Mit ihrem zweiten Album haben die Schwaben ein großartiges Heavy-Metal-Album abgeliefert. Aus Melodien, Geschwindigkeit, Epik und Druck hat das Quintett zehn abwechslungsreiche, nahezu tadellose Songs erschaffen. Die Hauptzutaten stammen zwar aus den 80ern und 90ern, wo der klassische Metal unverwässert und vital klang. Doch das Album wirkt zu keinem Zeitpunkt altbacken.
Beim Anhören werden Erinnerung an die guten alten Zeiten wach. Und doch schaffe ich es nicht, konkrete Parallelen zu existierenden Bands zu benennen. Klar, die Gitarren bewegen sich grob zwischen frühen HELLOWEEN und JUDAS PRIEST. Das Schlagzeug verzichtet auf klinisch getriggerte Perfektion. Stattdessen gibt es kreative Fills und allerlei Wirbel, die den Melodien aber nie in den Weg kommen. Als letztes wichtiges Puzzlestück im Bandsound klingt der klare, warme Gesang von Tobi Hübner anders als alle großen Metal-Sänger der 80er. Die häufige Verwendung von zweiten (und dritten) Stimmen kennt man in anderen Kontexten von BLIND GUARDIAN. SKULL & CROSSBONES verlieren sich jedoch nie im Bombast, zumal Keyboards auch nur sehr spärlich verwendet werden. Kurzum, „Time“ klingt vertraut und zugleich eigenständig – und gut!
Volltreffer im dritten Anlauf
Den Kern der Band sah ich zum ersten Mal 2017 live in Heidenheim. Die Saitenfraktion spielte damals bei STORMWITCH und bot eine solide Show, die freilich von den alten Klassikern lebte. Nach dem Split mit Andy Mück machte die Band unter neuem Namen weiter. 2022 hatte ich das Vergnügen, die ersten Gehversuche mit Andy Fronk am Mikrophon live in Heuchlingen zu hören. Das Set bestand überwiegend aus STORMWITCH-Material, wobei neben den Oldies gerade auch „Arya“ richtig gut klang. Die beiden neuen Songs hingegen zündeten nicht so recht. Kurz darauf gab es einen Sängerwechsel. Aus „Soul Robber“ wurde „Nature’s Legacy“ und das Debüt „Sungazers“ klang durchaus interessant. Doch irgendwas fehlte. Zum Glück blieb die Band am Ball und gewann mit Bernd Heining einen Schlagzeuger, der dem Tempo nicht irgendwie hinterherrannte, sondern souverän die Basis für die vielseitigen neuen Kompositionen ablieferte.
„Time“ beginnt mit der traditionellen Speed-Nummer „Echoes of Eternity“. Der Refrain klang beim ersten Reinhören noch etwas verzwungen. Im Anschluss zeigt „Labyrinth of Time“ dann aber, dass SKULL & CROSSBONES auch als Songwriter gereift sind. Der Chorus ist megaeingängig und auch der Rest ist einfach nur stimmig arrangiert und schmissig umgesetzt. Ähnlich verhält es sich bei „The Illusionist“, das zu meinen Lieblingsstücken auf dem Album gehört. Hier passt alles bestens zusammen. Es folgen ein paar härtere Songs, die freilich immer noch genug Melodie und Eingängigkeit besitzen, dank denen man „Time“ mühelos am Stück durchhören und genießen kann.
In der zweiten Albumhälfte gibt es einige weitere Glanztaten zu hören. „Passing Hours“ hat einen wunderschönen Refrain, bei dem das flotte Schlagzeug für den nötigen Drive sorgt, während Tobi Hübner wie ein junger Gott singt. Kurz vor dem Ende macht die Band schließlich einen Abstecher in Southern-Rock-Gefilde. Das wirkt beim Anhören im ersten Moment genauso überraschend und ungewöhnlich, wie es sich hier liest. Doch „Nocturnal Dreams“ ist, anders als der Titel suggeriert, ein optimistisches und ungewöhnliches Lied, das irgendwie funktioniert. Es ist jedenfalls das Paradebeispiel dafür, dass die Musik abwechslungsreich und nachhaltig ist. Bezeichnenderweise erinnert erst die textliche Erwähnung des Tanzes mit den Hexen an die STORMWITCH-Vergangenheit der Band.
Härter, eingängiger, dringlicher und einfach viel besser als STORMWITCH
Zum Schluss gibt es noch eine Piratenhymne, die den Vergleich mit „Tigers of the Sea“ nicht scheuen braucht. „The Ocean’s Call“ lädt zum Mitsingen ein und übertrifft den Sturmhexenklassiker letztlich mühelos und weckt das Verlangen, die Repeat-Taste zu drücken. Das hätten RUNNING WILD zu ihren besten Zeiten auch nicht besser hinbekommen.
SKULL & CROSSBONES haben mit „Time“ somit eine großen Wurf gelandet. Für meinen Geschmack haben sie eins der besten klassischen (Melodic-/Heavy-)Metal-Alben der letzten Jahren abgeliefert. Auf Dauer ist die Musik so fesselnd, dass auch kleinere Makel (schwäbischer Akzent im Englischen hier und da, kein Andreas-Marschall-Cover) nicht mehr stören, da das Hörvergnügen viel eher zum aktiven Luft-Gitarre-Spielen oder zum Headbangen animiert. So freue ich mich, dass die Band konzerttechnisch weiterhin sehr aktiv ist und ich die Songs bald auch live erleben kann.
Veröffentlichungsdatum: 14.11.2025
Spielzeit: 47:45
Line-Up:
Tobi Hübner: Gesang
Volker Schmietow: Gitarre
Tobi Kipp: Gitarre
Jürgen „Wanschi“ Wannenwetsch: Bass
Bernd Heining: Schlagzeug
Label: Massacre Records
Homepage: http://skullandcrossbones.de
SKULL AND CROSSBONES „Time“ Tracklist:
- Echoes of Eternity (4:52) (Video bei YouTube)
- Labyrinth of Time (4:57) (Video bei YouTube)
- Time Thief (4:51) (Video bei Youtube)
- The Illusionist (4:59)
- The Price (3:53)
- Thunderstorm (5:09)
- Passing Hours (6:04)
- Eye of Wisdom (4:38)
- Nocturnal Dreams (4:15)
- The Ocean’s Call (4:05)