ERSHETU: Geisterbeschwörung auf der Pyramide von Chichén Itza

Nach “Xibalba”, den Ort der Angst, trauen sich ERSHETU auf ihrem Debütalbum. Das Duo Sacr (Komponist und Multiinstrumentalist) und Void (Konzeptualist und Lyriker) holt sich illustre Verstärkung für die Erkundung der berüchtigten Unterwelt der Maya-Kultur. Gitarrist und Bassist Vindsval (BLUT AUS NORD) und Sänger Lars Nedland (BORKNAGAR, SOLEFALD) vervollständigen das Line-Up der Band, die weit entfernt ist vom typischen Symphonic Black Metal und besticht durch eine üppige Soundlandschaft und cineastische Dramaturgie. Wir schnappen uns Fackel und Machete und fragen bei den beiden Hauptakteuren nach.

ERSHETUs Geschichte ist unkonventionell: Geboren als Idee von Lyriker und Konzeptualist Void, tat er sich mit dem Songwriter Sacr zusammen. Wie habt ihr zueinander gefunden?

Void: Sacr und ich sind seit der Oberstufe befreundet. Wir haben die ganze Zeit zusammen abgehangen. Dann hat das Leben uns getrennte Wege gehen lassen, bis wir uns wieder getroffen haben. Es war vorherbestimmt, dass wir etwas zusammen machen würden. Lange Rede, kurzer Sinn: Als ich Sacr wieder traf, hatte er seine Karriere als Komponist von Filmmusiken begonnen, und ich leitete seit einiger Zeit DEBEMUR MORTI PRODUCTIONS. Ich fragte ihn, ob er bereit wäre, an einem gemeinsamen Projekt zu arbeiten, und er war sofort dabei! So seltsam es auch sein mag, ich schreibe keine Musik, habe aber eine sehr klare Vorstellung davon, wie ERSHETU klingen soll. Ich kümmere mich um alle Konzepte sowie die Texte und die allgemeine künstlerische Leitung, während Sacr die gesamte Musik schreibt. Wir treffen uns, hören gemeinsam zu und besprechen, was wir beibehalten können und was nicht, oder was geändert werden sollte, usw. So hat es beim Debütalbum funktioniert und so wird es auch beim zweiten Album sein, das bereits in Arbeit ist.

Bei ERSHETU dreht sich alles um den Tod – oder um Todeskulte, um genau zu sein. Ihr habt mit “Xibalba” begonnen – das Konzept dreht sich dabei offensichtlich über die Maya-Kultur. Das ist eine originelle Wahl, denn diese Epoche wurde bisher nicht allzu oft im Metal-Kontext behandelt. Was ist das Faszinierende an dieser Kultur?

Void: Ich bin mir nicht sicher, ob dieses Thema nicht schon häufig verwendet wurde. Ich glaube, die Mayas sind eine faszinierende Zivilisation für viele Leute, besonders in der Metal-Szene. Es war eine natürliche Wahl, mit diesem Thema zu beginnen, denn sowohl Sacr als auch ich sind seit Jahren davon fasziniert. Wir fühlen uns von dieser Welt angezogen und wollten uns zuerst damit beschäftigen.

Welche Quellen hast du benutzt, um in diese Todeskulte einzutauchen? Hast du viel darüber gelesen, und war es schwierig, diese antike kulturelle Welt in Texte zu übertragen?

Void: Ich habe alle Arten von Quellen verwendet, Bücher, Zeitschriften, Videos, etc. Alles, was es wert war, gelesen oder gesehen zu werden, haben wir genutzt, um in die Materie einzutauchen und so viele Informationen wie möglich aufzunehmen. Aber wir wollten keinen Dokumentarfilm über die Mayas machen, wir möchten den Hörer auf eine Reise mitnehmen. Ich sehe das Album als Filmmusik zu einem nicht existierenden Film. Ein Film, den man sich selbst im Kopf ausdenken kann, während man das Album anhört.

“[…]zeitintensiv […] ist die historische, musikalische und kulturelle Recherche, schließlich muss man die richtigen Instrumente finden und auswählen – und man muss sie mit den Gitarren und allem anderen zum Klingen bringen.” – Komponist Sacr über die Besonderheiten beim Komponieren für ERSHETU.

Es gibt eine Menge World-Building in der Musik, “Xibalba” lässt den Hörer sofort in dieses dunkle Reich eintauchen und klingt dabei sehr authentisch. Habt ihr neben den Texten auch traditionelle und originale Maya-Melodien verwendet?

Sacr: Die gesamte Musik auf “Xibalba” wurde für dieses Album komponiert. Ich denke, die Hörer werden in die Welt der Maya durch die Arrangements und die verwendeten Instrumente versetzt. Es gibt einige epische Melodien und einige Inspirationen aus ihrer kulturellen Musik (ich denke besonders an das Finale von “Cult Of The Snake God”), aber die Arrangements haben viel damit zu tun. Die Strukturen der Songs sind auch nicht “konventionell”. Es funktioniert wie mehrere Filmszenen, die aufeinander folgen. Das ist der Vorteil, wenn man in der Welt des Kinos arbeitet – alles ist möglich. Das Ziel war es, den Hörern eine Richtung vorzugeben und sie eintauchen zu lassen oder sie zumindest zu begleiten. Auch die Arbeit die Lars geleistet hat, ist einfach unglaublich! Er hat die Texte von Void nicht nur interpretiert, wenn man genau hinhört verkörpert er sie! Es wirkt, als ob er auf der Spitze der Pyramide von Chichén Itza steht und die Geister beschwört!

Anders als beim typischen Symphonic Extreme Metal führen die Synthesizer und nicht die Gitarren. Kommt das von der Tatsache, dass Sacr der Hauptkomponist ist?

Void: Synthesizer? Es sind hauptsächlich Flöten, Streicher, etc. zu hören. Es wurden keine Synthesizer auf dem Album verwendet. Aber ja, das war eine bewusste Entscheidung. Sacr hat zuerst die gesamte Orchestermusik geschrieben und dann erst die Gitarren hinzugefügt.

Sacr hat einen sehr ausgereiften Kompositionsstil, sodass man seine Erfahrung hören und spüren kann. Soweit ich weiß, ist er neben ERSHETU nicht in der Metal-Szene aktiv. Was sind seine anderen Projekte und wo können wir sie hören?

Void: Sacr hat beschlossen, dass seine anderen musikalischen Aktivitäten vorerst nicht mit ERSHETU in Verbindung gebracht werden sollen, also werden wir keine Informationen preisgeben.

Ich meine, viele musikalische Einflüsse neben der Maya-Musik und dem Metal auszumachen. Die Streicherarrangements klingen bisweilen furchteinflößend – ich dachte zum Beispiel an den berühmten “Psycho”-Soundtrack von Bernhard Herman. Was hat dich musikalisch inspiriert?

Sacr: Danke für den Vergleich! Die Komponisten, die ich bewundere, sind unter anderem John Williams, James Horner, Micheal Kamen und John Barry. Sie sind sehr unterschiedlich, aber ich finde ihre Fähigkeit, sich an die Bilder anzupassen faszinierend! Es gibt eine kleine Geschichte dazu: Ich hörte mir nach dem fünften Song James Horners Arbeit zu “Apocalypto” noch einmal an fand eine gewisse Ähnlichkeit bei den Arrangements, den Flöten und Percussions. Die Einflüsse sind also da, aber nicht immer bewusst.

Apropos, die Maya-Flöte ist auf dem Album sehr präsent und verleiht der Musik eine gewisse Authentizität. Wer hat sie eingespielt?

Sacr: Das war ich.

Das Album ist sehr dicht und folgt einer Geschichte, anstatt eine Sammlung von Songs zu liefern. Dennoch gibt es einige sehr einprägsame Momente, wie in “From Corn To Dust”. Ich denke hier an das Songwriting von Symphonic Black Metal-Legenden wie LIMBONIC ART – ist das auch ein Background von ERSHETU?

Void: Ja, in der Tat. Wie ich schon sagte, ist das Album wie die Filmmusik eines nicht existierenden Films, also war es eine Entscheidung, es zu einem kohärenten Ganzen zu machen. Man kann sich die Tracks einzeln anhören, aber die ganze Magie entsteht meiner Meinung nach erst, wenn man das ganze Album in seiner Gesamtheit spielt.

“Ich schreibe keine Musik, habe aber eine sehr klare Vorstellung davon, wie ERSHETU klingen soll.” – Konzeptualist und Lyriker Void prägt ERSHETUs Musik deutlich.

ERSHETU haben Vindsval und Lars Nedland im Line-Up. Beide Musiker sind in der Metal-Szene sehr bekannt und ziemlich ausgelastet. Musstet ihr viel Überzeugungsarbeit leisten, damit sie bei ERSHETU mitmachen, oder waren sie sofort an Bord?

Beide waren begeistert, nachdem sie sich die Demos angehört hatten. Es war keine intensive Überzeugungsarbeit nötig. Das hätte auch keinen Sinn gehabt, denn wir haben sie nicht wegen ihres “Ruhms” engagiert, sondern weil wir sie an dem Projekt beteiligen wollten.

Der Schlagzeuger wird als Inza Roca angegeben, doch in der Spotify-Biografie heißt es, dass Vindsval auf “Xibalba” Schlagzeug gespielt hat. Wer ist also Inza Roca und gibt es ihn wirklich?

Void: Du weißt ja, wie das ist, Pläne ändern sich im Laufe der Zeit. Natürlich gibt es Inza Roca, den Schlagzeuger.

Hat Vindsval es genossen, hier anders arbeiten zu können, als bei seinen anderen Projekten? Diesmal spielte er zwar Gitarren und Bass ein, überließ die Komposition jemand anderem – war es also eine Art “Entspannung” für ihn?

Void: Ich glaube, es war sowohl interessant und als auch eine Herausforderung für ihn. Interessant, weil es völlig anders klingt als das, was er mit BLUT AUS NORD (oder eines seiner anderen Projekte) zu tun pflegt, und auch, weil er ausnahmsweise mal nicht die Musik geschrieben hat. Ich nehme an, dass er diese Arbeitsweise zu schätzen wusste, da er sagte, dass er auch bei Album Nummer zwei mitmachen würde!

Lars Nedlands Stimme passt hervorragend zur Musik, sie ist episch und kraftvoll, manchmal kämpft er mit den opulenten Songs, manchmal spielt er mit den Instrumentalstücken. Hat er sich an eurer Komposition orientiert oder hat er seine Vocals selbst entwickelt?

Void: Lars bekam zu 100% Freiraum, was man auch auf dem Album hört. Wir glauben, dass es genau so gut war. Nur so konnte er seine eigene Seele (und Stimme) in das Album einbringen. Das Einzige, worum wir ihn, irgendwann gebeten haben, war ein paar härtere Vocals hinzuzufügen, aber ansonsten ist alles sein eigenes Handwerk!

Wenn ich mich nicht irre, hat Void vor Jahren in einigen Projekten selbst Bass gespielt. Wie stehen die Chancen, dass du auf dem nächsten Album wieder zu einem Instrument greifst?

Void: Das ist richtig. Aber ich habe vor Jahren auch in meinem eigenen Soloprojekt Gitarre gespielt. Aber es ist aus Zeitgründen sehr unwahrscheinlich, dass ich wieder ein Instrument spielen werde. Ich muss mich bereits um viele Dinge kümmern und ich fürchte, dass ich ERSHETU so nur ausbremsen würde. Ich konzentriere mich viel lieber auf die Konzepte, Texte und die künstlerische Leitung.

Wie funktionierte das Songwriting? Ich nehme an, ihr habt viel Filesharing betrieben, richtig? Hat sich Sacr von Voids Texten inspirieren lassen, der im Anschluss das Grundgerüst der Songs schrieb und sie an Vindsval und Drummer Inza Roca schickte und dann alles gesammelt nach nach Norwegen zu Lars geschickt?

Void: Sacr hat das gesamte Album komponiert (beginnend mit den orchestralen Teilen). Dann wurde alles zu Vindsval geschickt, um es in seinem Studio neu aufzunehmen. Ich schrieb die Texte ohne direkten Bezug zur Musik. Als alles fertig war, schickten wir es zu Lars nach Norwegen, damit er die Vocals aufnehmen konnte. Nach der Fertigstellung kam das Gesamtpaket zurück zu Vindsval zum Abmischen und schließlich zu Bruno (Varea, Upload Studios – Anm d. Verf.) zum Mastern.

Wie zeitaufwendig war das Songwriting generell und wie lange dauerte es von den ersten Ideen bis zum fertigen Album?

Sacr: Ehrlich gesagt, hat es sehr lange gedauert hat, bis wir überhaupt angefangen haben. Unser Ziel war es, die Dinge anders zu machen. Void und ich wollten keine unnötigen Riffs und auch keine klassischen Metal-Riffs mit Geigenschichten, die die Basis untermalen – auch wenn ich persönlich absolut nichts dagegen habe! Daher die Idee, zuerst cineastisch zu komponieren und dann Bass, Schlagzeug und Gitarren hinzuzufügen, wie Void es schon beschrieb. Das braucht mehr Zeit. Ein weiterer Schritt, der zeitintensiv ist, ist die historische, musikalische und kulturelle Recherche, schließlich muss man die richtigen Instrumente finden und auswählen – und man muss sie mit den Gitarren und allem anderen zum Klingen bringen. Es dauerte also mehr als ein Jahr, vielleicht sogar anderthalb Jahre, zwischen dem der Idee von Void und dem fertigen Album-Demo. Aber für das nächste Album geht es viel schneller, da die Grundidee von ERSHETU feststeht.

“[…]es ist aus Zeitgründen sehr unwahrscheinlich, dass ich wieder zu einem Instrument greifen werde.” – Void prägt ERSHETU weiterhin vom Regiesessel aus.

Die digitale Version auf Bandcamp kommt mit der instrumentalen Version als Bonus. Die Musik klingt auch ohne Lars’ Vocals immer noch sehr opulent und funktioniert gut. War das der Grund, warum ihr diese Instrumentals hinzugefügt habt?

Void: Wir haben die Instrumentalversion beigelegt, weil wir dachten, dass es eine interessante Interpretation des Albums ist. Wie du schon bemerkt hast, ist die vollständige Orchestrierung sehr wichtig bei ERSHETU und wir waren der Meinung, es wäre schön, eine Instrumentalversion des Albums zu teilen.

Maciej Kamuda, der recht häufig Artworks für DEBEMUR MORTI-Releases zeichnet, hat ein hervorragendes Cover für das Album geschaffen. Es sieht sehr authentisch aus, hat aber dennoch einen frischen Stil. Er scheint ein sehr breites Spektrum zu haben. Wie war die Arbeit mit ihm?

Void: Die Arbeit mit Maciej ist immer wieder erstaunlich, denn er ist wie wir: Er legt wert auf Details und will immer das bestmögliche Ergebnis erzielen. Er liebt es, seine eigenen Fähigkeiten herauszufordern und etwas Erstaunliches zu schaffen. Es ist immer ein Vergnügen, mit Leuten wie Maciej zu arbeiten, weil sie es schaffen, ein Stück Kunst zu vervollständigen und zu einem Gesamtwerk werden zu lassen.

Das Bandlogo gefällt mir auch sehr gut, denn es ist sehr komplex und weit entfernt von stereotypen Logos. Wer hat es entworfen?

Void: Unser Logo und das Siegel wurde von View From The Coffin gestaltet. Same here, er ist ein erstaunlicher Künstler, der in Dinge eintaucht, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen! Er hat umfangreiche Nachforschungen über den Ursprung von ERSHETU angestellt, um ein passendes Logo anfertigen zu können. Ein sehr empfehlenswerter Künstler!

Wird die Reise in Richtung Tod also bald weitergehen? Wie weit sind die Pläne für das zweite Album vorangeschritten, und ist schon klar, welchen lyrischen und musikalischen Weg ihr einschlagen werdet?

Void: Auf jeden Fall! Zum jetzigen Zeitpunkt können wir sagen, dass wir bereits vier fertige Tracks für Album Nummer 2 haben und ein fünfter und sechster Song sollten bald folgen. Wir werden an einen anderen Ort reisen, völlig anders als “Xibalba” und wir freuen uns darauf, wenn wir mehr Details darüber enthüllen können. Wir haben sogar schon angefangen, Ideen für das dritte Album zu sammeln! Die Ideen sind da, also bleibt dran, wenn ihr mit uns reisen wollt!

Vielen Dank für eure Zeit! Wenn ihr noch etwas mitteilen möchtet, hier ist die Gelegenheit.

Void: Danke, dass du dir die Zeit genommen hast, unsere Musik zu hören und in die Details einzutauchen! Wir möchten uns bei allen bedanken, die das hier lesen und unsere Musik hören. Wenn es euch gefällt, teilt es mit euren Freunden und zögert nicht, uns eine Nachricht zu schicken, wie ihr euch fühlt, wenn ihr ERSHETU hört. Das würde uns viel bedeuten!

Sacr: Vielen Dank für dein Interesse an unserer Musik, so etwas ist immer sehr berührend!

Bildmaterial (c) Debemur Morti Productions

 

 

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