ALCEST: Ein Wald ist eine komplett andere Realität

ALCEST: Ein Wald ist eine komplett andere Realität
 
Selbst bei ALCEST, deren Musik eher in ruhigeren Gefilden residiert, ist das Leben der Musiker bisweilen hektisch. Die Franzosen wollen offenbar so viele Menschen wie möglich mit ihren Klängen erreichen, ergo gingen ALCEST auch zwei Mal auf Tour in etwas mehr als einem Jahr. Müdigkeit dürfte hier kein Fremdwort sein, und das Komponieren neuer Musik gestaltet sich schwierig. Trotzdem nahme sich Neige während der Europatour beim Gig im Sounddock Dietlikon (Schweiz) etwas Zeit zum Fragenbeantworten – bevor die Bühne ihn als Live-Bassist für LES DISCRETS und als ALCEST-Fronter wieder zu sich rief…

Da dies der letzte Gig der ALCEST-Europatour ist, würde ich gerne wissen, wie du denn den Rest der Tour erlebt hast…
Es gibt zwei oder drei Dinge, die mich stark beeindruckt haben während dieser Tour. Erstens hatten wir nicht erwartet, dass die Shows so erfolgreich wären. Fast jeden Abend war es voll, viele Venues waren ausverkauft und die Menschen waren so enthusiastisch und nett, so voller Leidenschaft. Zweitens hat es mich überrascht, wie krass es für mich war, für zwei Bands zu spielen. Ausserdem war es während dem ersten Teil der Tour extrem kalt. In Österreich war es Minus 15 und alle froren in dem Bus. Und dann wurden wir alle krank und sehr müde.
Drittens waren die positiven Vibes auf dieser Tour beeindruckend für mich. Es war die Freundschaftstour. Diese Bands sind extrem eng befreundet, wir kennen einander seit zehn bis fünfzehn Jahren. Deswegen war es eine Tour mit vielen, sehr guten Emotionen. 
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Gab es Gigs, die ganz speziell für euch waren?
An drei oder vier kann ich mich grad spontan erinnern: London, ganz klar, weil wir es lieben, in London und in England zu spielen. Dann Paris, denn ich hätte vor ein paar Monaten niemals erwartet, dass so viele Leute in Frankreich an ein Konzert von ALCEST kommen würden. Normalerweise ist es in Frankreich so, dass die Leute sich nicht für uns interessieren. Und Paris war unglaublich, weil ich nicht erwartet hätte, dass die Leute so nett zu uns wären.
Es hat mich berührt, in meiner Heimatstadt zu spielen und zu sehen, dass die Leute ALCEST sehen wollen. Der gestrige Gig in Oberhausen war ebenfalls verrückt gut, fast 600 Leute und bei uns lief spielerisch alles glatt. Ich denke, die Shows in Hauptstädten sind am besten – viele Leute, gute Venues, gute Bedingungen.
Ihr wart ja auch auf einer Amerikatour mit ENSLAVED. Wie lief es dort für euch?
Sehr gut, ENSLAVED sind sehr professionell. Auf der Tour lief alles glatt und niemand war müde, da wir nur ein kurzes Set spielten.
Vielleicht weisst du, dass wir auch noch in Australien und in China auf Tour waren für zweieinhalb Monate. Das war eine sehr prägende Erfahrung. Wir spielten 12 Shows in China und wir sahen so viele Leute, die zu unseren Shows kamen. Bezüglich China hatten wir gar keine Erwartungen, aber die Leute hatten unsere T-Shirts und unsere CDs.
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Was sind deiner Meinung nach die Unterschiede auf Tour zwischen Europa, Amerika und China?
Ich denke, in Europa herrscht am ehesten eine Metalroutine. So viele Shows, so viele Bands, so viele Metalheads. Die Leute sind es sich gewöhnt, an Konzerte zu gehen und die Venues sind routiniert im Buchen von Bands. Es gibt sozusagen keine Überraschungen mehr. Das Gute für ALCEST daran ist, dass wir ein sehr durchmischtes Publikum haben. Es hat Metalheads, Postrocker, Rocker, Alte, Junge, viele verschiedene Leute. Ich bin sicher, es hat sogar einige Hiphopper an den Konzerten, so vermischt ist das Publikum. Und es ist ein Publikum ohne Scheuklappen.
Die USA sind sehr gut, denn die Leute sind sehr aufmerksam. Es ist wirklich wichtig für sie, was auf der Bühne abgeht. Sie gehen nicht nur an Konzerte, um Party zu machen und zu Bier zu trinken. Und die Leute in den USA sind sehr freundlich und extrem unterstützend.
In einem Land wie China haben die Menschen keinen Zugang zu Medien. Sie haben weder Facebook noch Youtube. Also ist das Besuchen von Metalshows etwas sehr Neues für sie und sie sind sehr enthusiastische, nette und respektvolle Leute.
Interessant. Gab es bei euren letzten Touren Opener, die dir geblieben sind?
In den USA waren wir mit JULIUS unterwegs, die Post Rock spielen. Eine exzellente Band, sehr sehr gut. In Australien waren wir mit HEIRS unterwegs, die eine Art Industrial Post Punk machen. HEIRS hatten uns damals eingeladen, mit ihnen in Australien auf Tour zu gehen. Sie haben sich um alles gekümmert und wollten, dass wir eine tolle Tour haben. Sie haben uns auch viel Essen gekauft und waren so wahnsinnig nett zu uns. Jetzt sind sie wie Brüder für uns.
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Kommen wir zu eurem aktuellen Album Les voyages de l`âme. Wie würdest du das Album jemandem beschreiben, der es noch nicht gehört hat?
Ich würde sagen, dass es eine Zusammenfassung ist von allem, was ich bis jetzt gemacht habe. Es ist ein grosses Paket davon, was ALCEST für mich ist. Eine Zusammenfassung sowohl bezüglich Musik wie auch Konzept. Ich bin an meine eigenen Grenzen gekommen, jetzt muss ich etwas ändern, es ist also eine Art Übergangsalbum. Bezüglich Gefühl denke ich, dass es ein Album wie aus einer anderen Welt ist, verträumt, abgespaced und erleuchteter als das Vorgängeralbum.
Da du sowohl Kreisch- wie auch cleane Vocals live übernimmst, stellt sich die Frage, ob das Performen der cleanen Vocals schwieriger wird für dich live? 
Ja, schon, denn die harten Vocals, die ich mache, sind nicht ohne. Ich muss mich selber dazu pushen, und natürlich beeinflusst das meine cleanen Vocals. Ich weiss noch nicht, ob ich die harten Vocals heute Abend mache, denn ich bin krank (Anm.: Er sang sie trotzdem für Percàs de Lumière). 
Auf Les Voyages de l`âme”hat es nur zwei Parts, in denen klassische Black Metal-Vocals zum Zug kommen. Habt ihr das extra gemacht, um ALCEST von der mit dem Black Metal-Stil verbundenen Negativität zu distanzieren?
Ja. Mindestens auf den nächsten zwei Alben wird es keine schwarzmetallisch-harte Vocals geben. Ich möchte wirklich von der Metalschubladisierung wegkommen und andere Dinge ausprobieren.
Hast du in dem Fall das Gefühl, dass der Black Metal-Vocals Stil nicht mehr hilfreich ist dafür, die Gefühle auszudrücken, die du ausdrücken willst in deiner Musik?
Exakt. Ich weiss, dass die Leute die Black Metal-Vocals sehr mögen. Sie wollen immer, dass ich schreie. Ich weiss das und ich verstehe es, weil ich auch mag, wie es klingt. Aber für ALCEST, für diese Band – nun, es bringt einfach nicht rüber, was ich ausdrücken will. Für andere Projekte könnten Schreivocals gut sein, aber ALCEST ist viel erleuchtender.
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Leider liegt mir das neue Album nicht als Hardcopy vor, doch auf Metalarchives.com findet man eine Übersetzung der Lyrics ins Englische. Ist diese Übersetzung da, um euer Konzept auch Nicht-Französischsprechenden zu erklären? Und werdet ihr in Zukunft Übersetzungen eurer Texte ins Booklet aufnehmen?
Diese Übersetzung ist nur in der Artbook Edition drin.
Ich nehme mal an, dass da bestimmte Gründe dahinterstecken.
Yeah, es ist für reiche Leute, haha!
Im Ernst jetzt, die Übersetzung ist deswegen drin, weil ich online zu viele schlechte Übersetzungen meiner Lyrics gesehen habe und ich nunmal eine gute Übersetzung vorziehe. Natürlich will ich, dass die Menschen meine Texte verstehen, aber wie ich schon früher gesagt habe: Wenn die Leute meine Texte wirklich verstehen wollen, müssen sie sich halt nach Übersetzungsmöglichkeiten umsehen. Und ich kann weiterhin auf Französisch singen.
Es ist ausreichend dokumentiert, dass du die Inspiration für das Konzept von ALCEST an Kind gehabt hast. Denkst du, dass der Geist von Kindern weniger eingeschränkt ist durch das, was wir als “Realität” klassifizieren?  Sprich die Realität, die den Kindern durch Erwachsene gelehrt wird? Sind Kinder offener gegenüber solch nicht-realen Erfahrungen?
Das ist genau das, was ich denke. Ich glaube, dass man als Kind – keine Ahnung, ob es etwas mit deinem Körper oder deinem Gehirn oder deiner Seele oder deinem Geist zu tun hat – Dinge ganz anders sieht. Ein Baum ist mehr als nur ein Baum, ein Wald ist eine komplett andere Realität. Ich bin davon überzeugt, dass Kinder Zugang haben zu anderen Realitäten und anderen Konzepten. 
Sobald du in die Schule gehst, wird alles für dich definiert und du musst so und so denken, was Wissenschaftler sagen, wird die Wahrheit. Meiner Meinung nach ist das völliger Mist. Ich denke, dass Wissenschaftler oder religiöse Leute fast nichts darüber wissen, wie das Leben wirklich ist und was Realität genau ist, da wir alle in einem Körper gefangen sind. Wir haben nur unsere Augen, unsere Ohren und unser Fleisch. Es ist also alles sehr subjektiv. Es bedeutet also nicht, dass die Realität genau so ist, denn unsere Augen können nur spezifische Farben, Formen und spezifisches Licht sehen.
Ich versuche mit ALCEST zu erreichen, dass die Menschen diese angelernten Konzepte vergessen und ich spreche über das, was ich als Kind gesehen habe – eine sehr andere Welt.
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Denkst du, dass du nach dem Tod in diese Dimension zurückkehren wirst, welche du in deinen Kindheitsvisionen gesehen hast?
Ja. Ich sage nicht ja aus Erfahrung, denn ich bin ja nicht tot. Also weiss ich nicht sicher, was ich sehen werde. Aber ich habe Bücher über Metaphysik, Esoterik und Nahtoderlebnisse gelesen. Was diese Leute beschreiben, ist sehr nahe an dem, was ich gesehen habe – himmlische Landschaften, Lichtwesen, eine Art Engel.
Ich denke, dass du, wenn du stirbst, deine Seele von ihrem fleischlichen Gefängnis befreist. Die Seele hat wieder kompletten Zugriff zu den Realitäten, denn sie ist nicht mehr durch den Körper beschränkt.
Viele Musiker wie etwa MORRISON oder HENDRIX haben sich anderweitig beholfen, um diese Türen der Wahrnehmbarkeit zu öffnen. Ist das etwas, was du auch machst?
Anderweitig, haha… Ich rauche und ich trinke, das ist alles. Einige Leute sagen zu mir, dass ich LSD und MDMA versuchen sollte. Ich bin mir aber nicht sicher, denn ich habe Angst davor, blockiert zu bleiben, denn einige Leute sagen, dass man ewig auf einem Trip sein kann. Ich bevorzuge Meditation, um die Türen meines Geistes zu öffnen.
ALCEST hat sicherlich musikalische Einflüsse und auch Inspirationsquellen, die nicht im musikalischen Bereich zu verorten sind…
Ich denke, dass ALCEST nur sehr wenige musikalische Einflüsse hat. Ich sehe den Anfang von ALCEST nicht beim ersten Demo, sondern bei Le Secret. Ich hörte mir Black Metal und Folk an, Dark Folk wie z.B. DEAD CAN DANCE und Gothicsachen. Mit ALCEST versuche ich wirklich, das, was ich mir sonst anhöre, nicht zu einem Einfluss werden zu lassen, damit die Songs so pur wie möglich sind.
Aber natürlich gibt es für mich andere Inspirationsquellen – einen Film anschauen, eine Ausstellung besuchen, ein Gespräch mit jemandem führen. Ich mag zum Beispiel die Bilder der Prä-Raphaeliten (etwa John William Waterhouse) oder Illustratoren wie Arthur Rackham oder John Bauer aus Schweden. Vor allem Symbolismus. Die Gemälde von Waterhouse sind wirklich beinahe magisch, eine elfenhafte Welt – die ich auch mit meiner Musik heraufbeschwören will.
ALCESTs Musik ist für mich sehr geeignete Reisemusik. Hörst du dir deine eigene Musik an? Und falls ja, in welchen Situationen?
Ich kann mir meine eigene Musik nur anhören, wenn ich betrunken bin. Andernfalls bin ich zu kritisch. Aber ich verstehe, was du meinst. Ich höre mir die Musik, die ich mag, auch am ehesten an, wenn ich reise.
Ich habe gehört, dass du Filme magst. Wenn du für einen Film – bereits existierend oder nicht – die Musik schreiben könntest, welcher Film wäre es? Und mit welchem Regisseur würdest du gerne mal zusammenarbeiten?
Das ist eine schwierige Fragen, denn mein Traum ist es, eines Tages einen Soundtrack zu machen. Bezüglich Filmart schränke ich mich nicht ein, ich würde für alles einen Soundtrack machen – ausser vielleicht für einen Porno oder Schwarzeneggermüll. Ausser es handelt sich um “Terminator”, natürlich, haha. 
Meine Lieblingsfilme, oder Filme, die meiner Meinung nach eine Verbindung zu ALCEST haben: Contact oder auch American Beauty. Ein Film, der nichts mit ALCEST zu tun hat, mich aber sehr beeindruckt hat, ist Let the right one in (die schwedische Version). Ein fantastischer Film. Ich denke, dass es der beste Fantasy Horrorfilm ist, den ich in den letzten zehn Jahren gesehen habe. Ich habe auch versucht, das amerikanische Remake zu schauen, aber nach ein paar Minuten habe ich abgebrochen.
Bezüglich französischen Filmen wäre es Tous les matins du monde (Alle Morgen der Welt, 1991) und vielleicht noch Werke von Jean-Pierre Jeunet (The City of Lost Children). Aber ich mag diese Filme vor allem wegen ihrem Soundtrack, also würde ich den Soundtrack nicht ändern mit einer Eigenkomposition.
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Wenn du einen Maler wählen könntest, der eine visuelle Repräsentation der Visionen, die du für ALCEST hattest, machen soll – wer wäre es und warum?
Das wäre Fursy Teyssier, der das Cover für Les Voyages de l`âme gemacht hat. Man kann nicht alles, was ALCEST ausmacht, in einem Bild ausdrücken, aber dieses Bild kommt dem schon sehr nahe.
Du erbst 5 Millionen Euro – und am gleichen Tag landen Aliens auf der Erde und verkünden, dass sie die Erde in zwei Tagen in die Luft jagen werden. Was machst du?
Das Geld interessiert mich dann nicht, ich würde einfach versuchen, soviel Zeit wie möglich mit den Menschen zu verbringen, die ich mag.
Kommen wir zur letzten Frage: Wie sehen die Zukunftspläne von ALCEST aus?
Was ich wirklich haben will, ist Zeit. Zeit, um Musik zu machen. Unsere ersten Pläne sind Tourpläne, aber danach freue ich mich schon darauf, wieder ein neues Album zu kreieren. Das ist es, was ich am liebsten tue: Musik komponieren. Und wie gesagt, ich möchte wirklich eines Tages einen Soundtrack schaffen – als ALCEST oder als Stéphane. Das wäre grossartig.
Interview und Drumkit-Foto: Markus H.D.
Layout: Arlette H.D.
Fotos: Label / Prophecy
Arlette Huguenin Dumittan
Arlette ist seit 2000 bei vampster und unsere Schweizer Fachfrau für schwarze Musik und vegane Backrezepte. Lieblingsbands: DARKTHRONE, MAYHEM, HAIL OF BULLETS. Genres: Black Metal, Death Metal, Dark Metal/Rock.