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APOCALYPTICA: Nackt und bloß vor dem Publikum?

APOCALYPTICA: Nackt und bloß vor dem Publikum?

Eine Überraschung der angenehmen Art: Trotz durcheinandergewirbeltem Zeitplan stellte sich Eicca, Chefcellist bei APOCALYPTICA, als ungemein netter und ehrlicher Kerl heraus, und das, obwohl er seine geplante Ruhepause zwischen Abendessen und Auftritt für dieses Interview opfern musste. Es schien ihn aber nicht weiter zu stören, und so stand er allürenfrei und bereitwillig Rede und Antwort. Und auch wenn die Zeit viel zu schnell verstrich und etliche Fragen unbeantwortet bleiben mussten, hatte der Finne Interessantes zum neuen Album, zu Instrumentalmusik, zu den Single-Auskopplungen und dem Erwachsenwerden zu berichten.

Als ich Reflections zum ersten Mal gehört habe, war ich schon etwas enttäuscht. Irgendwie klang das Album nicht so, wie ich es nach den anderen Veröffentlichungen gerne gehabt hätte. Durch die Schlagzeugpart war das Besondere, das APOCALYPTICA immer dadurch hatten, dass sie ausschließlich mit vier Cellos aggressive und dunkle Songs spielen konnten, verloren. Es ist wohl immer schwer für Fans, einer Band zu folgen, wenn diese sich entwickelt.

Ja, aber wir sind nicht verantwortlich für das, was andere Leute denken – das muss jeder mit sich selbst ausmachen. Unsere größte Motivation ist es, unsere Ideen umzusetzen. Wir denken nicht an die Fans, wir machen APOCALYPTICA hauptsächlich für uns selbst. Wir wollten keine Coversongs aufnehmen, also haben keine eingespielt. Das heißt nicht, dass wir gar keine mehr machen wollen. Für Reflections hatten wir andere Ideen, zum Beispiel mehr Perkussion zu verwenden. Und diese Ideen konnten wir verwirklichen.

Alle Bands müssen sich mit den Erwartungen von alten Fans auseinandersetzen, das ist kein APOCALYTICA-spezifisches Problem, Wenn ein Musiker etwas Neues macht, mögen es die Hardcorefans meist nicht besonders. Mir geht es nicht anders:„…And Justice For All“ war das letzte Album von METALLICA, das mir wirklich gut gefallen hat. Alles, was danach kam, ist auch gut, aber na ja… Ich kann aber auch sehr, sehr gut verstehen, warum METALLICA heute andere Musik machen. Es interessiert sie nicht, was andere denken. Es ist wichtig und richtig für sie, für die Musiker, etwas Neues zu machen. Wenn man immer und immer wieder dasselbe aufnimmt, geht irgendwann die Motivation, Musik zu machen, flöten.

Nun, bei APOCALYPTICA ist der Stilbruch ja auch bei weitem nicht so krass – und wenn man Reflections eine Chance gibt, wird man zwar mit sehr viel Neuem konfrontiert, man erkennt aber auch das wieder, was APOCAYPTICA bislang ausgemacht hat. Toreador” vom „Inquisition Symphony“ Album war sehr rau, sehr kraftvoll. Die neue Version „Toreador II“ von Reflections ist viel ausgearbeiteter, viel raffinierter. An diesen Songs kann man die Entwicklung von APOCALYPTICA ganz gut verfolgen: Weg von roher Kraft und Aggression hin zu komplexeren Arrangements.



Das neue Album ist mehr auf die Musik konzentriert. Früher orientierten wir uns an unseren Instrumenten an den Möglichkeiten, die uns die Cellos bieten. Die ersten beiden Alben waren geprägt von den Cellos und von Coverversionen. Man kann mit Cellos Metalsongs spielen, das wollten wir zeigen. Heute schreiben wir eigene Songs, die natürlich so gut wie möglich werden sollen. Und wenn wir dazu ein Klavier oder Schlagzeug brauchen, dann verwenden wir eben ein Klavier oder ein Schlagzeug. Solange es dem Song dient, steht es uns frei, andere Wege zu gehen.

Auch das Songwriting hat sich entwickelt. „Harmageddon“ war der erste Song, den ich für APOCALYPTICA geschrieben habe. Seitdem habe ich sehr viele Titel geschrieben und arrangiert, bei jedem einzelnen habe ich etwas dazugelernt. Wir können heute die Möglichkeiten, die wir mit vier Cellos haben, viel besser nutzen und wir können auch andere Instrumente integrieren. Ich finde, die eigenen Songs klingen viel interessanter als die Coverversionen. Ich sage nicht, dass sie besser sind, aber sie sind besser auf unsere Möglichkeiten abgestimmt als Metalsongs, die für ganz andere Instrumente geschrieben worden sind. Auf Reflections findest du viel mehr Melodien, eben weil die Songs für Cellos und somit für die Möglichkeiten, die du auf einem Cello hast, geschrieben worden sind. Ich kann die Möglichkeiten voll ausnutzen, deshalb sind die Melodien wohl auch das Auffälligste an Reflections

Hängt die Konzentration auf die Melodien vielleicht auch damit zusammen, dass ihr euch nicht mehr so sehr auf den Rhythmus konzentrieren musstet, da bei etlichen Songs Schlagzeug und Perkussion dafür zuständig ist?

Anfangs war gar nicht klar, dass wir einen Schlagzeuger dabei haben werden. Wir wollten zwar die rhythmische Seite der Songs verstärkt mit anderen Instrumenten betonen, waren uns anfangs aber nicht sicher, ob wir programmierte Drums oder richtige benutzen sollten. Es stellte sich aber schnell heraus, dass einige Songs einfach normales Druming brauchen, um komplett zu sein. Anfangs hatten wir Bedenken; wir hatten Angst, dass die Titel dann nicht mehr nach uns, also nach vier Cellos, klingen, oder nach Schlagzeug, Bass und Gitarre. Außerdem wollten wir auch nicht, dass unser Sound mit dem eines bestimmten Schlagzeugers gemischt wird. Oder dass die Songs mit einer Gitarren/Bass Besetzung besser klingen würden – wir sind jetzt aber sicher, dass wir unseren Sound beibehalten haben. Die Songs sind einfach runder und stimmiger, und natürlich haben wir andere Möglichkeiten, wenn wir uns nicht mit unseren Cellos um das „Schlagzeug“ kümmern müssen.

Dennoch ist es interessant, dass man auch bei typischen Apocalyptica-Songs Riffs hören kann, die irgendwie auch von einer Gitarre stammen könnten. Man kann auf gewisse Weise Instrumente auch austauschen und dasselbe Feeling erzeugen…

Das haben wir ja lange genug gemacht. Wenn wir heute „Master of Puppets“ spielen haben wir ein komisches Gefühl. Ja, wir fühlen uns unwohl dabei. Das liegt einfach daran, dass wir mittlerweile mehr und mehr eigene Songs spielen, die für ein Cello geschrieben sind – sie sind deshalb einfacher zu spielen. Wir können die eigenen Sachen viel besser und schneller spielen als Covers. Mit wachsender Erfahrung können wir auch unseren älteren Stücken mehr Tiefe geben. Man kann Songs durchaus auf Cello umschreiben, das haben wir bewiesen – aber wir haben auch bemerkt, dass man dabei viel verschenkt und sich limitiert.

“Inquistion Symphony“ und Cult hatten für mich mehr atmosphärische Tiefe als Reflections – was einfach daran liegen mag, dass beide Alben überwiegend eine Stimmung transportierten: Aggression und Dunkelheit. Reflections besteht aus vielen verschiedenen Songs, die unterschiedliche Gefühle ausdrücken. Das macht das Album zwar eingängiger, da ein bisschen von allem dabei ist, aber es wirkt auf mich auch oberflächlicher.

Reflections ist einfach bunter. Wenn man die Musik auf Filme überträgt, wäre Cult ein Schwarz-Weiß-Film und Reflections ein Farbfilm. Wenn du älter wirst, kommt auch mehr Farbe in dein Leben. Es gibt mehr als nur Schwarz und Weiß wie in deinen Teenager-Tagen. Wir legen sehr viel Wert auf Kontraste – bei allem. Ich will Dir auch erklären warum, es ist ein ganz einfaches Prinzip: Eine entgegengesetzte Kraft verstärkt. Wenn es nur Härte gäbe, käme sie nicht zu Geltung – es braucht auch ruhige, sanfte Momente, um die Härte zu betonen. „Cortége“ zum Beispiel hat sehr harte Parts, aber auch ruhige. Es gibt keine einheitliche Stimmung auf Reflections , es ist eher ein Auf und Ab.

Gerade „Cortége“ verbindet für mich „Master Of Puppet“-inspiriertes Thrash/Speed Riffing mit dramischen Gothicparts – allerdings ohne Bruch.

Ja, genau darum geht es – Vielseitigkeit, die aber immer einer Linie folgt. Das ist, was wir wollen – daran kann man auch sehen, dass wir erwachsen geworden sind. Wenn ich an Liveshows denke, die zwei, drei Jahre zurückliegen, dann fällt mir auf, dass wir damals viel aggressiver waren als heute. Aber es war auch langweilig – man kann nicht nur böse sein, man muss auch lachen können. Es hat keinen Sinn, Angst zu zeigen, ohne welche zu verspüren, es ist nicht ehrlich. Das sieht man auch an den neuen Setlists – es gibt noch die ganz harten, aggressiven Stücke. Doch diesen Songs stehen ruhige Nummern gegenüber. Oder einer macht einen Witz, auch dadurch wird die Stimmung aufgelockert. Abwechslung ist das wichtigste.

Ich habe euch jetzt schon einige Male live gesehen und war bislang immer überrascht, mit welcher Intensität ihr Aggression vermitteln könnt – teilweise empfand ich APOCALYPTICA Shows als aggressiver und kraftvoller wie die Auftritte mancher Death Metal Bands.

Ich war schon oft enttäuscht von Bands, bei denen ich dachte, sie seien live wirklich mächtig. Bei CANNIBAL CORPSE zum Beispiel habe wirklich gelangweilt, sie strahlten keine Härte aus. Vielleicht versuchen solche Bands zu sehr, aggressiv zu wirken. Es wird schnell langweilig, wenn man nur ein Gefühl ausdrücken will.

Deshalb versuchen wir, mit unserer Musik unsere Gefühle auszudrücken – das was wir wirklich empfinden. Wir wollen niemandem etwas vorgaukeln. Jeden Abend, egal ob wir wie im Malmö vor 200 Leuten spielen oder vor 1500 Leuten wie heute in Stuttgart. Die Musik zählt, nicht die Anzahl der Besucher oder ein aufgesetztes Image. Was auf der Bühne passiert, muss eine Ursache in der Musik haben und nicht in einem Image. Die Kraft und auch das Stageacting muss aus der Musik heraus entstehen und darf nicht einstudiert werden. Wir sind schließlich keine Schauspieler in einem Theater. Die meisten Rockmusiker sind keine Schauspieler, aber bei vielen habe ich den Eindruck, dass sie bei Liveauftritten ein Problem haben: Sie wollen auf der Bühne einfach zu cool sein. Das Überwältigente an einem Livekonzert ist, wenn man eine mentale Nähe zum Publikum aufbaut – das ist für beide Seiten am interessantesten. Wenn Du nackt und bloß vor dem Publikum stehst, und das Publikum dir genauso gegenübersteht, gibt es mehr Überraschungen. Wir glauben, das APOCALYTICA eine sehr intensive Liveband ist – eben weil wir uns nicht hinter toten Masken verstecken.

Zurück zum, aktuellen Album: Reflections wird unter dem Oberbegriff „Cello-Rock“ zusammengefasst und ist wie schon besprochen vielseitiger als das was ihr bislang gemacht habt. Früher stand schon die Aussage „Metal played by four cellos“ im Vordergrund. Hast du das Gefühl, dass man mit Heavy Metal nur eine beschränkte Anzahl an Gefühlen ausdrücken kann?

Nein, auf keinen Fall, Heavy Metal kann alles ausdrücken. Cello-Rock ist einfach nur meine Antwort auf die Frage, was APOCALYPTICA machen. Ich schätze diese Frage nicht, denn man kann sie eigentlich nicht so einfach beantworten. Der Durchschnitt von Reflections kann als Rockmusik bezeichnet werden – nicht als Metal. Es gibt Songs die von Heavy Metal inspiriert sind, aber es gibt auch Songs, die von klassischer Musik oder von Popmusik beeinflusst wurden. Rock ist ein ganz guter Überbegriff für diese Mischung. Allerdings finde ich es furchtbar langweilig, Musik zu kategorisieren, denn in allen Genres gibt es gute und schlechte Musik, die jeder für sich selbst entdecken kann. Ich mag Heavy Metal, ich mag aber auch Popmusik, ich höre viel finnische Rockmusik, alle Genres können für mich alle Gefühle ausdrücken – ich bin in dieser Beziehung sehr offen. Ich mag es auch nicht, wenn Leute sagen, nur Heavy Metal sei gute Musik ist, alles andere sei Schrott. Als wir an Reflections gearbeitet haben, wurde uns bewusst, dass wir oft in die Kategorie Heavy Metal gesteckt werden – das wollten wir aber nicht. APOCALYPTICA kann eine Metalband sein, kann aber auch viel mehr sein. Warum sollen wir uns limitieren? Das ganze ist auch ein Problem, wenn es um Promotion geht – warum werden wir in einigen Ländern noch immer als Metal Band verkauft? Ich denke, dass viel mehr Leute an APOCALYPTICA Gefallen finden könnten. Ich persönlich finde die Metalszene eher langweilig, da nicht viel neues passiert – die besten Alben in der letzten Zeit waren für mich SLAYER, „God Hates Us All“, RAMMSTEIN – Mutter und NAPALM DEATH „Enemy Of The Music Business“, komischerweise sind das alles alte Bands… Wir haben auf dieser Tour auch festgestellt, dass wir ein immer breiter werdenden Publikum ansprechen. Auch wenn noch immer viele Metal Fans da sind, habe ich den Eindruck, dass sie nicht mehr kommen, weil sie METALLICA Fans sind, sondern weil sie APOCALYPTICA Fans sind. Und darüber sind wir natürlich sehr glücklich – denn wir haben immer daran geglaubt, dass APOCALYPTICA auch musikalisch interessant sein können. Es geht nicht mehr darum, dass es eine coole Idee war, Metalsongs mit vier Cellos zu covern. Es geht um unsere Musik.

Bei der Show in Berlin waren auch viele Leute von unserer neuen Plattenfirma Motor da, und einige hatten APOCALYPTICA zum erstem Mal live gesehen – die konnten sich gar nicht genug wundern, dass im Publikum Enkel, Kinder und Großeltern einträchtig zusammenstanden. Wir merken auch, dass immer mehr ältere Leute um die 50 zu unseren Shows kommen.

Paavo hat mir in einem Interview vor etwa 5 Jahren gesagt, dass das Konzept hinter APOCALYPTICA ist, das Cello als Instrument zu entwickeln.

Auf gewisse Art und Weise ja – aber für mich geht es bei APOCALYPTICA zur Zeit darum, mich selbst zu entwickeln. Das macht diese Band interessant für uns. Mit jedem Album haben wir eine Grenze erreicht. Bislang haben wir es immer geschafft, diese Grenzen mit dem folgenden Album zu durchbrechen. Den Sound, den wir jetzt haben, können wir auch auf den beiden nächsten Alben weiterführen, das Konzept an sich brauchen wir nicht zu verändern, vielleicht können wir die Kompositionen vorantreiben und neue Kombinationen aus verschiedenen Stilen finden. Die Basis von APOCALYPTICA ist mich, dass wir alle Arten von Musik spielen können. Meinetwegen auch Reggae. Es ist faszinierend, etwas vollkommen Neues zu machen, etwas, das man bislang noch nicht gehört hat.

Was kannst du mir zum TOTAL CELLO ENSEMBLE erzählen? Du spielst mit dieser Formation auch Tangos – das passt ja wiederum zu dem, was du eben gesagt hast.

Ja, ich mache wieder bei TOTAL CELLO ENSEMBLE mit, auch Antero (ex-AOPCALYPTICA, sprang bei der Tour aber noch mal als Aushilfscellist ein) spielt dort. Das TOTAL CELLO ENSEMBLE besteht aus sechs Cellos und wir spielen alles… Ich glaube, das Cello ist das einzige Instrument, das in einer Gruppe von gleichen Instrumenten funktioniert. Vier Gitarren können auch sehr gute Musik machen, aber man kann nicht alle Farben damit ausmalen, um mal das Bild von vorhin zu verwenden.

Ich werde allerdings das TOTAL CELLO ENSEMBLE wieder verlassen müssen, da ich mich voll und ganz auf APOCALYPTICA konzentrieren möchte. Schade, denn das Ganze ist eine spannende Sache, und beim TOTAL CELLO ENSEMBLE geht es wirklich darum, das Cello als Instrument zu entwickeln. Zum Beispiel stellen wir ein Formel Eins Rennen akustisch nach – inklusive Dramaturgie: Start, heulende Motoren, quietschende Reifen, Crash, Rettungswagen und alles was dazugehört. Wir können die Geräusche eines Brandes nachahmen, indem wir den Bogen fest auf den Korpus des Instrumentes pressen. Man weckt viel Erstaunen im Publikum, wenn man mit einem Saiteninstrument akustische Geschichten erzählen kann. Die Herausforderung, etwas ganz neues und ungehörtes aus dem Instrument herauszuholen, anzunehmen und zu bestehen, ist wirklich eine besondere Erfahrung. Cello spielen kann Spaß machen. Und es macht Spaß, Leute zu überraschen und ihre Erwartungen komplett zu enttäuschen und stattdessen etwas ganz anderes zu machen. Man kann Leute damit glücklich machen.

Für Dich klingt folgende Frage vielleicht etwas komisch, da dein Hintergrund in der klassischen Musik liegt: Hast du eine Erklärung dafür, warum Instrumentalmusik im populären Bereich weitaus weniger erfolgreich ist als Songs mit Gesang? Mir fallen nicht viele Instrumentalstücke ein, die zu einem Hit wurden – und wenn doch, dann war es meist Filmmusik.

Ich glaube, die Schuld liegt bei den Radioformaten der letzten Jahre. Irgendwie haben sie den Leuten beigebracht, dass nur Musik mit Gesang vollständig ist. Vielleicht sind viele Menschen auch zu ungeduldig für Musik ohne Text und ohne Gesang. Wie du sagtest, ist das für mich schwer zu verstehen, dann klassische Musik besteht überwiegend aus Instrumenten, nicht aus Stimmen.

Vielleicht erleichtert eine menschliche Stimme den Zugang zur Musik – man hat dann etwas sehr vertrautes, etwas, das man selbst auch besitzt, in der Musik. Wenn wir auf der Bühne sitzen und nicht mit dem Publikum sprechen, können wir keine Nähe aufbauen. Es braucht Kleinigkeiten wie Songansagen – sobald wir auf der Bühne reden, fühlt sich das Publikum näher und wir fühlen uns dem Publikum näher. Ohne Stimmen ist eine viel größere Distanz da – ein interessantes psychologisches Phänomen.

Ich finde es verdammt schade, dass so wenig gute Instrumentalmusik geschrieben wird – außer eben Filmmusik. Trance wäre vielleicht auch noch eine Ausnahme. Aber das Problem ist einfach auch, dass man mit Instrumentalmusik kaum Airplay gibt. Die Formate sind einfach zu eng gesteckt.

Ein anderes Problem ist vielleicht auch, dass man sich bei Instrumentalmusik seine eigenen Gedanken machen muss – es gibt keinen Text, an dessen Aussage man sich entlang hangeln kann, um einen Song zu verstehen. Es gibt einen bereits vorgefertigten Weg. Als ich „Path Vol.II“ gehört und den Text von Sandra Nasic durchgelesen habe, war ich erstaunt, was sie in den Song interpretiert hatte – einfach weil ich eine komplett andere Idee dazu hatte.

Das Besondere an unserer Musik ist, dass wir dem Hörer die Freiheit lassen, sich seine eigenen Gedanken zu machen. Das macht die Musik kraftvoller, wir zeigen nicht mit Texten auf etwas. Mit den Texten gibt man eine Idee vor, das wollen wir eigentlich nicht. Deshalb ist es auch sehr schwer für uns, passende Titel für die Songs zu finden. Natürlich wollen wir ein bisschen von dem zeigen, was uns bei diesem Stück bewegt hat. Aber es soll auch ein bisschen rätselhaft bleiben.

Nach allem, was du jetzt über Instrumentalmusik gesagt hast, stelle ich mir jetzt schon die Frage, ob Single-Auskopplungen mit Gesang wie „Path, Vol.II“, „Hope, Vol. II“ oder jetzt „Faraway, Vol. II“ vielleicht nicht doch eine Art Kompromiss sind, um mehr Leute zu erreichen?

Nein, eigentlich sind sie kein Kompromiss. Die Idee zu „Path, Vol II“ kam auf, weil wir für sehr viele andere Künstler gearbeitet haben – wir haben deren Ideen in deren Songs umgesetzt. Damals wollten wir einfach ausprobieren, ob es funktioniert, wenn jemand unseren Song für seine Idee benutzt. Wir haben bis dorthin fünfzehn bis zwanzig Kooperationen gemacht, bei denen wir die Ideen von anderen als Grundlage nehmen mussten. Wir wollten den Spieß einfach mal umdrehen und sehen, was passiert.

Auf Reflections sind viele Songs, bei denen es einfach interessant wäre, zu sehen, wie sie sich durch Gesang und Texte verändern. Es ist geht nicht nur darum, möglichst viele Leute zu erreichen, auch wenn dieser Aspekt eine Rolle spielt. Durch die Singles ist es für uns möglich, Airplay zu bekommen. Und wir wollen, dass möglichst viele Leute APOCALYPTICA kennen – was nicht bedeutet, dass wir soviel Geld wie möglich scheffeln wollten! Es wird eine wunderbare Version von Faraway mit Linda Sundblad von LAMBRETTA geben… Wir suchen uns schon seeeeehr genau aus, mit wem wir Kooperationen machen, wenn es um unsere Songs geht.

Zurück zu den Songtiteln. Ich kenne kaum welche auswendig, da ich mir immer meine eigenen Titel ausdenke. „Faraway“ zum Beispiel hat für mich etwas tröstendes, deshalb würde ich den Song eher „Hope“ benennen – der Song „Hope“ vom Cult Album drückt wieder etwas ganz anderes für mich aus.

„Faraway“ bedeutet für mich, irgendwo anders zu sein, als man eigentlich sein möchte. Ich bin nicht bei Menschen, die mir viel bedeuten – es geht um das Gefühl des Vermissens, um die Sehnsucht nach etwas, das gerade nicht da ist. Aber ich kann mir vorstellen, wie es wäre dort zu sein. So wie wenn ich zum Beispiel im Bus unterwegs bin auf Tour und mir vorstelle, was meine Kinder zur Zeit wohl machen, wie es ihnen geht. Aber sie sind weit, weit weg… deshalb „far way“. Aber es ist ein warmes Gefühl, und es tröstet auch ein wenig… Bei „Cohkka“ habe ich ein ganz bestimmtes Bild im Kopf – ein Bild der Tundra in Lappland, das Bild einen hohen Berges. Für mich symbolisiert der Song, dass es Dinge im Leben gibt, die einfach passieren müssen. Dinge, die passieren werden und an denen Du nichts ändern kannst. Es gibt Dinge, die man tun muss – egal wann. Es gibt mir das Gefühl, vor etwas Unaufhaltsamen zu stehen, du fühlst dich ganz klein und unwichtig.

Auf Reflections gibt es einen Song namens „Epilogue (Relief)“ der aus einer Bühnenbearbeitung von Dostojewskis Schuld und Sühne stammt. Ist es nicht ein vollkommen andere Art zu komponieren, wenn man bereits eine Geschichte hat und dazu Musik schreiben muss?

Es war eine interessante Erfahrung, die Musik für dieses Stück zu schreiben. Es war auch eine komplett neue Erfahrung für mich, mit jemandem anderem zusammenzuarbeiten. Das war ich nicht gewohnt – ich musste das machen, was der Regisseur wollte. “Epilogue (Relief)“ beschreibt die letzte Szene, in der nicht gesprochen wird, ein schönes, ergreifendes Schlussbild. Aber ich musste die Musik auf das Bild abstimmen, das war neu für mich. Na ja, und dem Regisseur musste es auch gefallen, haha. Ich hatte ein Angebot für ein weiteres Dostojewski Stück mit demselben Regisseur zusammenzuarbeiten, aber ich musste gestern absagen – mir fehlt einfach die Zeit dazu. Schade, denn ich hätte es gerne gemacht. Aber man muss im Leben Entscheidungen treffen.

Interview: vampiria

Fotos: boxhamster

andrea
Kümmere mich seit 1999 um Reviews, Interviews und den größten Teil der *Verwaltung*, Telefon-Dienst, Beschwerdestelle, Versandabteilung, Ansprechpartner für alles, Redaktionskonferenz-Köchin...