) und Somnuim hatten die Idee dazu. Ich glaube, sie waren betrunken, haha. Sie wollten einen Song aufnehmen, der von zwei Typen handelt, die in der Sauna von einem Troll verprügelt werden – nun das haben wir dann gemacht. Es ist aber der witzigste Song auf dem Album.

Wer sind denn Aamund und Kettil? Sie werden ja von dem Troll in der Sauna überfallen und verprügelt. Gibt es da auch eine nette Geschichte dazu?

Somnium: Ja.

Katla: Nein, eigentlich nicht. Aamund und Kettil sind zwei schwedische Priester aus der Zeit der Kreuzzüge. Es ist keine Legende oder Sage, es ist unsere Erfindung.

Würdet ihr eigentlich sagen, dass „Midnattens Widunder“ ein Konzeptalbum ist – schließlich erzählt es eine Geschichte und es gibt sogar in gewisser Weise ein „Happy End“? Rivfader, der Trollkönig, wird von seinem Schlaf erweckt und macht sich gemäß der Prophezeiung daran, die Christenheit zu bekämpfen. Gemeinsam mit Zwergen und Kobolden führt er Krieg gegen die Menschen, dabei überfallen die Gesellen eben auch jene Sauna. Schließlich siegen die Trolle und feiern ein großes Fest, das damit endet, dass alle friedlich schlummern, da die Pilze mit denen die Speisen gewürzt wurden, eine halluzinogene Wirkung hatten.

Katla: In gewisser Weise ist es ein Happy End, haha. Es war nie als Konzeptalbum geplant – auch textlich nicht. Ich habe erst beim Aufnehmen festgestellt, dass es zusammenpasst. Die Texte ergaben ein Geschichte. Aber wie gesagt, es ist reiner Zufall, dass die Songs letztendlich eine Geschichte erzählen.

Finntroll ist aber schon eine ernsthafte Band, oder?

Katla: Ja, sicher.

Nun mancher könnte auf die Idee kommen, dass Finntroll nur ein Projekt ist – schließlich habt ihr in anderen Bands gespielt und macht das zum Teil noch immer. Besondern in Skandinavien muss man als Musiker wohl in mindestens drei Bands spielen. Was haltet ihr davon?

Katla: Das ist uns ziemlich wurscht. Aber ich will betonen, dass Finntroll kein Witz ist!!

Somnium: Auf gar keinen Fall! Wir nehmen die Sache sehr ernst, es spiegelt unsere Art wider, wir sind wie Finntroll. Finntroll soll auch irgendwie glücklich sein und glücklich klingen. Die Band hat auch einen komischen Aspekt, aber insgesamt ist es eine ernsthafte Band. Es gibt positive Seiten, aber wir können auch sehr gemein und böse sein.

Es wird also weitergehen und auch weitere Alben geben?

Katla: Ja, sicher. Finntroll ist kein Projekt, sondern eine richtige Band. Die meisten von uns haben ihre anderen Verpflichtungen in anderen Bands auch aufgegeben.

Du sagtest vorhin, Finntroll sei eine anti-christliche Band. Wie wichtig sind denn alte heidnische Sagen für euch, euer „Konzept“ könnte schließlich durchaus auf einer alten Legende beruhen.

Katla: Das ist schon von Interesse von uns. Ich hatte aber kein besonders Vorbild für die Texte. Viele Leute fragen mich, ob ich Tolkien mag. Er hat mit meinen Texten aber gar nichts zu tun. Mich haben keine schwedischen oder finnischen Legenden zu meinen Texten inspiriert, sie sind meiner Fantasie entsprungen.

Ich stelle mir deine Trolle allerdings weniger böse als eigentlich ganz knuffig vor – die haben bestimmt auch eine menge Spaß, oder?

Katla: (lacht) ja, damit könntest du recht haben. Das Album drückt viel von der Persönlichkeit der Band und ihren Mitgliedern aus.

Somnium: Stimmt. Wir sind halt so.

Bei Finntroll passt alles zusammen: Albumtitel, Cover, Musik, Intros, Texte – habt ihr euch viele Gedanken darüber gemacht?

Katla: hahaha.. Nein, überhaupt nicht. Wir haben uns zwar in den ersten paar Live-Shows ein Troll-Outfit getragen, mit viel Fell und so Zeug. Dann haben wir aber beschlossen, wieder normal rumzulaufen.

Somnium: Das Image hat sich einfach entwickelt, wir haben da nicht drüber nachgedacht.

Wer ist denn der Rifvader? Ist auch er nur deiner Fantasie entsprungen, oder gibt es da doch ein Vorbild?

Katla: Das ist der König der Trolle – der Name fiel mir halt ein. In Zukunft wird es wohl noch mehr solche Gestalten in meinen Texten geben – ich hoffe mal, dass mir noch ein paar einfallen, haha. Es ist eine Geschichte über einen alten Fluch, irgendwann wacht der Trollkönig wieder auf und führt Krieg. Ich hatte kein Vorbild zu dieser Person, er fiel mir einfach irgendwann ein.

Du hast es vorhin bereits angesprochen: in der Geschichte zu „Midnattens Widunder“ kommt immer wieder eine anti-christliche Haltung durch. Steht ihr hinter dieser Meinung, oder ist das nur ein Teil der Geschichte, die ihr erzählt?

Katla: Ich denke, jeder in der Band steht für diese Überzeugung. Wenn ich mal für mich sprechen soll: Ich finde, das die christliche Ideologie nicht unbedingt der menschlichen Natur entspricht.

Würdest du sagen, dass diese Einstellung in Skandinavien mehr verbreitet ist als in anderen Gegenden? Schließlich kommen viele satanische oder heidnische Bands aus dem Norden.

Somnium: Nein.

Katla: Ich glaube nicht, dass sich diese Einstellung bei uns konzentriert. Die Ideen hinter Finntroll – Natur, Religion – sind von universeller Natur. Ich glaube, es beschäftigen sich überall ein paar Leute damit.

Die Beschäftigung mit Natur und landestypischen Sagengestalten – von mir aus auch frei erfundenen – hat das etwas mit Patriotismus zu tun?

Katla: Mhm… Nun, die Finntroll-Geschichte hat nichts mit irgendeiner Religion zu tun, und beruft sich auch nicht auf alte Sagen, die uns unsere Eltern erzählt haben. Es steht für diese Pagan-Sache und hat nichts mit Nationalhelden oder alten skandinavischen Göttern zu tun. Bei anderen Bands ist das wohl anders: Amorphis haben die Kalevala (das finnische Nationalepos) als Grundlage für ihre Musik genommen, aber das kann man nicht mit uns vergleichen.

Ihr habt in euere Thanxliste auch Eläkeläiset erwähnt – warum das denn? Weil sie auch Humppa-Musik machen?

Katla: Irgendwie schon. Allerdings hatte ich diese Band erst einmal gehört, als ich begann, Finntroll Songs zu schreiben. Wir haben uns nie überlegt, dass wir jetzt auch Humppa-Musik machen wollen, weil Eläkeläiset das sehr gut machen. Sie sind nun mal eine fantastische Band – besonders live!

Wie bekannt ist denn nun eigentlich dieses Humppa-Zeug in Finnland?

Katla: Nun, es wird langsam altmodisch, es ist nicht mehr so populär wie früher. Diese Musik hat eine lange Tradition. Ich weiß gar nicht genau wie das in Ost-Finnland und Russland ist, aber hier im Westen ist es nicht mehr so angesagt. Aber es klingt halt auch alt und großartig, darum mögen wir es.

Aber deine Texte sind schwedisch – wie kommt das?

Katla: Ich gehöre zu der schwedisch sprechenden Minderheit in Finnland. Als wir den ersten Song geschrieben hatte, dachte ich mir, dass es das beste wäre, die Texte in Schwedisch zu schreiben, weil das meine Muttersprache ist. Wir haben gute Reaktionen darauf erhalten – und werden dabei bleiben. Der Klang der Sprache passt auch gut zur Musik…

Ich fand es sehr interessant, die kurzen Inhaltsangaben zu lesen (zu finden unter www.finntroll.cjb.net) – als ich wusste, worum es in einem Song geht, habe ich ihn auf eine andere Weise gehört, man erkennt die Handlung auch in der Musik, zum Beispiel das Fest der Trolle, bei dem sie sich zusaufen…

Katla: Wir sind auf diese Idee gekommen, weil viele skandinavischen Bands, die sich auf Legenden beziehen, auch eine kleine Übersetzung anbieten. Das macht es auch für Leute, die die Sprache nicht verstehen, interessant.

Kommen wir nun zum Vampster-Fragebogen: Was waren die drei letzten Alben, die euch gut gefallen haben?

Katla: Pain – das gefällt mir wirklich gut. Loreena McKennet und Dio mag ich auch sehr gerne…

Sonmium: Mir hat die letzte Haglaz Runedance gut gefallen, ansonsten mag ich Skyclad sehr gerne. Ich habe eigentlich einen sehr vielseitigen Musikgeschmack.

Ist euch mal was lustiges auf der Bühne passiert?

Ach, ich glaube, damit können wir dienen. Uns passieren viel mehr blöde Dinge als anderen Bands – schließlich trinken wir gerne. Mir fällt aber gerade was anderes ein: Unser Drummer musste während der Aufnahmen zu „Midnattens Widunder“ irgendwelche Antibiotika einnehmen. Er hatte richtige Wahnvorstellungen – später las er im Beipackzettel, dass das Zeug leichte Halluzinationen verursachen kann… hahahhahahaha. Er hatte keine Drogen genommen, wirklich nicht, es war nur das Medikament, das ihn völlig aus der Bahn warf. Wir haben uns ziemlich Sorgen um ihn gemacht, da wir nicht wussten, was mit ihm los war. Er fing einfach ganz plötzlich an rumzuspinnen… Aber es ging ja um Live-Erlebnisse: Wir spielen auch gerne mal nackt und solche Dinge, das ist immer recht spontan, hahaha. Schließlich sind essen und vor allem Bier umsonst bei Konzerten….

Gibt es denn schon Tourpläne?

Katla: Es wurden uns ein paar Touren vorgeschlagen, aber die waren nicht gut – also warten wir auf bessere. Aber ich denke, ihr werdet uns schon noch live erleben…

Gibt es denn Bands, mit denen ihr gerne Touren würdet?

Katla: Nö, eigentlich nicht. Ich finde auch Packages, bei denen die Musik der Bands nicht so zusammenpasst ganz gut..

Somnium: Rockbitch

Katla: hahaha, das wäre sicher interessant.

Wen willst du mal treffen?

Kaltla: Wie?

Wen willst du treffen? Irgendeine Person, tot, lebendig, den Papst…was weiß ich…

Katla: Ach so. Jesus wäre cool, haha…. Elvis. Ja, ich glaube ich will Elvis treffen.

Somnium: Aber der lebt doch noch. Der ist nicht tot.

Ihr habt ihn gesehen?

Katla: Jaja, ein paar Mal. In Helsinki. (kichert sich halbtot)

Was macht er da?

Somnium: Nun, er hängt mit den Typen von Finntroll rum.

Katla: Ja, er ist ziemlich cool. Du glaubst uns nicht, das merke ich schon. Aber ich werde ihn dir irgendwann vorstellen… verlass dich darauf.

Mit dieser Drohung soll hier nun auch das Schlusswort gesprochen sein – es ist zu hoffen, dass die Herren auch in Zukunft etwas Alkohol zu sich nehmen und weitere ungewöhnliche Platten aufnehmen.


andrea
Kümmere mich seit 1999 um Reviews, Interviews und den größten Teil der *Verwaltung*, Telefon-Dienst, Beschwerdestelle, Versandabteilung, Ansprechpartner für alles, Redaktionskonferenz-Köchin...