Es scheint wie ein ewiger Kampf, den UNPROCESSED in einem Spannungsfeld zwischen kompromissloser Härte und poppigen Prog-Rock-Anleihen ausfechten. Gelingt das Gleichgewicht wie auf dem Vorgänger „…And Everything In Between“ (2023), so ist der Genre-Mix der vier Musiker kaum zu übertrumpfen. Gerät die Balance jedoch nur geringfügig aus den Fugen, tun sich erkennbare Risse auf, besonders wenn die Band auch dramaturgisch die Zügel etwas lockerer hält.
Deutlich wird das auf „Angel“, das zwar im Grunde weiterhin in derselben Schnittmenge unterwegs ist, dabei nach wie vor Extreme auslotet, doch aufgrund der längeren Laufzeit mit einigen Längen zu kämpfen hat. Zunächst jedoch beginnt „111“ geradezu furios: Treibendes Drumming, rastloses Djent-Riffing und atmosphärische Verschnaufpausen lassen keine Wünsche offen.
UNPROCESSED bleiben sich treu: „Angel“ kann beizeiten gefühlvoll und dann wieder unnachgiebig sein
Den Blitzstart wissen UNPROCESSED für sich zu nutzen, um auch in „Sleeping With Ghosts“ die Intensität hoch zu halten. Knackiger Groove gesellt sich zum Wechselspiel aus markigen Screams und feinfühligem Klargesang; letzteres ein Markenzeichen, das die Band im proggigen „Beyond Heaven’s Gate“ mit seinen süßlichen Synthesizern in den Vordergrund rückt und auch später in der Power-Ballade „Perfume“ zur tragenden Säule ernennt.
Dass der Track dick aufzutragen weiß, können wir jedoch gut verschmerzen, da im Gegenzug die andere Seite UNPROCESSEDs ebenfalls seinen Platz im Rampenlicht bekommt. „Terrestrial“ etwa ist ein unnachgiebiger Sturm aus Djent-Riffs, der mindestens so viel Verbissenheit wie Groove und Tempowechsel an den Tag legt.
Mit den Gastbeiträgen tun sich UNPROCESSED keinen Gefallen
Gelungen ist zudem „Snowlover“, das in gewisser Weise in der Schnittmenge der Extreme existiert: Rohe und knurrende Gitarren treffen auf zarte Clean-Arrangements und die emotionale Singstimme Gardner Fernandes‘. Nicht ganz aufgehen will eine ähnliche Rechnung in „Your Dress“, wodurch „Angel“ im Mittelteil etwas an Fahrt verliert, zumal sich „Where I Left My Soul“ direkt im Anschluss in Zurückhaltung übt.
Wäre ein strafferes Vorgehen hier wünschenswert, machen an andere Stelle die Gastfeatures so manchem Stück zu Schaffen. Sowohl Shouter Zellis (PALEFACE SWISS) Sprechgesang in „Solara“ als auch Jason Butlers (FEVER 333) Rap-Part im nu-metal-beeinflussten „Head In The Clouds“ stören den Fluss und wirken im Albumkontext deplatziert.
„Angel“ ist nicht ohne Makel, punktet aber trotzdem mit cleverem Songwriting
Noch dazu hat es nicht ein einziges Gitarrensolo auf die Platte geschafft, was gerade aufgrund des rohen, doch bisweilen matschigen Audiomix für interessante Akzente hätte sorgen können. Zwar sind diese Makel allesamt von der kleineren Sorte, in der Summe jedoch machen sich die Unzulänglichkeiten doch bemerkbar.
Ruiniert wird „Angel“ dadurch glücklicherweise nicht: Das Songwriting ist weiterhin abwechslungsreich mit ausgewogenem Blick für zugängliche sowie fordernde Strukturen. Allein die perfekte Schnittmenge, die den Vorgänger zum kleinen Meisterstück machte, will UNPROCESSED diesmal nicht gelingen. Immerhin: Selbst mit kleineren Blessuren und Schrammen ist das Quartett dem Großteil der modernen Prog- / Djent-Szene weiterhin ein ganzes Stück voraus.
Veröffentlichungstermin: 31.10.2025
Spielzeit: 50:27
Line-Up
Manuel Gardner Fernandes – Vocals, Gitarre
Christoph Schultz – Gitarre
David John Levy – Bass, Synthesizer
Leon Pfeifer – Drums
Produziert von David John Levy und Manuel Gardner Fernandes
Label: Eigenproduktion
Homepage: https://www.unprocessed.band/
Facebook: https://www.facebook.com/Unprocessedofficial
Instagram: https://www.instagram.com/unprocessedband/
Bandcamp: https://unprocessed.bandcamp.com/
UNPROCESSED “Angel” Tracklist
1. 111
2. Sleeping with Ghosts
3. Beyond Heaven’s Gate (Video bei YouTube)
4. Sacrifice Me (Video bei YouTube)
5. Snowlover (Video bei YouTube)
6. Terrestrial
7. Your Dress
8. Where I Left My Soul
9. Solara feat. Zelli from Paleface Swiss (Video bei YouTube)
10. First Tongue
11. Perfume
12. Head in the Clouds feat. Jason Aalon Butler from Fever 333 (Video bei YouTube)
13. Dark, Silent and Complete (Video bei YouTube)