SIXXXTEN: Automat Supérieur

Und jetzt alle: “Blut rein / Blut raus / Das ganze Land im Blutrausch”. 

SIXXXTEN liefern ein Album ab, das so spannend, detailreich und hintergründig ist, wie das dazugehörige, orangefarbene Artwork bereits vorwegnimmt. Der Teufel steckt hier im Detail, denn die vielen kleinen, schwarzen Farbkleckse oberhalb des Waldes entpuppen sich bei näherer Betrachtung als große Luftballons, die jeweils einen strangulierten Anzugträger (warum eigentlich ohne Hose?) im Schlepptau haben. Scharenweise fliegen die ungleichen Paare ihrem sonnigen Schicksal entgegen. Im Mittelpunkt aber steht ein großes, weißes Pferd mit Flügeln. Das griechische Götterwesen Pegasus – Symbol der Musen. Medusas Sohnemann gleitet scheinbar mühelos durch die Lüfte und macht dabei nicht gerade den Eindruck, als würde er sich für seine Kurzzeitgäste interessieren. Willkommen in der Ausstellung “Automat Supérieur”.  

Auf musikalischer Ebene bestimmen knarzig-knackige Riffs, gelungene Arrangements, flirrende Synthie-/Elektrosounds, geschickt eingesetzte Klavierparts, eine prägnante Stimme, die nicht lange um Aufmerksamkeit kämpfen muss und Songs, die gleichermaßen zum Feiern und Sinnieren einladen die dargebotenen Werke. Für mich klingt das Ganze nach ungemütlichen, ordentlich verschweinepunkrockten WIR SIND HELDEN in ihren Anfangstagen, weil ebenso frisch, frech, mit Köpfchen und über den Tellerrand hinaus. Allerdings gibt es hier kein zart-zerbrechliches Engelsstimmchen, sondern getriebenen Männergesang zwischen trotzigem Elend und wütender Ekstase. Gut, auch sonst ist hier einiges anders. Dem Zuhörer weht auf Deck stets eine steife Priese Zynismus entgegen, und dass der Kutter, auf dem man hier sitzt, ordentlich Achselschweiß der Geschmacksrichtung DANKO JONES im Tank hat, wird auch schon wenige Momente nach dem Ablegen deutlich. Das sympathische Rock´n´Roll-Großmaul kommt mir jedenfalls bei den hier vertretenen Riff-Rockern unweigerlich in den Sinn, auch wenn im Hause SIXXXTEN nicht so minimalistisch nach vorne gerockt wird. Dafür passiert zu viel. Gut so, denn wenn sich das Quartett selbst limitiert und in ein ähnlich enges Klangkorsett gepresst hätte, wären diese knapp 40 Minuten nicht annähernd so spannend geworden.

Ein wesentlicher Faktor hierfür sind die ebenso kryptischen wie intelligenten Lyrics von Sänger/Gitarrist Hanno. Textpassagen, wie “Ich bete jeden Tag für ein bisschen Gefühl / Es wäre schön den kleinen Jesus endlich wieder zu spüren / Jeden Morgen steh ich auf mit der Hand auf dem Herz / Und dann steckt sie mir im Hals und ich ersticke im Schmerz” (“Der goldene Roboter”) oder “Diese Stadt macht neu, macht Angst / Diese Stadt kann alles, macht krank / Diese Stadt liegt tief begraben / Diese Stadt hat Hunger, doch an mir ist nichts dran” (“Kalte Stadt”) glänzen wie pures Gold im weiten Meer nichtssagender Standardlyric. SIXXXTEN verstehen es gekonnt, ihre sozialkritischen Reflexionen in Form von puzzleteilartigen Momentaufnahmen zu schildern.  Jeder Song ist eine unberechenbare Collage, die sich mal aus mehreren, mal nur aus wenigen verschieden großen Elementen zusammensetzt. Mit der schöngeistigen Ästhetik einer Band wie TOCOTRONIC hat man nur bedingt etwas gemein. Klar, die Liebe zur Lyrik und kritisch-intensiver Auseinandersetzung mit dem tragisch-komischen Dasein der Menschheit teilt man, aber darüber hinaus ist diese “Bremburger”-Schule ihre eigene Baustelle. Hoffentlich wird sie niemals fertig.

Aussetzer gibt es keine. Das Teil pulsiert und groovt von Anfang bis Ende wie die Hölle. Der treibende Rocker “Wodka Hypnotika” eröffnet das dreckige Dutzend furios – “Der sympathische Prototyp” hat die Funktion des Vorspiels. Auf “Commodore Jihad” wird erstmals tiefer in die Electro-Kiste gegriffen. Bandkopf Hanno verpasst dem Song mit seinem apathischen Gesang in den ersten Sekunden gar einen DEICHKIND-Anstrich, bevor er und der Rest der Band sich aus der anfänglichen Montonie lösen bzw. ins Geschehen einsteigen und immer mehr Fahrt aufnehmen. Beim Titelsong wird es dagegen schön funky. “Der Goldene Roboter” thematisiert messerscharf das Dilemma all derer, die dem monetären Wertesystem unserer kapitalistischen Gesellschaftsordnung anhängen. “Geist” macht seinem Namen alle Ehre, weil düster und gespenstisch gut. Bei “Grab im Wald” (sehr empfehlenswertes Video ) offenbart sich schnell, warum der Song als erste Single auserkoren wurde – trügerische Harmonie trifft hier auf Visionen für/von Millionen. “Der Chance letzte Reise” lässt eine laute Platte schließlich ruhig ausklingen.

Gerade unterm Kopfhörer wird deutlich, wie liebevoll bei “Automat Supérieur” an den Details gefeilt wurde. Versüßt wird einem diese Entdeckungsreise durch die angenehm warme Produktion von Gregor Hennig. Man hört, dass hier live und in Farbe aufgenommen wurde. So verfügt der Silberling über das Potential, sich mit steigender Rotationsdauer zu einem richtigen, kleinen Schatz deutschsprachiger Rockmusik zu mausern. Ich konnte meine These jedenfalls schon erfolgreich belegen. Wer also nach dem ersten Reinhören glaubt, “Automat Supérieur” gehöre in die Kategorie der Alben, die man haben kann, aber nicht muss, sollte besser keinen weiteren Durchlauf riskieren…”manchmal ist es gar nicht so leicht, dem bösen Lord zu widerstehen” (“Der sympathische Prototyp”).

 

Veröffentlichungstermin: 11.11.2011

Spielzeit: 38:49 Min.

 

Line-Up:
Hanno – Vocals, Guitar
Nils – Guitar, Keyboards
Stefan – Bass
Timo – Drums

Produziert von Gregor Hennig
Label: Redfield Records

Homepage: http://www.sixxxten.com

Mehr im Netz: http://www.myspace.com/sixxxten

Tracklist:
1. Der Sympathische Prototyp
2. Wodka Hypnotika
3. Bilder von Bergen
4. Commodore Jihad
5. Automat Supérieur
6. Der goldene Roboter
7. Grab im Wald
8. Geist
9. Blut rein / Blut raus
10. Gedicht für Egoisten
11. Der 3. Raum (Eine unglaubliche Reise in einem verrückten Raumschiff)
12. Kalte Stadt
13. Der Chance letzte Reise