SKARNTYDE: Flukt fra menneskeligheten

Ein sehnsüchtiger Blick von Oberbayern in Richtung Norwegen vor bald 30 Jahren: Das Duo SKARNTYDE flüchtet vor der Menschheit auf „Flukt fra menneskeligheten“.

Frage: Was ist das Sehnsuchtsalbum der zweiten Black Metal-Welle und warum würdest du etwas anderes wählen als „Bergtatt“? Während andere mit Streichhölzern und Messern spielten, haben ULVER ein folkloristisch angehauchtes Meisterwerk geliefert, das auch nach so vielen Jahren die ultimative Referenz für alle ist, die es nicht nur grimmig, sondern auch entrückt mögen. Dieses Gefühl, nicht zur restlichen Welt dazuzugehören, Rückzug von den Menschen zu brauchen, die Sehnsucht eins mit der Natur zu werden, all das war schon damals schon nicht neu, ihm wurde aber eine neue Form gegeben.

So traditionell wie nur irgend möglich: „Flukt fra menneskeligheten“ zeigt SKARNTYDE als Verfechter der zweiten Welle – rein norwegische Lyrik inklusive

Wenig verwunderlich ist, dass diese Form seit Jahren immer wieder aufgegriffen wird, mal mit mehr oder weniger großem Erfolg. Und eigentlich ist mein Interesse relativ gering, wenn wieder so ein Release am Horizont steht, aber wenn die Band aus zwei veganen Ökos besteht und noch dazu aus Oberbayern kommt wie ich, dann werde ich halt doch neugierig. SKARNTYDE geben sich so norwegisch wie möglich, inklusive Titeln und Texten auf Norwegisch. Auch sonst ist alles an „Flukt fra menneskeligheten“ so traditionell wie nur irgend möglich. Schon das Artwork mit Motiv vom Fjord (oder Königssee?) ist kompromisslos.

Um beim ständigen ULVER-Vergleich zu bleiben: Vielleicht hat SKARNTYDEs Debüt mehr von „Nattens Madrigal“ als von „Bergtatt“, vielleicht liegt es genau dazwischen. Eigentlich ist das auch egal. Denn es war natürlich nicht zu erwarten und bestätigt sich auch: Mit den Klassikern des Mittneunziger-Black Metal kann „Flukt fra menneskeligheten“ nicht mithalten, doch ich vermute, dass das auch nicht das Ziel des Duos war. Die gute Nachricht ist dabei, dass es nach mehrmaligem Hören aber doch immer wieder ordentliche Riffs zu entdecken gibt, wie in das geil groovende „Tilbake i skogen“ oder das thrashige „Gjennom regn og grå skyer“, bei denen auch mal an DARKTHRONE gedacht werden darf. Insgesamt gesehen mag dies einfach ein weiterer Beitrag zu einem Thema sein, bei dem schon alles gesagt wurde – aber hey, es tut auch nicht weh, „Flukt fra menneskeligheten“ zu hören.

SKARNTYDEs „Flukt fra menneskeligheten“ ist ein weiterer Kommentar zu ULVERs früher Trilogie – und überzeugt in puncto Charme und Authentizität

So richtig wild und misanthropisch kommen SKARNTYDE nicht rüber, sie sind eher sympathisch in ihrer Weltabgewandtheit. Da passt nicht jeder Ton, manches klingt schief, manches klingt etwas fade, aber im Gesamtkontext stimmt dieses Album einfach, selbst wenn so manche Nummer kurz davor ist, schief zu gehen: Zum Beispiel „Fjellene ligger foran meg“, bei dem die folkigen Elemente einiges rausreißen und den Song so aus seiner Unbeholfenheit retten. Artfremdes, aber trotzdem seit jeher passendes, wie die folkigen Chöre in „Et øyeblikk av indre ro“ und das Semi-Dungeon-Synth-Stück „Over tåkehavets stille bølger“ erweitern das Album schließlich recht gelungen.

In Sachen „Worship-The-Second-Wave“ gibt es mitreißendere und vielleicht auch clevere, aber selten stimmigere Beiträge. SKARNTYDE ist eine oberbayerische Obskurität, die (fast immer) das liefert, was sie verspricht, die passende Atmosphäre inklusive. Kurz und gut: Wer eine charmante, überraschend authentische Neuinterpretation der frühen ULVER-Tage braucht, kann hier beruhigt investieren, denn in diesem Bereich geht es häufig deutlich schlimmer zu.

Wertung: 5,5 von 9 Naturschutzgebiete

VÖ: 3. Dezember 2021

Spielzeit: 47:39

Line-Up:
Fjelleiner – Electric Guitars, Drums, Vocals, Lyrics
Gerileme – Electric Guitars, Acoustic Guitars, Bass, Keyboards

Label: Human Noise Records

SKARNTYDE „Flukt fra menneskeligheten“  Tracklist:

1. Ting som jeg er så lei av
2. Flukt til kulden
3. Et øyeblikk av indre ro
4. Tilbake i sogen
5. Fjellene ligger foran meg
6. Gjennom regn og grå skyer
7. Over tåkehavets stille bølger
8. Klare tanker i iskaldt vann
9. Drøm av menneskehetens ende

Mehr im Netz:

https://skarntyde.bandcamp.com/